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29 Minuten
Es ist ein Dienstagmorgen im August 2026, die Luft über Sizilien flirrt vor Hitze, doch es ist nicht nur der Schirokko, der den Urlaubern den Atem raubt. Über Catania hängt ein grauer Schleier, feiner als Puderzucker, aber tückisch wie Glassplitter: Es stinkt nach feuchter Vulkanasche. Der Ätna, Europas unberechenbarer Gigant, hat wieder einmal beschlossen, das letzte Wort zu führen. Während die Touristen in den Cafés der Via Etnea normalerweise ihren Espresso genießen, blicken sie heute starr auf ihre Smartphones. Die Nachricht ist überall dieselbe: Warnstufe Rot.

Der Stillstand am Tor zur Insel

Hinter den Kulissen des Flughafens von Catania spielt sich ein logistischer Albtraum ab. Normalerweise werden hier jährlich mehr als zwölf Millionen Passagiere abgefertigt. Doch an diesem Morgen ist die Bilanz ernüchternd: Nur eine einzige Maschine konnte für einen Inlandsflug abheben. Auf dem Rollfeld bietet sich ein gespenstisches Bild. Flugzeuge, die Millionen wert sind, stehen unter grauen Abdeckplanen; besonders die Triebwerke müssen akribisch vor dem Ascheregen geschützt werden. Währenddessen kämpfen Reinigungstrupps in einer Sisyphusarbeit gegen die Natur an, um die Start- und Landebahnen immer wieder von den vulkanischen Partikeln zu befreien.

Für die rund 30.000 betroffenen Menschen bedeutet dies: Warten. Die Unterkünfte auf der Insel sind zur Hauptreisezeit restlos ausgebucht, was dazu führt, dass Reisende die Nacht auf dem harten Boden des Terminals verbringen müssen. Die Stimmung schwankt zwischen Resignation und Wut, oft befeuert durch ein Bodenpersonal, das sichtlich überfordert ist, und Fluggesellschaften, deren Hilfestellungen viele Passagiere als unzureichend beschreiben.

Kapitalismus im Schatten des Vulkans

Wo Not herrscht, ist die Gier oft nicht weit. Der italienische Schauspieler Filippo Laganà machte seinem Ärger auf Instagram Luft und berichtete von Geschäftemachern, die die Verzweiflung der Gestrandeten schamlos ausnutzen. Wer versucht, auf den Flughafen von Palermo auszuweichen, muss tief in die Tasche greifen: Bis zu 700 Euro verlangten Shuttle-Anbieter für die rund 200 Kilometer lange Strecke.

Die Flucht auf die Schiene ist kaum einfacher. Die direkte Bahnverbindung zwischen Catania und Palermo ist wegen Bauarbeiten unterbrochen; wer den Umweg über Messina wählt, landet in Zügen, die so überfüllt sind, dass man kaum stehen kann. Selbst die Fernzüge Richtung Rom sind auf Tage hinaus ausgebucht. Sizilien, das Paradies, ist in diesen Tagen für viele zu einem goldenen Käfig aus Asche geworden.

Recht haben und Recht bekommen

Inmitten dieses Chaos stellt sich die existenzielle Frage: Wer zahlt das alles? Inga Eleni Esch vom Europäischen Verbraucherzentrum (EVZ) Deutschland bringt es auf den Punkt: Ein Vulkanausbruch gilt rechtlich als „außergewöhnlicher Umstand“. Das bedeutet für Reisende zunächst eine schlechte Nachricht: Eine zusätzliche Entschädigungszahlung, wie man sie von profanen Verspätungen kennt, gibt es nicht.

Doch die Airlines sind nicht gänzlich aus der Pflicht. Nach der EU-Fluggastrechteverordnung müssen sie Betreuungsleistungen erbringen. Das bedeutet konkret:

Verpflegung: Angemessene Mahlzeiten und Getränke während der Wartezeit.

Kommunikation: Zwei kostenlose Telefonate oder E-Mails.

Übernachtung: Falls der Ersatzflug erst am nächsten Tag startet, muss die Airline das Hotel und den Transfer bezahlen.

Wer sich in der Hitze des Gefechts selbst um ein Zimmer kümmert, sollte unbedingt alle Quittungen sammeln, um die Kosten später einzureichen. Besonders wichtig: Die Airline ist verpflichtet, eine Ersatzbeförderung anzubieten – sei es mit einer anderen Maschine, einer anderen Airline oder einem anderen Transportmittel wie dem Bus oder der Bahn.

Das Privileg der Pauschalreise

In Krisenzeiten zeigt sich der wahre Wert des klassischen Reiseveranstalters. Wer pauschal gebucht hat, steht deutlich sicherer da. Ab der fünften Stunde der Verspätung greift ein Minderungsrecht: Der Tagesreisepreis reduziert sich um fünf Prozent für jede weitere Stunde. Zudem muss sich der Veranstalter um alles kümmern, inklusive bis zu drei zusätzlicher Hotelübernachtungen, falls nichts mehr geht.

