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„Ein Mensch…“ - so beginnen die Gedichte, die ihn bekannt machten. Doch Eugen Roth hat mehr als nur heiter-nachdenkliche Verse über das Menschliche geschrieben. 

 

Das Leichte hat es schwer in der deutschen Literatur. Lange Zeit nahm die Germanistik keine Notiz von Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder gar Heinz Erhardt. Auch der Germanist Eugen Roth (geboren 1895) wollte „ernsthaft“ schreiben. Als er 1976 starb, war er einer der meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker – aber ausschließlich wegen seiner populären humorvollen Verse. „Das Komische wird vom klassischen Lyrikbegriff nicht erfasst, es steht unter Trivialitätsverdacht“, sagt der Literaturwissenschaftler Christian Maintz, ein Spezialist für komische Lyrik.

 

Eugen Roth, 1914 begeistert in den Ersten Weltkrieg gezogen, wird nach wenigen Monaten schwer verwundet und bleibt seitdem zeitlebens ein erklärter Kriegsgegner. In seiner Heimatstadt München studiert er Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie und promoviert 1922. Erste Gedichte erscheinen, meist düster-expressionistisch und pathetisch.

 

Davon kann er nicht leben, also tritt der Sohn eines stadtbekannten Journalisten in die Fußstapfen seines Vaters und arbeitet ab 1927 als Lokalredakteur bei den Münchner Neuesten Nachrichten. Doch nachdem 1933 die Nazis an der Macht sind, wird er im Zuge der „Gleichschaltung“ als „politisch unzuverlässig“ entlassen. Notgedrungen verlegt er sich auf heitere, unverfängliche Gedichte, findet nach langer Suche auch endlich einen Verlag. 1935 erscheint der Band „Ein Mensch“ – und wird ein überraschender Erfolg. Keine zehn Jahre später sind mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft.

 

Ein pessimistischer Grundton der heiteren Verse klingt bereits in dem Vierzeiler an, den Roth seinem ersten Gedichtband als Motto voranstellt:

 

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt – 

Doch oft hat sich herausgestellt 

Nach manchem trüb verbrachten Jahr, 

Daß dies der einzige Lichtblick war.

 

Die Aussage von Gottfried Keller, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht, wird für Roth fast zum Leitmotiv: „Die Grundtrauer sowohl wie eine wirkliche Liebe zu den Menschen sind die Grundlagen meines dichterischen Schaffens“, sagte er. Oft scheint die Trauer oder Skepsis größer als die Menschenliebe:

 

Ein Mensch schaut in der Straßenbahn 

Der Reihe nach die Leute an: 

Jäh ist er zum Verzicht bereit 

Auf jede Art Unsterblichkeit. 

 

Im Nachkriegsdeutschland knüpft er an den Erfolg an. Seine Gedichte, zum Beispiel „Gute Reise“ (1954) oder „Neue Rezepte vom Wunderdoktor“ (1959) erreichen Millionenauflagen. Als einer von ganz wenigen namhaften Lyrikern begibt er sich auch auf poetische Nebengleise und verfasst Schüttelreime und Limericks. 

 

Eugen Roth zeigt in wenigen Worten, wie bequem sich ein biblisches Gleichnis für die eigene Selbstgefälligkeit zurechtbiegen lässt. Die Geschichte, die Jesus erzählt, geht so: Ein Pharisäer und ein Zöllner beten gleichzeitig im Tempel. Der Pharisäer ist ein frommer Mann, der alle Gebote Gottes immer erfüllt. und blickt selbstgerecht und voller Verachtung auf den Zöllner. „Ich danke dir, dass ich nicht bin wie die anderen, wie zum Beispiel dieser“, lautet sein Gebet. Der Zolleinnehmer hat einen Beruf, der bei den meisten Juden verhasst ist, weil er mit der gottlosen römischen Besatzungsmacht kooperiert; die Zöllner standen in dem Ruf, bestechlich zu sein und ihre eigenen Taschen zu füllen – auf Kosten ihrer Landsleute. Er also steht beschämt abseits, schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Eugen Roths Gedicht „Der Salto“:

 

Ein Mensch betrachtete einst näher

Die Fabel von dem Pharisäer,

Der Gott gedankt voll Heuchelei

Dafür, daß er kein Zöllner sei.

Gottlob! rief er in eitlem Sinn,

Daß ich kein Pharisäer bin!

