Erzählkünstler

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Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern
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Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern
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Episoden

"Die Tote" (Guy de Maupassant)
13.04.2026
15 Minuten
Schmerzensspiegel, brennende Spiegel, Kränze aus Glasperlen und verwelkten Blumen, ein nächtliches Kriechen auf dem Friedhofsboden ... Ja, es wirkt durchaus extrem, was wir in Guy de Maupassants Geschichte „Die Tote“ lesen und hören. Der Erzähler hatte die Verstorbene außerordentlich stark geliebt, seine Worte legen Zeugnis davon ab. Die Liebe ging und geht noch immer so weit, dass er sich schwerlich lösen, trennen kann. Er besucht ihr Grab. Und was jetzt geschieht, was für Gestalten nun so auftreten, sprengt im Grunde den Rahmen der ästhetisch hochwertigen Literatur, doch Maupassant gelingt es, auch sehr merkwürdig anmutende Situationen, ja sogar Zombies als vorstellbar darzustellen. Das wirkt in dieser Novelle unterhaltsam, etwas gruselig und auch komisch im besten Sinne – bis zu dem Moment, in dem wir die neue, von der auferstandenen Verstorbenen selbst eingeritzte Marmorkreuz-Inschrift lesen: „Eines Tages ging sie aus, um ihren Geliebten zu hintergehen, erkältete sich bei Regenwetter und starb.“ Nun ist es vorbei mit der Komik. Der Hinterbliebene/Erzähler fällt jedenfalls in Ohnmacht. Bei Tagesgrauen fand man ihn ohnmächtig neben einem Grab.


Dass er uns all dies erzählen kann, spricht für sein Überleben und zeigt eine gewisse Distanz zum Geschehenen an. Denn nur so kann über eigenes Leiden geschrieben werden. Doch was aus dem Erzähler wurde, kann nur eine Vermutung bleiben. Wir wissen es nicht. Starke Literatur bleibt nun einmal ambivalent. – „Die Tote“ von Guy de Maupassant stammt aus den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts und wird vorgelesen von Volker Drüke.
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"Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt" (Ludwig Tieck)
30.03.2026
1 Minute
Ludwig Tiecks Literatur ist anders als die seiner Zeitgenossen. Wer wissen möchte, worin das Spezielle in seinen Werken liegt, der höre die in diesem Podcast sehr erfolgreichen Aufnahmen „Des Lebens Überfluss“ und „Der blonde Eckbert“. Oder eben jene Geschichte, die wir heute vorstellen. Ihre Ausgangslage ist einfach: Ein Kunsthändler ist auf dem Weg zu einem armen Maler, um bei ihm ein, wie er hofft, nun fertiggestelltes Bild abzuholen. Der Händler hat durchaus eine starke Bindung zur Kunst, ja, er scheint gar fixiert zu sein auf dieses eine, „sein“ Kunstwerk, das er freilich noch gar nicht erworben hat, und wirkt enttäuscht, wenn Vorüberlaufende nicht wie Figuren aus diesem Bild aussehen. Auch beneidet er den Maler um dessen Leben, das dieser allein der Kunst zu widmen scheint, idealisiert dabei, wie wir hören, deutlich die Künstlerexistenz. Was folgt, ist aber ein dann doch schroffes Aufeinandertreffen der Kaufmannswelt und jener des Kunstproduzierenden. Geschäftssphäre vs. Kunstsphäre mitten im aufkeimenden Kapitalismus. Das kennen wir aus etlichen Texten aus dem späten 18. und gesamten 19. Jahrhundert. Doch Tieck ist, wie erwähnt, ein spezieller Autor. Hier verharren die Haltungen nicht in Opposition, hier wandeln sie sich, genauer: Eine wandelt sich. Auf dem Nachhauseweg begegnet der Händler einem Schäfer, und diese Interaktion, diese Spiegelgeschichte in Tiecks Text verändert die Haltung des Erzählers. Noch immer zeigt er sich eitel, und die kapitalistische Arroganz weicht sicher nicht komplett, aber immerhin ein wenig auf. Sein emotionales Empfinden wird offenbar bereichert durch Empathie und „Rührung“ (wie es im Text heißt). Und so geht er in die zweite Verhandlungsrunde, die sich ganz im Sinne des Künstlers entwickelt. Die erstaunliche Verwandlung des Händlers zeigt Tieck auch semiotisch an, über die Zeichen der Sprache, indem er den Erzähler so lange von „meinem“ Werk schreiben lässt, solange es noch dem Maler gehört, und – umgekehrt – von „seinem Bild“, also dem des Künstlers, nachdem er selbst es längst erworben hatte.


