Sabine Mertens & Katja Lohrum: Man ist nur auf sich selbst gestellt

Sabine Mertens & Katja Lohrum: Man ist nur auf sich selbst gestellt

vor 6 Tagen
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Beschreibung

vor 6 Tagen

Johannes Clasen im Gespräch mit Sabine Mertens und Katja Lohrum –
zwei Frauen, die durch ein ähnliches Schicksal, das ihr Leben
unwiderruflich verändert hat, verbunden sind. Im Rahmen der Reihe
„geimpft, geschädigt, geleugnet“ sprechen sie über Verlust,
Verzweiflung, einen täglichen Kampf und das Gefühl, mit all dem
allein gelassen zu sein. Während des Gesprächs ringen beide immer
wieder mit den Tränen, suchen gegenseitig Halt, halten sich an
den Händen. Sie erzählen ihre Geschichten, weil sie gehört werden
wollen. Und am Ende ist es auch Johannes Clasen selbst, der
sichtbar mit den Emotionen kämpft und um Fassung ringt.
Ein Gespräch, das Mut erfordert

Schon zu Beginn liegt eine spürbare Schwere im Raum, die sich
durch das gesamte Gespräch ziehen wird. Denn dieses Gespräch
verlangt allen Beteiligten viel ab. Johannes Clasen sitzt Sabine
Mertens und Katja Lohrum gegenüber, zwei Frauen, die sich ihre
Lebenswege nie so ausgesucht hätten und die nun durch ein
ähnliches Schicksal miteinander verbunden sind. Nebenan liegt
Katjas schwerst pflegebedürftiger Mann. Während des gesamten
Interviews ringen beide häufig mit den Tränen. Immer wieder
suchen ihre Blicke einander, immer wieder greifen sie nach der
Hand der anderen und halten sich gegenseitig fest, um sich durch
dieses Zeichen der Verbundenheit Kraft zu geben. Denn es ist ein
Gespräch, das Mut erfordert – Mut, den eigenen Schmerz
auszusprechen und öffentlich zu machen. Für sich, für ihre
Angehörigen und für all jene, die unter ähnlichen Schicksalen
leiden.
Sabines Geschichte: Der Verlust ihres Sohnes Pascal

Sabine beginnt zu erzählen, ruhig und gefasst. Doch ihre brüchige
Stimme verrät schnell, wie viel Kraft sie dieser Bericht kostet.
Ihr Sohn Pascal, damals Mitarbeiter in einem Impfzentrum, ließ
sich im Juni 2021 erstmalig impfen, in einer Zeit, in der das
Vertrauen in eine angeblich nebenwirkungsfreie Impfung und der
Wunsch nach Normalität viele Entscheidungen bestimmten. Was
zunächst als Schutz gedacht war, entwickelte sich jedoch
innerhalb weniger Wochen zu einem schleichenden körperlichen
Verfall, der sich nicht mehr aufhalten ließ.


Nach einer schweren Grippe, an der er kurz nach der Impfung
erkrankte, kehrte Pascal in den Alltag zurück und erhielt im Juli
die zweite Impfung. Bald zeigten sich erste Anzeichen einer
ernsten Erkrankung: zunehmender Kraftverlust, Muskelzucken,
Schwierigkeiten beim Gehen. Was zunächst wie einzelne, vielleicht
erklärbare Symptome wirkte, fügte sich immer mehr zu einem Bild,
das von Woche zu Woche erschreckender wurde. Zwei
Rehabilitationsmaßnahmen brachten keine Besserung – im Gegenteil.


„Er ist mit dem Stock rein und kam mit dem Rollator wieder raus
nach drei Wochen“,


erinnert sich Sabine an die erste Reha. Man spürt, wie sich
hinter diesem Satz eine Entwicklung verbirgt, die sich kaum
begreifen oder in Worte fassen lässt. Wenig später
verschlechterte sich sein Zustand erneut so drastisch, dass eine
zweite Reha beantragt wurde.


