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Episoden
15.01.2026
19 Minuten
Manchmal kann das Leben eines Reisejournalisten schon verdammt
hart sein:
„…Für unsere Suite im 56. Stock zahlen wir noch einmal 7000 € und
sind maßlos enttäuscht. Das Essen ist schlecht (500 € für eine
trockene Languste), die Technik versagt überall. Ein
Zwischenstopp, den wir uns besser erspart hätten…“
Kommentar: Jürgen Drensek
Na, da stellt man sich doch gerne die strenge Mine der
Reisekosten-Sachbearbeiterin vor, bei der der kritische Kollege
und Hoteltester (übrigens lange Jahre Ressortleiter einer
renommierten deutschen Sonntags-Zeitung) hinterher seine
Undercover-Recherche abrechnete. Solche unlängst tatsächlich
gedruckten Kleinodien deutscher Dichtkunst sind nicht ganz
unschuldig am Ruf der Reisejournaille, immer die ersten am
Kaviarstand und die letzten an der Champagner-Bar zu sein. Dabei
ist es doch ein Bild, das mittlerweile nur noch zum manchmal
amüsanten Klischee taugt.
Das Gros der Fachjournalisten, die sich dem Thema Reise und
Tourismus widmen, dürfte sich weniger um angebrannte Schalentiere
im arabischen Luxus-Märchenschloss sorgen, als um die
Honorar-Abrechnung am Monatsende. Die Vereinigung Deutscher
Reisejournalisten (VDRJ) hat sich bei den Kolleginnen und
Kollegen, die vorwiegend die weite Welt in die Tageszeitungen
bringen, einmal umgehört. Das Ergebnis erschreckt: knappe 1700 €
beträgt das durchschnittliche Monats-Einkommen bei
freiberuflichen Print-Journalisten. Vor Steuer und
Renten-Versicherung wohlbemerkt.
Das ist weniger, als ein Berufsanfänger tariflich nach dem
Volontariat verdient; dabei sind die meisten Reisejournalisten
schon weit jenseits der 40. Wer tut sich das an? Vordergründig
möchte man sagen Lebenskünstler, Entdecker-Naturen, unruhige
Geister, die es nicht am heimischen Redaktionsschreibtisch hält.
Oder vielleicht doch eher Masochisten, denen es nichts ausmacht,
im journalistischen Standesdünkel nur mit Näschen-Rümpfen als
zugehörig zur Zunft akzeptiert zu werden? In einer Branche, in
der Politikredakteure oder eitle Fernsehmoderatoren den Platz in
der ersten Reihe beanspruchen – die sogar, wenn sie selbst das
„Guten Abend“ vom Teleprompter auf der Kamera ablesen müssen…
Wer sich heute mit professionellem Anspruch auf das Gebiet des
Reisejournalismus begibt, braucht ein dickes Fell – und möglichst
einen Partner, der das Geld verdient. Eine reiche Erbtante, die
den Drang in die Ferne post mortem unterstützt, ist allerdings
auch ganz hilfreich…
Zwischen „Rudel-Verhalten“ und Redaktions-Alltag
Aber man sollte auch durchaus selbstkritisch sein: Der anonym
bleiben wollende Pressesprecher erinnert sich mit Grausen.
Neulich auf Ibiza habe er bei einer typischen Journalistengruppe
mal etwas „ganz Revolutionäres“ versucht: Abends sollten sich die
Kollegen alleine „für die Recherche“ ins Nachtleben der
Partymetropole stürzen. Sogar gegen Quittung auf Kosten des
Veranstalters… Er hat sie dann doch eine halbe Stunde später alle
am Anfang von Eivissas „Rennbahn“ mit der vielleicht europaweit
höchsten Entertainment-Dichte wieder getroffen. Etwas hilflos als
Gruppe zusammenstehend. Und mit der Bitte, ob er denn nicht einen
Tipp hätte, wo man hier am besten hingehen sollte… Gemeinsam.
