Überleben am Büffet Reisejournalismus muss man sich leisten können
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vor 1 Monat
Manchmal kann das Leben eines Reisejournalisten schon verdammt
hart sein:
„…Für unsere Suite im 56. Stock zahlen wir noch einmal 7000 € und
sind maßlos enttäuscht. Das Essen ist schlecht (500 € für eine
trockene Languste), die Technik versagt überall. Ein
Zwischenstopp, den wir uns besser erspart hätten…“
Kommentar: Jürgen Drensek
Na, da stellt man sich doch gerne die strenge Mine der
Reisekosten-Sachbearbeiterin vor, bei der der kritische Kollege
und Hoteltester (übrigens lange Jahre Ressortleiter einer
renommierten deutschen Sonntags-Zeitung) hinterher seine
Undercover-Recherche abrechnete. Solche unlängst tatsächlich
gedruckten Kleinodien deutscher Dichtkunst sind nicht ganz
unschuldig am Ruf der Reisejournaille, immer die ersten am
Kaviarstand und die letzten an der Champagner-Bar zu sein. Dabei
ist es doch ein Bild, das mittlerweile nur noch zum manchmal
amüsanten Klischee taugt.
Das Gros der Fachjournalisten, die sich dem Thema Reise und
Tourismus widmen, dürfte sich weniger um angebrannte Schalentiere
im arabischen Luxus-Märchenschloss sorgen, als um die
Honorar-Abrechnung am Monatsende. Die Vereinigung Deutscher
Reisejournalisten (VDRJ) hat sich bei den Kolleginnen und
Kollegen, die vorwiegend die weite Welt in die Tageszeitungen
bringen, einmal umgehört. Das Ergebnis erschreckt: knappe 1700 €
beträgt das durchschnittliche Monats-Einkommen bei
freiberuflichen Print-Journalisten. Vor Steuer und
Renten-Versicherung wohlbemerkt.
Das ist weniger, als ein Berufsanfänger tariflich nach dem
Volontariat verdient; dabei sind die meisten Reisejournalisten
schon weit jenseits der 40. Wer tut sich das an? Vordergründig
möchte man sagen Lebenskünstler, Entdecker-Naturen, unruhige
Geister, die es nicht am heimischen Redaktionsschreibtisch hält.
Oder vielleicht doch eher Masochisten, denen es nichts ausmacht,
im journalistischen Standesdünkel nur mit Näschen-Rümpfen als
zugehörig zur Zunft akzeptiert zu werden? In einer Branche, in
der Politikredakteure oder eitle Fernsehmoderatoren den Platz in
der ersten Reihe beanspruchen – die sogar, wenn sie selbst das
„Guten Abend“ vom Teleprompter auf der Kamera ablesen müssen…
Wer sich heute mit professionellem Anspruch auf das Gebiet des
Reisejournalismus begibt, braucht ein dickes Fell – und möglichst
einen Partner, der das Geld verdient. Eine reiche Erbtante, die
den Drang in die Ferne post mortem unterstützt, ist allerdings
auch ganz hilfreich…
Zwischen „Rudel-Verhalten“ und Redaktions-Alltag
Aber man sollte auch durchaus selbstkritisch sein: Der anonym
bleiben wollende Pressesprecher erinnert sich mit Grausen.
Neulich auf Ibiza habe er bei einer typischen Journalistengruppe
mal etwas „ganz Revolutionäres“ versucht: Abends sollten sich die
Kollegen alleine „für die Recherche“ ins Nachtleben der
Partymetropole stürzen. Sogar gegen Quittung auf Kosten des
Veranstalters… Er hat sie dann doch eine halbe Stunde später alle
am Anfang von Eivissas „Rennbahn“ mit der vielleicht europaweit
höchsten Entertainment-Dichte wieder getroffen. Etwas hilflos als
Gruppe zusammenstehend. Und mit der Bitte, ob er denn nicht einen
Tipp hätte, wo man hier am besten hingehen sollte… Gemeinsam.