„Da ging er mit einem Rollator rein und kam mit einem Rollstuhl
wieder raus.“


Der körperliche Abbau setzte sich unaufhaltsam fort, während sein
Geist klar und wach blieb:


„Pascal konnte dann nachher [….] mit seinen Händen gar nichts
mehr machen. […] Aber er konnte sprechen, er war bei geistigem
klaren Verstand.“
Für Pascal ein Zustand, der für ihn zunehmend unerträglich
wurde. Sabine ringt mit den Worten, als sie beschreibt, wie ihr
Sohn schließlich das Gespräch mit ihr suchte:

„Dann hat er eines Tages aber das Gespräch mit mir gesucht und
hat mir mitgeteilt, dass er nicht mehr leben möchte, dass das so
für ihn nicht mehr lebenswert ist.“


Für eine Mutter ist es ein Moment, der kaum auszuhalten ist – und
doch spricht aus Sabines Worten auch ein tiefes Verständnis:


„Und so sehr mein Herz auch bricht, ich konnte ihn verstehen. Ich
würde auch so nicht leben wollen.“


Pascal, der einst lebensfroh und aktiv gewesen war, erkannte sich
selbst in diesem Zustand nicht mehr wieder.


„Das ist nicht das Leben, das er gelebt hat“,


sagt sie leise.


„Das wollte er so nicht.“


Nach langem Kampf und langer Suche war schließlich ein Arzt
bereit, ihm zu helfen:


„Natürlich, das ist mein Kind, das möchte ich nicht. […] Aber ich
war und bin es immer noch, dem Arzt unglaublich dankbar, der ihm
geholfen hat. […] Pascal hat Freudentränen geweint, als der Arzt
gesagt hat, er hilft ihm und er erlöst ihn.“


Spätestens hier ist es kaum noch möglich, die eigene Fassung zu
bewahren – Sabine kämpft sichtbar mit den Tränen, während sie
diese letzten Erinnerungen teilt. Am 24. Juli 2025 wurde Pascal
schließlich von seinem Leiden erlöst.
Katjas Geschichte: Leben im Ausnahmezustand

Neben Sabine sitzt Katja, die ihre Geschichte aufmerksam verfolgt
und immer wieder zustimmend nickt, als erkenne sie in vielen
Momenten Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Als sie schließlich
selbst zu sprechen beginnt, braucht sie einen Moment, um ihre
Gedanken zu sammeln:


„Ich muss grad mal durchatmen“,


sagt sie und trinkt noch einen Schluck Wasser.


Ihr Mann Jan war, wie sie beschreibt, ein außergewöhnlich fitter,
sportlicher Mensch, voller Energie und Lebensfreude.


„Ich hab noch nie so einen fitten Menschen kennengelernt wie
ihn“,


sagt sie, und in diesem Satz liegt bereits die Tragik dessen, was
folgen sollte. Denn nach der dritten Impfung, verabreicht in
einem Fitnessstudio im Dezember 2021, veränderte sich sein
Zustand innerhalb kurzer Zeit: Muskelzucken, Unsicherheiten beim
Gehen, wiederholte Stürze – zunächst schwer einzuordnen, dann
immer alarmierender.


„Er ist ständig gestolpert“,


erzählt Katja. Auf dem Fußballplatz fragten sich Zuschauer und
Trainer,


„warum er ständig fällt: Was ist denn mit dem Lohrum los?“


Ratlose Blicke, Fragen, auf die es zunächst keine Antworten gab.
Der ortsansässige Neurologe brachte die Impfung ins Spiel,
meldete Jans Fall ans Paul Ehrlich Institut. In der Klinik wurde
schließlich eine Diagnose in den Raum gestellt, die Katjas und
Jans Leben in den Grundfesten erschütterte: ALS.


„Man hat sich alles ausgemalt, außer so eine schlimme Diagnose.
[…] Das war eine Woche vor unserer Hochzeit. Ich war zu dem
Zeitpunkt schwanger mit unseren Zwillingen. […] Die ganze Welt
ist zusammengebrochen“,


sagt sie unter Tränen. In diesem Moment verdichteten sich
Hoffnung und Verzweiflung, Zukunftspläne und existenzielle Angst.


„Man macht sich direkt Gedanken: Wie lange haben wir Zeit? Wie
wird der Verlauf sein?“


Ein gemeinsames Leben als Familie zerbricht, bevor es richtig
beginnen konnte.