Diesen Betreuungs-Luxus haben Individualreisende nicht. Sie müssen jedes Hotel, jeden Mietwagen und jeden Flug separat stornieren oder umbuchen. Hier gilt oft das gnadenlose Kleingedruckte: Ist das Hotel am Zielort geöffnet und erreichbar, muss trotz Flugausfall oft gezahlt werden, es sei denn, man findet eine Kulanzlösung. Auch herkömmliche Reiserücktrittsversicherungen winken bei Naturkatastrophen oft ab – es sei denn, man hat das teure Premium-Paket gebucht.

 

Ein Blick zurück nach vorn

Die aktuelle Lage weckt Erinnerungen an das Jahr 2010, als der isländische Eyjafjallajökull den europäischen Luftraum fast eine Woche lang lahmlegte. Doch die Luftfahrt hat gelernt. Statt pauschaler Flugverbote gibt es heute präzisere Vorhersagemodelle und abgestufte Aschezonen. Dennoch bleibt das Restrisiko Natur. Wer klug ist, trägt sich in die Krisenvorsorgeliste der deutschen Botschaft ein und hält engen Kontakt zum Veranstalter.

Zitronen und Zuversicht

Am Ende hilft im Chaos sowieso nur noch Galgen-Humor. Inmitten der fluchenden Menge am Busbahnhof sitzt ein älteres Ehepaar aus Castrop-Rauxel. Sie haben ihren Flug nach Hause vor drei Tagen verpasst. Ihr Koffer ist irgendwo zwischen Check-in und Aschewolke verschollen. In der Hand halten sie zwei Plastikbecher mit tiefgelber Zitronen-Granita. „Wissen Sie“, sagt der Mann und wischt sich ein paar graue Ascheflocken vom Hemd, „der Flieger ist weg, das Geld wohl auch. Aber so eine Granita schmeckt nirgendwo so gut wie hier, auch, wenn man eigentlich schon längst wieder im Büro sitzen müsste. Der Berg hat uns halt noch ein paar Tage geschenkt.“

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Der Beitrag Ascheregen über der Urlaubsidylle Wenn der Ätna den Flug diktiert - Rechte für Reisende? erschien zuerst auf Was mit Reisen.
27 Minuten
Es gibt Reisejournalisten, die Länder sammeln. Und es gibt Reisejournalisten, die Menschen sammeln. Uwe Krist gehörte für mich immer schon immer zur zweiten Sorte.

Wer, wie wir, viele Jahre über touristische Ziele schreibt, sie filmt oder in Hör-Reportagen verwandelt, lernt irgendwann eine einfache Wahrheit: Die eigentlichen Sehenswürdigkeiten bestehen nicht aus Stein. Sie haben Gesichter. Sie erzählen Geschichten. Sie lachen, streiten, lieben und schweigen. Genau dort beginnt der Reisejournalismus, der mich von Anfang an fasziniert hat – weit entfernt von Hotelrankings, Restauranttipps und den berühmten „Zehn Dingen, die man unbedingt gesehen haben muss“.

Wenn ich heute, selber schon fast im Abklingbecken für arbeitsmäßig etwas weniger aktive journalistisch geladene Teilchen, auf das schaue, was als „Reisebericht“ veröffentlicht wird, vermisse ich manchmal diese Art des Reisens. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil sie auf einer Haltung beruhte: Erst verstehen, dann erzählen.

Vielleicht freue ich mich deshalb so darüber, dass mein langjähriger Kollege und kollegialer Freund Uwe Krist heute Romane schreibt. Nicht, weil er dem Journalismus den Rücken gekehrt hätte. Sondern weil ich darin die logische Fortsetzung eines Berufslebens erkenne, das immer von Neugier, Respekt und genauer Beobachtung geprägt war.

Reisen beginnt mit Zuhören

Wer Uwe Krist kennt oder ihm zuhört, merkt schnell, dass ihn Italien nie nur als Reiseziel interessiert hat. Natürlich kennt er die Küsten Kalabriens, die kleinen Bergdörfer, die versteckten Trattorien und die großen Plätze Neapels. Aber das war nie sein eigentliches Thema.

Uwe Krist in Sorrent – alle Fotos Brigitte Jedlin

Sein Thema waren immer die Menschen. Man spürt auf jeder Seite, dass hier keiner über Italien schreibt, weil er dort Urlaub gemacht hat. Sondern weil er dort jahrzehntelang zugehört hat. Wer so reist, sammelt keine Sehenswürdigkeiten. Er sammelt Begegnungen. Und irgendwann entsteht daraus etwas, das weit über eine Reportage hinausgeht. Ich glaube, genau deshalb überrascht mich sein Schritt zum Romanautor überhaupt nicht.

Ein Beruf ohne verdiente Anerkennung

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unseres Berufs, dass Reisejournalismus in vielen Redaktionen nie den Stellenwert besaß, den ihm die Leser längst verliehen hatten. Politik galt als wichtig. Wirtschaft als seriös. Kultur als intellektuell. Und Reisen? Das wurde und wird oft als angenehme, aber lässliche Randerscheinung betrachtet.

Dabei war guter Reisejournalismus immer viel mehr als eine hübsche Beschreibung von Landschaften. Er war Geschichtsunterricht, Kulturvermittlung, Gesellschaftsreportage und manchmal sogar politische Analyse. Wer ein Land wirklich verstehen will, muss sich mit seiner Geschichte beschäftigen, mit seiner Mentalität, seinen Widersprüchen und seinen Menschen.

