Erzählkünstler

Erzählkünstler

Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern

Episoden

"Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn)
02.03.2026
1 Minute
„Er tut etwas für mich.“ – Mitten in der Erzählung, die sich lange um Uhren und Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten dreht, um Verwandlungen und Tierschreie, um eine ganze Wunderwelt der Mechanik und Phantasie, fällt dieser Satz. Er stammt vom Sohn, der die Geschichte erzählt, und bezieht sich auf den Vater, den Uhrenmacher. „Das habe ich für dich getan“, hatte dieser gesagt und eine seiner Aufführungen mit all den barocken Werkstücken aus seinem Laden gemeint. Und dann denkt der Sohn den zitierten Satz – und ist den Tränen nahe. Er kennt es gar nicht, dass der Vater etwas für ihn tut. Vieles ist im Geschäft und der Werkstatt zu sehen, zu hören, zu assoziieren. So viel, dass dem Sohn schließlich – allein auf dem Fensterbrett sitzend – schwindelig wird vor Aufregung und Faszination inmitten des Geschehens, das ihm präsentiert wird. Die Erzählung mündet jedoch in einer Frage, die mit dem vom Vater stolz Präsentierten scheinbar überhaupt nichts zu tun hat: Warum er nie mit ihm und der Mutter esse, fragt der Sohn, als er seinen Vater mit dem Gehilfen nach der Show beim Abendessen sieht. Ihm geht es also nicht um Uhrwerke, Orgeln usw., sondern um das Basale: das Zusammensein in der Familie. Und nun wird „Der Uhrenmacher“ endgültig eine andere Geschichte. Denn die Uhren, so belehrt der Gefragte seinen Sohn, „würden traurig werden“, wenn er sie verließe. „Auch wir sind traurig“, sagt der Sohn. Darauf erhält er gar keine Antwort. Dem Vater geht es um die Uhren: Sie „würden stillestehen und niemals wieder ihren Gang beginnen. Euer Herz steht nicht stille, es bricht nicht.“ Es sind Antworten eines offenbar vom Mechanischen Bestimmten, eines Menschen, der glaubt, alles in der Welt wäre mechanischer Art – auch zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Art homo mechanicus. Und einer, der nur innerhalb des eigenen Gebiets überhaupt in Kontakt mit anderen kommt. Der Sohn muss sich schon in das väterliche Reich begeben, um überhaupt eine Interaktion zu provozieren ... Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn war selbst Orgelbauer und auch Musikverleger. Ein sehr spezieller Autor, der sich um Erzählkonventionen nicht scherte, und das merkt man auch in dieser Erzählung. „Der Uhrenmacher“ erschien zuerst im Jahr 1953 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
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"Herbst" (August Strindberg)
16.02.2026
36 Minuten
Jetzt sei „der Zauber gebrochen“, heißt es einmal in dieser Geschichte, „die letzte Spur der Geliebten war verschwunden“. Bitter. Auch, weil all das Erzählte in Strindbergs „Herbst“ paarpsychologisch vollkommen nachvollziehbar ist. Hier wird nicht gewertet, geurteilt, es wird dargestellt, schonungslos. Zum Ende hin wird es immer härter, unbarmherzig, aber: nicht ganz ohne Hoffnung. Und ja! Die gab es zuvor auch schon: Als der Mann aus beruflichen Gründen einige Wochen von zu Hause weg ist, beginnt er, seiner Frau Briefe zu schreiben, in Worten, die sie lange nicht oder noch nie von ihm gehört, gelesen hatte. Die Eheleute begegnen sich nun auf einer neuen Ebene, etliche Liebesbriefe fliegen hin und her. Doch die Annäherung verharrt im Schriftlichen. Als sie sich wiedersehen, ohne die Kinder und in großer Hoffnung auf eine Erneuerung der Liebe, schaffen sie es nicht, herauszukommen aus dem Gewohnten, hinzukommen zu dem anderen, wegzukommen von den eigenen Hemmungen. Kein Aufeinander-Zugehen, keine verständnisvolle, empathische Kommunikation – alles nicht mehr möglich. Nur im Streit wirken sie hemmungslos, da geht es ordentlich zur Sache. Eine Beziehung im Herbst. (Die Jahreszeiten symbolisieren in der Beziehungsbeschreibung durchweg die Lage der beiden.) Diese in ihrer desillusionierenden Darstellung ungewöhnliche Paar-Geschichte ist in weiten Teilen vom männlichen Blick geprägt. Doch es gibt auch die weibliche Perspektive. Wenige Worte und nonverbale Zeichen reichen aus, um das Unwohlsein und die Weitsicht der Frau auszudrücken. Als der Mann sich selbst einmal einen „alten Narr“ nennt, schweigt sie dazu. Doch ihre Augen nehmen einen „zerschmetternden Ausdruck von Würde an“. Puuh! „Herbst“ von August Strindberg stammt aus dem Jahr 1884 und wird hier vorgetragen von Georg Lippert.
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"Durch den Garten von Schloss Rosenborg" (Herman Bang)
02.02.2026
1 Minute
Ein kleiner, feiner Text. Wie mit frisch gespitztem Bleistift zu Papier gebracht. Nur Notwendiges wird notiert. Auch der Erzähler bleibt außen vor, wir erfahren fast nichts über ihn. Ein Beobachter eines Paars ist er, eine Art liebevoller Voyeur, also einer im außererotischen Sinne. Der Autor Herman Bang malt oder schmückt in seiner Geschichte nichts aus, er deutet nur an, überlässt alles Weitere den Imaginationen der Lesenden und Hörenden. Und gestaltet seine Erzähl-Miniatur so fein wie ein Zeichner seine Skizze. Darin ist von zwei Menschen die Rede, einer Frau und einem Mann, die zunächst als einander Liebende auftreten – oder so wirken. Er sieht sie in einem Garten, seit antiken Zeiten in der Literatur ein locus amoenus, ein lieblicher, idealer Ort. Im Frühjahr, der Zeit des Aufblühens, des Wandels, des Sich-Entwickelns. Später, nach dem Frühling, sieht er nur noch sie, die Frau. Was war geschehen? Warum ist sie nun allein unterwegs? Und: „Welchen Weg nimmt er jetzt wohl zu seinem Tagwerk?“ So der letzte Satz. Alles bleibt offen. Herman Bangs Text „Durch den Garten von Schloss Rosenborg“, wunderbar sorgfältig in Szene gesetzt und schön in seiner eigentümlichen ästhetischen Art, erschien zuerst im Jahr 1899. Die aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg übersetzte Version liest Volker Drüke.
