Erzählkünstler
Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern
Podcaster
Episoden
02.02.2026
1 Minute
Ein kleiner, feiner Text. Wie mit frisch gespitztem Bleistift zu
Papier gebracht. Nur Notwendiges wird notiert. Auch der Erzähler
bleibt außen vor, wir erfahren fast nichts über ihn. Ein
Beobachter eines Paars ist er, eine Art liebevoller Voyeur, also
einer im außererotischen Sinne.
Der Autor Herman Bang malt oder schmückt in seiner Geschichte
nichts aus, er deutet nur an, überlässt alles Weitere den
Imaginationen der Lesenden und Hörenden. Und gestaltet seine
Erzähl-Miniatur so fein wie ein Zeichner seine Skizze. Darin ist
von zwei Menschen die Rede, einer Frau und einem Mann, die
zunächst als einander Liebende auftreten – oder so wirken. Er
sieht sie in einem Garten, seit antiken Zeiten in der Literatur
ein locus amoenus, ein lieblicher, idealer Ort. Im Frühjahr, der
Zeit des Aufblühens, des Wandels, des Sich-Entwickelns. Später,
nach dem Frühling, sieht er nur noch sie, die Frau. Was war
geschehen? Warum ist sie nun allein unterwegs? Und: „Welchen Weg
nimmt er jetzt wohl zu seinem Tagwerk?“ So der letzte Satz. Alles
bleibt offen.
Herman Bangs Text „Durch den Garten von Schloss Rosenborg“,
wunderbar sorgfältig in Szene gesetzt und schön in seiner
eigentümlichen ästhetischen Art, erschien zuerst im Jahr 1899.
Die aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg übersetzte Version
liest Volker Drüke.
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19.01.2026
1 Minute
Vatermord! Lassen wir Sigmund Freud, Sophokles’ Ödipus und auch
die spätestens seit Erich Fromm geltende symbolische Bedeutung
dieses Begriffs außen vor. Denn das alles spielt in Adalbert
Stifters mitreißender Novelle „Zuversicht“ keine Rolle. Dieser
Autor lässt den Sohn wirklich den Vater töten, und das ganz
bewusst! Unglaublich eigentlich, aber wahr in der literarischen
Wirklichkeit. Ein Tabubruch sondergleichen. In einem Moment lässt
der Sohn alles hinter sich: Beziehungen, Zukunft, gar das eigene
Leben. Denn dem Schuss auf den Vater folgt ein
Splattermovie-ähnliches Geschehen, das dann endgültig alles
zunichte macht, was hätte folgen können. Es hätte eine neue
Familie entstehen können, es hätte zu einer Versöhnung zwischen
den Verkrachten kommen können, eine Frau wäre nicht
Alleinerziehende eines unehelichen Kindes gewesen (im 19.
Jahrhundert!) und das Kind wäre in einer entwicklungsfördernden
Umgebung aufgewachsen. Zu all dem kam es nicht, weil ein
väterlicher Brief den Sohn nie erreicht. Bei ihrem soldatischen
Zusammentreffen, als sie tot nebeneinander liegen, kommt der
Brief dem Adressaten dann doch noch nah. Man fand in der Jacke
des Vaters „das Konzept eines Schreibens“, das Versöhnung
offenbarte und all das Beschriebene in Aussicht stellte. Der
Brief überlebt, Absender und Adressat sind tot.
Stifters Text versprüht eine ungeheure ästhetische Kraft, die
Tragik und Gewalt mit sich führt. Wer mitfühlt, spürt die
Energie! Dabei fängt alles langsam, geradezu ruhig an. Der Autor
lässt einen älteren Herrn in einer zunächst sehr regen
Gemeinschaft, die über die „Schreckenszeit“ in Österreich nach
der Französischen Revolution diskutiert, etwas ganz
Außergewöhnliches aus jener Zeit erzählen, das zwei einstige
Dorfbewohner betrifft: Vater und Sohn, aristokratischer Herkunft
und in inniger Beziehung stehend, kämpfen nach plötzlichen
intrafamiliären Auseinandersetzungen und der Verbannung des
Sohnes nach Paris dann, bei den postrevolutionären
französisch-österreichischen Kämpfen, auch in verschiedenen
Truppen. Sie treffen in einer Schlacht aufeinander, und es
geschieht das kaum Aussprechliche, das Adalbert Stifter mit
großer Erzählkunst darstellt. Und er macht auch in knappen Worten
klar, dass der Krieg hier nicht der einzige Grund für das
Geschehen mit Todesfolge ist. Auch die Liebe spielt ihre Rolle.
