Der Kulturelle Podcast von Andreas Duderstedt
Podcaster
Episoden
15.07.2026
10 Minuten
Der Narr, der Possenreißer, der den Mächtigen den Spiegel vorhält und sie der Lächerlichkeit preisgibt: Das war der italienische Dramatiker und Schauspieler Dario Fo.
Weil er „in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufrichtet“, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1997 den Literaturnobelpreis. Da war er 71 und hatte rund 40 Gerichtsprozesse hinter sich, auch Morddrohungen, mehrmals wurde er noch in Kostüm und Maske von der Bühne weg verhaftet: Die Macht fürchtete ihn. Das italienische Fernsehen RAI sperrte ihn 16 Jahre aus, erst der Nobelpreisträger durfte dort wieder auftreten. Dario Fo, geboren am 24. März 1926, sagte in seiner Dankesrede in Stockholm, er sei nicht zum Theater gegangen, um den Hamlet zu spielen, sondern um ein Clown zu sein, ein Hanswurst.
Als der Clown den höchsten Preis für Literatur bekam, empfanden das viele als Skandal. Diese Kritiker, sagte Fo später, sahen „eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis hatten nur die echten Literaten.“ Dass ihn dann ein Komödiant gewann, war für viele eine ärgerliche Störung.
Als er vor hundert Jahren im lombardischen Sangiano, nicht weit vom Lago Maggiore, zur Welt kam, war dort noch die alte mündliche Erzähltradition lebendig. Seine Familie war in der Resistenza aktiv, dem antifaschistischen Widerstand; seinem Vater, einem Eisenbahner, half er, Flüchtlinge und Deserteure illegal in die Schweiz zu bringen. Zunächst studierte er Kunst und Architektur in Mailand, arbeitete kurze Zeit als Architekt. Ab 1950 widmete er sich ganz dem Theater, improvisierte Einpersonenstücke, schrieb satirische Monologe, die bei Kirche und Staat bald Anstoß erregten.
1954 heiratete er Franca Rame, die aus einer traditionsreichen Wanderschauspielerfamilie stammte und ein Leben lang seine kongeniale Partnerin blieb. Die Bühne der beiden war zunächst das populäre Piccolo Teatro in Mailand. Erfolge wie „Die Erzengel spielen nicht Flipper“ (1960) stellten sich ein, auch im Ausland.
1968 orientierten sich Fo und Rame radikal neu: Sie verließen die bürgerlichen Bühnen, sie wollten nicht mehr die giullari, die Spaßmacher der Bourgeoisie sein, sondern die giullari des Proletariats. Fo: „Tatsächlich akzeptierte die Bourgeoisie unsere Satire, unsere Ironie, weil sie systemimmanent war. Sie tat der Bourgeoisie gut wie ein Masseur, der einen durchknetet. Uns wurde klar, dass das so nicht bleiben konnte, wollten wir uns selbst treu bleiben.“ Eine neue Theatertruppe entstand, die „Nouva Scena“, die zunächst eng mit der Sport- und Freizeitorganisation der Italienischen Kommunistischen Partei PCI zusammenarbeitete. Fo und Rame ging es mit ihrer Kunst darum, „das Wachstum eines realen revolutionären Prozesses zu fördern, das die Arbeiterklasse tatsächlich an die Macht bringt“.
Und bald waren seine Stücke in Italien allgegenwärtig. Vor Tausenden Zuschauern spielte er nicht nur in Theatern, sondern auch in Fabriken, besetzten Häusern, in Supermärkten, an Bushaltestellen.
Der große Komödiant Dario Fo schrieb Komödien, die turbulent und chaotisch, derb und vulgär, temporeich und verrückt sind – und von umwerfender Komik, die sich oft in nächster Nähe zum Grausam-Tragischen bewegt. Zum Beispiel in „Einer für alle, alle für einen! Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?“ (1971). Dort versteckt sich ein kommunistischer Arbeiter, der auf einer Demonstration eine Schusswunde im Gesäß abbekommen hat, in einer Schneiderei, wo seine Verlobte als Schneiderpuppe dienen muss und sich deshalb nicht bewegen darf. Ihre Kolleginnen verarzten den Verletzten („Der Arsch ist die Achillesferse der Staatsfeinde!“), der sich vor dem Chef als Witwe tarnt, um nicht entdeckt zu werden. Das Stück handelt von der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung von 1911 bis zur Machtergreifung des Faschismus 1922 und wurde vom Autor zusammen mit seinem Theaterkollektiv entwickelt. Grundlage waren Archive, Gerichtsprotokolle, Zeitschriftenartikel, Memoiren und mündliche Berichte von alten Arbeitern. Fo nannte das in Anlehnung an Brechts Lehrstücke „teatro didattico“.