 

In das Heitere eingestreut sind ernste Fragen wie die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe. „Das Böse“ heißt ein Gedicht von 1964, das die Voraussetzungen der Vernichtungswaffe schildert:

 

Ein Mensch – was noch ganz ungefährlich –

Erklärt die Quanten (schwer erklärlich!).

Ein zweiter, der das All durchspäht,

Erforscht die Relativität.

Ein dritter nimmt, noch harmlos, an,

Geheimnis stecke im Uran.

Ein vierter ist nicht fernzuhalten

Von dem Gedanken, kernzuspalten.

Ein fünfter – reine Wissenschaft –

Entfesselt der Atome Kraft.

Ein sechster, auch noch bonafidlich,

Will die verwerten, doch nur friedlich.

Ists nicht der siebte erst und achte,

Der Bomben dachte und dann machte?

Ists nicht der Böseste der Bösen,

Ders dann gewagt, sie auszulösen?

Den Teufel wird man nie erwischen:

Er steckt von Anfang an dazwischen.

 

Der Katholik Eugen Roth thematisiert schuldhafte Verstrickung mit schrecklichen Folgen. 

 

Verstrickt in das Böse war er auch selber. Unter der NS-Diktatur kann er sich nicht dagegen wehren, dass ausgerechnet er, der Antimilitarist, im Zweiten Weltkrieg wieder zum Militär eingezogen und zu Lesereisen für die Truppenbetreuung abkommandiert wird. Seine heiteren Verse sollen die Moral der Soldaten heben. Unter dem Titel: „Ein Mensch lädt Kameraden ein / mit ihm ein Stündchen froh zu sein“ erscheint eine Sonderausgabe seiner Gedichte. 1948 resümiert der Autor mit Blick auf die NS-Diktatur:

 

Ein Mensch, kein Freund der raschen Tat,

Hielt sich ans Wort: Kommt Zeit, kommt Rat.

Er wartete das Herz sich lahm –

Weil Unzeit nur und Unrat kam.

 

Und zugleich beschreibt er unter dem Titel „Einsicht“, wie zahlreiche Deutsche nach 1945 plötzlich ihre Unschuld zu beweisen suchten:

 

Ein Mensch beweist uns klipp und klar,

Dass er es eigentlich nicht war.

Ein andrer Mensch mit Nachdruck spricht:

Wer es auch sei – ich war es nicht!

Ein dritter läßt uns etwas lesen,

Wo drinsteht, daß ers nicht gewesen.

Ein vierter weist es weit von sich:

Wie? Sagt er, was? Am Ende ich?

Ein fünfter überzeugt uns scharf,

Daß man an ihn nicht denken darf.

Ein sechster spielt den Ehrenmann,

Der es gewesen nicht sein kann.

Ein siebter – kurz, wir sehens ein:

Kein Mensch will es gewesen sein.

Die Wahrheit ist in diesem Falle:

Mehr oder minder warn wirs alle!

 

Aus heutiger Sicht, urteilt Christian Maintz, wirke Roths Dichtung „zwar handwerklich solide, aber etwas epigonal“ – zumal im Vergleich mit Großmeistern wie Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern. Robert Gernhardt (1937-2006) ist heute der bekannteste neuere komische Lyriker deutscher Sprache, seine Gedichte changieren oft zwischen intellektuell gefärbtem Nonsens, funkelnder Ironie, groteskem Humor und ätzender Satire. Für ihn ist Roth „bieder“.

 

Dennoch: Eugen Roth war ein großer Stilist. Seine Verse sind immer makellos. Gerne bildet er aus Substantiven Adjektive wie „krankenkässlich“ oder „straßenbähnlich“ und erzielt damit überraschende Effekte. Auch Wortschöpfungen wie „sich selbst verhelden“ oder „kopfbogenstolzes Briefpapier“ sind typisch für seine heiteren Gedichte. Er spielt mit Wortbedeutungen:

 

Ein Mensch nimmt guten Glaubens an

Er hat das Äußerste getan.

Doch leider Gotts versäumt er nun

Auch noch das Innerste zu tun.

 

Und er spielt mit Redensarten:

 

Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen,

Darf sich im Tone nicht vergreifen.

 

Es hat den Dichter gekränkt, dass sein Schaffen jenseits der humorvollen Lyrik fast nicht wahrgenommen wurde. Gedichte, zuletzt in dem Band „Rose und Nessel“ (1951), zeichnen Naturbilder, melancholisch oder farbenprächtig. Seine Prosa rührt häufig an existenzielle Themen wie Sterben und Tod oder Schuld, Sühne und Vergebung.

