"Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn)

"Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn)

Eine Erzählung aus dem Jahr 1953
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Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern

Beschreibung

vor 2 Tagen

„Er tut etwas für mich.“ – Mitten in der Erzählung, die sich
lange um Uhren und Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten dreht,
um Verwandlungen und Tierschreie, um eine ganze Wunderwelt der
Mechanik und Phantasie, fällt dieser Satz. Er stammt vom Sohn,
der die Geschichte erzählt, und bezieht sich auf den Vater, den
Uhrenmacher. „Das habe ich für dich getan“, hatte dieser gesagt
und eine seiner Aufführungen mit all den barocken Werkstücken aus
seinem Laden gemeint. Und dann denkt der Sohn den zitierten Satz
– und ist den Tränen nahe. Er kennt es gar nicht, dass der Vater
etwas für ihn tut.


Vieles ist im Geschäft und der Werkstatt zu sehen, zu hören, zu
assoziieren. So viel, dass dem Sohn schließlich – allein auf dem
Fensterbrett sitzend – schwindelig wird vor Aufregung und
Faszination inmitten des Geschehens, das ihm präsentiert wird.
Die Erzählung mündet jedoch in einer Frage, die mit dem vom Vater
stolz Präsentierten scheinbar überhaupt nichts zu tun hat:


Warum er nie mit ihm und der Mutter esse, fragt der Sohn, als er
seinen Vater mit dem Gehilfen nach der Show beim Abendessen
sieht. Ihm geht es also nicht um Uhrwerke, Orgeln usw., sondern
um das Basale: das Zusammensein in der Familie. Und nun wird „Der
Uhrenmacher“ endgültig eine andere Geschichte. Denn die Uhren, so
belehrt der Gefragte seinen Sohn, „würden traurig werden“, wenn
er sie verließe. „Auch wir sind traurig“, sagt der Sohn. Darauf
erhält er gar keine Antwort. Dem Vater geht es um die Uhren: Sie
„würden stillestehen und niemals wieder ihren Gang beginnen. Euer
Herz steht nicht stille, es bricht nicht.“ Es sind Antworten
eines offenbar vom Mechanischen Bestimmten, eines Menschen, der
glaubt, alles in der Welt wäre mechanischer Art – auch
zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Art homo mechanicus. Und
einer, der nur innerhalb des eigenen Gebiets überhaupt in Kontakt
mit anderen kommt. Der Sohn muss sich schon in das väterliche
Reich begeben, um überhaupt eine Interaktion zu provozieren ...


Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn war selbst Orgelbauer und
auch Musikverleger. Ein sehr spezieller Autor, der sich um
Erzählkonventionen nicht scherte, und das merkt man auch in
dieser Erzählung. „Der Uhrenmacher“ erschien zuerst im Jahr 1953
und wird hier gelesen von Volker Drüke.

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