„Wenn unsere Studienreise-Gäste in der Fremde nur halb so
unbeholfen wären, wie ein Rudel verwöhnter Journalisten…“,
resigniert der PR-Mann, dem nach vielen Jahren Pressebetreuung
nichts Menschliches mehr fremd ist, und lässt die Antwort lieber
offen…
Ein Einzelfall? Wer schon einmal auf Journalistenreise dabei war
– also bei der klassischen Form der „Recherche“ vor Ort – wird
Dutzende ähnlicher Geschichten erzählen können. Kein Wunder, dass
frustrierte Fachkollegen manchmal den Eindruck haben, der
Reisejournalismus entwickele sich immer mehr zum Tummelplatz des
Dilettantismus. Das Problem ist erkannt, aber nicht gebannt. Im
Gegenteil. Zwar rangieren Reiseberichte gleich nach dem Sport auf
einem Spitzenplatz des Leser-, Hörer- oder Zuschauerinteresses,
aber in der Redaktionshierarchie sind die Tourismus-Fachleute
nach wie vor die Kellerkinder. Die meisten Chefredakteure
betreiben die Geringschätzung mit System: Über Reisen könne jeder
schreiben. Alle sind schließlich Urlaubs-Fachleute aus eigener
Erfahrung… Was bei der Beschickung selbst von langweiligen
Parteitagen undenkbar wäre und zu einem Aufstand der politischen
Redaktion führen würde, ist bei Presse-Einladungen touristischer
Veranstalter Redaktionsalltag: Die Journalistenreise als
Belohnungs-Zückerchen. Mal fünf Tage in die Sonne – aber bitte
als freie Tage anmelden…
So kommt es denn, dass in solchen Gruppen nicht selten fleißige
Lokal-Journalisten oder uninspirierte Mikrophon-Hinhalter der
Privatradios und Freizeit-Blogger in der Mehrheit sind. Dem einen
oder anderen Veranstalter mag das gar nicht so unrecht sein –
trotz heimlicher Frustration der begleitenden PR-Kollegen: wer
die Hintergründe eines Zielgebietes nicht kennt und „eigentlich
auf Urlaub“ ist, wird bei der luxuriösen Rundum-Sorglos-Betreuung
auf solchen Trips wohl eher geneigt sein, schwärmerisch die
schräge Palme am weißen Pudersand zu beschreiben… So geben sich
alle zufrieden: der Einladende, der fachfremde aber willige
Strandtester, der endlich mal weg vom Schreibtisch kam, und
zähneknirschend auch der Verantwortliche für den Etat der
Reiseredaktion – wieder billig ein Umfeld für den Werbeblock
gefüllt.
Die eigentlich Leidtragenden in diesem System der kollektiven
Ignoranz sind – neben dem Leser, Hörer oder Zuschauer – aber vor
allem die freiberuflichen, qualifizierten Fach-Journalisten.
Nicht nur, dass auch sie mit dem Vorurteil des unreflektierten
SchönwetterJournalismus fertig werden müssen; die immer weiter um
sich greifende Tendenz der Austauschbarkeit und Beliebigkeit der
Reise-Häppchen vor allem in den Tageszeitungen wird für sie zu
einem existenziellen Problem. Da scheint kein Platz mehr für die
aufwendige Reportage oder den detailverliebten Bericht. Zumindest
dann nicht, wenn es ein anständiges Honorar kostet. Gar nicht zu
reden von der KI, die heute schon, professionell bedient und mit
guten Quellen gefüttert, Reiseberichte und Bucket-Listen
ausspuckt von erstaunlicher Qualität, die kaum noch vom
geschwurbelten Einheitsbrei zu unterscheiden sind, aus dem viele
Reiseteile, vor allem in Magazinen, zusammengeklöppelt werden.
Die betriebswirtschaftliche Analyse des „Traumberufs“
Ohne die Einladungen der Tourismus-Industrie wären die freien
Schreiber aus Fleisch und Blut beruflich schon längst nicht mehr
überlebensfähig. Da mag man die Lippenbekenntnisse von
Chefredakteuren nur noch mit Sarkasmus zur Kenntnis nehmen, dass
man frei von Sponsoring und Einflussnahme der Reisebranche sei
und deshalb kritische Auseinandersetzungen mit dem Thema Urlaub
erwarte. Insider sind sich einig, dass es so gut wie keine
Redaktion in Deutschland gibt, die sich nicht – wenn immer
möglich – die Reisekosten für einen touristischen Bericht
bezahlen lässt. Nur reden darf man nicht darüber. Die
Freiberufler werden dagegen immer häufiger gezwungen, solche
wegen der Realität unsinnigen Redaktionsrichtlinien zu
unterzeichnen, die Kostenübernahmen von dritter Seite
ausschließen. So hat man zwar als Redaktion eine weiße Weste.
Aber wie ein Bericht zustande kommt – so genau möchte man es dann
doch nicht wissen bei oft noch nicht mal einem Euro pro Zeile…
Reisekosten natürlich inklusive.
