Thomas Dietz: Die Kirchen selbst sind für die Impfung in die Propaganda gegangen

Thomas Dietz: Die Kirchen selbst sind für die Impfung in die Propaganda gegangen

vor 2 Tagen
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Beschreibung

vor 2 Tagen

Das Interview wurde erstmalig am 17. 03. 2025 veröffentlicht.


Ruhestandspfarrer Thomas Dietz in einem berührenden Gespräch mit
Johannes Clasen über eine Zeit, die ihn bis heute bewegt: über
geschlossene Kirchen, ausgebliebene Debatten und die
gesellschaftliche Spaltung durch die Impf- und Coronapolitik. Der
evangelische Geistliche aus der Uckermark berichtet, warum er
seine Kirche trotz Druck offenhielt und wie aus seiner Gemeinde
ein Ort für Gespräche, Zweifel und persönliche Schicksale wurde.
Ein bewegender Rückblick auf die Corona-Jahre – und auf die
Frage, welche Rolle die Kirche damals spielte.


Wenn Pfarrer Thomas Dietz erzählt, spürt man schnell: Hier
spricht jemand, der die Corona-Zeit nicht nur beobachtet, sondern
durchlebt hat. Ruhig, überlegt, warmherzig, zugewandt – so wirkt
der evangelische Geistliche aus der Uckermark. Einer, der zuhören
kann und der Menschen ernst nimmt. In jedem Satz, den er spricht,
spürt man seine innere Überzeugung und Menschenfreundlichkeit.
Denn er ist einer, der in einer der schwierigsten Phasen der
jüngeren deutschen Geschichte entschieden hat, seine Kirche offen
zu halten – für offene Gespräche, für Zweifel und auch für
Widerspruch.


Heute lebt er mit seiner Frau im Ruhestand zurückgezogen im
kleinen Ort Mönkebude am Stettiner Haff. Abseits, ruhig, zwischen
Wasser und Himmel. Doch die belastenden Jahre der Corona-Zeit mit
ihren besonderen Bedingungen sind für ihn noch immer sehr
präsent. Für seine Frau und ihn sei diese Zeit sehr anstrengend
und herausfordernd gewesen, sagt er rückblickend. Denn damals
stellte sich für ihn vor allem eine grundlegende Frage:


„Wie erfolgt jetzt Gemeindearbeit, wie steht Kirche, wo können
wir den Menschen helfen?“
Ein Pfarrer, der die Kirchen offenhalten wollte, und Briefe,
auf die niemand antwortete

Besonders erschüttert hat ihn zu Beginn der Pandemie, dass
Kirchen geschlossen wurden. Für den Pfarrer, der in
der DDR aufgewachsen ist und dort kirchlich engagiert
war, war das ein tiefgreifender Einschnitt. Vieles habe er damals
erlebt – aber dass Kirchen ihre Türen schließen, sei selbst in
der DDR nicht vorgekommen. Dies sei ein Punkt gewesen,
der ihn „sehr zum kritischen Nachdenken angeregt“ habe.
Dass Ostern 2020 ohne Ostergottesdienste stattfinden sollte, habe
ihn besonders bewegt. Denn das gab es seines Wissens „in der
Geschichte noch nie“.


Was ihn zusätzlich beschäftigte, war die Frage, ob darüber
innerhalb der Kirche überhaupt ein offener Diskurs möglich sei.
Doch seine Erfahrung war ernüchternd:


„Der wurde überhaupt nicht zugelassen.“


Im April 2020 schrieb er einen offenen Brief an die
brandenburgische Landesregierung. Darin kritisierte er unter
anderem abgesperrte Spielplätze, den Umgang mit alten Menschen in
Pflegeeinrichtungen und geschlossene Kitas. Gerade in seinem
Pfarrgebiet kannte er viele Familien aus schwierigen sozialen
Verhältnissen. Für manche Kinder sei die Kita ein stabiler Ort
gewesen, ein Schutzraum. Doch eine Antwort bekam er
nicht. „Gar nichts.“


Auch ein zweiter Brief an die Landeskirche blieb weitgehend
folgenlos. Zwar rief ihn der Bischof später an, doch Dietz hatte
den Eindruck, dass grundlegende Kritik nicht wirklich aufgenommen
wurde. 


„Das hörte er, aber reagierte darauf überhaupt nicht.“


Die Kirchenleitung hatte sich, so Thomas Dietz, „nicht
bemüßigt gefühlt“, zu handeln.


Besonders schmerzte ihn der Umgang mit Kranken und Sterbenden. In
vielen Einrichtungen, auch Hospizen, waren Besuche nicht mehr
erlaubt. Für Dietz eine moralische Grenzüberschreitung, die er
auch öffentlich anprangerte. Die Kirche habe, so seine deutliche
Kritik, „an dieser Stelle ganz und gar
versagt.“ Offizieller Protest sei ausgeblieben:


„Da ist von den Amtskirchen gar nichts gekommen.“
Die Demonstration in Berlin am 1. August 2020

Im 1. August 2020 fuhr Dietz mit seinen Kindern und einem Freund
zu einer großen Demonstration nach Berlin. Was er dort erlebte,
passte für ihn nicht zu dem Bild, das vielerorts in den Medien
gezeichnet wurde.