 

Die autobiografisch gefärbte Erzählung „Das Gespenst“ (1938) schildert aus der Perspektive eines zehnjährigen Jungen das Leiden einer feinen und sensiblen Frau, die es mit ihrem grobschlächtigen Mann in der bayerischen Provinz nicht mehr aushält. Durch Zufall bewahrt sie der Ich-Erzähler vor dem Suizid.

In der Erzählung „Józefa“ (1970) erinnert sich Roth an das Jahr 1944, als er auf Anweisung der Machthaber wieder als „Zeitungsschreiber“ arbeiten musste, „der trösten soll im Trostlosen, der schaudernd spürt, wie jedes gute Wort, das er hinschreibt, zwangsläufig dem Bösen dient, das fallen muß.“

Im Kriegsjahr 1943 spielt die Geschichte „Das Gerücht“ (1952). Ein Soldat hat fünf Tage Urlaub beantragt, denn seine Schwester ist von einem windigen Kerl geschwängert worden, der Bruder will ihre Ehre retten und eine Heirat herbeiführen. Doch es werden ihm nur drei Tage Urlaub gewährt. In der kurzen Zeit kann er sein Anliegen nicht ausführen, er wird er wegen Fahnenflucht verhaftet und standrechtlich erschossen. In Anlehnung an Schillers Ballade „Die Bürgschaft“ erzählt Roth die dramatische Geschichte zunächst indirekt, in Rückblenden, mit hoher Spannung; erst am Ende wird der Knoten gelöst.

 

Die Erzählkunst des promovierten Germanisten Eugen Roth ist an Adalbert Stifter oder auch an Thomas Mann geschult. „Der Gang zur Christmette“ (1952) ist eine ergreifende Schilderung der Tiroler Bergwelt, ihrer Schönheit und ihrer Gefahren, sowie eine Hommage an ihre Bewohner im alten Österreich und ihre lebenskluge, tiefe Frömmigkeit. 

 
7 Minuten
Robert Rauschenberg hat wie kaum ein anderer Künstler Gattungs- und Stilgrenzen übersprungen, nie blieb er bei einer einmal erreichten Ausdrucksform stehen. Er verkörpert die US-amerikanische Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 

 

„Ich kann mir so manchen Luxus leisten, aber den der Langeweile nicht“, sagte er über sein unermüdliches Experimentieren, Suchen, Ausprobieren. Nicht nur Maler, Grafiker und Bildhauer war er, auch Fotograf, Choreograf, Kostüm- und Bühnenbildner. Die Konzept- und Performance-Kunst hat er mitgeprägt. Als Wegbereiter der Pop-Art gilt er, viele sehen ihn als Neodadaisten. Aber Schubladen interessierten ihn nicht. Am 22. Oktober 1925 wurde Robert Rauschenberg in Texas geboren. Er starb 2008 in Florida.

 

1951 trat der junge Künstler erstmals an die Öffentlichkeit: Die „White Paintings“, mit gewöhnlicher Wandfarbe bemalte einfarbig weiße Tafeln, waren wohl ein tastender Versuch, etwas radikal Neues zu schaffen. Es folgten monochrom schwarze und schließlich rote Bilder. 

 

Die amerikanische Kunstszene beherrschte damals der Abstrakte Expressionismus mit seinen wild-pathetischen Pinselschwüngen. Ein Hauptvertreter dieser Richtung – ihr „Hohepriester“, wie manche spotteten – war Willem de Kooning. Von ihm hat Rauschenberg 1951, mit dem Einverständnis des Urhebers, eine Zeichnung ausradiert. Eine radikale Geste der jungen Rebellion gegen die Übermacht der Abstraktion und gewiss auch gegen den Geniekult der etablierten Avantgarde. Rauschenberg verbrauchte nach eigenem Bekunden ein halbes Dutzend Radiergummis und nannte das Ergebnis schlicht „Erased de Kooning Drawing“.

 

Er wollte etwas anderes: Er wollte das Leben in die Kunst holen. „Malerei bezieht sich sowohl auf Kunst als auch auf Leben. Keines von beiden ist herzustellen. Ich versuche in der Lücke zwischen den beiden zu handeln.“ Rauschenberg nahm – wie ein halbes Jahrhundert zuvor Kurt Schwitters – alltägliche Gegenstände, auch scheinbar wertlose Dinge, Müll, und fügte sie neu zusammen. Auch ausgestopfte Tiere gehörten immer wieder dazu.