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"Zuversicht" (Adalbert Stifter)
19.01.2026
1 Minute
Vatermord! Lassen wir Sigmund Freud, Sophokles’ Ödipus und auch die spätestens seit Erich Fromm geltende symbolische Bedeutung dieses Begriffs außen vor. Denn das alles spielt in Adalbert Stifters mitreißender Novelle „Zuversicht“ keine Rolle. Dieser Autor lässt den Sohn wirklich den Vater töten, und das ganz bewusst! Unglaublich eigentlich, aber wahr in der literarischen Wirklichkeit. Ein Tabubruch sondergleichen. In einem Moment lässt der Sohn alles hinter sich: Beziehungen, Zukunft, gar das eigene Leben. Denn dem Schuss auf den Vater folgt ein Splattermovie-ähnliches Geschehen, das dann endgültig alles zunichte macht, was hätte folgen können. Es hätte eine neue Familie entstehen können, es hätte zu einer Versöhnung zwischen den Verkrachten kommen können, eine Frau wäre nicht Alleinerziehende eines unehelichen Kindes gewesen (im 19. Jahrhundert!) und das Kind wäre in einer entwicklungsfördernden Umgebung aufgewachsen. Zu all dem kam es nicht, weil ein väterlicher Brief den Sohn nie erreicht. Bei ihrem soldatischen Zusammentreffen, als sie tot nebeneinander liegen, kommt der Brief dem Adressaten dann doch noch nah. Man fand in der Jacke des Vaters „das Konzept eines Schreibens“, das Versöhnung offenbarte und all das Beschriebene in Aussicht stellte. Der Brief überlebt, Absender und Adressat sind tot. Stifters Text versprüht eine ungeheure ästhetische Kraft, die Tragik und Gewalt mit sich führt. Wer mitfühlt, spürt die Energie! Dabei fängt alles langsam, geradezu ruhig an. Der Autor lässt einen älteren Herrn in einer zunächst sehr regen Gemeinschaft, die über die „Schreckenszeit“ in Österreich nach der Französischen Revolution diskutiert, etwas ganz Außergewöhnliches aus jener Zeit erzählen, das zwei einstige Dorfbewohner betrifft: Vater und Sohn, aristokratischer Herkunft und in inniger Beziehung stehend, kämpfen nach plötzlichen intrafamiliären Auseinandersetzungen und der Verbannung des Sohnes nach Paris dann, bei den postrevolutionären französisch-österreichischen Kämpfen, auch in verschiedenen Truppen. Sie treffen in einer Schlacht aufeinander, und es geschieht das kaum Aussprechliche, das Adalbert Stifter mit großer Erzählkunst darstellt. Und er macht auch in knappen Worten klar, dass der Krieg hier nicht der einzige Grund für das Geschehen mit Todesfolge ist. Auch die Liebe spielt ihre Rolle. Der Krieg und die Liebe. Wie so oft. Auf das Ende dieser emotional mitreißenden, ja schockierenden Binnenerzählung folgt der Rahmenschluss der gesamten Geschichte, dann wieder – wie zu Beginn – in Gesellschaft. Von der anfänglichen Diskussionsfreude unter den Leuten rund um den Erzähler keine Spur mehr. Stattdessen „Schweigen“, wie es heißt. Wie Stifter hier die Verlegenheit und auch die Scham der Gemeinschaft kurz und psychologisch absolut nachvollziehbar darstellt, ist erzählerisch brillant. Zu der Geschichte, die „der Alte“ vortrug, gibt es nichts zu sagen – sie macht sprachlos, „weil jeden der Dämon des Vatermordes mit düsteren Augen ansah“. Schließlich sagten die Leute einander „schöne Dinge, gingen nach Hause, lagen in ihren Betten und waren froh, dass sie keine schweren Sünden auf dem Gewissen hätten“. Adalbert Stifter schrieb die Novelle „Zuversicht“ im Jahr 1846. Volker Drüke bringt sie 180 Jahre später zu Gehör. An Wirkung hat dieses weitgehend unbekannte Meisterwerk nicht die Spur verloren.
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"Der entwendete Brief" (Edgar Allan Poe)
05.01.2026
56 Minuten
In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es, unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren. Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren, trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon eine besonders spannende Angelegenheit sein. In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und – findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw., welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los. Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht, war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter, deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch Zylinder und frau noch Korsett trug.
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Über diesen Podcast

In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht also um Literatur, aus urheberrechtlichen Gründen um jene vergangener Jahrhunderte. Die Texte wurden meist von Schauspielerinnen und Schauspielern eingelesen, und das, was zu hören ist, befindet sich auf professionellem Niveau. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es Neues aus der reichhaltigen und vielfältigen Welt der Literatur. Ein Erlebnis für alle, die sich gerne etwas vorlesen lassen.

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