„Wenn unsere Studienreise-Gäste in der Fremde nur halb so
unbeholfen wären, wie ein Rudel verwöhnter Journalisten…“,
resigniert der PR-Mann, dem nach vielen Jahren Pressebetreuung
nichts Menschliches mehr fremd ist, und lässt die Antwort lieber
offen…
Ein Einzelfall? Wer schon einmal auf Journalistenreise dabei war
– also bei der klassischen Form der „Recherche“ vor Ort – wird
Dutzende ähnlicher Geschichten erzählen können. Kein Wunder, dass
frustrierte Fachkollegen manchmal den Eindruck haben, der
Reisejournalismus entwickele sich immer mehr zum Tummelplatz des
Dilettantismus. Das Problem ist erkannt, aber nicht gebannt. Im
Gegenteil. Zwar rangieren Reiseberichte gleich nach dem Sport auf
einem Spitzenplatz des Leser-, Hörer- oder Zuschauerinteresses,
aber in der Redaktionshierarchie sind die Tourismus-Fachleute
nach wie vor die Kellerkinder. Die meisten Chefredakteure
betreiben die Geringschätzung mit System: Über Reisen könne jeder
schreiben. Alle sind schließlich Urlaubs-Fachleute aus eigener
Erfahrung… Was bei der Beschickung selbst von langweiligen
Parteitagen undenkbar wäre und zu einem Aufstand der politischen
Redaktion führen würde, ist bei Presse-Einladungen touristischer
Veranstalter Redaktionsalltag: Die Journalistenreise als
Belohnungs-Zückerchen. Mal fünf Tage in die Sonne – aber bitte
als freie Tage anmelden…
So kommt es denn, dass in solchen Gruppen nicht selten fleißige
Lokal-Journalisten oder uninspirierte Mikrophon-Hinhalter der
Privatradios und Freizeit-Blogger in der Mehrheit sind. Dem einen
oder anderen Veranstalter mag das gar nicht so unrecht sein –
trotz heimlicher Frustration der begleitenden PR-Kollegen: wer
die Hintergründe eines Zielgebietes nicht kennt und „eigentlich
auf Urlaub“ ist, wird bei der luxuriösen Rundum-Sorglos-Betreuung
auf solchen Trips wohl eher geneigt sein, schwärmerisch die
schräge Palme am weißen Pudersand zu beschreiben… So geben sich
alle zufrieden: der Einladende, der fachfremde aber willige
Strandtester, der endlich mal weg vom Schreibtisch kam, und
zähneknirschend auch der Verantwortliche für den Etat der
Reiseredaktion – wieder billig ein Umfeld für den Werbeblock
gefüllt.
Die eigentlich Leidtragenden in diesem System der kollektiven
Ignoranz sind – neben dem Leser, Hörer oder Zuschauer – aber vor
allem die freiberuflichen, qualifizierten Fach-Journalisten.
Nicht nur, dass auch sie mit dem Vorurteil des unreflektierten
SchönwetterJournalismus fertig werden müssen; die immer weiter um
sich greifende Tendenz der Austauschbarkeit und Beliebigkeit der
Reise-Häppchen vor allem in den Tageszeitungen wird für sie zu
einem existenziellen Problem. Da scheint kein Platz mehr für die
aufwendige Reportage oder den detailverliebten Bericht. Zumindest
dann nicht, wenn es ein anständiges Honorar kostet. Gar nicht zu
reden von der KI, die heute schon, professionell bedient und mit
guten Quellen gefüttert, Reiseberichte und Bucket-Listen
ausspuckt von erstaunlicher Qualität, die kaum noch vom
geschwurbelten Einheitsbrei zu unterscheiden sind, aus dem viele
Reiseteile, vor allem in Magazinen, zusammengeklöppelt werden.
Die betriebswirtschaftliche Analyse des „Traumberufs“
Ohne die Einladungen der Tourismus-Industrie wären die freien
Schreiber aus Fleisch und Blut beruflich schon längst nicht mehr
überlebensfähig. Da mag man die Lippenbekenntnisse von
Chefredakteuren nur noch mit Sarkasmus zur Kenntnis nehmen, dass
man frei von Sponsoring und Einflussnahme der Reisebranche sei
und deshalb kritische Auseinandersetzungen mit dem Thema Urlaub
erwarte. Insider sind sich einig, dass es so gut wie keine
Redaktion in Deutschland gibt, die sich nicht – wenn immer
möglich – die Reisekosten für einen touristischen Bericht
bezahlen lässt. Nur reden darf man nicht darüber. Die
Freiberufler werden dagegen immer häufiger gezwungen, solche
wegen der Realität unsinnigen Redaktionsrichtlinien zu
unterzeichnen, die Kostenübernahmen von dritter Seite
ausschließen. So hat man zwar als Redaktion eine weiße Weste.
Aber wie ein Bericht zustande kommt – so genau möchte man es dann
doch nicht wissen bei oft noch nicht mal einem Euro pro Zeile…
Reisekosten natürlich inklusive.