 

„Combines“ nannte er diese Kombinationen, die Malerei und Skulptur vermischten. 1954/55 entstand das Werk „Collection“, das wie ein Gemälde an der Wand hängt, aber durch einen Seidenschleier und Holzreste in den Raum hineinragt. Comics, Farbspritzer, Fragmente von Illustrationen aus Magazinen drängen hier ebenso nach Aufmerksamkeit wie Pinselstriche aus dem Repertoire des Abstrakten Expressionismus. Die Combines brachten Rauschenberg internationalen Erfolg. 

 

Der befreundete Musiker John Cage nahm Alltagsgeräusche in seine Kompositionen mit auf: Hier verbanden sich Musik und bildende Kunst mit dem programmatischen Ziel, in der Lücke zwischen Kunst und Leben zu handeln. Gemeinsam mit Cage und dem Tänzer Merce Cunningham gestaltete Rauschenberg Happenings und Theateraufführungen, entwarf Bühnenbilder und Kostüme, inszenierte in den 1960er Jahren zahlreiche Choreografien und stand auch selbst auf der Bühne. 

 

Zeitgleich mit Andy Warhol entdeckte Rauschenberg 1962 das Siebdruckverfahren für sich. Warhol wiederholte stereotyp ein Motiv in fotomechanisch vervielfältigten Siebdrucken, um die industrielle Konsumgesellschaft vor Augen zu führen. Rauschenbergs Siebrucke, die er bald mit Lithografie, Collage und Zeichnung kombinierte, sind dagegen komplexe, manchmal fein ziselierte Gebilde – oft mit dem Thema Mensch und Technik.

 

Ab 1965 entstanden Objekte, die Klang und Bewegung verbanden wie „Mud Muse“ (1971): gurgelnde Matschblasen, erzeugt durch ein schallaktiviertes Druckluftsystem in einem mit Wasser verdünnten grauen Tonmineralgemisch.

 

Das Projekt „Rauschenberg Overseas Culture Interchange“ (ROCI) war eine weltumspannende Wanderausstellung mit wechselndem Bestand von etwa 200 Werken, entstanden in Kooperation mit örtlichen Künstlern. Von 1984 bis 1991 war er in zehn Ländern unterwegs, unter anderem in Kuba, Russland, Malaysia und Deutschland. Sein Ziel war, die jeweils besondere Kultur künstlerisch darzustellen.

 

Rauschenberg war ein humorvoller Mensch: „Dies schlägt sich auch in seinen Arbeiten nieder, die mitunter explizit oder versteckt Verweise beinhalten, die einen zum Schmunzeln bringen“, sagt Yilmaz Dziewior, Direktor des Museums Ludwig in Köln, das eine der größten Sammlungen amerikanischer Pop-Art besitzt. Dennoch „zeugen viele von Rauschenbergs Arbeiten nicht minder von einer gewissen Ernsthaftigkeit und politischen Involviertheit.“ Themen wie Armut, Rassismus und der Vietnamkrieg kommen immer wieder bei ihm vor.

 

Dabei blieb er stets „den Prinzipien der Aneignung und der Kombination von unerwarteten Gegenständen treu, auch wenn sich sein Werk immer weiterentwickelte. Der Bezug zu Alltagsobjekten und wie diese inhaltlich aufgeladen sind, zieht sich durch sein gesamtes Werk“, so Dziewior.

 
8 Minuten
Über die seelischen Grundlagen der Gesellschaft

 

Bücher wie „Die Kunst des Liebens“ fanden in den 1970er Jahren zahlreiche Leser. Heute ist die mediale Präsenz des Sozialpsychologen Erich Fromm nicht mehr groß. Dabei sind einige seiner Erkenntnisse überraschend aktuell. 

 

Ein einzelner Mensch, der psychisch krank ist, kann psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe finden. Aber wenn eine ganze Gesellschaft psychisch krank ist? Diese Frage hat Erich Fromm sein Leben lang interessiert. Die kapitalistische Gesellschaft bringt einen sich selbst entfremdeten Menschen hervor – hier folgt Fromm Karl Marx, und er beschreibt die Folgen dieser Entfremdung anschaulich: Der Mensch, „Teil eines Heeres von Arbeitern oder der bürokratischen Armee der Angestellten und Manager“, sei nur noch eine Nummer, die keine Eigeninitiative mehr entwickeln muss und in Arbeit und Freizeit „schablonisiert“ lebt. So vergisst er, dass er ein Individuum mit Hoffnungen und Enttäuschungen ist, mit der Sehnsucht nach Liebe, kurz: ein Mensch. In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956) entwirft er eine Art Gegenmodell und betont zugleich, dass nur erste Schritte dafür diskutiert werden könnten, denn: „Die Liebe ist ein persönliches Erlebnis, das jeder nur durch und für sich selbst haben kann.“ Voraussetzungen sind: Disziplin, Konzentration, Geduld und das unbedingte Interesse am Erlernen der Kunst des Liebens.