„Eine Erzählung, aus einem italienischen Buche übersetzt“ ist eine Künstler- und Wandelgeschichte, die sich gleichsam hin zur Darstellung einer von Empathie geprägten zwischenmenschlichen Beziehung bewegt, ohne in Kitsch abzugleiten. Sie erschien im Jahr 1973. Das eigentliche Entstehungsjahr ist unbekannt, und die Frage, ob Ludwig Tieck den Text aus einem italienischen Werk übersetzt oder ihn nachgedichtet hat oder ob der Titel schlicht nicht ernst zu nehmen ist und das alles genuin von Tieck selbst stammt – all das ist unklar, doch es ist auch gar nicht wichtig. Wir begegnen einem ästhetisch schönen Werk. Das reicht. Es liest Volker Drüke.
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"Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" (Franz Kafka)
16.03.2026
1 Minute
Die Ich-Erzählerin macht sich weitreichende Gedanken. Über das Volk, dem sie angehört, soziologische Fragen, psychologische, auch musikalische, vor allem zum Gesang. Da gibt es nämlich diese Josefine, die behauptet, singen zu können. Doch ist es überhaupt ein Singen, nicht eher ein Pfeifen? Nur weil sich jemand „feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun“, ist sie doch keine Künstlerin. Oder doch? Die Erzählerin ist sich da nicht sicher. So sei Nüsseknacken „wahrhaftig keine Kunst“, erläutert sie, „deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es handelt sich um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, dass wir über diese Kunst hinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten, und dass uns dieser neue Nussknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die Wirkung sogar nützlich sein könnte, wenn er etwas weniger tüchtig im Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.“


Das Volk der Mäuse hat offenbar ein komplexes Verhältnis zur Gesangskunst und zu seiner Sängerin, der zarten und meist schweigsamen Josefine. Trotz seiner „Unmusikalität“ meint es, Josefines Gesang zu verstehen, was sie vehement verneint. Im Laufe ihrer Reflexionen fällt der Erzählerin zudem ein, dass ihr Volk über eine „Ahnung dessen, was Gesang ist“, verfügt, denn „in den alten Zeiten“ gab es ihn durchaus. „Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann.“ Nur entspreche diese Ahnung „Josefines Kunst eigentlich nicht“. Hm. Es ist dann auch von väterlichem Schutz die Rede, den das Volk seiner Sängerin biete. Doch Josefine, die als Rebellin gilt, ist natürlich „der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk beschütze“. „Ich pfeife auf euren Schutz“, sagt sie. „Ja, ja, du pfeifst“, lautet die Antwort ... Dann wieder wird eine „gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit“ in der Gesellschaft hervorgehoben, denn „eine wirkliche Kinderzeit können wir (...) unseren Kindern nicht geben“. Die Kindlichkeit bleibt im Volk erhalten und davon „profitiert seit jeher auch Josefine“.


So geht es unentwegt zu in Kafkas Text. Sprachlich einzigartig, radikal eigenwillig und ästhetisch hochwertig, mit gewagten, immer überraschenden Wendungen – das alles unterhaltsam dargeboten und sehr, sehr komisch. Es wird gedreht und gewendet, perspektivisch neu betrachtet – ein Vergnügen für Freundinnen und Freunde der modernen Literatur. Und wenn Franz Kafka eine solche Geschichte veröffentlicht, kann man schon vermuten, dass das alles auch mit seiner eigenen Kunst zu tun hat. Das Schreiben ist in den meisten menschlichen Gesellschaften ja etwa so gewöhnlich wie das Nüsseknacken bei Mäusen; doch wenn es so einer wie Franz Kafka tut und sich gewissermaßen „feierlich hinstellt“, um das Ergebnis seines Schreibens zu präsentieren, dann wird es zur Kunst. Es ist der letzte Text, den der Autor schrieb und korrigierte. Er erschien knapp vor seinem Tod im Jahr 1924 und wird für uns gelesen von der famosen Heide Bertram (übrigens selbst so eine Josefine, eine Sängerin!).
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"Der Uhrenmacher" (Hans Henny Jahnn)
02.03.2026
1 Minute
„Er tut etwas für mich.“ – Mitten in der Erzählung, die sich lange um Uhren und Orgeln aus verschiedenen Jahrhunderten dreht, um Verwandlungen und Tierschreie, um eine ganze Wunderwelt der Mechanik und Phantasie, fällt dieser Satz. Er stammt vom Sohn, der die Geschichte erzählt, und bezieht sich auf den Vater, den Uhrenmacher. „Das habe ich für dich getan“, hatte dieser gesagt und eine seiner Aufführungen mit all den barocken Werkstücken aus seinem Laden gemeint. Und dann denkt der Sohn den zitierten Satz – und ist den Tränen nahe. Er kennt es gar nicht, dass der Vater etwas für ihn tut.