Der Krieg und die Liebe. Wie so oft.
Auf das Ende dieser emotional mitreißenden, ja schockierenden
Binnenerzählung folgt der Rahmenschluss der gesamten Geschichte,
dann wieder – wie zu Beginn – in Gesellschaft. Von der
anfänglichen Diskussionsfreude unter den Leuten rund um den
Erzähler keine Spur mehr. Stattdessen „Schweigen“, wie es heißt.
Wie Stifter hier die Verlegenheit und auch die Scham der
Gemeinschaft kurz und psychologisch absolut nachvollziehbar
darstellt, ist erzählerisch brillant. Zu der Geschichte, die „der
Alte“ vortrug, gibt es nichts zu sagen – sie macht sprachlos,
„weil jeden der Dämon des Vatermordes mit düsteren Augen ansah“.
Schließlich sagten die Leute einander „schöne Dinge, gingen nach
Hause, lagen in ihren Betten und waren froh, dass sie keine
schweren Sünden auf dem Gewissen hätten“.
Adalbert Stifter schrieb die Novelle „Zuversicht“ im Jahr 1846.
Volker Drüke bringt sie 180 Jahre später zu Gehör. An Wirkung hat
dieses weitgehend unbekannte Meisterwerk nicht die Spur verloren.
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05.01.2026
56 Minuten
In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er
beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt
anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und
Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives
System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar
erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es
hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es,
unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut
geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das
Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren.
Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die
Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut
gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben
auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren,
trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun
haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon
eine besonders spannende Angelegenheit sein.
In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir
jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser
Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten
wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen
wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine
politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird
es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht
verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen
Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten
würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei
blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin
versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und –
findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst
unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer
kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw.,
welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier
literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung
wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr
spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das
Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der
Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los.
Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht,
war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann
sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler
bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes
Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter,
deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch
Zylinder und frau noch Korsett trug.
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22.12.2025
24 Minuten
Zugegeben: Die Frauenfiguren in dieser Geschichte wirken auf den
ersten Blick recht naiv. Auf den zweiten ist die Lage allerdings
anders, wie so oft in der Literatur. Denn es sind eben die drei
weiblichen Figuren, die ihren jeweils eigenen Weg gehen, mit
Kurt, mit Alfred, mit Oskar – nur eben nicht mit Helmar, dem
Baron. Er sucht unentwegt feminine Gesellschaft, ständig aus „auf
die Gegenwart einer schönen Frau“. Und in der Geschichte scheinen
ja auch sämtliche Türen zu den Frauen anfangs geöffnet, denn sie
mögen und loben ihn für seine klugen, bedeutenden Worte. Eine
sammelt seine Aussprüche in einem Buch, der anderen wird gar
„schwindelig“ und sie fühlt sich „glücklich“, wenn sie Helmar
zuhört. Oha! Das Sprechen wird früh in dieser Erzählung an
körperliches Empfinden gekoppelt, Sprache wirkt wie an Erotik
gebunden, zumindest in der Wahrnehmung des Barons –
zugleich an Ambivalenz und Verzicht. Denn Helmar muss bei
seinem ersten Weihnachtsbesuch Helenes Haus verlassen (er stört
den Ehemann), bei seinem zweiten Verenas Zuhause, weil sie mit
Alfred Weihnachten feiern möchte, ihrem neuen Verlobten – das
seien halt „so Familienereignisse“, sagt sie. Den zweimal
Abgelehnten, Ausgeschlossenen erfüllt nun „nur ohnmächtiger Zorn
gegen all die großen Worte, die er zwischen sich und diesem
schönen Mädchen (Verena) aufgetürmt hatte und die ihm den
einfachen, geraden Weg versperrten, den der gute Alfred gegangen
war“.
Dies ist eine für die Erzählung selbst zentrale Aussage! Dem
Baron wird denn auch bewusst, wie alleinstehend er ist. Selbst
sein Diener ist an diesem Weihnachtsabend bei seiner Freundin
samt Familie – eine Vorstellung, die Helmar anfänglich noch
amüsiert hatte. Doch da ist ja noch die blonde Marie, die in der
Weinstube. „Keiner würde dort seine großen Worte zitieren“,
glaubt er. „Das war es, wonach er sich sehnte.“ Doch auch bei
Marie kann er nicht bleiben. Da ist wieder ein anderer. Wenig
später, am Ende der Geschichte, sitzt Helmar „trübselig“ am
Tisch, allein mit seinem Wein.