 

Der sozialpsychologische Ansatz von Erich Fromm kann erklären, „wie Erfordernisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens sich in psychischen Strebungen vieler Menschen wiederfinden“, sagt der Psychoanalytiker Rainer Funk, der das Erich-Fromm-Institut in Tübingen leitet und Fromms Nachlass und Rechte verwaltet. Wie „Menschen unter autoritären sozio-ökonomischen Verhältnissen dazu kommen, diese in der Regel irrationalen, also nicht durch Kompetenzen ausgewiesenen Autoritäten zu idealisieren und sich ihrem Willen bedingungslos zu unterwerfen“ – das könne das von Fromm entwickelte Konzept des autoritären Sozialcharakters erklären.

 

Wer die aktuelle Situation in den USA betrachtet, wo sich viele Menschen mit der angeblichen Großartigkeit eines Präsidenten und seiner Idee eines großartigen Amerika identifizieren, sieht sich mit einem anderen Typus konfrontiert, den Fromm in den 1960er Jahren beschrieben hat: dem narzisstischen Sozialcharakter, der das Eigene idealisiert und alles Fremde und Andere stigmatisiert. Rainer Funk weist darauf hin, dass sich mit Fromms sozialpsychologischem Ansatz auch noch andere gegenwärtige Entwicklungen erklären ließen, „etwa wo ein entfesselter Kapitalismus nur noch in Kategorien von Siegen und Gewinnen denkt und alles andere aus dem Blickfeld gerät“. Was Erich Fromm noch nicht ahnen konnte: Heute hat der entfesselte Kapitalismus in Gestalt des reichsten Mannes der Welt, Elon Musk, sogar Besitz nicht nur vom ökonomischen, sondern auch vom politischen System der Vereinigten Staaten ergriffen, ohne dafür legitimiert zu sein.

 

Erich Pinchas Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren. Vorbilder des Heranwachsenden waren namhafte Talmud-Lehrer in der Familie. In Heidelberg promovierte er 1922 bei dem berühmten Soziologen Max Weber über die Frage, was die zerstreut lebenden Juden in aller Welt ohne staatlichen Schutz und ohne bürgerliche Rechte „dennoch innerlich dazu bringt, ähnlich zu denken, zu fühlen und zu handeln“ (Rainer Funk). Antwort: Die Praxis religiösen Lebens auf der Grundlage des Gesetzes, der Thora, hält die Juden zusammen.

 

Doch 1926 brach Erich Fromm mit dem rituellen Judentum: An Pessach, dem Fest der ungesäuerten Brote, aß er demonstrativ Sauerteigbrot. Die Beschäftigung auch mit anderen Religionen, etwa mit Buddha und mit Jesus, führte ihn zu der Überzeugung, dass alle monotheistischen Glaubensgemeinschaften ihr ursprünglich Eigenes, ihren liebevollen Wesenskern, längst verloren und durch starre Rituale, Dogmen und Ideologie ersetzt hätten. Das gilt analog auch für den Marxismus, der in der Sowjetunion „ritualistisch“ zitiert worden sei, so wie das Evangelium im Westen. „Fromm sagte dem Theismus ab, ohne sich je dem Atheismus zu verschreiben“, so der 2012 verstorbene Theologe Hans Jürgen Schultz, früherer Chefredakteur für Kultur beim Süddeutschen Rundfunk.

 

1934 emigrierte Erich Fromm in die USA. Er lehrte an Universitäten in New York und später in Mexiko und siedelte 1973 in die Schweiz über, wo er 1980 starb.

 

Fromm sieht ein allen Menschen eigenes psychisches „Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe“, das unbedingt befriedigt werden muss. Er begründet damit die Religiosität oder Spiritualität des Menschen psychologisch. Der Mensch, davon ist Fromm überzeugt, kann vernünftig sein, lieben, solidarisch und kreativ sein. In seinem Spätwerk „Haben oder Sein“ (1976) stellt er die letztlich schädliche Existenzweise des Habens als Folge der gewinnorientierten Gesellschaft dem Sein gegenüber: als „Bereitschaft, zu teilen, zu geben und zu opfern“. Beide Tendenzen seien im Menschen angelegt. „Wir müssen uns entscheiden, welches dieser beiden Potentiale wir kultivieren wollen“, sagt Fromm und fügt hinzu: Die Entscheidung sei von der sozio-ökonomischen Struktur der jeweiligen Gesellschaft abhängig.