1969 sterben bei einem Bombenattentat in Mailand 16 Menschen. Polizei und die meisten Medien gehen sofort von linksradikalen, anarchistischen Tätern aus. Der Hauptverdächtige Giuseppe Pinelli stürzt bei einem Verhör unter unklaren Umständen aus einem Fenster des Mailänder Polizeipräsidiums und ist sofort tot. Erst drei Jahre später kommt ans Licht, dass Neofaschisten die Täter sind. In dem Stück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, uraufgeführt 1970, greift Fo den Fall Pinelli auf. „Der Verrückte“ (matto) spielt ein aberwitziges Verwechslungsspiel, indem er sich als Richter, aber auch als psychisch Kranker, Psychiater und Bischof ausgibt – und er sagt die Wahrheit. Am Ende fällt er aus dem Fenster.
1978 entsteht gemeinsam mit Franca Rame das Monologstück „Nur Kinder, Küche, Kirche“. Drei Stunden wirbelt und tobt eine Frau in verschiedenen Rollen und Zusammenhängen über die Bühne. Es geht um den stressigen Alltag einer Arbeiterin mit kleinem Kind, es geht um Misshandlung und sexuelle Gewalt durch den Ehemann. Ob als verfolgte Kommunistin oder als Nutte in der Heilanstalt – das feministische Theater von Rame und Fo wird sofort ein Publikumsmagnet. „Wir haben den Schlüssel der Groteske gewählt, weil wir der Überzeugung sind, dass es nichts hilft, sich zu beweinen“, erklärt Franca Rame. „Sondern wir wollten ein Stück darüber, was es heißt, Frau zu sein, in komisch-grotesker Weise präsentieren.“
Auch die Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ (1983) ist ein gemeinsames Werk des Ehepaars. Die Frau leidet unter den Seitensprüngen ihres Mannes, der daraufhin eine Öffnung ihrer Ehe vorschlägt. Aber als sich die Frau dann neue Ziele setzt, nimmt er sich das Leben.
In „Bezahlt wird nicht!“ rauben Frauen, weil alles so teuer ist, einen Supermarkt aus. Thema der Polit-Farce von 1974 ist ziviler Ungehorsam angesichts eines brutalen Kapitalismus. Leonardo Raab hat das Stück 2025 im Staatstheater Mainz inszeniert. Ist der klassenkämpferische Ansatz von Dario Fo heute noch aktuell? Die Kritikerin Hannegret Kullmann vom Südwestrundfunk meint dazu, der soziale Sprengstoff von 1974 wolle heute nicht zünden, „nicht, weil wir keine Probleme mehr hätten, sondern weil Gesellschaft und Zeitgeist heute andere sind“. Dazu Regisseur Raab: „Sicherlich zündet der Stoff heute nicht mehr so unmittelbar wie in den 1970er-Jahren. Die politischen Fronten haben sich ausdifferenziert, viele Themen der Arbeiter*innenklasse werden im Turbokapitalismus überlagert oder individualisiert.“ Umso wichtiger bleibe es, sie auf der Bühne zu verhandeln. „Was den Stoff jedoch zeitlos macht, ist die Frage nach Solidarität und Zusammenhalt: nach einer Gemeinschaft, die zumindest versucht, sich nicht alles gefallen zu lassen“, so Leonardo Raab.
Der Marxist Dario Fo war alles andere als dogmatisch, sein Verhältnis zur PCI durchaus spannungsreich. Mit über 80 Jahren engagierte er sich in der kurzfristig erfolgreichen Fünf-Sterne-Bewegung. Ob dieser Einsatz für die Partei seines Komiker-Kollegen Beppe Grillo ernst gemeint war oder eine Clownerie, steht dahin. Die Verbindung hielt jedenfalls nicht lange.
Weil er „in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufrichtet“, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1997 den Literaturnobelpreis. Da war er 71 und hatte rund 40 Gerichtsprozesse hinter sich, auch Morddrohungen, mehrmals wurde er noch in Kostüm und Maske von der Bühne weg verhaftet: Die Macht fürchtete ihn. Das italienische Fernsehen RAI sperrte ihn 16 Jahre aus, erst der Nobelpreisträger durfte dort wieder auftreten. Dario Fo, geboren am 24. März 1926, sagte in seiner Dankesrede in Stockholm, er sei nicht zum Theater gegangen, um den Hamlet zu spielen, sondern um ein Clown zu sein, ein Hanswurst.
Als der Clown den höchsten Preis für Literatur bekam, empfanden das viele als Skandal. Diese Kritiker, sagte Fo später, sahen „eine Art Kaste von Schriftstellern, die vorgaben, das Recht zu haben, diesen Preis zu bekommen. Das Recht auf den Nobelpreis hatten nur die echten Literaten.“ Dass ihn dann ein Komödiant gewann, war für viele eine ärgerliche Störung.