„Das war für uns wirklich ein eindrückliches Erlebnis“, sagt er.
Die Teilnehmer habe er als bunt gemischtes Publikum erlebt:


„Ein Publikum, wie man es sich für einen Kirchentag bloß wünschen
würde, durch alle Generationen durch, querbeet, Hunderttausende.“


Besonders ein Moment hat sich in ihm tief eingeprägt: Als die
Polizei die Veranstaltung auflöste, standen noch einige Redner
auf der Bühne. Unter ihnen auch der Arzt Bodo Schiffmann. Dietz
erinnert sich sichtbar bewegt, mit den Tränen kämpfend:


„Ich habe immer noch vor Augen, wie die Polizei dort schwer
bewaffnet […] auftrat.“


Dann stockt seine Stimme:


„Ich kuckte zu Bodo Schiffmann hin und sah, dass seine Lippen
sich bewegten und er betete das Vater unser.“
Der Nordkurier – eine Regionalzeitung, die zuhört und fair
berichtet.

Wenige Tage nach der Demonstration meldete sich eine Zeitung bei
ihm: der Nordkurier. Die Regionalzeitung hatte gehört, dass
Pfarrer Dietz an der Demonstration teilgenommen hatte und bat ihn
um ein Gespräch.


Er sagte zu – und die Zeitung veröffentlichte einen ausführlichen
Beitrag über ihn, seine offenen Briefe und seine Erfahrungen in
Berlin, übertitelt mit „Pfarrer wendet sich gegen die
Panikmache“. Für Thomas Dietz war das ein entscheidender Moment.
Denn der Nordkurier berichtete fair, ohne ihn zu diffamieren.


Der Artikel löste eine Welle von Leserbriefen aus. Rund 80
Prozent der veröffentlichten Zuschriften unterstützten ihn. Viele
Menschen bedankten sich für seine Haltung. Diese Resonanz habe
ihm sehr viel Kraft gegeben und ihm den Rücken gestärkt, so
Dietz. Gleichzeitig habe sie ihm gezeigt, wie groß der
Gesprächsbedarf war.


Die Rolle der Zeitung bewertet Dietz bis heute als entscheidend.
Ohne diese Berichterstattung wären seine späteren
Veranstaltungen, die als „Malchower Format“ überregionale
Bedeutung erlangen sollten, wohl kaum so bekannt geworden.
Das „Malchower Format“ – eine Kirche wird zum Gesprächsort

In den Dörfern seiner Gemeinde spürte Dietz damals eine besondere
Atmosphäre: einerseits große Angst vor Krankheit und Ansteckung,
andererseits aber ein enormer Wunsch nach Austausch und
Kommunikation – eine stark spürbare Spannung zwischen Angst und
Menschlichkeit.


Aus diesem Gefühl heraus entstand eine Idee: Vorträge in seiner
Kirche. Ein Ort, an dem Menschen zuhören, diskutieren und Fragen
stellen konnten, ein Ort, um Menschen aufzuklären und ihnen die
Angst zu nehmen. So entstand die Vortragsreihe, die später
überregional bekannt wurde: das „Malchower Format“.


Die erste Veranstaltung fand im Januar 2021 statt. Eingeladen war
der Arzt Paul Brandenburg. Der Nordkurier kündigte die
Veranstaltung an und berichtete später auch darüber – fair und
sachlich.


Dietz bekam schon kurz danach zahlreiche Nachrichten. Viele
Menschen schrieben ihm, dass sie sich durch die Veranstaltung
ermutigt fühlten, „nicht angstbesessen durch diese Zeit zu
gehen.“ Viele hätten sich bedankt, wie sehr ihnen diese
Treffen, die regelmäßig abgehalten wurden, geholfen
hätten, „durch diese schwierige Zeit zu kommen.“
Eine Gemeinde ohne Druck

In seiner eigenen Gemeinde versuchte Dietz bewusst, jede Spaltung
zu vermeiden. In den Gottesdiensten gab es keine Kontrolle von
Maskenattesten, keinen Druck.


„Es saßen Leute, wo ich weiß, dass sie Angst weiterhin hatten,
die also auch mit Maske saßen – und es saßen auch Leute natürlich
ohne Maske.“


Für ihn war entscheidend, dass sich niemand ausgeschlossen
fühlte.


„Es war mir ein Herzensanliegen, dass ich jetzt nicht meine
eigene Gemeinde spalte durch mein Engagement.“


Und tatsächlich blieb die Atmosphäre ruhig, respektvoll und
offen.
Die Spaltung durch die Impfpolitik

Mit Beginn der Impfkampagne nahm die gesellschaftliche Spannung
aus seiner Sicht deutlich zu. Seiner Erinnerung nach habe das die
gesellschaftliche Spaltung stark vorangetrieben, so Dietz.