„Viele Reisejournalisten sind betriebswirtschaftlich schon längst
pleite und haben es nur noch nicht gemerkt.“
Da die überwiegende Zahl der Reisejournalisten in den Listen der
touristischen Anbieter als Einzelkämpfer-„Redaktionsbüros“
firmieren (was für eine euphemische Bezeichnung für eine mühsam
freigeräumte Ecke auf dem Wohnzimmer-Sekretär), hier mal eine
kleine betriebswirtschaftliche Analyse, warum der Drang in die
Sonne finanziell in der Regel keinen Platz an der Sonne
hervorbringt. Wie sieht der berufliche Alltag des vulgo Freien
Journalisten aus? Auf der Habenseite mag die in vielen Jahren
erworbene Perfektion im Kofferpacken stehen; ein Reisepass,
dessen vollgestempelte Seiten einen ähnlichen Protzwert haben,
wie das klimpernde Lametta am Bändchen eines Kriegsveteranen beim
Vertriebenen-Treffen, und die unbedingte Small-Talk-Tauglichkeit
bei Stehempfängen, wo selbst die Stützen der Gesellschaft
mittlerweile pauschal verreisen. Die dosiert eingestreute
Globetrotter-Attitüde über die leider, leider nachlassende
Traumziel-Qualität von Bora-Bora, sobald man endlich da ist,
beeindruckt jeden Sparkassen-Filialleiter bis ins Mark.
Hoffentlich aber auch so lange, bis der nächste Antrag auf
Erhöhung des Dispokredits bei ihm auf dem Tisch liegt… Denn
wirtschaftlich gesehen sind Reisen eher kontraproduktiv.
Permanent braungebrannte Kolleginnen und Kollegen sind keineswegs
die Großverdiener der Zunft – sondern haben eher die Gold-Karte
des heimischen Sonnenstudios „Tamara“.
Die Bilanz ist sehr einfach. Noch nicht einmal einen
Taschenrechner braucht man dafür: Eines Morgens findet unser
Musterjournalist eine Einladung in seinem Postfach. Hui! oder
Tommy Koch Reisen laden ein: fünf Tage Nilkreuzfahrt auf den
Spuren von Agatha Christie oder so. Erste Hürde: den Redaktionen
dieses Thema schmackhaft machen. Abgesehen davon, dass es
mittlerweile bei manchen Themen da durchaus der rhetorischen
Fertigkeiten eines Goldenen Blatt Drückers an der Haustür bedarf,
muss der Autor schnell sein. Die Einladung ging schließlich auch
noch an andere Freie, und der Abdruck-Kuchen in den
Tageszeitungen bröselt derzeit dramatisch. Zeitaufwand für alle
Vorbereitungen: einen Tag. Die Recherche-Reise im Pool (und nicht
am Pool) dauert in der Regel fünf Tage. Vollgepacktes Programm
von Seiten des Veranstalters. Kaum Zeit für eigenes Entdecken und
damit die Chance auf einen exklusiven Einstieg. Trotzdem zu Hause
mit viel Einfühlungsvermögen und vorhandenem Basiswissen eine
nette Geschichte geschrieben; konzentriert auf 200 Zeilen, denn
mehr wird eh nicht mehr gedruckt.
Und jetzt kommt die ernüchternde Abrechnung: das Blatt mit dem
Erstdruckrecht zahlt dafür 200 Euro. Vielleicht sind zwei andere
Regionalzeitungen interessiert. Die Mehrfachverwertung bringt
noch einmal 150 Euro. Und sogar ein Foto konnte verkauft werden
für, sagen wir, 75 Euro. Ergibt zusammen? 425 Euro… Wohlbermerkt
für mehr als eine Woche Arbeit. Brutto. Kein Wunder, dass da
selbst Finanzbeamte misstrauisch werden und naiv nachfragen, ob
so viel finanzielle Selbstaufgabe nicht eher in den Bereich des
Hobbys eingestuft werden müsse, denn als seriöser Broterwerb.
Abhängigkeiten und die Frage der Glaubwürdigkeit
Auch wenn es sich grotesk anhört: für manche Freie ist die
Pressereise nicht mehr Mittel, sondern Zweck. Dabei umschwärmen
beileibe nicht nur ältere Journalistinnen mit Dauerwelle die
PR-Verantwortlichen der Veranstalter wegen der Einladungsliste
für den nächsten Trip. Der alimentierte Jet-Set spart die
Lebenshaltungskosten zuhause… Eine immer weitere Diskrepanz
zwischen dem eigenen beruflichen Dasein und dem diskreten
Luxus-Charme der VIP-Betreuung tut sich auf. Auch psychologisch.
Eine Spirale der Abhängigkeit – selbst wenn sie gar nicht
beabsichtigt gewesen sein sollte. Die Pressereise wird zum
eigentlich geldwerten Vorteil. Zum „Gewinn“, so lange eben auch
alles bezahlt wird.
