"Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" (Franz Kafka)
Eine Erzählung aus dem Jahr 1924
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Beschreibung
vor 4 Tagen
Die Ich-Erzählerin macht sich weitreichende Gedanken. Über das
Volk, dem sie angehört, soziologische Fragen, psychologische,
auch musikalische, vor allem zum Gesang. Da gibt es nämlich diese
Josefine, die behauptet, singen zu können. Doch ist es überhaupt
ein Singen, nicht eher ein Pfeifen? Nur weil sich jemand
„feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun“,
ist sie doch keine Künstlerin. Oder doch? Die Erzählerin ist sich
da nicht sicher. So sei Nüsseknacken „wahrhaftig keine Kunst“,
erläutert sie, „deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum
zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken.
Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich
eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es
handelt sich um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, dass
wir über diese Kunst hinweggesehen haben, weil wir sie glatt
beherrschten, und dass uns dieser neue Nussknacker erst ihr
eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die Wirkung sogar
nützlich sein könnte, wenn er etwas weniger tüchtig im
Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.“
Das Volk der Mäuse hat offenbar ein komplexes Verhältnis zur
Gesangskunst und zu seiner Sängerin, der zarten und meist
schweigsamen Josefine. Trotz seiner „Unmusikalität“ meint es,
Josefines Gesang zu verstehen, was sie vehement verneint. Im
Laufe ihrer Reflexionen fällt der Erzählerin zudem ein, dass ihr
Volk über eine „Ahnung dessen, was Gesang ist“, verfügt, denn „in
den alten Zeiten“ gab es ihn durchaus. „Sagen erzählen davon und
sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen
kann.“ Nur entspreche diese Ahnung „Josefines Kunst eigentlich
nicht“. Hm. Es ist dann auch von väterlichem Schutz die Rede, den
das Volk seiner Sängerin biete. Doch Josefine, die als Rebellin
gilt, ist natürlich „der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie
sei es, die das Volk beschütze“. „Ich pfeife auf euren Schutz“,
sagt sie. „Ja, ja, du pfeifst“, lautet die Antwort ... Dann
wieder wird eine „gewisse unerstorbene, unausrottbare
Kindlichkeit“ in der Gesellschaft hervorgehoben, denn „eine
wirkliche Kinderzeit können wir (...) unseren Kindern nicht
geben“. Die Kindlichkeit bleibt im Volk erhalten und davon
„profitiert seit jeher auch Josefine“.
So geht es unentwegt zu in Kafkas Text. Sprachlich einzigartig,
radikal eigenwillig und ästhetisch hochwertig, mit gewagten,
immer überraschenden Wendungen – das alles unterhaltsam
dargeboten und sehr, sehr komisch. Es wird gedreht und gewendet,
perspektivisch neu betrachtet – ein Vergnügen für Freundinnen und
Freunde der modernen Literatur. Und wenn Franz Kafka eine solche
Geschichte veröffentlicht, kann man schon vermuten, dass das
alles auch mit seiner eigenen Kunst zu tun hat. Das Schreiben ist
in den meisten menschlichen Gesellschaften ja etwa so gewöhnlich
wie das Nüsseknacken bei Mäusen; doch wenn es so einer wie Franz
Kafka tut und sich gewissermaßen „feierlich hinstellt“, um das
Ergebnis seines Schreibens zu präsentieren, dann wird es zur
Kunst. Es ist der letzte Text, den der Autor schrieb und
korrigierte. Er erschien knapp vor seinem Tod im Jahr 1924 und
wird für uns gelesen von der famosen Heide Bertram (übrigens
selbst so eine Josefine, eine Sängerin!).
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