 

Rainer Funk, der das Entstehen des Buches als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleitet hat, erklärt: Wie ein roter Faden ziehe sich der „humanistische Glaube an das Menschen-Mögliche durch Fromms Leben und Denken“. Und dieser Glaube „hat bei Fromm zweifellos seine Wurzeln in seiner jüdischen Sozialisation“. 

 

 
10 Minuten
Der Narr, der Possenreißer, der den Mächtigen den Spiegel vorhält und sie der Lächerlichkeit preisgibt: Das war der italienische Dramatiker und Schauspieler Dario Fo.

 

Weil er „in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufrichtet“, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1997 den Literaturnobelpreis. Da war er 71 und hatte rund 40 Gerichtsprozesse hinter sich, auch Morddrohungen, mehrmals wurde er noch in Kostüm und Maske von der Bühne weg verhaftet: Die Macht fürchtete ihn. Das italienische Fernsehen RAI sperrte ihn 16 Jahre aus, erst der Nobelpreisträger durfte dort wieder auftreten. Dario Fo, geboren am 24. März 1926, sagte in seiner Dankesrede in Stockholm, er sei nicht zum Theater gegangen, um den Hamlet zu spielen, sondern um ein Clown zu sein, ein Hanswurst.

Als der Clown den höchsten Preis für Literatur bekam, empfanden das viele als Skandal. Diese Kritiker, sagte Fo später, sahen „eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis hatten nur die echten Literaten.“ Dass ihn dann ein Komödiant gewann, war für viele eine ärgerliche Störung.

Als er vor hundert Jahren im lombardischen Sangiano, nicht weit vom Lago Maggiore, zur Welt kam, war dort noch die alte mündliche Erzähltradition lebendig. Seine Familie war in der Resistenza aktiv, dem antifaschistischen Widerstand; seinem Vater, einem Eisenbahner, half er, Flüchtlinge und Deserteure illegal in die Schweiz zu bringen. Zunächst studierte er Kunst und Architektur in Mailand, arbeitete kurze Zeit als Architekt. Ab 1950 widmete er sich ganz dem Theater, improvisierte Einpersonenstücke, schrieb satirische Monologe, die bei Kirche und Staat bald Anstoß erregten. 

1954 heiratete er Franca Rame, die aus einer traditionsreichen Wanderschauspielerfamilie stammte und ein Leben lang seine kongeniale Partnerin blieb. Die Bühne der beiden war zunächst das populäre Piccolo Teatro in Mailand. Erfolge wie „Die Erzengel spielen nicht Flipper“ (1960) stellten sich ein, auch im Ausland.

1968 orientierten sich Fo und Rame radikal neu: Sie verließen die bürgerlichen Bühnen, sie wollten nicht mehr die giullari, die Spaßmacher der Bourgeoisie sein, sondern die giullari des Proletariats. Fo: „Tatsächlich akzeptierte die Bourgeoisie unsere Satire, unsere Ironie, weil sie systemimmanent war. Sie tat der Bourgeoisie gut wie ein Masseur, der einen durchknetet. Uns wurde klar, dass das so nicht bleiben konnte, wollten wir uns selbst treu bleiben.“ Eine neue Theatertruppe entstand, die „Nouva Scena“, die zunächst eng mit der Sport- und Freizeitorganisation der Italienischen Kommunistischen Partei PCI zusammenarbeitete. Fo und Rame ging es mit ihrer Kunst darum, „das Wachstum eines realen revolutionären Prozesses zu fördern, das die Arbeiterklasse tatsächlich an die Macht bringt“.

Und bald waren seine Stücke in Italien allgegenwärtig. Vor Tausenden Zuschauern spielte er nicht nur in Theatern, sondern auch in Fabriken, besetzten Häusern, in Supermärkten, an Bushaltestellen. 