Vielleicht greifen Leser gerade deshalb seit Jahrzehnten so gern zu Reisegeschichten. Nicht, weil sie nur vom nächsten Urlaub träumten. Sondern weil sie neugierig auf andere Lebenswelten waren.

Zwischen Reportage und Roman

Heute wird Reisen millionenfach in sozialen Netzwerken gezeigt. Vieles davon ist beeindruckend produziert, unterhaltsam und inspirierend. Daran ist nichts auszusetzen. Aber Begeisterung ersetzt keine Recherche. Ein Sonnenuntergang braucht keine Einordnung. Eine Gesellschaft schon.

Der Unterschied zwischen Influencer und Reisejournalist liegt deshalb nicht in der Qualität der Bilder. Sondern in der Haltung. Der eine teilt persönliche Eindrücke. Der andere versucht, Zusammenhänge zu verstehen und verständlich zu machen. Beides hat seinen Platz. Aber es ist nicht dasselbe.

Vielleicht ist genau deshalb der Roman manchmal die konsequenteste Fortsetzung eines guten Reisejournalisten. Denn dort darf endlich all das erzählt werden, wofür in einer Reportage oft kein Platz bleibt.

Italien nicht erklären – sondern erleben

Das beginnt schon mit den beiden Romanen selbst. „Elisabetta oder Das Sterben der Grille“ ist weit mehr als eine Geschichte vor italienischer Kulisse. Es ist ein Roman über Erinnerung, Abschied und die leisen Veränderungen eines Landes, das zwischen Tradition und Gegenwart seinen eigenen Rhythmus sucht. Italien bildet hier keine dekorative Bühne. Es ist selbst eine Figur – mit all seiner Schönheit, seinen Brüchen und seiner Melancholie.

Ganz anders kommt „Margherita und die Liebe zum Damenbart“ daher. Schon der ungewöhnliche Titel macht neugierig. Mit feinem Humor und liebevoll gezeichneten Figuren erzählt Uwe Krist von den Eigenheiten Sorrents, von skurrilen Begegnungen und von Menschen, die einem lange im Gedächtnis bleiben. Hinter den kleinen Geschichten verbirgt sich ein tiefes Verständnis für die Mentalität des Südens – für seine Herzlichkeit ebenso wie für seine Widersprüche.

Beide Romane verbindet etwas, das heute selten geworden ist: Sie wollen Italien nicht erklären. Sie lassen den Leser Italien erleben.

Wenn Literatur zum besseren Reiseführer wird

Nachdem ich die beiden Bücher durchgeschmökert hatte, ließ mich eine Frage nicht mehr los: Kann Reiseliteratur vielleicht der bessere Reiseführer sein? Ich erinnere mich, wie gerne ich früher die Merian Hefte verschlungen habe. Diese tollen Geschichten rund um ein Ziel. Alle geschrieben von sehr kundigen und professionellen Kollegen und Kolleginnen. Nach so einem Heft war ich dann viel bereiter für meine eigene Reiserecherche. 

Deshalb würde ich auch oder gerade heute die Frage beantworten mit: Ja. Nicht, weil sie die besseren Adressen kennt oder den schnellsten Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit weist. Sondern weil sie den Blick verändert. Nach einem guten Roman gehe ich anders durch eine italienische Gasse. Ich sehe nicht nur Fassaden. Ich frage mich, wer hinter den Fensterläden lebt. Ich höre Dialekte bewusster. Ich verstehe Gesten besser. Ein Reiseführer zeigt den Weg. Ein Roman zeigt den Menschen, der mir unterwegs begegnen könnte. Und genau darin liegt seine Stärke.

Der schönste Luxus eines Reisejournalisten

Manchmal stelle ich mir vor, wie Uwe Krist heute irgendwo auf einer Piazza in Kalabrien sitzt. Kein Aufnahmegerät mehr auf dem Tisch. Keine Redaktion, die auf den Abgabetermin wartet. Kein fester Umfang, keine Zeichenvorgaben. Nur Zeit.

Vielleicht ist genau das der größte Luxus, den sich ein Reisejournalist nach einem langen Berufsleben wünschen kann: Geschichten endlich so erzählen zu dürfen, wie sie erzählt werden möchten. Nicht in 8.000 Zeichen. Sondern mit all den Farben, Stimmen und Zwischentönen, die ein Roman zulässt.

Der Journalist muss sich an die Fakten halten. Der Romanautor darf den Wahrheiten folgen. Und manchmal liegen diese Wahrheiten näher beieinander, als man denkt.

Warum ich optimistisch bleibe

Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die ich aus Uwe Krists literarischem Weg mitnehme: Guter Reisejournalismus verschwindet nicht. Er sucht sich neue Formen. Mal heißt sie Reportage. Mal Podcast. Und manchmal eben Roman.

Wenn wir wissen möchten, wo der schönste Strand liegt oder welches Restaurant montags geöffnet hat, kaufen wir einen Reiseführer. Wenn wir verstehen möchten, warum ein Land seine Menschen prägt – und seine Menschen wiederum das Land –, dann greifen wir vielleicht besser zur Literatur.

Denn Reiseführer erklären Orte. Gute Geschichten erklären Menschen. Und erst aus beidem entsteht eine Reise.

