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Beschreibung
vor 3 Tagen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird immer häufiger der
Büroangestellte zum Thema literarischer Erzählungen. Berühmt in
deutscher Sprache natürlich die vielen Kafka- und Walser-Figuren,
die vor der Kulisse der Sorgfalt, Ordnung und Disziplin oftmals
in irgendwelche Schwierigkeiten geraten, die sie sich zuvor aus
ihrer sicheren Schreibtisch-Perspektive gar nicht hätten
vorstellen können. Auch Luigi Pirandellos Figur Belluca wirkt in
jener Novelle, die wir heute vorstellen, merkwürdig, sein Gesicht
zeigt einen anderen Ausdruck als üblich. Und sein Chef beklagt
sich schließlich darüber, dass sein Angestellter den ganzen Tag
über nichts erledigt hat. Die Kollegen lachen über ihn –
zunächst. Doch dann ... Belluca erzählt von einem Zug, den er in
der Nacht zuvor pfeifen gehört und gesehen hatte, ja ihm
hinterhergelaufen war. Und da regte sich in ihm die Sehnsucht:
„Viel, viel ferne Welt, der jener Zug entgegenfährt. Florenz,
Bologna, Turin, Venedig“, erzählt der Erzähler. Es sei eine
„wiedergefundene Phantasie“. Doch eine solche Phantasiewelt ist
nicht bürofähig. Der Erzähler klärt uns auf, er klärt den
sozialen Hintergrund des Ganzen, die Vergangenheit, das elende
Zuhause. „Geheul und Gebrüll“ jeden Abend. Enge. 13 Menschen in
’ner knappen Wohnung: 5 Frauen (3 sehr alt und erblindet), 7
verwaiste Kinder. Und Belluca, der Alleinverdiener, der kaum
schläft, weil er zusätzlich nachts arbeitet. „Abschreibeaufträge“
– wie Bartleby (ein weiterer bedeutender Büroarbeiter in der
Weltliteratur).
Für den Erzähler ist der Ausbruch der psychischen Störung eine
natürliche Folge der bitteren sozialen Umstände, in denen Belluca
leben muss, der „buchstäblich vergessen (hatte), dass die Welt
existierte“ – bis er den Zug pfeifen hört, als Signal des Beginns
eines neuen inneren Lebens. Seine Imaginationsfähigkeit („ein
wenig Weltluft zu atmen“) ist ihm dann mehr als Trost, sie ist
die Öffnung einer kompensatorisch wirkenden Welt, die sein Leben
erträglicher macht. Und die Idee des Erzählers, dass Belluca im
Büro doch die Erlaubnis erhalten könnte, zwischendurch imaginär
nach Sibirien oder in den Kongo zu reisen, ist äußerst human und
humanistisch. Doch leider unrealistisch. Belluca landet in der
psychiatrischen Anstalt.
„Der Zug hat gepfiffen“ ist eine starke Erzählung, sehr
realistisch wirkend, im Sprachduktus geradezu sachlich, fast kühl
daherkommend. Luigi Pirandello publizierte sie in Italien zuerst
im Jahr 1922 und wird hier gelesen von Volker Drüke.
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