Aber die Schlinge zieht sich für die Print-Journalisten noch
enger zu. Obwohl man annehmen müsste, dass der
Tageszeitungs-Reiseteil das Verlegerherz entzückt – schließlich
generiert er direkt Anzeigen – wird auch hier die Sparschraube
brutalstmöglich angezogen. Vor allem qualitätsbewusste Redakteure
sehen die Vorgaben der Geschäftsführung mit Grausen: bei fast
allen Tageszeitungen wird derzeit der Honoraretat im günstigsten
Fall eingefroren; wenn nicht gar reduziert. Was das bedeutet?
Immer mehr Raum muss mit Agenturmaterial wie dem dpa-Themendient
oder gar kostenfreien Textangeboten der PR-Schmieden gefüllt
werden. Und die wenigen freien Hausschreiber wurden mit geradezu
sittenwidrigen Änderungsverträgen traktiert, die noch rechtzeitig
vor Inkrafttreten der überfälligen Urheberrechtsreform die
Autoren im Endeffekt völlig rechtlos stellen sollten, nach dem
Erstabdruck noch irgend etwas mit ihrer geistigen Arbeit tun zu
können. Die entsetzten Juristen der Journalisten-Vereinigungen
warnten zwar entschieden, die einseitig begünstigenden
Vereinbarungen zu unterschreiben, aber viele Freie befürchteten,
eh nur die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben: entweder die
vertragliche Zumutung akzeptieren; mit der Folge, selbst bei
Mini-Honoraren gleichzeitig fast alle weiteren Nutzungsrechte
abtreten zu müssen, oder von den Verlagen auf die schwarze Liste
gesetzt zu werden.
Wer da nicht zu den Edelfedern zählt, auf die kein Verlag
verzichten möchte, kann nur auf die Kollegialität und das
Engagement der Redaktion hoffen, sich für die freien Kollegen
„oben“ einzusetzen. So viel zum Thema Traumberuf. Es sind
wahrscheinlich keine pessimistischen Annahmen, dass mittelfristig
etwa die Hälfte der auf den wirtschaftlichen Ertrag angewiesenen
freien Tageszeitungs-Autoren ihr Fachgebiet werden aufgeben
müssen. Manche mögen sich in die – natürlich heimliche –
Lohnschreiberei für PR-Agenturen begeben; mit schlechtem
Gewissen, aber wenigstens anständigen Honorarerlösen. Andere
akzeptieren zähneknirschend den Übergang in den „Amateurstatus“,
wo der Weg zum Ziel wird. Will heißen, die Reise ist
groteskerweise der Gewinn, und nicht mehr der Erlös des Abdrucks.
Und es sind keineswegs nur gelangweilte Hausfrauen und rüstige
Rentner, denen mittlerweile das Belegexemplar wichtiger ist als
Bares.
Und jetzt müssen wir die Betrachtung noch erweitern auf die –
mittlerweile gar nicht mehr neuen – Player in unserem Fachgebiet:
Blogger und Influencer. Letztere sollen hier keine Rolle spielen.
Denn die Bastion, dass Journalismus nie etwas mit
(Schleich)-Werbung zu tun haben sollte, darf einfach nicht
geschliffen werden. Influencer sind im Bereich Marketing
unterwegs und nicht in der professionellen, hinterfragenden
Berichterstattung – auch wenn etliche touristische PR-Player das
anders sehen möchten. Die vielleicht einzige Reputation, die
Journalisten – und auch journalistisch tätige Blogger – noch
verteidigen können und müssen, ist ihre Glaubwürdigkeit. Und die
kann man nicht verteidigen, wenn es zwischen Berichterstatter und
Objekt Geldflüsse und Publikations-Absprachen gibt.
„Fakt ist, in immer mehr Reiseteilen von Tageszeitungen wird
Alltours bestellt, aber Airtours erwartet.“
Ein wunderbares Thema für journalistische Seminare über Qualität
und Ethik. Dann dürfen die Verfechter der reinen Lehre wieder
salbungsvoll das weise Haupt schütteln über die vermutete
unheimliche Nähe zwischen der Reisebranche und ihren
journalistischen Beobachtern. Und Chefredakteure werden wieder
ins Mikrophon lügen, dass Autoren in ihrem Blatt selbstredend
unabhängig und frei von wirtschaftlichen Abhängigkeiten berichten
– ganz ohne rot zu werden. Fakt ist, in immer mehr Reiseteilen
von Tageszeitungen wird Alltours bestellt, aber Airtours
erwartet. Und welche Erleichterung in der Verlagsetage, wenn sich
herausstellt, dass das trockene Langusten-Würgen dann doch auf
Einladung des arabischen Hoteliers erfolgte…
Um das Studio-Gespräch zu hören, bitte auf das
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Der Beitrag Überleben am Büffet Reisejournalismus muss man sich leisten
können erschien zuerst auf Was mit Reisen.