Jans Krankheitsverlauf ist schnell und unbarmherzig. Vom ersten
Humpeln zum Rollstuhl, hin zur vollständigen Bettlägerigkeit,
Pflegebedürftigkeit und der Angewiesenheit auf einen
Sprachcomputer dauert es nicht lange. Innerhalb kurzer Zeit
verliert Jan immer mehr Fähigkeiten, bis er schließlich
vollständig auf Hilfe angewiesen ist. Katjas und Jans gemeinsame
Kinder, Zwillingsmädchen, „kennen ihren Papa gar nicht
gesund“, sagt Katja. Sein älterer Sohn aus erster Ehe hingegen
kann sich an einen „gesunden, fitten Papa“ erinnern.
Für ihn ist der deutliche Unterschied zu
dem „pflegebedürftigen Papa“ schwer zu ertragen. All
das lässt erahnen, welche Dimension diese Krankheit für die
gesamte Familie hat.


Trotz allem bleibt Jan lange geistig präsent, trifft
Entscheidungen, kommuniziert mit technischer Hilfe, unterstützt
seine Familie, so gut es ihm möglich ist.


„Er hat trotz seines Gesundheitszustandes mir immer zur Seite
gestanden. Er war immer mein Kopf, der mit mir alles zusammen
entschieden hat. Und wir haben alles zusammen geregelt. Er war
unser Finanzminister, der alles übernommen hat. […] Das war so
ein Zusammenspiel“,


beschreibt Katja ihre besondere innige Verbindung. Doch auch
diese Form der Nähe wird ihnen schließlich genommen, als eine
schwere Lungenentzündung im Oktober 2025 zu Komplikationen und
einer Reanimation führt.


„Seitdem ist Jan im Prinzip in einem vegetativen Zustand, weil er
durch die Reanimation einen noch zusätzlich hypoxischen
Hirnschaden erlitten hat. […] Deswegen ist jetzt aktuell keine
Kommunikation möglich. Wir haben keinen Zugang zu ihm.“


Die Brutalität dieser Worte liegt schwer im Raum. Dennoch hofft
Katja, ihn durch weitere Therapien zu stabilisieren, um ihn


„aus diesem Zustand rauszuholen. […] Aber ob das möglich ist, das
steht alles leider in den Sternen.“


Ihr Mann sei ein Kämpfer, der durch Gespräche und seine Kinder
immer wieder zu dem Punkt gekommen sei, „dass er kämpfen möchte.“
So hält sie sich an der Hoffnung fest,


„dass wir ihn vielleicht nochmal in einen aktiveren Zustand
bekommen. Aber das bleibt abzuwarten. Wir müssen jeden Tag von
Tag zu Tag leben und schauen, wie es ist.“
Zwei parallele Schicksale – eine Realität

Im Verlauf des Gesprächs wird immer deutlicher, wie sehr sich die
Erfahrungen der beiden Frauen gleichen, obwohl ihre Geschichten
unterschiedlich verlaufen sind. Als Sabine von Jans Zustand hört,
sagt sie leise:


„Das ist für mich wie ein Dé­jà-vu. Wenn ich Jan sehe, sehe ich
Pascal da liegen.“


In diesem Moment verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart, der
Schmerz des Verlustes und der Schmerz der Gegenwart:


„Es fällt mir unfassbar schwer“,


sagt sie tief betroffen.


Beide Frauen sprechen jedoch nicht nur über Krankheit, Schmerz
und Verlust, sondern auch über einen Alltag, der von
bürokratischen Hürden, Kämpfen mit Behörden und einem Gefühl der
Ohnmacht geprägt ist.


„Das macht mich auch so unglaublich wütend, weil ich einfach
nicht verstehen kann, dass man den Betroffenen einfach nicht
hilft.“


Katja ergänzt:


„Man wartet vergeblich auf Hilfe, die versprochen wird, aber die
einfach nicht kommt.“


„Was soll man denn alles bringen?“,


fragt Sabine, während sie von Aktenordnern, Gutachten und immer
neuen Anforderungen berichtet.


