Hannah Stoll: Für mich ist es so schlimm, dass mir nichts hilft

Hannah Stoll: Für mich ist es so schlimm, dass mir nichts hilft

vor 1 Tag
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Beschreibung

vor 1 Tag

Das Interview wurde erstmalig am 03. 03. 2026 veröffentlicht.


Hannah war eine junge, leistungsorientierte und hochtrainierte
Läuferin. Heute ist davon nichts mehr übrig, denn nach den
Corona-Impfungen erkrankte sie schwer. Was mit geschwollenen
Gelenken und Erschöpfung begann, entwickelte sich zu einer
komplexen, chronischen Erkrankung. Es folgte eine jahrelange
Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken, zahllose Therapieversuche,
invasive Behandlungen, Hoffnungen – und immer wieder Rückschläge.
Doch Hannah kämpft weiter trotz Verzweiflung, sozialer Isolation
und existenzieller Gedanken. Denn sie will leben. Nicht mit
Schmerz und Erschöpfung – sondern mit einer echten Perspektive
auf Anerkennung und Verbesserung.


Hannah aus Baden-Württemberg war eine junge,
leistungsorientierte, sportliche Frau, die lief, während andere
noch schliefen. Über 100 Kilometer pro Woche. Jeden Tag. Ihr
Körper war ihr Zuhause, ihre Kraftquelle, ihr Stolz. Kurz vor der
Impfung war sie so fit wie nie zuvor. Ihr Ziel: die fünf
Kilometer unter 20 Minuten. „Ich hätte das auch laut meinem
Training erreicht.“


Heute kann Hannah keine Läufer mehr sehen. „Das zerreißt mir
das Herz, da muss ich losheulen.“


Hannah ist trotz ihrer schweren Erkrankung mutig und stark. Denn
früh ging sie an die Öffentlichkeit mit der Information, dass sie
nach den Corona-Impfungen schwer erkrankt ist. Eine Entscheidung,
die Courage verlangt hat – und die sie bis heute Kraft kostet.


Auf die Frage, warum sie sich impfen ließ, sagt sie:


„Die Frage, die stell ich mir selber tatsächlich jeden Tag.“
Die Angst vor Corona – und der Wunsch, weiterlaufen zu können

Im Dezember 2020 erkrankte ihre Familie an Corona. Zuerst der
Vater – schwer, mit typischen Symptomen, Geruchs- und
Geschmacksverlust, totaler Erschöpfung. Dann die Mutter, leichter
Verlauf. Im Januar 2021 traf es Hannah selbst. Auch sie war
erschöpft, hatte grippeähnliche Symptome und starke
Ohrenschmerzen, aber kein Fieber. Nur ihr Vater erhielt damals
einen PCR-Nachweis. Für sie und ihre Mutter standen
keine PCR-Tests zur Verfügung – eine Tatsache, die sie
fatalerweise später zur zweiten Impfung veranlassen sollte.


Ab Frühjahr 2021 ging es Hannah wieder gut. Sie konnte wieder
laufen. Die Angst vor einer schweren Corona-Erkrankung aber
blieb. Hannah hatte große Sorge, dass das Virus ihre Lunge
angreifen und ihr den Laufsport nehmen könnte.


Die Entscheidung für die Impfung war vielschichtig: Sie war
„gutgläubig“, sagt sie heute. Und sie hatte Angst. Auch der Druck
am Arbeitsplatz war hoch. Ihre Vorgesetzten waren
Impfbefürworter. Tägliches Testen empfand sie als Schikane.
Selbstkritisch stellt sie fest: „Ich hätte diesem Druck nicht
standgehalten.“_
Erste Reaktionen nach der Impfung

Zum Zeitpunkt der ersten Impfung war sie wegen einer
Sportverletzung in der Leiste krankgeschrieben. Auf ihre
Impfentscheidung hatte dies aber keinen Einfluss. Sie hätte sich
trotzdem impfen lassen, sagt sie.


Drei Tage nach der Impfung begannen die Beschwerden:
geschwollene, schmerzende Kniegelenke. Sie konnte kaum noch
gehen. Schmerzmittel halfen nicht. Dazu kam eine ausgeprägte
Fatigue. Vor der zweiten Impfung spürte sie schon deutliche
Zweifel und sprach ihren Arzt darauf an. Ob das sinnvoll sei?
Sechs Wochen lagen dazwischen. Die Fatigue hatte sich etwas
gebessert. Doch der Arzt riet zur zweiten Dosis. Aufgrund des
fehlenden PCR-Nachweises „musste“ sie sich, im Gegensatz zu
ihrem Vater, ein zweites Mal impfen lassen. Die Beschwerden
wurden auf ihren intensiven Laufsport und die Sportverletzung
geschoben.


Nach der zweiten Impfung kam der „mega-Fatigue-Zustand“. Für
sie war klar: Das konnte nicht mehr von der Leistenverletzung
kommen, die zwei Monate zurücklag.