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10.08.2025
45 Minuten
Es ist sicher keines der üblichen Jahres-Jubiläen, wo man ganz
einfach silbrige gestanzte Papier-Zahlen umkränzt von Ehrenlaub
im Schreibwarenladen kaufen kann. Es ist nur eine aufsteigende
Nummer. 35 Jahre sind West- und Ostdeutschland jetzt wieder
vereinigt. Und, wenn alles so glatt gegangen wäre, wie es die
erste Euphorie versprach zwischen der Mauer-Öffnung und der
Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990, dann wäre es wirklich jedes
Jahr auch außerhalb eines runden Jubiläums ein Datum der
gemeinsamen Deutschland-weiten Freude, und kein etwas krampfiges,
von oben verordnetes Fest in zumindest einem der Bundesländer.
Leider fühlt es sich für viele aber so an, als ob das Fremdeln
zwischen Ost und West noch nie so stark war, wie aktuell. Leider
auch, und das interessiert uns an dieser Stelle ja besonders, im
Tourismus. War man in den frühen 90er Jahren noch voller
Hoffnung, dass all die Neuen Bundesländer mit ihren wirklichen
landschaftlichen Schönheiten und der Weite als Urlaubsdestination
par excellence würden punkten können (vielleicht nicht ganz
freiwillig, da die nicht konkurrenzfähige produzierende Industrie
ja weitgehend abgewickelt wurde), konstatieren heute in vielen
Landstrichen die Touristiker eine gewisse Ernüchterung. Ja klar,
es gibt die nach wie vor beliebte Ostsee-Küste. Die ist ein
Selbstläufer, und brachte sogar die Erfolgs-verwöhnten Bayern in
der Beliebtheitsskala der deutschen Urlaubsdestinationen zur
Schnapp-Atmung. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass abseits der
Leuchtturm-Regionen bereits 20 Kilometer landeinwärts und
entfernt von den wenigen landschaftlichen oder kulturellen
Highlights die Besucher immer noch weitgehend – aus touristischer
Erwartungshaltung heraus – eine Service-Öde empfängt. Da ist viel
Schwung aus der Anfangszeit verloren gegangen, und man hat sich
innerlich wohl damit arrangiert, dass Besucher wenn, dann vor
allem aus der Region kommen, und nicht von weit her. Mehr noch:
Es gibt Landstriche außerhalb der Ballungsräume, die – man muss
es leider klar sagen – mittlerweile Besuchern das Gefühl
vermitteln, rechtsextremes Gedankengut sei salonfähig auf offener
Strasse. So etwas wirkt logischerweise abschreckend auf
Urlauber.
Tourismus im Osten Deutschlands ist also leider nicht die
Erfolgsstory, die man sich erhofft hat. Und damit auch kein
dankbares Objekt für die, die professionell darüber berichten
könnten. Vor allem also Menschen, die – da einheimisch – sich am
besten auskennen vor Ort und wunderbare Geschichten entwickeln
könnten.
Und trotzdem haben die Reisejournalistinnen und Journalisten aus
der früheren DDR in diesem Herbst ein Datum, das sie aus Herzen
feiern wollen. Etwas später als das offizielle Datum, am
Samstag, 29. November 2025 ab 17 Uhr in der Bulgarischen
Botschaft in Berlin, werden die 35 Jahre nach der
Wiedervereinigung wirklich bejubelt: denn so lange existiert dann
auch die Reisejournalisten-Vereinigung CTOUR, die sich aus den
DDR-Berufszwängen mit der Gründung Ende November 1990 befreien
wollte..
Am Anfang war der in Berlin von DDR-Journalist*innen gegründete
weitestgehend regionale Club tatsächlich geradezu ein
Selbstläufer. Endlich Reisefreiheit. Endlich Artikel aus aller
Welt schreiben können, die nicht vor Veröffentlichung mit vielen
„helfenden Hinweisen“ von oben auf Staatslinie gebracht wurden.
Denn Reise zu DDR Zeiten durfte natürlich nicht zu
träumerisch-verführerisch beschrieben werden, um keinen Kontrast
zur Misswirtschaft des eigenen Landes herauszuarbeiten. Da waren
schon „saftig-aromatische Tomaten“ in Bulgarien ein Grund zur
Zensur.
Und auch die westlich dominierte Reise-Industrie war voller
Wohlwollen gegenüber dem neuen Club. Seine Mitglieder brachten
die frohe Kunde der weiten Welt schließlich – selbst permanent
begeistert von der neuen Erfahrung – flächendeckend in die Neuen
Bundesländer, wo man einen unheimlich hohen Reise-Nachholbedarf
hatte. Win-Win.