Der große Komödiant Dario Fo schrieb Komödien, die turbulent und chaotisch, derb und vulgär, temporeich und verrückt sind – und von umwerfender Komik, die sich oft in nächster Nähe zum Grausam-Tragischen bewegt. Zum Beispiel in „Einer für alle, alle für einen! Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?“ (1971). Dort versteckt sich ein kommunistischer Arbeiter, der auf einer Demonstration eine Schusswunde im Gesäß abbekommen hat, in einer Schneiderei, wo seine Verlobte als Schneiderpuppe dienen muss und sich deshalb nicht bewegen darf. Ihre Kolleginnen verarzten den Verletzten („Der Arsch ist die Achillesferse der Staatsfeinde!“), der sich vor dem Chef als Witwe tarnt, um nicht entdeckt zu werden. Das Stück handelt von der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung von 1911 bis zur Machtergreifung des Faschismus 1922 und wurde vom Autor zusammen mit seinem Theaterkollektiv entwickelt. Grundlage waren Archive, Gerichtsprotokolle, Zeitschriftenartikel, Memoiren und mündliche Berichte von alten Arbeitern. Fo nannte das in Anlehnung an Brechts Lehrstücke „teatro didattico“.

1969 sterben bei einem Bombenattentat in Mailand 16 Menschen. Polizei und die meisten Medien gehen sofort von linksradikalen, anarchistischen Tätern aus. Der Hauptverdächtige Giuseppe Pinelli stürzt bei einem Verhör unter unklaren Umständen aus einem Fenster des Mailänder Polizeipräsidiums und ist sofort tot. Erst drei Jahre später kommt ans Licht, dass Neofaschisten die Täter sind. In dem Stück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, uraufgeführt 1970, greift Fo den Fall Pinelli auf. „Der Verrückte“ (matto) spielt ein aberwitziges Verwechslungsspiel, indem er sich als Richter, aber auch als psychisch Kranker, Psychiater und Bischof ausgibt – und er sagt die Wahrheit. Am Ende fällt er aus dem Fenster.

1978 entsteht gemeinsam mit Franca Rame das Monologstück „Nur Kinder, Küche, Kirche“. Drei Stunden wirbelt und tobt eine Frau in verschiedenen Rollen und Zusammenhängen über die Bühne. Es geht um den stressigen Alltag einer Arbeiterin mit kleinem Kind, es geht um Misshandlung und sexuelle Gewalt durch den Ehemann. Ob als verfolgte Kommunistin oder als Nutte in der Heilanstalt – das feministische Theater von Rame und Fo wird sofort ein Publikumsmagnet. „Wir haben den Schlüssel der Groteske gewählt, weil wir der Überzeugung sind, dass es nichts hilft, sich zu beweinen“, erklärt Franca Rame. „Sondern wir wollten ein Stück darüber, was es heißt, Frau zu sein, in komisch-grotesker Weise präsentieren.“

Auch die Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ (1983) ist ein gemeinsames Werk des Ehepaars. Die Frau leidet unter den Seitensprüngen ihres Mannes, der daraufhin eine Öffnung ihrer Ehe vorschlägt. Aber als sich die Frau dann neue Ziele setzt, nimmt er sich das Leben.

In „Bezahlt wird nicht!“ rauben Frauen, weil alles so teuer ist, einen Supermarkt aus. Thema der Polit-Farce von 1974 ist ziviler Ungehorsam angesichts eines brutalen Kapitalismus. Leonardo Raab hat das Stück 2025 im Staatstheater Mainz inszeniert. Ist der klassenkämpferische Ansatz von Dario Fo heute noch aktuell? Die Kritikerin Hannegret Kullmann vom Südwestrundfunk meint dazu, der soziale Sprengstoff von 1974 wolle heute nicht zünden, „nicht, weil wir keine Probleme mehr hätten, sondern weil Gesellschaft und Zeitgeist heute andere sind“. Dazu Regisseur Raab: „Sicherlich zündet der Stoff heute nicht mehr so unmittelbar wie in den 1970er-Jahren. Die politischen Fronten haben sich ausdifferenziert, viele Themen der Arbeiter*innenklasse werden im Turbokapitalismus überlagert oder individualisiert.“ Umso wichtiger bleibe es, sie auf der Bühne zu verhandeln. „Was den Stoff jedoch zeitlos macht, ist die Frage nach Solidarität und Zusammenhalt: nach einer Gemeinschaft, die zumindest versucht, sich nicht alles gefallen zu lassen“, so Leonardo Raab.