Vieles ist im Geschäft und der Werkstatt zu sehen, zu hören, zu assoziieren. So viel, dass dem Sohn schließlich – allein auf dem Fensterbrett sitzend – schwindelig wird vor Aufregung und Faszination inmitten des Geschehens, das ihm präsentiert wird. Die Erzählung mündet jedoch in einer Frage, die mit dem vom Vater stolz Präsentierten scheinbar überhaupt nichts zu tun hat:


Warum er nie mit ihm und der Mutter esse, fragt der Sohn, als er seinen Vater mit dem Gehilfen nach der Show beim Abendessen sieht. Ihm geht es also nicht um Uhrwerke, Orgeln usw., sondern um das Basale: das Zusammensein in der Familie. Und nun wird „Der Uhrenmacher“ endgültig eine andere Geschichte. Denn die Uhren, so belehrt der Gefragte seinen Sohn, „würden traurig werden“, wenn er sie verließe. „Auch wir sind traurig“, sagt der Sohn. Darauf erhält er gar keine Antwort. Dem Vater geht es um die Uhren: Sie „würden stillestehen und niemals wieder ihren Gang beginnen. Euer Herz steht nicht stille, es bricht nicht.“ Es sind Antworten eines offenbar vom Mechanischen Bestimmten, eines Menschen, der glaubt, alles in der Welt wäre mechanischer Art – auch zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Art homo mechanicus. Und einer, der nur innerhalb des eigenen Gebiets überhaupt in Kontakt mit anderen kommt. Der Sohn muss sich schon in das väterliche Reich begeben, um überhaupt eine Interaktion zu provozieren ...


Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn war selbst Orgelbauer und auch Musikverleger. Ein sehr spezieller Autor, der sich um Erzählkonventionen nicht scherte, und das merkt man auch in dieser Erzählung. „Der Uhrenmacher“ erschien zuerst im Jahr 1953 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
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"Herbst" (August Strindberg)
16.02.2026
36 Minuten
Jetzt sei „der Zauber gebrochen“, heißt es einmal in dieser Geschichte, „die letzte Spur der Geliebten war verschwunden“. Bitter. Auch, weil all das Erzählte in Strindbergs „Herbst“ paarpsychologisch vollkommen nachvollziehbar ist. Hier wird nicht gewertet, geurteilt, es wird dargestellt, schonungslos. Zum Ende hin wird es immer härter, unbarmherzig, aber: nicht ganz ohne Hoffnung. Und ja! Die gab es zuvor auch schon: Als der Mann aus beruflichen Gründen einige Wochen von zu Hause weg ist, beginnt er, seiner Frau Briefe zu schreiben, in Worten, die sie lange nicht oder noch nie von ihm gehört, gelesen hatte. Die Eheleute begegnen sich nun auf einer neuen Ebene, etliche Liebesbriefe fliegen hin und her. Doch die Annäherung verharrt im Schriftlichen. Als sie sich wiedersehen, ohne die Kinder und in großer Hoffnung auf eine Erneuerung der Liebe, schaffen sie es nicht, herauszukommen aus dem Gewohnten, hinzukommen zu dem anderen, wegzukommen von den eigenen Hemmungen. Kein Aufeinander-Zugehen, keine verständnisvolle, empathische Kommunikation – alles nicht mehr möglich. Nur im Streit wirken sie hemmungslos, da geht es ordentlich zur Sache. Eine Beziehung im Herbst. (Die Jahreszeiten symbolisieren in der Beziehungsbeschreibung durchweg die Lage der beiden.)


Diese in ihrer desillusionierenden Darstellung ungewöhnliche Paar-Geschichte ist in weiten Teilen vom männlichen Blick geprägt. Doch es gibt auch die weibliche Perspektive. Wenige Worte und nonverbale Zeichen reichen aus, um das Unwohlsein und die Weitsicht der Frau auszudrücken. Als der Mann sich selbst einmal einen „alten Narr“ nennt, schweigt sie dazu. Doch ihre Augen nehmen einen „zerschmetternden Ausdruck von Würde an“. Puuh!


„Herbst“ von August Strindberg stammt aus dem Jahr 1884 und wird hier vorgetragen von Georg Lippert.
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Über diesen Podcast

In diesem Podcast werden regelmäßig vorgelesene Novellen und Erzählungen präsentiert. Es geht also um Literatur, aus urheberrechtlichen Gründen um jene vergangener Jahrhunderte. Die Texte wurden meist von Schauspielerinnen und Schauspielern eingelesen, und das, was zu hören ist, befindet sich auf professionellem Niveau. Zunächst jeden Dienstag, ab März 2024 jeden zweiten Dienstag gibt es Neues aus der reichhaltigen und vielfältigen Welt der Literatur. Ein Erlebnis für alle, die sich gerne etwas vorlesen lassen.
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