Ehrenpräsidenten unter sich… (li) Jürgen Drensek, VDRJ,
Produzent von WAS MIT REISEN, (re) Hans-Peter Gaul, CTOUR
Ich bin ja „von der anderen Seite“… Seit vielen Jahrzehnten im
Vorstand der traditionellen bundesweiten Vereinigung der
Deutschen Reisejournalisten (VDRJ), ein Jahrzehnt deren
Vorsitzender und und jetzt Ehrenpräsident. Ich habe natürlich
auch die Konflikte mitbekommen. Gerade am Anfang, als
West-Journalisten sich schon ihren Ost-Kolleginnen gegenüber in
der Berufsauffassung sehr überlegen fühlten. Und nicht selten
ziemlich arrogant mit ihrer Weltgewandtheit kokettierten, die
doch nötig sei, um authentisch berichten zu können. Es waren aus
heutigem zeitlichen Abstand gesehen unnötige Hahnenkämpfe. Jeder
hatte seine medialen Kunden mit ihren individuellen Ansprüchen.
Und vielleicht war es so, dass der West-Leser eher das fein
geschliffene, etwas philosophische Essay über eine wandernde
Selbstfindung in den Bergen goutierte, während der Ost-Konsument
sich mehr über handfeste Service-Ratgeber freute, wie man in
Palma zur Kathedrale kommt und wo es einen günstigen Kaffee gibt…
Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken, und nicht dem
Angler.
Nun, über die Jahrzehnte hinweg hat sich aus dem anfänglichen
Fremdeln zwischen CTOUR und VDRJ ein freundliches Nebeneinander
entwickelt. Den Umständen war es geschuldet. Denn die Goldenen
Jahre im Tourismus und seinem Verhältnis generell gegenüber dem
Journalismus sind vorbei. Zusätzlich zum Druck von Seiten der
Medien, die entweder gar nicht mehr existieren (und damit kein
Ort mehr sind, um journalistische Arbeiten überhaupt zu
veröffentlichen), oder deren Honorarangebote mittlerweile ins
absolut Unanständige abgestürzt sind. Alle Journalisten kämpfen
also mit denselben Problemen. Das schweisst irgendwie zusammen.
Ich, als Ehrenpräsident der „großen“ bundesweit agierenden VDJR,
lebe und arbeite nun in Berlin. Nach wie vor dem Stammsitz von
CTOUR, dessen Mitglieder bis heute weitestgehend aus Berlin und
weit um Berlin herum kommen. So hat sich im Laufe der Jahre ein
vertrauensvolles Verhältnis bei vielen Treffen ergeben. Und nach
wie vor bin ich etwas neidisch, wie gut bei CTOUR der soziale
Aspekt, nämlich das Vereinsleben mit realen Treffen
funktioniert.
Vor allem mit Hans-Peter Gaul, dem Spiritus Rector und
unermüdlichem Organisator aller Aktivitäten von CTOUR hat sich
mit der Zeit eine wirkliche berufliche Freundschaft entwickelt.
Nur durch Zuhören lernt man, Dinge besser einordnen zu können und
Lebensläufe zu würdigen, die aus meiner westlichen Sozialisierung
und beruflichen Prägung zunächst fremd und wenig attraktiv
erschienen.
Und so habe ich mich gefreut, dass Hans-Peter Gaul – mittlerweile
auch Ehrenpräsident – nun zusagte, sich mit mir für den „Was mit
Reisen“ Podcast, das erste Reiseradio in Deutschland, zu treffen
und über die Vergangenheit zu plaudern, aus der heraus dann sein
„Baby“ CTOUR entstehen konnte. Es wurde eine sehr interessante,
journalistische Geschichtsstunde.
Wenn Sie den Podcast hören möchten, bitte auf den
PLAY Button oben im Titel-Bild klicken
Links
CTOUR
Der Beitrag Reise-Journalismus in der DDR Hans-Peter Gaul über 35 Jahre CTOUR
Entwicklung danach erschien zuerst auf Was mit
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03.07.2025
44 Minuten
Nach dem Sturm im Wasserglas nach der ZDF Insider Doku über die
TUI hoffe ich einfach mal, dass man mir es abnimmt, Insider zu
sein nach über 40 Jahren Reise-Fach-Journalismus – auch, wenn ich
keinen falschen Bart trage oder eine mottige
Perücke…
Ich nehme als These bewusst diese eigentlich wirklich
harmlose ZDF Sendung, weil sie aktuell so deutlich macht, wie
Kritikunfähig die Branche geworden ist. OK, wir sind uns einig:
das war kein Pulitzer-Preis-verdächtiger Journalismus. Dazu noch
etwas reisserisch aufgemotzt. Wichtig ist nur: da war bis auf
Nuancen nichts drin, das das Etikett „falsche Anschuldigungen“
rechtfertigen würde. Jeder, der im Tourismus arbeitet, weiss,
dass alle gemachten Vorwürfe im Kern stimmen. Von daher kann sich
eigentlich nur die TUI grämen, dass sie stellvertretend zum
Watschen-August gemacht wurde. Als Marktführer sollte man so
etwas aushalten.