Eduard von Keyserlings extrem eindrucksvolle Geschichte rund um
das Frau/Mann-Verhältnis in aristokratischen und bürgerlichen
Kreisen, um Sprache, Genuss, Erotik, Begehren, aber auch um
Überheblichkeit, Arroganz und den Wunsch nach Gemeinschaft wirkt
so eindrucksvoll, weil sie in ihrer diskreten, immer dezent
bleibenden Sprache exakt das offenbart und gewissermaßen
widerspiegelt, was der Hauptfigur im Weg steht zum eigenen Glück.
Die Erzählung bleibt in jenem Diskurs, den sie ihrem
Protagonisten zuschreibt. Große Kunst! Und was für ein Titel:
„Verschlossene Weihnachtstüren“! Dieser starke Text erschien
zuerst im Jahr 1907 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
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06.12.2025
1 Minute
Kein Hinweis. Keine Ahnung. Keine Idee. Nichts spürte Gilbert
Clandon von der nahenden Katastrophe. Und die raste längst auf
ihn zu. Beschäftigt in politischen Kreisen der Londoner „upper
class“, also stets mit scheinbar wichtigen gesellschaftlichen
Treffen und Entscheidungen befasst, bemerkte er nicht, was im
Privaten ablief. Angela, seine Frau, liebte einen anderen.
Solange sie lebte, hatte er davon nichts gewusst. Und nun? Ihre
Tagebücher geben nach ihrem Tod Auskunft über ihr Leben. Doch
auch in diesen Aufzeichnungen bleibt vieles uneindeutig. Als
hätte sie befürchtet, dass er sie irgendwann lesen würde, hatte
Angela unklar geschrieben, offenbar immer die Gefahr des
Entdeckt-Werdens spürend. „Wer ist B.M.?“ wird zu Gilberts
Zentralfrage nach der Lektüre der Schriften. Zwei weitere, die
sich dem Leser und der Hörerin schon früh aufdrängen, lauten: War
es Suizid? Und: Was hat B.M. mit Angelas möglichem Freitod zu
tun?
Die mehrbändigen Tagebücher und ihr Inhalt sind die einzigen
Erbstücke, die Angela ihrem Mann hinterlässt. Ein schweres, ein
bitteres Erbe. Zugleich ist nirgends in dieser Erzählung so etwas
wie Bewertung oder Parteinahme zu lesen. Das liegt ihm ganz fern.
Leserinnen und Hörer gleiten gleichsam in Gilberts Gedankenwelt
(er hat ja überlebt), werden dann aber auch Zeugen einer
alternativen Sichtweise. Virginia Woolf gelingt somit etwas, das
selten in der Literatur gelingt: Sie stellt die Perspektive der
anderen, verstorbenen Figur – Angela – gewissermaßen
gleichberechtigt dar. Die gesamte Darstellung bleibt im
literarischen Sinne gerecht, ausgewogen. Eine wohltuende Art der
poetischen Balance, die auch inhaltlich ihre Funktion hat. Denn
Gilbert erfährt durch die Lektüre der Tagebücher Wesentliches
über seine Frau – das Ende ihrer Zuneigung zu ihm, die Annäherung
an einen anderen Mann. Und wir erfahren von Angelas Wünschen,
ihrer Sehnsucht nach engem zwischenmenschlichen Kontakt – von
Gefühlen, die Gilbert auch im Zuge des Lesens noch nicht zu
reflektieren imstande ist. Vielschichtig ist das Ganze – auch
politisch, weltanschaulich.
„Das Erbe“ stammt aus dem Jahr 1940, ist zweifellos eine der
stärksten Erzählungen von Virginia Woolf und wird hier in der
Übersetzung von Brigitte Walitzek gelesen und uns ganz nahe
gebracht von Annette Hoppe.
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Über diesen Podcast
In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und
Erzählungen präsentiert. Es geht also um Literatur, aus
urheberrechtlichen Gründen um jene vergangener Jahrhunderte. Die
Texte wurden meist von Schauspielerinnen und Schauspielern
eingelesen, und das, was zu hören ist, befindet sich auf
professionellem Niveau. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden
zweiten Dienstag gibt es Neues aus der reichhaltigen und
vielfältigen Welt der Literatur. Ein Erlebnis für alle, die sich
gerne etwas vorlesen lassen.
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