Der unbequeme Hanswurst

Der unbequeme Hanswurst

vor 3 Tagen
Dramatiker und Schauspieler Dario Fo
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Der Kulturelle Podcast von Andreas Duderstedt

Beschreibung

vor 3 Tagen

Der Narr, der Possenreißer, der den Mächtigen den Spiegel vorhält
und sie der Lächerlichkeit preisgibt: Das war der italienische
Dramatiker und Schauspieler Dario Fo.


 


Weil er „in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht
geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten
wiederaufrichtet“, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1997 den
Literaturnobelpreis. Da war er 71 und hatte rund 40
Gerichtsprozesse hinter sich, auch Morddrohungen, mehrmals wurde
er noch in Kostüm und Maske von der Bühne weg verhaftet: Die
Macht fürchtete ihn. Das italienische Fernsehen RAI sperrte ihn
16 Jahre aus, erst der Nobelpreisträger durfte dort wieder
auftreten. Dario Fo, geboren am 24. März 1926, sagte in seiner
Dankesrede in Stockholm, er sei nicht zum Theater gegangen, um
den Hamlet zu spielen, sondern um ein Clown zu sein, ein
Hanswurst.


Als der Clown den höchsten Preis für Literatur bekam, empfanden
das viele als Skandal. Diese Kritiker, sagte Fo später, sahen
„eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu
haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis
hatten nur die echten Literaten.“ Dass ihn dann ein Komödiant
gewann, war für viele eine ärgerliche Störung.


Als er vor hundert Jahren im lombardischen Sangiano, nicht weit
vom Lago Maggiore, zur Welt kam, war dort noch die alte mündliche
Erzähltradition lebendig. Seine Familie war in der Resistenza
aktiv, dem antifaschistischen Widerstand; seinem Vater, einem
Eisenbahner, half er, Flüchtlinge und Deserteure illegal in die
Schweiz zu bringen. Zunächst studierte er Kunst und Architektur
in Mailand, arbeitete kurze Zeit als Architekt. Ab 1950 widmete
er sich ganz dem Theater, improvisierte Einpersonenstücke,
schrieb satirische Monologe, die bei Kirche und Staat bald Anstoß
erregten. 


1954 heiratete er Franca Rame, die aus einer traditionsreichen
Wanderschauspielerfamilie stammte und ein Leben lang seine
kongeniale Partnerin blieb. Die Bühne der beiden war zunächst das
populäre Piccolo Teatro in Mailand. Erfolge wie „Die Erzengel
spielen nicht Flipper“ (1960) stellten sich ein, auch im Ausland.


1968 orientierten sich Fo und Rame radikal neu: Sie verließen die
bürgerlichen Bühnen, sie wollten nicht mehr die giullari, die
Spaßmacher der Bourgeoisie sein, sondern die giullari des
Proletariats. Fo: „Tatsächlich akzeptierte die Bourgeoisie unsere
Satire, unsere Ironie, weil sie systemimmanent war. Sie tat der
Bourgeoisie gut wie ein Masseur, der einen durchknetet. Uns wurde
klar, dass das so nicht bleiben konnte, wollten wir uns selbst
treu bleiben.“ Eine neue Theatertruppe entstand, die „Nouva
Scena“, die zunächst eng mit der Sport- und Freizeitorganisation
der Italienischen Kommunistischen Partei PCI zusammenarbeitete.
Fo und Rame ging es mit ihrer Kunst darum, „das Wachstum eines
realen revolutionären Prozesses zu fördern, das die
Arbeiterklasse tatsächlich an die Macht bringt“.


Und bald waren seine Stücke in Italien allgegenwärtig. Vor
Tausenden Zuschauern spielte er nicht nur in Theatern, sondern
auch in Fabriken, besetzten Häusern, in Supermärkten, an
Bushaltestellen. 


Der große Komödiant Dario Fo schrieb Komödien, die turbulent und
chaotisch, derb und vulgär, temporeich und verrückt sind – und
von umwerfender Komik, die sich oft in nächster Nähe zum
Grausam-Tragischen bewegt. Zum Beispiel in „Einer für alle, alle
für einen! Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?“ (1971).
Dort versteckt sich ein kommunistischer Arbeiter, der auf einer
Demonstration eine Schusswunde im Gesäß abbekommen hat, in einer
Schneiderei, wo seine Verlobte als Schneiderpuppe dienen muss und
sich deshalb nicht bewegen darf. Ihre Kolleginnen verarzten den
Verletzten („Der Arsch ist die Achillesferse der Staatsfeinde!“),
der sich vor dem Chef als Witwe tarnt, um nicht entdeckt zu
werden. Das Stück handelt von der Geschichte der italienischen
Arbeiterbewegung von 1911 bis zur Machtergreifung des Faschismus
1922 und wurde vom Autor zusammen mit seinem Theaterkollektiv
entwickelt. Grundlage waren Archive, Gerichtsprotokolle,
Zeitschriftenartikel, Memoiren und mündliche Berichte von alten
Arbeitern. Fo nannte das in Anlehnung an Brechts Lehrstücke
„teatro didattico“.