Ich habe lange überlegt, wie ich mich den Büchern von Uwe annähern soll hier auf meinem WASMITREISEN Blog und in meinem Reiseradio. Natürlich könnte ich den klassischen Weg gehen, mir Fragen ausdenken und Uwe einladen zu einem Interview vor dem Mikro. Daran ist überhaupt nichts verkehrt. Wahrscheinlich wäre es ein sehr munteres Gespräch geworden. Und sehr authentisch. Weil, was kann näher an die Gedanken eines Autoren kommen, als seine eigenen Worte?

Aber dann dachte ich mir: warum nicht mal was anderes, jetzt, wo im neuen Podcast Hype nun wirklich kein Mangel mehr besteht an Interviews oder Plauder-Talks zwischen zwei Menschen. Kann da nicht der gute alte gebaute Hörfunk-Beitrag, so, wie ich es Anfang der 80er Jahre gelernt habe beim WDR, eine Renaissance erleben? Erst eine Tiefenanalyse von Text und Quellen, dann ein grobes Script und dann ein Zweier-Studiogespräch mit verteilten Rollen. Eine gesprochene Quintessenz ohne Schnörkel, aber mit Erkenntnis und Unterhaltungswert….

Das Ergebnis möchte ich Ihnen gerne ans Herz legen.

Den Podcast können Sie hören, wenn Sie auf das Kopfhörer-Symbol im Titelbild klicken.

 

Bücher von Uwe Krist bei Amazon

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Beitrag Die Seele eines Landes passt in keinen Reiseführer Warum ich mich freue, dass Uwe Krist heute Romane schreibt erschien zuerst auf Was mit Reisen.
26 Minuten
Früher begann die Urlaubsplanung mit Sehnsucht. Nach Sonne, Meer oder einfach einem Ort, an dem niemand fragt, ob man „kurz noch in diesen Call springen“ kann.

Dann kam das Internet und machte aus Sehnsucht eine Suchmaske. Also, wenn man nicht zu den Nostalgikern zählt, die nach wie vor denken, eine gute Expedienten-Beratung im Reisebüro ist das Beste, was mir als Urlauber passieren kann..

Also mussten wir Formulare bedienen, um ans Meer zu kommen: Reisedatum, Zimmerkategorie, Transferwunsch, Haustier. Wer bloß eingab: „Ich will irgendwohin, wo es warm ist und die Kinder nicht nach drei Stunden durchdrehen“, galt im System als Störfall.

Aber auch diese Ära endet gerade. Künstliche Intelligenz bricht die Reisebuchung um. Aus der starren Suche wird ein Gespräch, aus der Liste mit 1.743 Treffern ein konkreter Vorschlag.

Die Maschine lernt, was wir meinen

Der Unterschied zu früher: KI verarbeitet keine Schlagwörter mehr, sie erkennt Absichten. Wer heute tippt: „Wir wollen im Sommer mit den Kindern und dem Hund an den Strand“, füttert ein System, das mitdenkt.

Die KI kombiniert die Daten im Hintergrund: Sie sieht den Abflugort Berlin, filtert passende Strände von der Ostsee bis Dänemark, prüft Einreisebestimmungen für den Hund und berechnet die Fahrtzeit. Wenn Italien mit dem Camper 18 Stunden dauert, schlägt das System einen Zwischenstopp vor – bevor die Familie auf Höhe München kollektiv die Nerven verliert. Die Maschine zwingt uns nicht mehr in ihre Tabellenlogik, sie passt sich unserer Sprache an. Für uns Reisende fühlt sich das an wie das alte Reisebüro an der Ecke – nur eben digital, rund um die Uhr und mit der Leistung eines Rechenzentrums im Hintergrund.

Der neue Luxus und die unsichtbare Sortierung

Das klingt bequem: Keine 36 offenen Browser-Tabs mehr, kein nächtliches Vergleichen von Hotelbewertungen. Die KI nimmt uns die kognitive Schwerstarbeit ab. Wir äußern Wünsche, die Maschine sortiert vor.

Aber genau hier entsteht eine neue Abhängigkeit. Wenn die KI auswählt, sehen wir nur noch das, was der Algorithmus für relevant hält. Die alte Ergebnisliste war mühsam, bot aber Kontrolle. Die KI liefert weniger Chaos, aber auch weniger Transparenz. Wir bekommen eine kuratierte Antwort.

Wer sortiert hier eigentlich für uns?

Dabei bleibt offen, nach welchen Kriterien das System filtert: Qualität, Preis, Provision oder Verfügbarkeit? Für Reiseanbieter verschiebt sich der Markt komplett. Früher kämpften sie um Plätze bei Google. Künftig geht es um GEO: Generative Engine Optimization. Wer seine Daten nicht maschinenlesbar bereitstellt, existiert für die KI nicht. Das Angebot ist dann nicht schlecht – es ist schlicht unsichtbar. Die besten Empfehlungen sind nicht automatisch die objektiv besten Reisen, sondern die, die das System am leichtesten verarbeiten kann.