Die Leiste reagierte wie „ein Rebound“, die Beschwerden
wurden heftiger. Pulsierende Entzündungsschmerzen, Krämpfe in den
Ellenbogen, anschwellende Finger, Eiter an den Fingernägeln,
entzündete Fingerkuppen. Ein bestehendes Raynaud-Syndrom
verschlimmerte sich drastisch. Es folgten Kieferschmerzen, Licht-
und Geräuschempfindlichkeit, Darmprobleme, Entzündungen und
Brennen an Schleimhäuten. Sie konnte nicht einmal mehr spazieren
gehen.
Auf der Suche nach Antworten und Hilfe

Im Herbst 2021 begann ihre Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken.
Zunächst erfolgte eine stationäre Aufnahme in einer Rheumaklinik.
Eine Krankenschwester sagte ihr dort, „wieviele Fälle sie
hätten seit der Impfung. So viele Leute, die seit der Impfung
einen Rheumaschub bekommen haben oder wo sich Rheuma entwickelt
hat. Und dass es sogar die Ärzte sagen würden.“ Ihr
gegenüber habe das jedoch kein Arzt gesagt. „Aber der
Schwester gegenüber wohl schon.“ Rheumafaktoren wurden nicht
gefunden. So blieb es offiziell bei der Annahme einer
Sportverletzung. Doch Hannah spürte, dass mehr dahintersteckte,
dass die Ärzte „mehr wissen als sie sagen. […] Man kriegt da
irgendwie ein Gespür.“


Es folgten unzählige Arztkontakte: Rheumatologen, Neurologen,
Universitätskliniken. Anfangs wurde ihren Schilderungen kein
Glauben geschenkt. Ihre Beschwerden seien psychischer Natur, so
die Aussagen der Ärzte. Doch im Laufe der Zeit wurden viele
Diagnosen gestellt: Post Vac, ME/CFS, immunvermittelte Small
Fiber Neuropathie (SFN), klinisch gesichert durch Hautbiopsie im
Sommer 2024. Autoantikörper wurden nachgewiesen.


Ihre Symptome passen dazu: Ganzkörperschmerzen, tief, drückend,
stechend, pulsierend. Berührungsempfindlichkeit. Gestörtes
Temperaturempfinden. Autonome Störungen mit Beteiligung des
Magen-Darm-Trakts. Dauerschmerz, der auch durch Schmerzmittel
nicht in den Griff zu bekommen ist.


Typisch für Hannahs Schmerzen ist, dass sie wandern und sich
verlagern. „Immer für einige Monate am Stück an derselben
Stelle sehr heftige Schmerzen.“ Andere Schmerzen seien dumpfer –
„damit könnte ich sogar leben.“


Es folgten entzündete Füße, eine entzündete Achillessehne – sie
kam nicht mehr in geschlossene Schuhe. Später kamen massive
Rückenbeschwerden hinzu. Ein privater Schicksalsschlag
verschlimmerte die Situation. Die Schmerzen wurden dauerhaft.


Diese heftigen Schmerzen haben „mich zurückgeworfen wie zum
Teil die Zustände direkt nach der Impfung gewesen sind.“
Wenn nichts hilft

Resigniert sagt sie: „Für mich ist es so schlimm, dass mir
nichts hilft.“


Denn sie hat fast alles versucht: Nahrungsergänzungsmittel.
Unterschiedlichste Ernährungsformen. Schmerzmittel, Statine,
Sartane. LDN (Low-Dose Naltrexon). Magnetfeldmatte –
die die Nervenschmerzen verstärkte. Auch eine mehrmonatige Phase
ganz ohne Medikamente, um dem Körper die Chance zu geben, die
Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Nichts half.


Auch invasive Behandlungen gehören zu ihren Therapieversuchen:
Hannah unterzog sich sieben Immunadsorptionen in Hannover. Eine
kostet 2.500 Euro. Von der Kasse wurden sie nicht bezahlt. Der
Effekt: „null“.


Die Verabreichung von Immunglobulinen in der Universität Tübingen
wurde von der Krankenkasse bezahlt und brachte zunächst
Besserung: mehr Energie, besserer Schlaf, bessere Verdauung.
Hoffnung. Doch später zeigten sie keine Wirkung mehr. Nach einer
Therapiepause versuchte sie es erneut mit einer ambulanten Gabe
der Initialdosis. Darauf eskalierte ihr Zustand mit
Herzrasen. „Sodass ich dann gesagt habe: Das macht doch
keinen Sinn und ich möchte das nicht mehr.“


Viele dieser Therapien wurden privat finanziert. Ihre Familie hat
sehr viel Geld investiert. Hannah weiß, dass sie sich in einer
besonderen Lage befindet. Viele andere Betroffene seien
finanziell ruiniert. Sie hingegen konnte nahezu jede
Therapieoption ausprobieren. Dafür ist sie dankbar.