„Viele Reisejournalisten sind betriebswirtschaftlich schon längst
pleite und haben es nur noch nicht gemerkt.“
Da die überwiegende Zahl der Reisejournalisten in den Listen der
touristischen Anbieter als Einzelkämpfer-„Redaktionsbüros“
firmieren (was für eine euphemische Bezeichnung für eine mühsam
freigeräumte Ecke auf dem Wohnzimmer-Sekretär), hier mal eine
kleine betriebswirtschaftliche Analyse, warum der Drang in die
Sonne finanziell in der Regel keinen Platz an der Sonne
hervorbringt. Wie sieht der berufliche Alltag des vulgo Freien
Journalisten aus? Auf der Habenseite mag die in vielen Jahren
erworbene Perfektion im Kofferpacken stehen; ein Reisepass,
dessen vollgestempelte Seiten einen ähnlichen Protzwert haben,
wie das klimpernde Lametta am Bändchen eines Kriegsveteranen beim
Vertriebenen-Treffen, und die unbedingte Small-Talk-Tauglichkeit
bei Stehempfängen, wo selbst die Stützen der Gesellschaft
mittlerweile pauschal verreisen. Die dosiert eingestreute
Globetrotter-Attitüde über die leider, leider nachlassende
Traumziel-Qualität von Bora-Bora, sobald man endlich da ist,
beeindruckt jeden Sparkassen-Filialleiter bis ins Mark.
Hoffentlich aber auch so lange, bis der nächste Antrag auf
Erhöhung des Dispokredits bei ihm auf dem Tisch liegt… Denn
wirtschaftlich gesehen sind Reisen eher kontraproduktiv.
Permanent braungebrannte Kolleginnen und Kollegen sind keineswegs
die Großverdiener der Zunft – sondern haben eher die Gold-Karte
des heimischen Sonnenstudios „Tamara“.
Die Bilanz ist sehr einfach. Noch nicht einmal einen
Taschenrechner braucht man dafür: Eines Morgens findet unser
Musterjournalist eine Einladung in seinem Postfach. Hui! oder
Tommy Koch Reisen laden ein: fünf Tage Nilkreuzfahrt auf den
Spuren von Agatha Christie oder so. Erste Hürde: den Redaktionen
dieses Thema schmackhaft machen. Abgesehen davon, dass es
mittlerweile bei manchen Themen da durchaus der rhetorischen
Fertigkeiten eines Goldenen Blatt Drückers an der Haustür bedarf,
muss der Autor schnell sein. Die Einladung ging schließlich auch
noch an andere Freie, und der Abdruck-Kuchen in den
Tageszeitungen bröselt derzeit dramatisch. Zeitaufwand für alle
Vorbereitungen: einen Tag. Die Recherche-Reise im Pool (und nicht
am Pool) dauert in der Regel fünf Tage. Vollgepacktes Programm
von Seiten des Veranstalters. Kaum Zeit für eigenes Entdecken und
damit die Chance auf einen exklusiven Einstieg. Trotzdem zu Hause
mit viel Einfühlungsvermögen und vorhandenem Basiswissen eine
nette Geschichte geschrieben; konzentriert auf 200 Zeilen, denn
mehr wird eh nicht mehr gedruckt.
Und jetzt kommt die ernüchternde Abrechnung: das Blatt mit dem
Erstdruckrecht zahlt dafür 200 Euro. Vielleicht sind zwei andere
Regionalzeitungen interessiert. Die Mehrfachverwertung bringt
noch einmal 150 Euro. Und sogar ein Foto konnte verkauft werden
für, sagen wir, 75 Euro. Ergibt zusammen? 425 Euro… Wohlbermerkt
für mehr als eine Woche Arbeit. Brutto. Kein Wunder, dass da
selbst Finanzbeamte misstrauisch werden und naiv nachfragen, ob
so viel finanzielle Selbstaufgabe nicht eher in den Bereich des
Hobbys eingestuft werden müsse, denn als seriöser Broterwerb.
Abhängigkeiten und die Frage der Glaubwürdigkeit
Auch wenn es sich grotesk anhört: für manche Freie ist die
Pressereise nicht mehr Mittel, sondern Zweck. Dabei umschwärmen
beileibe nicht nur ältere Journalistinnen mit Dauerwelle die
PR-Verantwortlichen der Veranstalter wegen der Einladungsliste
für den nächsten Trip. Der alimentierte Jet-Set spart die
Lebenshaltungskosten zuhause… Eine immer weitere Diskrepanz
zwischen dem eigenen beruflichen Dasein und dem diskreten
Luxus-Charme der VIP-Betreuung tut sich auf. Auch psychologisch.
Eine Spirale der Abhängigkeit – selbst wenn sie gar nicht
beabsichtigt gewesen sein sollte. Die Pressereise wird zum
eigentlich geldwerten Vorteil. Zum „Gewinn“, so lange eben auch
alles bezahlt wird.