Bei Algorithmen zählt vor allem Vertrauen

Das erklärt, warum der Mensch die Blackbox retten muss. Je stärker Algorithmen vorsortieren, desto wichtiger wird Vertrauen. KI formuliert beeindruckend, aber sie halluziniert auch. Sie missversteht Verfügbarkeiten oder klebt Details aus unterschiedlichen Quellen zu einem allzu schönen Gesamtbild zusammen. Bei einem Ladekabel ist das egal, bei einer Familienreise für 5.000 Euro nicht.

Hier schlägt die Stunde für echte Reisebüros und Touristiker. Sie sind keine analogen Restposten, sondern das Gütesiegel in der Flut. Ein guter Berater weiß, ob das „charmante kleine Hotel“ wirklich charmant ist oder nur winzig. Er weiß, ob der flache Strand für Kinder taugt und wann er dem Kunden sagen muss: „Diese Flugverbindung ruiniert Ihnen den ersten Urlaubstag.“ Das ist Expertise, keine Romantik.

Reisebüro stirbt nicht – aber muss besser werden

Einfache Buchungsarbeit, das reine Eintippen von Daten und Preisvergleiche, wird die Maschine übernehmen. Menschliche Beratung verschwindet nicht, sie verändert ihren Wert. Erfolgreiche Reisebüros müssen künftig Kurator und Vertrauensinstanz sein. Für junge Touristiker heißt das: KI ist kein Feind, sondern ein Werkzeug. Datenkompetenz, Zielgebietswissen und Empathie gehören ab jetzt zusammen.

Brauchen perfekte Reisen etwas mehr Chaos?

Vielleicht plant die KI irgendwann den perfekten Urlaub: wetteroptimiert, stressfrei und hundefreundlich. Dann merken wir vermutlich, dass perfekte Reisen langweilig sind.

Die besten Geschichten entstehen dort, wo der Plan versagt: im falschen Bus, im seltsamen Restaurant oder in der Pension ohne Website, deren Gastgeber den besten Sonnenuntergang kennt. Der neue Luxus ist nicht die perfekte Maschine, sondern der Mensch, der weiß, wann fünf Prozent Chaos einer Reise guttun. Die schönsten Wochen des Jahres brauchen mehr als Daten: Sie brauchen Vertrauen, Erfahrung und jemanden, der sagt: „Nehmen Sie nicht das perfekte Hotel. Nehmen Sie das, an das Sie sich erinnern werden.“

Die V-I-R Innovationstage und ihre Botschaft

Das ist auch das Thema in meinem heutigen Deep Dive Podcast. Inspiriert wurde ich dazu von den, wie immer, hervorragenden Innovationstagen des V-I-R. Bei diesem Verband geht es logischerweise komplett um die „neue Internet-Reisewelt“, und wie sie sich verkaufen lässt. Das klassische Reisebüro ist da eher nicht Mitglied. 

Aber gerade deshalb – auch durchaus im Sinne des Stationären Vertriebs – findet im Virtuellen derzeit die Entscheidungsschlacht statt, wie wir in Zukunft unsere Reisen buchen. Wie sehr die KI die Touristik gerade umkrempelt. Es gibt kaum ein spannenderes Thema. Wer hat künftig die beste Expertise und ist der beste Reiseberater und Kümmerer?

KI-Impulse für die Zukunft der Beratung

Grundlage für unsere Analyse des Status Quo – der sich, wie wir wissen, wahnsinnig schnell und radikal verändern kann – sind zwei Vorträge auf den V-I-R Innovationstagen 2026: Marco Otte-Witte und Florian Pichler von Mainmatter haben sich gefragt, was die neuen KI-Wege der Informationssuche für klassische Reiseangebote und ihre Darstellung bedeuten. Und Henrike Lewerenz (Google), Henning Höne (FDP), Salim Sahi (Holologix) und Marco Otte-Witte (Mainmatter) haben sich, moderiert von Travelholics-Host Roman Borch, vorsichtig der Frage angenähert, ob KI nicht gleich ganz die Tourismus-Branche übernimmt…?

Ich denke, in unserem Podcast haben wir es geschafft, die vordergründig sehr technische Seite sehr erlebbar und verblüffend Augen-öffnend zu analysieren.

 

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Gast-Vorlesung

Aus der Vorbereitung für diesen Blog-Post und den Deep-Dive-Podcast entstand auch das Script für meinen Vortrag anlässlich einer einführenden Gast-Vorlesung für die Studierenden des Dualen Studiengangs Tourismus-Management an der IU, der Internationalen Hochschule

Der Beitrag KI revolutioniert die Reisebuchung Aus Suchmaske zur Sehnsucht - Stärke der Reisebüros erschien zuerst auf Was mit Reisen.
31 Minuten
Gedanken von Jürgen Drensek

Manchmal passiert es auch mir abends, dass ich mich in den endlosen Weiten von Instagram verliere. Ich scrolle vorbei an makellosen Infinity-Pools, perfekt ausgeleuchteten Boutique-Hotels und Sonnenuntergängen, die so kitschig weichgezeichnet sind, dass sie jede Kante verloren haben. Alles ist nur einen Klick entfernt, bereitgestellt von Algorithmen, die uns soufflieren, wie sich „authentisches Reisen“ anzufühlen hat. Und genau in solchen Momenten sollte ich sie spüren: eine leise, fast schmerzhafte Sehnsucht nach dem Ungefilterten. Nach dem echten, staubigen, unvorhersehbaren Aufbruch. Tue ich auch. Aber ehrlicherweise denke ich dann gleich: muss ich ja nicht selbst unbedingt machen. Reicht ja, wenn ich das Ergebnis von anderen lesen darf… Und dann liegt da plötzlich dieses Buch auf meinem Tisch: „Lasterleben“ von Anja Kocherscheidt. Und auf einmal wird es sehr kantig.