Der Marxist Dario Fo war alles andere als dogmatisch, sein Verhältnis zur PCI durchaus spannungsreich. Mit über 80 Jahren engagierte er sich in der kurzfristig erfolgreichen Fünf-Sterne-Bewegung. Ob dieser Einsatz für die Partei seines Komiker-Kollegen Beppe Grillo ernst gemeint war oder eine Clownerie, steht dahin. Die Verbindung hielt jedenfalls nicht lange. 
8 Minuten
Verborgene Welten, Träume, Visionen

 

Der surrealistische Maler Max Ernst malte sein Inneres: bizarre Träume, seltsame Visionen, Einblicke in rätselhafte verborgene Welten. Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist. Vor fünfzig Jahren ist er gestorben.

 

Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte unter anderem Psychologie und Philosophie. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren 1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als er am 1. April 1976 in Paris starb, war er berühmt und mehrfach ausgezeichnet.

 

Als junger Mann rebelliert er gegen die bürgerliche Ordnung, gegen seinen katholischen Vater, gegen die „Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges“, an dem er vier Jahre, 1914 bis 1918, teilnehmen musste. Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen, die 1917 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt und mit Nonsens provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen will. 1919 ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz – unser gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen Ernsts erregen öffentliches Ärgernis. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche dich.“

 

1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen aufgenommen wird – erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich ist zu dieser Zeit feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen in dem Deutschen einen Geistesverwandten. 

 

1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons „Manifeste du Surréalisme“. Darin propagiert er die Auflösung des Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen, „surrealen“ Realität. Damit verbunden und von Dada übernommen ist die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu zerschlagen.“ 

 

In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Maria hebt die Hand, um ihr Kind auf den nackten Hintern zu schlagen. Es ist eine „der ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“, erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des Max-Ernst-Museums in Brühl.

 

Schon 1925 hat der Künstler ein Manifest der Surrealisten gegen den imperialistischen Marokko-Krieg unterschrieben und muss nun als Deutscher in Frankreich Schlimmes befürchten. Ernst verzieht sich in das Dorf Pornic am Atlantik und ist in seinem Quartier fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens. Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze „Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht, nennt er Frottage (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden und die sein Schaffen künftig ebenso bestimmen wird, erfindet er in dieser Zeit.

 

Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei davon sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert, kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet. Er kann fliehen. Zusammen mit der reichen Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins US-amerikanische Exil. Zunächst in New York, lebt Max Ernst ab 1946 mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953 kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück.

 

„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht, sondern die Wahnsinnigen“, sagte Ernst im Rückblick auf sein Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.“ Schon als Student der Psychologie hatte er sich mit der Kunst psychisch Kranker beschäftigt. Die Faszination des Wahnsinns war nicht das Einzige, was ihn mit der Romantik verband. Er schätzte Caspar David Friedrich und dessen Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild, Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler „einkreisen und projizieren, was er in sich selbst sieht“. So kamen verstörende Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch Bilder mit Ironie und leisem Witz. 

 

Das gilt auch für das Werk, das er 1960 seiner Frau Dorothea zum 50. Geburtstag schenkte und das nach Jürgen Pech die blaue Blume der Romantik zeigt, wie sie im Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung von Gegensätzen, erklärt Jürgen Pech, seien in dem Bild von Max Ernst konzentriert zusammengefasst. Hier schließt sich der Kreis zum Surrealismus der frühen Jahre.
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Jahrgang 1956, geboren in Reutlingen. Neun Jahre Volksschule, dann sechs Jahre Internat: Evangelisches Aufbaugymnasium Mössingen bei Tübingen. Dort habe ich begeistert Theater gespielt und 1976 Abitur gemacht. Nach dem Zivildienst im Kreiskrankenhaus Reutlingen studierte ich mit großer Freude in München Germanistik, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Geschichte.Ich arbeitete als Dramaturgie- und Regieassistent, als Fremdenführer, Taxifahrer, Bänkelsänger, Archivar und – schon als Schüler und permanent – als Journalist. In der Diakonie Neuendettelsau war ich Pressesprecher, dann Öffentlichkeitsreferent der Lippischen Landeskirche (Detmold) und anschließend Pressesprecher der Evangelischen Kirche von Westfalen (Bielefeld). Journalistisch bin ich auch als Rentner (seit 2020) für verschiedene Medien aktiv, so etwa für den Evangelischen Pressedienst (epd), die Tageszeitung Neue Westfälische und die Evangelische Wochenzeitung Unsere Kirche. Die Podcasts Duderstedt auf Kultour entstehen auf der Grundlage von Features für diese Medien. Michael Schulte danke ich herzlich für die Idee und Umsetzung der Podcasts.
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„Duderstedt auf Kultour“

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