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Beschreibung
vor 1 Woche
In der Psychologie gibt es den Begriff Theory of Mind. Er
beschreibt die Fähigkeit Einzelner, sich in die mentale Welt
anderer hineinversetzen und somit deren Gedanken und
Überzeugungen erschließen zu können. Es ist ein kognitives
System, das einen radikalen Perspektivenwechsel ermöglicht. Zwar
erwerben wir diese Fähigkeit bereits im Kindesalter, doch es
hilft, wenn wir sie später weiterhin pflegen. So gelingt es,
unser Gegenüber weit besser zu verstehen und – wenn wir darin gut
geübt sind – dessen zukünftiges Verhalten vorherzusagen, das
Handeln anderer gar in das eigene zu integrieren.
Was hat das alles mit Literatur zu tun? Nun, auch über die
Lektüre oder das Hören psychologisch stimmiger Literatur mit gut
gesehenen Menschen/Figuren können wir unsere Empathie und eben
auch unsere Einschätzungen, die auf der Theory of Mind basieren,
trainieren. Und wenn wir es dann noch mit einem Text zu tun
haben, in dem all das selbst thematisiert wird, kann das schon
eine besonders spannende Angelegenheit sein.
In Edgar Allan Poes Text „Der entwendete Brief“ begegnen wir
jedenfalls dem Amateurdetektiv Dupin, der vom Pariser
Polizeipräfekten um Hilfe bei der Suche nach einem Brief gebeten
wird, der einer gesellschaftlich bedeutenden Dame gestohlen
wurde. Der Brief hat es wohl in sich, das Ganze hat gar eine
politische Dimension, jedenfalls wird sie nun erpresst. Dann wird
es verzwickt: Der Täter ist zwar bekannt, er kann aber nicht
verhaftet werden, da eine Veröffentlichung der ganzen
Angelegenheit sicherlich großen öffentlichen Schaden anrichten
würde. Eine extrem gründliche Hausdurchsuchung durch die Polizei
blieb ohne Erfolg. Doch der Brief muss gefunden werden. Dupin
versetzt sich mental in die Lage und Gedanken des Täters und –
findet ihn. Auch erläutert er eindrucksvoll und höchst
unterhaltsam anhand einiger anschaulicher Anekdoten und einer
kritischen Auseinandersetzung mit mathematischen Axiomen usw.,
welche Denkweise seiner eigenen Methode zugrunde liegt: die hier
literarisch vorgeformte Theory of Mind (unter dieser Bezeichnung
wissenschaftlich erst viel später beschrieben). Das ist sehr
spannend, in einer ästhetisch schönen Sprache erzählt und das
Ende der Geschichte, die Auflösung des Falls, beeindruckend. Der
Fall lässt den Leser/die Hörerin nicht so schnell wieder los.
Die Figur Dupin, die noch in weiteren Poe-Erzählungen auftaucht,
war Vorbild für Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes und man kann
sie zweifellos als eine Art Ursprungsfigur all der Profiler
bezeichnen, die heute in Streaming-Serien herumschwirren. Poes
Erzählung aus dem Jahr 1844 wird für uns gelesen von Gabi Sutter,
deren Stil durchaus in die beschriebene Zeit passt, als man noch
Zylinder und frau noch Korsett trug.
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