"Der Sandmann" (E.T.A. Hoffmann) (Teil 1)

"Der Sandmann" (E.T.A. Hoffmann) (Teil 1)

Eine Erzählung aus dem Jahr 1816
37 Minuten
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Hochwertige Literatur, vorgelesen von professionellen Sprecherinnen und Sprechern

Beschreibung

vor 1 Jahr

Ein „böser Mann“ sei der Sandmann, erzählt die Kinderfrau dem
kleinen Nathanael. Er komme zu den Kindern, „wenn sie nicht zu
Bett gehen wollen, und wirft ihnen Säckevoll Sand in die Augen,
dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den
Sack“. Seine eigenen Nachkommen hätten „krumme Schnäbel, wie die
Eulen“, damit pickten sie „der unartigen Menschenkindlein Augen
auf“. Puh. Solche Geschichten machen Kindern Angst, wecken aber
auch Interesse, zumindest das des Nathanael. Dem jungen Zuhörer
des Ammenmärchens war in der Folge, wie er später erzählt, nichts
„lieber, als schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen,
Däumlingen usw. zu hören oder zu lesen; aber obenan stand immer
der Sandmann“. Es ist nicht selten, dass sich bei einer so
intensiven Beschäftigung mit Schauergeschichten in der kindlichen
Psyche das Phantastische mit dem Realen vermischt. Und so ist es
auch in Hoffmanns Erzählung. Denn als ein auf das Kind fremd
wirkender Mann das Zuhause betritt, mit dem Vater in merkwürdiger
Weise redet und dann auch noch Alchemie betreibt und „Augen her,
Augen her“ ruft, dabei nach dem Jungen greift und auf dessen
Augen zielt, ist jedenfalls Nathanael absolut klar: Das ist der
Sandmann! Mit dem Unterschied, dass es nun anstatt der Sandkörner
„glutrote Flammenkörner“ sind, „die dem Kinde in die Augen
gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damit Augen
herausspringen“, wie Sigmund Freud treffend notierte. Überall
Augen – immer wieder die Augen in dieser Geschichte!


Was ist hier eigentlich wirklich geschehen? Was war Phantasie?
Nicht nur im Kind, auch im Text selbst verschwimmt die Grenze
zwischen erzählter Realität und erzählter Phantasie. Als
Coppelius (so heißt der Mann) erneut auftaucht, wird das Heim
jedenfalls endgültig unheimlich für Nathanael: Der Vater stirbt
nach einer Explosion. Und Coppelius verschwindet spurenlos – der
Mörder des Vaters, der er in der Wahrnehmung des Sohnes natürlich
ist. Viele Jahre später meint Nathanael ihn wiedergesehen zu
haben, mit ähnlichem Namen und getarnt als Optiker (wieder:
Augen!). Ist das der Sandmann? Oder ein Doppelgänger? Ist das
alles überhaupt geschehen? Was hat Nathanael wirklich erlebt,
wahrgenommen? Was nur vor seinem inneren Auge, das noch immer vom
kindlichen Trauma bestimmt ist?


Er schickt, inzwischen Student, Briefe an Freunde, in denen er
von seinem kindlichen Erleben und auch von der Wiederkehr des
Sandmanns erzählt. Die Schrift setzt sich und setzt sein Erleben
in ihm fest, verfestigt seine Vorstellungen. Es sind
möglicherweise Flashbacks – Phasen des unwillkürlichen,
ungeschützten Wiedererlebens furchterregender, ja traumatischer
Kindheitserlebnisse oder -phantasien.


Heute hören wir den ersten Teil dieser außergewöhnlichen und
äußerst spannenden, unheimlich wirkenden Erzählung, gelesen von
Ulrich Bärenfänger. „Der Sandmann“, zuerst erschienen 1816, ist
eines der von Hoffmann selbst so genannten Nachtstücke. Und ja:
Dunkel ist all das, was hier erzählt wird, augenscheinlich. Aus
dem Schatten stammend. Aufregend. Atemberaubend.

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