Besonders kritisch sieht er in dem Zusammenhang die Rolle der
Kirchen, die „selbst für die Impfung in die Propaganda
gegangen sind.“


Manche Gemeinden führten sogar 2G-Regeln ein. Für Dietz war
das „ganz klar ein Verbrechen“, da man „Leute wirklich
ausgeschlossen hat, gänzlich ausgeschlossen hat.“


Viele Menschen, die jahrzehntelang treue Gemeindemitglieder
gewesen waren – selbst in der DDR – hätten sich dadurch
tief verletzt gefühlt und seien – für Dietz nachvollziehbar
-  „verstört“ aus der Kirche ausgetreten. „Ich konnte
dem nicht widersprechen“, sagt er dazu.
Menschen erzählen ihre Schicksale

Mit der Zeit rückte ein weiteres Thema in den Mittelpunkt:
mögliche Impfschäden.


Dietz berichtet von vielen Gesprächen mit Betroffenen.


„Ich habe erlebt, dass Leute einen Rheumaschub kriegten, ich habe
erlebt, dass Leute einen Entzündungsausbruch am Körper hatten, in
Depression gefallen sind.“


Auch von gehäuften Krebserkrankungen und einem Hirnaneurysma habe
er erfahren. Immer häufiger sprachen betroffene Menschen nach den
Vorträgen mit ihm über ihre Schicksale.


Besonders eindrücklich waren für ihn in dem Zusammenhang
Vortragsabende mit Fachreferenten.


Bei einer Veranstaltung mit Professor Cullen aus Münster standen
plötzlich mehrere Besucher auf und erzählten ihre eigenen
Geschichten:


„Acht, neun, zehn Leute sind dann aufgestanden und haben ihre
Schicksale geschildert.“


Unter ihnen war ein Mann in seinem Alter, der nach eigener
Überzeugung nach der Impfung zwei Krebserkrankungen entwickelt
hatte. Diesen Mann habe er „ein Vierteljahr später
beerdigt“, so Dietz.


Auch bei weiteren Veranstaltungen meldeten sich Betroffene zu
Wort.


„Auch da haben dann mehrere Leute sich gemeldet und ihre
Schicksale geschildert.“


Für viele von ihnen seien die Veranstaltungen in Malchow der
einzige Ort gewesen, an dem sie „überhaupt mal darüber
sprechen können und Gleichgesinnte treffen können.“


Denn im Alltag stoßen sie oft auf Ablehnung und hören Sätze wie:


„Hör mal auf mit der Leier, das ist ja nun vorbei. Und komm, reiß
dich zusammen!“
Eine Plattform für den offenen Diskurs

Für Dietz war das „Malchower Format“ deshalb mehr als nur eine
Vortragsreihe. Es sollte ein Raum sein, in dem Menschen ihre
Erfahrungen aussprechen können – auch wenn diese nicht in das
öffentliche Narrativ passen. Er sieht genau darin eine Aufgabe
der Kirche. Sie müsse auch jenen eine Plattform bieten, die sonst
nicht gehört werden.


Bis heute vermisst er eine ernsthafte, ehrliche Aufarbeitung der
Corona-Zeit, sowohl gesellschaftlich, als auch juristisch, als
auch innerhalb der Kirchen:


„Ich vermisse jetzt völlig, dass Kirche eigentlich hinterfragt,
was läuft hier eigentlich ab?“


Dietz bedauert das sehr. Seiner Ansicht nach hätte die Kirche
eine andere Rolle spielen, einen Ort des offenen Diskurses, eine
Plattform für unterschiedliche wissenschaftliche Stimmen
darstellen müssen.


„Ich denke mal, wenn das die Kirchen gemacht hätten, beide großen
Kirchen gemacht hätten, dann wär die ganze Coronazeit ganz anders
abgelaufen.“
Ein Format, das weiterlebt

Obwohl er inzwischen im Ruhestand ist, organisiert Dietz die
Veranstaltungen weiter. Der Gemeindekirchenrat hatte ihn
ausdrücklich gebeten, das „Malchower Format“ auch nach seiner
Pensionierung fortzuführen. Vorträge sind bis Sommer 2026
geplant. Für Dietz ist das ein Zeichen, dass seine Arbeit Früchte
getragen hat. Denn für viele Besucher ist seine kleine Dorfkirche
zu einem besonderen Ort geworden – einem Ort, an dem man reden
darf, zuhören darf, zweifeln darf, einander begegnen und
ermutigen kann.


Und genau das war von Anfang an seine Motivation und bleibt sein
Vermächtnis: In Zeiten der Angst die Kirche offen zu halten.


Für Gespräche, für Fragen, für Zweifel, für Antworten. Und vor
allem für die Menschen.

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