Zupancic trotzt Klick-Kultur VDRJ ehrt Print-Pionier mit langem Atem

Zupancic trotzt Klick-Kultur VDRJ ehrt Print-Pionier mit langem Atem

vor 6 Tagen
27 Minuten
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Beschreibung

vor 6 Tagen

Scrollst du noch oder reist du schon? Ein Reiseradio-Gespräch
darüber, warum wahre Insider nicht auf Algorithmen setzen.
Abseits von SEO-Wahn und Gratis-Content feiert ein Urgestein des
Reisejournalismus das 40-jährige Überleben der gedruckten
Reise-Recherche: Wie Chefredakteur und Verleger Jürgen Zupancic
mit seinem Print-Magazin „Clever reisen!“ dem Kiosk-Sterben
trotzt und deshalb für seinen langen Atem nun den VDRJ-Ehrenpreis
erhält.


Es war einmal ein Duisburger Biergarten, das Jahr 1986 und
eine gehörige Portion „Größenwahnsinn im guten Sinne“. Mit 3.000
Mark Startkapital und einer geliehenen Schreibmaschine hoben
Jürgen Zupancic und sein Schulfreund Wolfgang Grahl ein Magazin
aus der Taufe, das heute – vier Jahrzehnte später – wie ein
gallisches Dorf in einer Welt voller kostenloser Digital-Häppchen
wirkt. Während die großen Flaggschiffe der Reisepresse im Sturm
des digitalen Wandels die Segel streichen mussten, hält Zupancic
das Steuer von „Clever reisen!“
unerschütterlich fest in der Hand.


Der 50. VDRJ Ehrenpreisträger Jürgen Zupancic zwischen der
Laudatorin Marina Noble und dem 1. Vorsitzenden der VDRJ, Dr.
Martin Wein (Foto Jürgen Drensek)


Für diesen „langen Atem“ erhält er nun den 50.
Ehrenpreis der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ)
– eine Auszeichnung für ein Lebenswerk, das beweist, dass
journalistisches Rückgrat und wirtschaftlicher Überlebenswille
kein Widerspruch sein müssen.
Algorithmus vs. Gummibrötchen

Der Markt für gedruckte Reisemagazine gleicht heute einer
einsamen Insel, die vom digitalen Meer immer weiter unterspült
wird. Online-Content ist praktisch unbegrenzt und kostenlos
verfügbar; wer „3 Tage Lissabon mit Kind“ sucht, bekommt die
Antwort in Millisekunden. Doch Zupancic weiß um die
Schattenseiten der Gratis-Kultur: „Ein Algorithmus
merkt nicht, wenn der Traumstrand direkt neben dem Klärwerk
liegt“, konstatiert er trocken.


Während Google nur sortiert, muss der echte Reisejournalist
noch hinreisen und die Realität prüfen. Zupancic versteht sich
und sein Team als „journalistische Trüffelschweinchen“, die die
Spreu vom Weizen trennen. Er testet lieber persönlich das
„Gummibrötchen für sechs Euro“ in der Economy Class,
statt PR-Botschaften abzuschreiben. Für ihn ist klar: Wer nichts
ausprobiert, bleibt stehen – und in der Verlagswelt bedeutet das
das Aus.
Nutzwert statt Coffee-Table-Kitsch

In einem Markt, der oft nur noch aus „Content-Marketing“
besteht, setzt Zupancic auf „100% Nutzwert“.
Sein Magazin ist kein dekorativer Hochglanz-Schmuck für den
Wohnzimmertisch, sondern ein echtes Arbeitswerkzeug. Er sagt
selbst: „Clever reisen liegt wahrscheinlich nicht im Wohnzimmer,
sondern auf dem Schreibtisch oder in der Küche. Dort wird
gearbeitet.“


Seine Leser, vor allem die kaufkräftigen „Best
Ager 50+“, schätzen diese haptische Qualität und die
verlässliche Orientierung. Diese „Silver Surfer“ verfügen über
hohe Reisebudgets und einen hohen Bildungsstandard. Sie suchen
keine flüchtigen Instagram-Inszenierungen, sondern Fakten, auf
die sie ihre Urlaubsplanung stützen können.
Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen

Im Ruhrgebiet lernt man früh: „Siebenmal hinfallen, achtmal
aufstehen“. Diese Mentalität rettete das Magazin durch Krisen wie
den plötzlichen Tod seines Mitgründers 2003 oder die
Corona-Pandemie, die der Branche schlichtweg den Stecker zog.
Zupancic beschreibt sein Wirken als „kuriosen
Balanceakt“ zwischen dem Chefredakteur, der Neues wagen
will, und dem Verleger, der die Finanzen im Blick behalten
muss.


Dieser Pragmatismus führte dazu, dass er schon früh mit
technischen Neuerungen wie Augmented Reality experimentierte.
Heute nutzt er die KI als „kleines Helferlein“ für Fakten-Checks
und Rechtschreibung, betont aber: „Alles, was Verantwortung
braucht, bleibt beim Menschen.“ Sein Verlag ruht heute auf drei
Säulen: Print für die Glaubwürdigkeit, Online-Portale für den
schnellen Service und neue Nischen wie das Luxus-Segment.
Ein Manifest für die Recherche

Dass Zupancic nun den VDRJ-Ehrenpreis erhält – eine
Bronzeskulptur, die dem ältesten Wagenrad der Geschichte
nachempfunden ist –, ist ein starkes Signal gegen die
Beliebigkeit digitaler Informationen. Es würdigt einen Verleger,
der auch in stürmischen Zeiten an journalistischen Standards
festgehalten hat. „Ohne Print gäbe es kaum noch
unabhängigen Reisejournalismus“, mahnt er.


Sein Erfolg ist ein Plädoyer für den langen Atem und die
unstillbare Neugier, die ihn schon als Zwölfjährigen auf seiner
ersten Reise nach Barcelona antrieb. Am Ende des Tages bleibt
Zupancic lieber Lotse im Zeitschriftenregal, als – wie er selbst
sagt – „Bratwurst auf Schalke“ zu verkaufen.
Nicht nur wir von der VDRJ sind froh, dass er sich gegen die
Wurst und für das Wort entschieden hat.


Zwei Jürgens im Gespräch: VDRJ-Ehrenpräsident Jürgen Drensek (li)
interviewt Preisträger Jürgen Zupancic für den Reiseradio-Podcast
(Foto Marina Noble)


Vor der Preisverleihung in Duisburg hatte ich die
Gelegenheit, mit Jürgen Zupancic meinen Reiseradio-Podcast
aufzunehmen. Ein munteres Gespräch unter Reisejournalisten, denen
es wichtig ist, dass Leser, Hörer oder Zuschauer neben
Inspiration vor allem auch glaubwürdige und gut recherchierte,
verwertbare Information bekommen. Um das Gespräch zu hören, bitte
auf den PLAY Button im Titelbild klicken.


Hintergrund-Link zum Preisträger auf der Webseite der
VDRJ


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