Aber die Schlinge zieht sich für die Print-Journalisten noch
enger zu. Obwohl man annehmen müsste, dass der
Tageszeitungs-Reiseteil das Verlegerherz entzückt – schließlich
generiert er direkt Anzeigen – wird auch hier die Sparschraube
brutalstmöglich angezogen. Vor allem qualitätsbewusste Redakteure
sehen die Vorgaben der Geschäftsführung mit Grausen: bei fast
allen Tageszeitungen wird derzeit der Honoraretat im günstigsten
Fall eingefroren; wenn nicht gar reduziert. Was das bedeutet?
Immer mehr Raum muss mit Agenturmaterial wie dem dpa-Themendient
oder gar kostenfreien Textangeboten der PR-Schmieden gefüllt
werden. Und die wenigen freien Hausschreiber wurden mit geradezu
sittenwidrigen Änderungsverträgen traktiert, die noch rechtzeitig
vor Inkrafttreten der überfälligen Urheberrechtsreform die
Autoren im Endeffekt völlig rechtlos stellen sollten, nach dem
Erstabdruck noch irgend etwas mit ihrer geistigen Arbeit tun zu
können. Die entsetzten Juristen der Journalisten-Vereinigungen
warnten zwar entschieden, die einseitig begünstigenden
Vereinbarungen zu unterschreiben, aber viele Freie befürchteten,
eh nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben: entweder die
vertragliche Zumutung akzeptieren; mit der Folge, selbst bei
Mini-Honoraren gleichzeitig fast alle weiteren Nutzungsrechte
abtreten zu müssen, oder von den Verlagen auf die schwarze Liste
gesetzt zu werden.
Wer da nicht zu den Edelfedern zählt, auf die kein Verlag
verzichten möchte, kann nur auf die Kollegialität und das
Engagement der Redaktion hoffen, sich für die freien Kollegen
„oben“ einzusetzen. So viel zum Thema Traumberuf. Es sind
wahrscheinlich keine pessimistischen Annahmen, dass mittelfristig
etwa die Hälfte der auf den wirtschaftlichen Ertrag angewiesenen
freien Tageszeitungs-Autoren ihr Fachgebiet werden aufgeben
müssen. Manche mögen sich in die – natürlich heimliche –
Lohnschreiberei für PR-Agenturen begeben; mit schlechtem
Gewissen, aber wenigstens anständigen Honorarerlösen. Andere
akzeptieren zähneknirschend den Übergang in den „Amateurstatus“,
wo der Weg zum Ziel wird. Will heißen, die Reise ist
groteskerweise der Gewinn, und nicht mehr der Erlös des Abdrucks.
Und es sind keineswegs nur gelangweilte Hausfrauen und rüstige
Rentner, denen mittlerweile das Belegexemplar wichtiger ist als
Bares.
Und jetzt müssen wir die Betrachtung noch erweitern auf die –
mittlerweile gar nicht mehr neuen – Player in unserem Fachgebiet:
Blogger und Influencer. Letztere sollen hier keine Rolle spielen.
Denn die Bastion, dass Journalismus nie etwas mit
(Schleich)-Werbung zu tun haben sollte, darf einfach nicht
geschliffen werden. Influencer sind im Bereich Marketing
unterwegs und nicht in der professionellen, hinterfragenden
Berichterstattung – auch wenn etliche touristische PR-Player das
anders sehen möchten. Die vielleicht einzige Reputation, die
Journalisten – und auch journalistisch tätige Blogger – noch
verteidigen können und müssen, ist ihre Glaubwürdigkeit. Und die
kann man nicht verteidigen, wenn es zwischen Berichterstatter und
Objekt Geldflüsse und Publikations-Absprachen gibt.
„Fakt ist, in immer mehr Reiseteilen von Tageszeitungen wird
Alltours bestellt, aber Airtours erwartet.“
Ein wunderbares Thema für journalistische Seminare über Qualität
und Ethik. Dann dürfen die Verfechter der reinen Lehre wieder
salbungsvoll das weise Haupt schütteln über die vermutete
unheimliche Nähe zwischen der Reisebranche und ihren
journalistischen Beobachtern. Und Chefredakteure werden wieder
ins Mikrophon lügen, dass Autoren in ihrem Blatt selbstredend
unabhängig und frei von wirtschaftlichen Abhängigkeiten berichten
– ganz ohne rot zu werden. Fakt ist, in immer mehr Reiseteilen
von Tageszeitungen wird Alltours bestellt, aber Airtours
erwartet. Und welche Erleichterung in der Verlagsetage, wenn sich
herausstellt, dass das trockene Langusten-Würgen dann doch auf
Einladung des arabischen Hoteliers erfolgte…
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