„Den Angehörigen geht mal die Kraft aus. Man reibt sich auf für
die Betroffenen. […] Und muss aber gleichzeitig gegen unfassbar
viele Ämter kämpfen. Das zermürbt einen.“


Katja ergänzt ihre Erfahrungen mit Gerichtsverfahren, die sie als
ernüchternd und entmutigend erlebt hat:


„Es wurde ganz ganz schnell abgefertigt.“


Keine 15 Minuten habe die Verhandlung am Oberlandesgericht in
Koblenz gedauert. Ihr Mann, der auf eigene Kosten mit einem
Krankentransport anreiste „wurde erst gar nicht
angehört.“  Man spürt die Enttäuschung über ein System, das
ihren Erwartungen nicht gerecht wurde und sie im Stich lässt.


„Ich war schockiert.“
„Man ist nur auf sich selbst gestellt“

Der Satz, der diesem Gespräch seinen Titel gibt, fällt nicht
zufällig, sondern beschreibt die gemeinsame Erfahrung beider
Frauen in aller Deutlichkeit:


„Man ist nur auf sich selbst gestellt.“


Es ist ein Gefühl, das sich durch alle Bereiche ihres Lebens
zieht und die medizinische Versorgung, den Umgang mit Behörden,
den täglichen Kampf um Unterstützung und Anerkennung und den
Verlust eigenen Lebens betrifft. Denn:


„Man ist 24 Stunden eigentlich in Gedanken nur bei den
Betroffenen.“


„Wir waren nie Impfgegner“,


sagt Katja, und auch Sabine macht deutlich, dass sie ursprünglich
Vertrauen in das offizielle Narrativ hatte. Heute ist beiden
klar, dass die Erkrankungen des Sohnes und Ehemannes mit der
angeblich nebenwirkungsfreien Impfung zusammenhängen. Beide sind
mit vielen anderen Impfgeschädigten und deren Familien vernetzt.
Die Zunahme schwerer neurologischer Erkrankungen wie ALS,
insbesondere bei jungen sportlichen Männern, sei auffällig und
schockierend, berichten beide:


„Es häuft sich.“


Sabines und Katjas Enttäuschung über den Staat und die Regierung
ist groß, gepaart mit dem Gefühl, mit den Folgen ihres Schicksals
allein gelassen zu werden. Man stehe alleine da „vor diesem
Scherbenhaufen“ und müsse schauen, wie man Kosten deckt, das
Haus hält.


„Es ist einfach unglaublich.“


Aus diesem Grund ist Katja trotz der Doppelbelastung durch Pflege
und der Betreuung der kleinen Zwillinge als Lehrerin tätig.


„Es muss einfach Geld rein.“


Sehr dankbar ist sie für die Hilfe von Familie, Freunden und
Spendern.


„Ansonsten ist das unmöglich alleine zu schaffen.“
Dieser Satz zeigt, wie sehr sie auf diese Hilfe aus ihrem
privaten Umfeld angewiesen ist. Ein Gespräch, das Spuren
hinterlässt

Als das Gespräch sich dem Ende nähert, ist die emotionale
Belastung für alle Beteiligten spürbar. Nicht nur Sabine und
Katja kämpfen mit den Tränen. Auch Johannes Clasen ringt sichtbar
mit den Emotionen.


Sabine und Katja bedanken sich abschließend dafür, dass sie ihre
Geschichten erzählen durften, dass ihnen zugehört wurde.


„Danke, dass wir unsere Stimme auch einfach hörbar bekommen und
dass uns Menschen auch hören können“,


sagt Katja.


Die beiden Frauen stehen auf, umarmen sich, halten sich fest,
geben sich Halt. Halt für all das, was war und was noch vor ihnen
liegt.


Was bleibt, ist mehr als ein Interview – es ist ein Einblick in
zwei Leben, die aus der Bahn geraten sind. Es ist das
eindringliche Zeugnis zweier Frauen, die trotz oder wegen des
großen Schmerzes und der Tragik ihrer Schicksale den Mut gefunden
haben, ihre Stimme zu erheben. Getrieben von dem Wunsch, gehört
zu werden – für sich, für den Sohn, für den Ehemann und Vater und
für die unzähligen anderen Betroffenen.


Möge ihr Mut zu sprechen nicht ungehört verhallen. Möge aus dem
Zuhören Verstehen und Anerkennung werden, damit ihr Leid nicht
länger im Schweigen und der Unsichtbarkeit verschwindet.
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