Urlaubsfrust – Ist Reisen kaputt? Philipp Laage „Travel is broken“ - Wege aus der Urlaubsfalle

Urlaubsfrust – Ist Reisen kaputt? Philipp Laage „Travel is broken“ - Wege aus der Urlaubsfalle

vor 3 Wochen
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Beschreibung

vor 3 Wochen

Immer häufiger ertappe ich mich bei einem Gedanken, den ich jetzt
viele Jahrzehnte lang fast als Frevel empfunden hätte. Habe ich
überhaupt noch eine Freude am Verreisen? 


Seit Ende der 70er Jahre bin ich so richtig touristisch
unterwegs. Vorher, und das haben wir Millennials ja gemeinsam,
wurde eher im Schwarzwald oder an der Nordseeküste oder mal in
den Alpen Urlaub gemacht. Ein reicher Ladenbesitzer in der Straße
meiner Kindheit fuhr schon Anfang der 70er Jahre nach Tunesien,
nach Marokko oder sonst wo Exotisches hin mit dem Flieger, und
kam mit vielen Geschichten heim. Ehrlicherweise waren es eher
Souvenirs, aber natürlich hatte jeder in der Straße darüber
getuschelt.
Die erste Flugreise – Abenteuer Spantax

Meine erste Flugreise war 1977 mit der legendär-berüchtigten
Spantax nach Malaga, und glauben Sie es mir oder nicht: Ich mit
unschuldigen 18 Jahren, saß ganz hinten und sah aus dem Fenster,
wie das Triebwerk beim Landeanflug leise Flammen ausspuckte. Ein
wunderbarer Beginn einer langen Leidenschaft fürs Fliegen und
fürs Reisen…


Und jetzt auf einmal keine Lust mehr? Nein, es ist nicht nur das
Alter, wo man ja grundsätzlich etwas bequemer wird. Und es ist
auch auf keinen Fall so, dass mich die Schönheit unserer
Weltkugel nicht mehr faszinieren würde, und ich nicht mehr Pipi
in die Augen hätte, wenn ich an besonders schönen Orten einfach
nur verweile und schaue.
Reisen als Leidenschaft – und Beruf

Dabei bin ich doch eigentlich das Paradebeispiel für den
bewussten, guten Reisenden. Denn als Reisejournalist ist es ja
meine Aufgabe, vor Ort die Augen, die Ohren, die Nase offen zu
halten, zu schmecken, zu riechen, zu fühlen, um so viele
Eindrücke wie möglich in mich aufzunehmen und daraus einen
inspirierenden Bericht zu machen. Entweder als Artikel, als
Hörerlebnis oder als Fernsehfilm. 


Ich muss ja mehr sein als „nur ein normaler Tourist“, der in der
Gruppe hinter einem Führer mit Fähnchen latscht, in der Sonne
erschöpft von den langatmigen Ausführungen über kulturelle
Vergangenheiten. Nein, ich soll für sie vorreisen. Ich soll ihr
kleines Trüffelschwein sein, genau das zu erspüren, was
fremde  Länder eben so attraktiv
macht. 
Wenn das Schöne ins Kippen gerät

Und das ist des Pudels Kern. Ich habe manchmal den Eindruck, man
kann die Augen gar nicht mehr so zusammenkneifen, und nur noch so
selektiv sehen, dass man sich nur noch auf das Schöne
konzentriert. Die vielleicht größte soziale Errungenschaft, die
des Reisens für jeden, hat es leider mitgebracht im Laufe der
Jahrzehnte, daß die Welt nun voll ist von all denen, die sich
darüber aufregen, daß es so voll ist. 


Die Masse sind natürlich immer die Anderen. Und wie trefflich
kann man sich über sie aufregen, sie, die kein Wort Fremdsprache
herausbringen, die ignorant sind und eigentlich ihrem Deutschtum
weiter frönen wollen, nur mit einer veränderten Kulisse und
besserem Wetter. Viel beißende Satire gab es schon über die
Massentouristen. 


Aber man muss ja auch zugeben, wir sind an dem Punkt, wo das
Schöne des Tourismus Gefahr läuft, ins Kippen zu geraten. Jetzt,
wo auch Nationen wie Indien, China die Welt entdecken wollen.
Millionen, Milliarden Menschen mehr, die sich um die besten
Plätze an den schönsten Orte der Welt kabbeln.
Warum Urlaub zum Stress wurde

Wer nicht über sehr viel Geld verfügt, erlebt schon bei der
Ankunft am Flughafen schmerzlich und nervtötend die
Klassengesellschaft des Reisens. Die frühere Leichtigkeit gepaart
mit Erregtheit auf das, was noch kommen soll, die Vorfreude, die
Lust, ungewohntes Fremdes zu entdecken, ist zunehmend gewichen
dem Stress des Reisens. Und der setzt sich, absurderweise, in den
ja angeblich schönsten Wochen des Jahres fast an allen Punkten
des Erlebnisses fort. – Das Hotel nicht so schön wie im Katalog
erträumt, das frühe Reservieren der Liegen, das nicht gefallene
Buffet, die eingezäunte Urbanisation, die nichts von natürlichem
Liebreiz des Landes übrig lässt, Die Ausflüge, die man eher
pflichtschuldigst und nicht neugierig abhakt, weil man ja die
Sehenswürdigkeiten gesehen haben muss. Die Einheimischen, die so
nerven, weil man sich nicht versteht.
Travel is broken

Ganz schön pessimistisch, nicht wahr? Eine Jammerei auf hohem
Niveau von einem Privilegierten, der das Glück hatte, Jahrzehnte
in der ersten Reihe unterwegs sein zu können. Aber Hand aufs
Herz, wenn Sie an Ihre letzten Urlaube zurückdenken, haben Sie
nicht auch viel von dem beobachtet, was ich gerade geschildert
habe? 
Philipp Laage – Foto by William Minke

Diese gewisse Ernüchterung erlebe ich oft, wenn ich mit
Kolleginnen und Kollegen über das diskutiere, was ja unsere
Arbeitsgrundlage ist. Mein lieber Kollege Philipp Laage, der
wirklich außergewöhnlich schöne Reisereportagen geschrieben hat
und auch schon mehrfach Buchautor ist, hat das Ganze
zusammengefasst zu einem sehr treffenden Titel:
„Travel is broken. Warum Reisen oft enttäuscht und
wie wir es neu entdecken können.“ Und weil er
eben Journalist ist, lässt er es nicht einfach nur bei Gedanken,
sondern hat diese Gedanken auf 224 Seiten zwischen zwei
Buchdeckeln gepresst. Ein wirklich empfehlenswertes Buch aus dem
Kösel Verlag, um wieder neue Hoffnung zu schöpfen, wie wir aus
dieser Falle der enttäuschten Erwartungen wieder ausbrechen
können. 
Hoffnung für die Enttäuschten?

Wir haben uns dieses Buch einmal analytisch vorgenommen und ein
sehr munteres Streitgespräch daraus produziert. Warum das
Urlaubmachen einen Riss bekommen hat in seiner makellosen Fassade
– und ob es dafür ein Reparatur-Kitt gibt 
Link zum Buch

 


 


 


 


 


 


 


 


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