Was aber folgte, vor allem auf der Webseite der fvw, das hat mich
schon umgehauen. Mit welchem Hass auf Medien da teilweise
gekübelt wurde – Lumpenjournalismus, Schmierentheater, Gebühren
Missbrauch, Journalisten-Bestrafung… Selbst die TUI gerierte sich
als beleidigte Leberwurst und raunte etwas von angeblichen
Insidern, die für ihre Aussagen honoriert worden seien. Was
natürlich Quatsch ist, wie das ZDF mittlerweile klargestellt hat.
Und dann gab es im Pressetext der TUI die „richtigen Antworten“ –
die in der Regel aber nichts anderes waren, als PR-Geschwurbel
ohne Fakten-Basis.
Bei der fvw gab es eine Umfrage. Und nur etwas mehr als die
Hälfte der Teilnehmer war der Ansicht, so etwas müsse sich die
Reisebranche gefallen lassen. Die andere Hälfte fand es ganz
unmöglich, obwohl sie fachlich wissen, dass die Vorwürfe nicht
aus der Luft gegriffen waren.
Wie kann es sein, dass das weltweit führende
Kreuzfahrt-Unternehmen Carnival auf eine berechtigte Video-Kritik
von zwei britischen Cruise-Vloggern nicht souverän reagiert mit
dem Eingeständnis, dass ihr Produkt einfach zum Zeitpunkt der
Aufnahmen schlecht war (und sich bei den Kunden entschuldigt)… –
sondern vielmehr lapidar ohne weitere Erläuterung die beiden
Überbringer der schlechten Nachricht fünf Jahre von sämtlichen
Schiffen der gesamten Gruppe verbannen will?!
Mittlerweile merkt man auch bei Carnival, dass man mit dieser
Strafaktion mächtig ins Klo (offenbar eben sehr ungereinigt auf
manchen Schiffen) gegriffen hat, und versucht nach massivem
Protest Schadensbegrenzung. Wie kann es so weit kommen? Der
Versuch eines Rückfalls in finstere Zensur-Zeiten, weil Trump und
Co es schließlich vormachen, wie man mit den „Feinden des Volkes“
umzugehen hat?
Das war mein Ansatz, als mich Michael Buller bat, bei den VIR
Innovationstagen in einem Journalistenpanel den Blick von
außen auf die Branche zu wagen: ist das gerechtfertigt, dass
Touristiker sich benehmen, wie eine hysterische Diva, sobald es
eine negative Kritik gibt? Und warum ist die Branche der
Profi-Gastgeber so unentspannt geworden?
Zusammen mit den beiden Kollegen Tom Nebe von der dpa und
Mauritius Kloft von t-online stelle ich mich den Fragen von Roman
Borch, der unsere Podiumsdiskussion auch gleich für seinen
travelholics Podcast live vor Publikum aufgezeichnet hat.
Um den Podcast zu hören, bitte auf das KOPFHÖRER Symbol oben im
Foto klicken.
Der Beitrag Tourismus mag keine Kritik? Travelholics Podcast mit mir auf den VIR
Innovationstagen 2025 erschien zuerst auf Was mit
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16.02.2025
23 Minuten
https://wasmitreisen.com/wp-content/uploads/2020/03/Reiseradio-mit-Michael-Mueller-final-20230216.mp3
Ein Gespräch mit Michael Müller. Beim Namen allein klingeln jetzt
bei Ihnen vielleicht noch nicht die Erkenntnisse. Aber wenn ich
dazu sage: ich unterhalte mich mit dem Reisebuch-Verleger Michael
Müller, dann ist das sicher ganz anders.
Seit 1977 gibt es seine Reiseführer, die für viele, die
individuell unterwegs sein wollen, so etwas, wie die Backpacker
Bibeln sind. Das erste Büchlein, das Michael Müller über sein
geliebtes Portugal schrieb, wurde noch auf einer
Kugelkopf-Schreibmaschine getippt und hatte selbst gemalte Karten
drin zur Orientierung.
Davon sind die Reiseführer heute, mittlerweile über 250,
natürlich Universen entfernt. Und sie bieten Information und
Inspiration auch für diejenigen, die pauschal an einen Urlaubsort
gelangen. Aber dort mehr entdecken möchten, als die All-Inklusive
Ferienanlage am Strand.
