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Beschreibung
vor 1 Jahr
Es wirkt hier vieles spielerisch. Zwei Verliebte nähern sich
einander an, es werden geheimnisvolle Zeichen gesendet, Ringe und
andere Objekte ausgetauscht. Doch gleich zu Beginn des Märchens
„Allerleirauh“ wird auch klar, was den tiefen, langen Schatten
auf alles Weitere legt, was es untergründig so düster und lange
ausweglos macht. „Ich will meine Tochter heiraten, denn sie ist
das Ebenbild meiner verstorbenen Frau“, sagt der verwitwete
König. Die Königin hatte kurz vor dem Ableben ihren Mann darauf
eingeschworen, nach ihrem Tod keine Frau zur Gemahlin zu wählen,
die weniger schön ist als sie selbst. Die Suche blieb
ergebnislos. Da bleibt dann offenbar nur noch die inzwischen
herangewachsene Tochter. Was für eine kranke Idee! Was für ein
Frevel! Was für eine Arroganz dem Leben und der Entwicklung des
eigenen Kindes gegenüber!
Das Ganze ist eine Inzest-Geschichte bzw. eine, in der die
Bedrohung eines inzestuösen Verhältnisses die Königstochter
unentwegt begleitet. Die Gefahr begegnet der jungen Frau hier
also nicht bei ihrem Aufbruch in die Welt – wie sonst so oft in
Märchen –, sondern zu Hause. Und ja, es ist erstaunlich, wie
kreativ sie ist, um der Bedrohung zu entkommen – vor allem aber
ist es entsetzlich, wozu die Königstochter sich gezwungen fühlt,
nur weil sie schön ist. Der Vater blockiert durch seine perverse
Wahl die gesunde Reifung seiner Tochter, er beschädigt ihr
Selbstbild, die dann glaubt, nur dazu da zu sein, „dass ihr die
Stiefel an den Kopf geworfen würden“. Die junge Frau kann in
einer solchen Umgebung nicht zu sich selbst finden – das
berücksichtigt das Märchen deutlich, denn es lässt sie fliehen.
Raus aus dem väterlichen Reich, das nur noch bedrohlich wirkt!
Allerleirauh wird gefunden, geborgen aus einem „hohlen Baum“ von
einem jungen und guten König – symbolisch wiedergeboren also.
Doch erst als der junge Mann schließlich ihren Mantel, der im
Text längst zum Symbol für die ihr von den Eltern auferlegte Last
geworden ist, ergreift und von ihrem Körper reißt, wird sie
endgültig befreit – ganz am Ende der Geschichte. „Da kamen die
goldenen Haare hervor und sie stand da in voller Pracht und
konnte sich nicht länger verbergen.“ Musste es vor allem nicht
mehr. Denn ab sofort ist sie nicht länger auf der Flucht vor dem
eigenen Vater, darf stattdessen im Sinne ihrer eigenen Wünsche,
ihres wahren Selbst leben und über ihre Zukunft entscheiden. Dem
Wunsch der Königin, der für die Tochter zum mütterlichen Fluch zu
werden drohte, wird zu guter Letzt nicht entsprochen. – Der Text
wurde um 1812 von Jacob Grimm geschrieben. Es liest Volker Drüke.
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