Als Reisejournalist, der seit Jahren die professionelle Brille trägt, ertappe ich mich anfangs bei einer inneren Abwehr. Da ist dieser antrainierte Reflex: Wo ist der Nutzwert für den Leser? Wo sind die Buchungslinks, die Geheimtipps, die man am nächsten Wochenende nachreisen kann? Doch dieses Buch verweigert sich dem schnellen Konsum. Man kann ein Jahr im selbst ausgebauten, tonnenschweren THW-Lkw ohne festen Plan durch Nord- und Mittelamerika eben nicht im Reisebüro buchen. Und genau deshalb berührt mich diese Geschichte. Sie erinnert an das, was wir auf dem Altar der perfekten Urlaubsplanung geopfert haben: das Abenteuer des Unbekannten.

Der Sprung ins kalte, blaue Wasser

Meine Kollegin Anja Kocherscheidt war keine naive Träumerin, die nichts zu verlieren hatte. Anja stand mitten im Leben, war zwei Jahrzehnte lang eine erfolgreiche PR-Beraterin im Tourismus. Sie wusste ganz genau, wie man uns Journalisten Träume verkauft und Fassaden poliert. Doch hinter den Kulissen wartete das, was so viele von uns kennen: das unerbittliche Hamsterrad. Der Zustand, in dem man funktioniert, aber nicht mehr fühlt. Der Moment, in dem die Erschöpfung die Lebensfreude frisst und man das Gefühl hat, den eigenen Kindern nur noch die Reste seiner Energie zu schenken. Gemeinsam mit ihrem Mann Oliver und den Kindern Vincent und Marlene traf sie eine radikale Entscheidung: Sie zog die Reißleine.

Anja Kocherscheidt während ihrer Expedition ins Ich (Foto Anja Kocherscheidt)

Ihr neues Zuhause wurde „Herr Turtur“ – ein königsblauer Mercedes-Kurzhauber, neun Tonnen schwer, Baujahr 1980, früher im Dienst des THW. Zwölf Quadratmeter Lebensraum für vier Menschen. Kein Luxus, keine Komfortzone, kein doppelter Boden. Wenn man darüber nachdenkt, hört sich das ganz und gar nicht Vergnügungssteuer-pflichtig an. Das ist kein Urlaub, das ist ein radikaler Entzug von all den kleinen Bequemlichkeiten, die wir als Schutzschild um uns herum aufbauen.

Der Nutzwert dieses Buches liegt nicht in Hotel-Empfehlungen und Routen-Tipps. Er liegt in den intimen Einblicken, die uns die Autorin schenkt: Wir sind dabei, wenn das „Roadschooling“ der Kinder zwischen tränenreichem Frust und plötzlichem Lern-Flow schwankt, wir spüren die Kälte bei den ersten Reparaturen in Kanada und erleben die berührende Stille bei den Begegnungen mit den Hutterern, die völlig technikfern nach uralten Grundsätzen leben. Es ist ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält und uns leise fragt: Wie viel Ballast schleppst du eigentlich mit dir herum?

Wenn die Romantik Risse bekommt

Was mich an dieser Erzählung bewegt, ist ihre schonungslose Ehrlichkeit. Anja schreibt nicht für die Likes. Sie verbirgt die Risse nicht. Wir spüren die nackte Frustration, als die romantische Vorstellung vom freien Leben schon an einer simplen Highway-Auffahrt in Halifax zu zerspringen droht. Und wir fühlen das leise Zittern im Hintergrund, das mitreist, wenn die Familie die Grenze nach Mexiko überquert. Die Angst ist ein ständiger Passagier.

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

(c) Anja Kocherscheidt

Besonders intensiv wird es, als die Familie im Dschungel von Petén nachts plötzlich zwischen die Fronten von Drogenschmuggler-Kartellen zu geraten droht. In diesen Passagen zeigt sich auch die literarische Kraft des Buches: Anja verwebt das persönliche Herzklopfen, die Angst um ihre Kinder, mit den harten, traurigen Fakten über die politische Realität vor Ort. Das ist nicht so ein oberflächlicher Reisebericht, das ist gelebte Reportage, die wehtut und genau deshalb so wertvoll ist. Sie hebt sich einfach ab von all den weichgespülten Texten, die sonst in nicht unerheblicher Anzahl aus Blogs und Reiseteilen quellen.

Das unersetzbare Herz des Menschen

In Zeiten, in denen Künstliche Intelligenz in Sekundenschnelle perfekte Reiseführer über die Ruinen von Tikal oder die Magie des Atitlán-Sees ausspucken kann, stellt sich in unserer Branche oft eine existenzielle Frage: Warum braucht es uns überhaupt noch? Die Antwort liegt genau in Büchern wie diesem. Eine KI kann Daten analysieren, aber sie kann nicht fühlen. Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn einem bei einer indigenen Zeremonie im guatemaltekischen Hochland jede Kontrolle entgleitet. Sie spürt nicht das überwältigende, bittersüße Ziehen im Herzen, wenn man winzige Baby-Schildkröten in den mächtigen Pazifik entlässt – in dem Wissen, dass nur die wenigsten von ihnen überleben werden.