Die Mitglieder der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten
VDRJ haben bei Ihrer letzten Hauptversammlung in geheimer
Abstimmung entschieden, Michael Müller für sein Lebenswerk, aber
auch für seine Neugierde, neue digitale Formen für zukunftsfähige
Reiseführer zu entwickeln, den Ehrenpreis für herausragende
Verdienste um den Tourismus anzutragen.
Reisebuch-Verleger Michael Müller (li) mit VDRJ-Ehrenpräsident
Jürgen Drensek – Foto Marina Noble
Bei der Preisverleihung in Erlangen, am Sitz des Verlages, hatte
ich Gelegenheit, mit dem rührigen Verleger dieses Gespräch für
das Reiseradio zu führen.
Bitte mit Klick auf den Player den Reiseradio-Podcast
starten
Hintergrund zum Ehrenpreisträger Michael
Müller
Laudatio von Marina Noble auf Michael
Müller
Der Beitrag Ich muss zuversichtlich bleiben Michael Müller über Zukunft der
Reiseführer erschien zuerst auf Was mit Reisen.
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10.10.2024
21 Minuten
Die beruhigendste Vision für die Reisebranche kam auf dem
Hauptstadt-Kongress des DRV ausgerechnet von Wirtschaftsminister
Robert Habeck. Er sei sich sicher: immer mehr Deutsche würden in
Zukunft reisen. Hört sich erst mal harmlos an. Was man eben so an
Nettigkeiten sagt, wenn man auf einem Branchentreffen
spricht.
Aber mit so einer Aussage müsste der Vize-Kanzler sicher derzeit
bei etlichen anderen Branchen vorsichtig sein. Immer mehr
Menschen werden in Zukunft deutsche Autos kaufen? Eher nein.
Immer mehr Menschen werden in Zukunft hochpräzise, mechanische
deutsche Industriegüter erwerben..? No! Zahnräder und Co haben
den Zenit des Sexy-seins schon längst überschritten… So, wie fast
alles, was in heimischen Fabriken leider zu hohen Preisen
gefertigt werden muss.
Die Wirtschaft der Zukunft wird sich auch in Deutschland immer
mehr verschieben vom Blaumann und dem Schraubenschlüssel, hin zur
Dienstleistung. Und Tourismus ist in Deutschland nun mal die
Dienstleistungs-Branche schlechthin; auch bei der Zahl der
Beschäftigten.
Für Habeck ist das Reisen eine gewünschte politische Kraft. Nicht
nur eine Kraft-Quelle. Ohne Reisen sei eine moderne Welt für ihn
nicht mehr vorstellbar. Das Reisen sei geradezu der Gegenentwurf
zu Krieg, kulturellem Missverständnis und aggressiven
Vorurteilen.
Und doch findet diese organisierte Landverschickung nicht in
einer vor der realen Welt schützenden Blase statt. Die
Reise-Industrie wird seit Jahren extrem gebeutelt durch äußere
Einflüsse. Waffen-Konflikte, Terrorismus, Klima-Katastrophen,
Pandemien und – selbst verursacht – Over-Tourism, der die Freude
vor Ort verdirbt.
Und mehr noch. Sie sieht ihr Geschäftsmodell permanent
missverstanden in der bürokratischen Regulierungswut seitens
Brüssel. Stichwort: Fragwürdige Überarbeitung der
Pauschalreise-Richtlinie, gewollte Ausdehnung des kompletten
Verbraucher-Schutzes auch auf Einzel-Leistungen, hemmende, nicht
effektive Verordnungen und Gebühren-Belastungen, die die
Wettbewerbsfähigkeit angreifen gegenüber Playern aus den
nicht-europäischen Ausland.
Das ist die aktuelle Gemengelage. Ja, man ist selbst erstaunt
darüber, dass die Menschen in einem Maße Urlaub machen, wie man
es sich vor einem Jahr nicht erhoffen wollte angesichts der
prognostizierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen.
Rahmen-Bedingungen. Der unbedingte Reisewunsch
scheint einfach in der DNA der Deutschen zu
liegen.
Aber ist er resilient, wenn die Gesamt-Situation sich weiter eher
negativ entwickelt? Da ist auch Norbert Fiebig, der Präsident des
Deutschen Reise Verbandes, eher vorsichtig zurückhaltend. Mit ihm
unterhielt ich mich am Rande des Kongresses in Berlin.
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Der Beitrag Pauschal gesagt: gute Reise Interview mit DRV-Präsident Norbert
Fiebig erschien zuerst auf Was mit Reisen.
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