1969 sterben bei einem Bombenattentat in Mailand 16 Menschen.
Polizei und die meisten Medien gehen sofort von linksradikalen,
anarchistischen Tätern aus. Der Hauptverdächtige Giuseppe Pinelli
stürzt bei einem Verhör unter unklaren Umständen aus einem
Fenster des Mailänder Polizeipräsidiums und ist sofort tot. Erst
drei Jahre später kommt ans Licht, dass Neofaschisten die Täter
sind. In dem Stück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“,
uraufgeführt 1970, greift Fo den Fall Pinelli auf. „Der
Verrückte“ (matto) spielt ein aberwitziges Verwechslungsspiel,
indem er sich als Richter, aber auch als psychisch Kranker,
Psychiater und Bischof ausgibt – und er sagt die Wahrheit. Am
Ende fällt er aus dem Fenster.


1978 entsteht gemeinsam mit Franca Rame das Monologstück „Nur
Kinder, Küche, Kirche“. Drei Stunden wirbelt und tobt eine Frau
in verschiedenen Rollen und Zusammenhängen über die Bühne. Es
geht um den stressigen Alltag einer Arbeiterin mit kleinem Kind,
es geht um Misshandlung und sexuelle Gewalt durch den Ehemann. Ob
als verfolgte Kommunistin oder als Nutte in der Heilanstalt – das
feministische Theater von Rame und Fo wird sofort ein
Publikumsmagnet. „Wir haben den Schlüssel der Groteske gewählt,
weil wir der Überzeugung sind, dass es nichts hilft, sich zu
beweinen“, erklärt Franca Rame. „Sondern wir wollten ein Stück
darüber, was es heißt, Frau zu sein, in komisch-grotesker Weise
präsentieren.“


Auch die Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ (1983) ist ein
gemeinsames Werk des Ehepaars. Die Frau leidet unter den
Seitensprüngen ihres Mannes, der daraufhin eine Öffnung ihrer Ehe
vorschlägt. Aber als sich die Frau dann neue Ziele setzt, nimmt
er sich das Leben.


In „Bezahlt wird nicht!“ rauben Frauen, weil alles so teuer ist,
einen Supermarkt aus. Thema der Polit-Farce von 1974 ist ziviler
Ungehorsam angesichts eines brutalen Kapitalismus. Leonardo Raab
hat das Stück 2025 im Staatstheater Mainz inszeniert. Ist der
klassenkämpferische Ansatz von Dario Fo heute noch aktuell? Die
Kritikerin Hannegret Kullmann vom Südwestrundfunk meint dazu, der
soziale Sprengstoff von 1974 wolle heute nicht zünden, „nicht,
weil wir keine Probleme mehr hätten, sondern weil Gesellschaft
und Zeitgeist heute andere sind“. Dazu Regisseur Raab:
„Sicherlich zündet der Stoff heute nicht mehr so unmittelbar wie
in den 1970er-Jahren. Die politischen Fronten haben sich
ausdifferenziert, viele Themen der Arbeiter*innenklasse werden im
Turbokapitalismus überlagert oder individualisiert.“ Umso
wichtiger bleibe es, sie auf der Bühne zu verhandeln. „Was den
Stoff jedoch zeitlos macht, ist die Frage nach Solidarität und
Zusammenhalt: nach einer Gemeinschaft, die zumindest versucht,
sich nicht alles gefallen zu lassen“, so Leonardo Raab.


Der Marxist Dario Fo war alles andere als dogmatisch, sein
Verhältnis zur PCI durchaus spannungsreich. Mit über 80 Jahren
engagierte er sich in der kurzfristig erfolgreichen
Fünf-Sterne-Bewegung. Ob dieser Einsatz für die Partei seines
Komiker-Kollegen Beppe Grillo ernst gemeint war oder eine
Clownerie, steht dahin. Die Verbindung hielt jedenfalls nicht
lange. 

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