„Lasterleben“ ist der flammende Beweis dafür, dass die Zukunft des Erzählens im tief Persönlichen liegt. Nur die physische Präsenz, der Schweiß, der Staub auf der Haut und die Bereitschaft, sich der Welt völlig verwundbar auszuliefern, schaffen eine Wahrheit, die kein Algorithmus jemals simulieren kann. Dieser Text atmet. Er riecht nach dem Regen des Dschungels und dem heißen Asphalt der endlosen Highways. Das ist die einzige Währung, die in Zukunft noch zählt, wenn wir uns berühren lassen wollen.

Zwei Stimmen, eine Wahrheit

Wer noch tiefer eintauchen möchte, dem sei der begleitende Podcast neben diesem Text wärmstens empfohlen. Es ist faszinierend: Dort geht es natürlich zunächst um diese zutiefst menschliche Reise, aber auch genauso um die Zerrissenheit der Aktion. Wir nähern uns Anjas Weg mit unheimlich viel Empathie und Wärme – und verstehen den Schrei nach Freiheit. Aber natürlich muss es auch die Rolle geben des rationalen Mahners, der die unbequemen Fragen stellt, die uns vielleicht auch durch den Kopf gehen: Darf man das den eigenen Kindern antun? Ist das nicht egoistisch?

Diese Diskussion im Podcast ist ein echter Gewinn, weil sie das Buch von jedem Verdacht der reinen Aussteiger-Romantik befreit. Am Ende finden beide Stimmen einen gemeinsamen Nenner, dem ich mich nur voller Respekt anschließen kann: „Lasterleben“ will uns nicht belehren. Es will uns nicht sagen, wie wir zu leben haben. Es stupst uns nur sanft an und erinnert uns daran, dass wir immer eine Wahl haben.

Ein Buch für die Mutigen

Brauchen wir also Berichte über Reisen, die wir niemals nachmachen können? Ja, mehr denn je. Weil sie uns zeigen, dass die wichtigste Reise nicht auf der Landkarte stattfindet. Anja Kocherscheidt schaffte es durch den plötzlichen Corona-Lockdown nicht bis nach Patagonien, sie strandete am Atitlán-See. Und genau dort, im Stillstand, fand sie die eigentliche Destination: die Reise nach innen, die Konfrontation mit sich selbst.

Ich sag mal so: Lass die Finger von diesem Buch, wenn du eine strukturierte Packliste oder einen durchgetakteten Routenplaner suchst. Aber wenn du spüren willst, wie es aussieht, wenn die Welt um dich herum verstummt und du plötzlich nur noch dich selbst, die Menschen, die du liebst, und den weiten, unendlichen Horizont hast – dann nimm dieses Buch in die Hand. Es ist eine ehrliche Hymne auf den Mut, das Zulassen von Fehlern und die wilde Schönheit des Ungeplanten.

Wenn du den Podcast hören magst, dann bitte auf das Kopfhörer-Symbol im Titelbild klicken!

 

Hintergrund-Infos

Der Beitrag Freiheit auf zwölf Quadratmetern Anja Kocherscheidts „Lasterleben“ ist kein Aussteiger-Kitsch erschien zuerst auf Was mit Reisen.
28 Minuten
Die Gondel der alten Schilthornbahn schwankt leicht im Wind. Unter mir liegen über 200 Meter Nichts, in der Ferne die schroffen Zacken von Eiger, Mönch und Jungfrau, vor mir der Staubbach-Wasserfall. Mein Herzschlag dröhnt in den Ohren. Eigentlich bin ich hier oben auf dem „Piz Gloria“, um über die schon lange zurück liegenden Dreharbeiten zu „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ zu recherchieren für ein ZDF-Reisefeature über die Schweizer Jungfrau-Region. 

Ein Sprung wie 007

Doch dann stehe ich plötzlich selbst da, das Bungee-Seil fest um die Knöchel gezurrt, und blicke in die Tiefe. In diesem Moment, kurz vor dem Absprung, ist da kein George Lazenby. Da ist nur dieser eine, irrsinnige Gedanke: Ein bisschen 007 steckt in uns allen. Wir wollen diese Gefahr, diesen Glamour, dieses „Überlebensgroße“…

Ich bin gesprungen. Der freie Fall dauerte wahrscheinlich nur Sekunden, aber das Gefühl, ein Teil meiner Jugend-Filmgeschichte zu sein, hielt Tage an. Das ist die Macht des Filmtourismus. Er treibt uns an Orte, die wir ohne die Leinwand-Magie vielleicht nicht so recht gewürdigt hätten.

Doch wer so viel reist, wie ich, lernt auch die Schattenseiten der Kinoträume kennen.