Mittlerweile sieht sie sich und andere Betroffene als
Versuchskaninchen. Denn viele Geschädigte seien so hoffnungslos,
dass sie sich jeder Therapieform unterziehen würden, fatalerweise
aber „dafür noch zahlen“ müssten.
Der Gedanke an den Tod

Im Dezember 2025 ging es ihr besonders schlecht. Die
Universitätsklinik Tübingen bot nur noch Schmerztherapie an –
viele Medikamente kann sie aber wegen einer Herzproblematik nicht
nehmen.


„Das war es dann halt von Seiten der Uniklinik. Das hat mich
wirklich in ein richtiges Loch gezogen, ich war so verzweifelt,
weil ich dachte, jetzt hab ich gar keine Optionen mehr, weil ich
alle Therapien schon hinter mir hab.“


Aus Verzweiflung begann sie, über begleiteten Suizid
nachzudenken. Sie wollte „mit diesen Schmerzen nicht mehr leben“,
wollte nicht mehr anderen jungen Menschen beim Leben zusehen. Ein
begleiteter Suizid erfordert jedoch ein psychiatrisches
Gutachten, das einen lang anhaltenden Wunsch bestätigt. Sie
suchte nach Möglichkeiten. Wartete auf Rückmeldungen. Bisher hat
sie von dem angefragten Psychiater nichts gehört.
Eine neue Hoffnung: Stammzellentherapie

Doch dann hörte sie von einer anderen Option,
die „vielversprechend sei“: eine Stammzellentherapie, bei
der Stammzellen aus dem körpereigenen Fettgewebe entnommen,
aufbereitet und wieder infundiert werden. Dies gab ihr neue
Hoffnung. So sagte sie sich: „Hannah, du bist noch so jung,
und eigentlich möchtest du ja leben.“ So unterzog sie sich vor
einem Monat dieser Stammzellentherapie. Kosten: über 10.000 Euro.
Eine sehr schmerzhafte Prozedur, an der sie noch heute laboriert.


Hannahs Bauch ist noch verhärtet, Hämatome sind noch sichtbar.
Der Wirkungseintritt kann bis zu einem halben Jahr dauern. Noch
lässt sich nichts über den Therapieerfolg sagen. „Aber klar: […]
Jede Woche die verstreicht, werde ich nervöser und hab auch
wieder Angst.“ Derzeit sind Hannahs Schmerzen stärker.
Vielleicht, weil sie für den Eingriff „total viel Kräfte
mobilisiert“ hat „und Adrenalin in mir
hatte.“ Anspannung führt bei ihr oft zu einem Crash – auch
mit Schmerzverstärkung.


Sie plant: Wenn sich ihr Zustand um die Stammzellentherapie
langfristig um 30 bis 40 Prozent verbessern würde, würde sie sie
wiederholen. Wenn nicht, dann nicht.
Anerkennung und Ehrlichkeit

Hannah wünscht sich Anerkennung, Medikamente, die helfen,
Forschung und vor allem Ehrlichkeit. Ehrlichkeit vor allem auch
seitens betroffener Ärzte. Denn Hannah kennt sechs Ärzte, die
selbst erkrankt oder deren Familien betroffen sind. Eine
geschädigte Ärztin sitzt immer wieder im Rollstuhl und wird
dennoch von ihren Kollegen stigmatisiert: Ihre Beschwerden wurden
auf die Psyche geschoben.


Von diesen betroffenen Ärzten hört man in der Öffentlichkeit nur
wenig: „Ich glaub, das Problem ist: Diese Ärzte, die einen
Impfschaden haben, aber noch selber arbeiten können, die wollen
nicht an die Öffentlichkeit gehen, weil sie Angst haben, dass sie
Anfeindung zu spüren bekommen oder sogar ihren Job verlieren.“


Sie habe Ärzte gefragt, ob sie gemeinsam mit ihr in diesem
Interview vor der Kamera sprechen würden. Aber: „Die hatten
alle Angst.“ Resigniert stellt sie fest: Das Schweigekartell
ist real.


Trotz Dauerschmerzen, sozialer Isolierung und schwerer Krankheit
darf Hannah auch Positives erleben: Viele Betroffene haben sich
an sie gewandt und sich für ihren Mut bedankt. „Das gibt mir
viel zurück.“ Auch Genesungswünsche, die sie zahlreich
erreichen, berühren sie „jedes Mal aufs Neue.“_


Hannah wollte laufen, die Kraft ihres Körpers spüren, leben. Sie
will es noch immer. Denn sie will nicht sterben, sondern leben –
in einem Zustand, der nicht von Schmerzen und Fatigue dominiert
ist. Im Moment hat sie eine Entscheidung für das Leben getroffen.
Möge es so bleiben.
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