 

Wenn der Kinotraum Touristenfalle wird

Schnitt. Wechsel in die Andamanensee, Thailand. In meinem Kopf läuft das Duell zwischen Bond und Scaramanga aus „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Ich erwarte nach der Bootsfahrt eine massive, majestätische Festung, verborgen in einer einsamen Bucht einer dieser Napfkuchen-Inseln, für die diese Gegend so berühmt ist. Die Realität auf Khao Phing Kan ist dagegen ein Schlag ins Gesicht. Die „James-Bond-Insel“ ist eigentlich nur eine unbedeutende, klobige Felsnase, die aus dem Wasser ragt. Von Einsamkeit keine Spur: Dutzende Ausflugsboote umschwirren den Felsen wie lästige Mücken. Der Lärm der Schiffsmotoren übertönt jedes exotische Gezwitscher. Wo im Film Scaramangas Solarkollektoren glänzten, schwimmt heute Plastikmüll im türkisblauen Wasser. Es gibt keine wohltuende Perspektive mehr, keinen Winkel, in dem man das Handy-Display so halten kann, dass die 500 anderen Touristen im Hintergrund verschwinden.

Manchmal ist der Drehort eben nur das: ein Ort, der durch die Linse eines genialen Kameramanns veredelt wurde, in der Wirklichkeit aber an seiner eigenen Berühmtheit erstickt.

Warum uns Bond-Orte magisch anziehen

Trotzdem lässt uns diese Sucht nicht los. Lange bevor es Instagram-Hotspots und TikTok-Challenges gab, waren es die großen Blockbuster, die uns sagten: „Da musst du hin!“ Bond-Filme waren für meine Generation das, was heute der Algorithmus ist – eine visuelle Verführung, die Weltkarte neu zu zeichnen. Ob es die Serpentinen am Furkapass sind, auf denen der Aston Martin DB5 seine Reifen quietschen ließ, oder die elegante Bar im Hotel Atlantic in Hamburg – wir suchen die Orte auf, um einem Stück von Bonds Souveränität näher zu kommen.

Verändert KI den Filmtourismus?

Wird das auch in Zukunft so sein? In Zeiten, in denen KI-generierte Film-Welten immer perfekter werden, stellt sich eine radikale Frage: Werden wir in zwanzig Jahren noch nach Jamaika oder in die Schweizer Alpen pilgern, wenn die großen Blockbuster künftig komplett im Studio am Rechner entstehen? Wenn das spektakuläre Bergpanorama nur noch aus Einsen und Nullen besteht und elektronisch in Computer-Farmen gerendert wurde? Verliert ein Ort seine Anziehungskraft, wenn er nie „echt“ war?

Ich glaube: Nein. Aber der Film-Tourismus wird sich verändern. Wir werden vielleicht weniger die Kulisse suchen und mehr die Geschichte dahinter. 

Reiseführer für Bond-Fans und Weltenbummler

Genau hier setzt ein neues Kompendium an, das ich jedem Bond-Fan und Weltenbummler ans Herz legen möchte: Der (inoffizielle) James-Bond-Reiseführer von Cornelia Lohs.

Das Buch aus dem Bruckmann Verlag liefert nicht nur die Koordinaten der ikonischen Szenen, sondern webt die kulturellen Kontexte und historischen Hintergründe ein. Cornelia zeigt uns, dass Orte wie das „ice Q“-Restaurant in Sölden (die Hofer-Klinik aus Spectre) oder die engen Khlongs in Bangkok mehr sind als nur ein hübsches Bild. Es sind reale Sehenswürdigkeiten mit eigener Seele. Das Buch ist eine Hommage an die Kunst, Orte unsterblich zu machen – und eine Einladung, sie mit eigenen Augen zu sehen, solange sie noch real existieren.

„Ohne Krimi geht die Conny nie ins Bett“

Cornelia hat mir erzählt, dass für sie gilt: „Ohne Krimi geht die Conny nie ins Bett“.

Expertin im Fall 007 – nicht Miss Moneypenny, sondern Cornelia Lohs, die Autorin des (inoffiziellen) James Bond Reiseführers

Meine Kollegin aus der VDRJ, die auch einen Großteil des Jahres in der Welt unterwegs ist – meistens für Buchprojekte – liebt spannende Thriller; egal ob auf Bildschirm oder im Buch. Vor allem Geheimdienst-Vorlagen mit MI5 oder MI6 haben es ihr angetan. Logischerweise kennt sie alle Bond-Filme aus dem Effeff. Lieblings-007? Roger Moore. Die spannendsten Filme? Die mit Daniel Craig. Also eine echte Kennerin der Materie. 

Filmtourismus, Martini-Bars und VR

In diesem WAS-MIT-REISEN-Podcast besprechen wir ihr Buch ausführlich. Wir diskutieren über die Faszination des Filmtourismus, über die besten Martini-Bars der Welt und die Frage, ob wir bald nur noch mit der VR-Brille auf dem Sofa „verreisen“.

Hört rein, es wird munter, charmant und sehr überraschend – fast wie ein Sprung aus der Gondel am Piz Gloria.

 

Um den Reiseradio-Podcast zu hören, bitte auf das Kopfhörer-Symbol im Titelbild klicken

 

Der Link zum Buch

Der Beitrag Lohs’ 007-Bond-Reiseführer Drehorte, Mythen, Reiseträume für Filmfans erschien zuerst auf Was mit Reisen.
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