Als er vor hundert Jahren im lombardischen Sangiano, nicht weit vom Lago Maggiore, zur Welt kam, war dort noch die alte mündliche Erzähltradition lebendig. Seine Familie war in der Resistenza aktiv, dem antifaschistischen Widerstand; seinem Vater, einem Eisenbahner, half er, Flüchtlinge und Deserteure illegal in die Schweiz zu bringen. Zunächst studierte er Kunst und Architektur in Mailand, arbeitete kurze Zeit als Architekt. Ab 1950 widmete er sich ganz dem Theater, improvisierte Einpersonenstücke, schrieb satirische Monologe, die bei Kirche und Staat bald Anstoß erregten.
1954 heiratete er Franca Rame, die aus einer traditionsreichen Wanderschauspielerfamilie stammte und ein Leben lang seine kongeniale Partnerin blieb. Die Bühne der beiden war zunächst das populäre Piccolo Teatro in Mailand. Erfolge wie „Die Erzengel spielen nicht Flipper“ (1960) stellten sich ein, auch im Ausland.
1968 orientierten sich Fo und Rame radikal neu: Sie verließen die bürgerlichen Bühnen, sie wollten nicht mehr die giullari, die Spaßmacher der Bourgeoisie sein, sondern die giullari des Proletariats. Fo: „Tatsächlich akzeptierte die Bourgeoisie unsere Satire, unsere Ironie, weil sie systemimmanent war. Sie tat der Bourgeoisie gut wie ein Masseur, der einen durchknetet. Uns wurde klar, dass das so nicht bleiben konnte, wollten wir uns selbst treu bleiben.“ Eine neue Theatertruppe entstand, die „Nouva Scena“, die zunächst eng mit der Sport- und Freizeitorganisation der Italienischen Kommunistischen Partei PCI zusammenarbeitete. Fo und Rame ging es mit ihrer Kunst darum, „das Wachstum eines realen revolutionären Prozesses zu fördern, das die Arbeiterklasse tatsächlich an die Macht bringt“.
Und bald waren seine Stücke in Italien allgegenwärtig. Vor Tausenden Zuschauern spielte er nicht nur in Theatern, sondern auch in Fabriken, besetzten Häusern, in Supermärkten, an Bushaltestellen.
Der große Komödiant Dario Fo schrieb Komödien, die turbulent und chaotisch, derb und vulgär, temporeich und verrückt sind – und von umwerfender Komik, die sich oft in nächster Nähe zum Grausam-Tragischen bewegt. Zum Beispiel in „Einer für alle, alle für einen! Verzeihung, wer ist hier eigentlich der Boss?“ (1971). Dort versteckt sich ein kommunistischer Arbeiter, der auf einer Demonstration eine Schusswunde im Gesäß abbekommen hat, in einer Schneiderei, wo seine Verlobte als Schneiderpuppe dienen muss und sich deshalb nicht bewegen darf. Ihre Kolleginnen verarzten den Verletzten („Der Arsch ist die Achillesferse der Staatsfeinde!“), der sich vor dem Chef als Witwe tarnt, um nicht entdeckt zu werden. Das Stück handelt von der Geschichte der italienischen Arbeiterbewegung von 1911 bis zur Machtergreifung des Faschismus 1922 und wurde vom Autor zusammen mit seinem Theaterkollektiv entwickelt. Grundlage waren Archive, Gerichtsprotokolle, Zeitschriftenartikel, Memoiren und mündliche Berichte von alten Arbeitern. Fo nannte das in Anlehnung an Brechts Lehrstücke „teatro didattico“.
1969 sterben bei einem Bombenattentat in Mailand 16 Menschen. Polizei und die meisten Medien gehen sofort von linksradikalen, anarchistischen Tätern aus. Der Hauptverdächtige Giuseppe Pinelli stürzt bei einem Verhör unter unklaren Umständen aus einem Fenster des Mailänder Polizeipräsidiums und ist sofort tot. Erst drei Jahre später kommt ans Licht, dass Neofaschisten die Täter sind. In dem Stück „Zufälliger Tod eines Anarchisten“, uraufgeführt 1970, greift Fo den Fall Pinelli auf. „Der Verrückte“ (matto) spielt ein aberwitziges Verwechslungsspiel, indem er sich als Richter, aber auch als psychisch Kranker, Psychiater und Bischof ausgibt – und er sagt die Wahrheit. Am Ende fällt er aus dem Fenster.
1978 entsteht gemeinsam mit Franca Rame das Monologstück „Nur Kinder, Küche, Kirche“. Drei Stunden wirbelt und tobt eine Frau in verschiedenen Rollen und Zusammenhängen über die Bühne. Es geht um den stressigen Alltag einer Arbeiterin mit kleinem Kind, es geht um Misshandlung und sexuelle Gewalt durch den Ehemann. Ob als verfolgte Kommunistin oder als Nutte in der Heilanstalt – das feministische Theater von Rame und Fo wird sofort ein Publikumsmagnet. „Wir haben den Schlüssel der Groteske gewählt, weil wir der Überzeugung sind, dass es nichts hilft, sich zu beweinen“, erklärt Franca Rame. „Sondern wir wollten ein Stück darüber, was es heißt, Frau zu sein, in komisch-grotesker Weise präsentieren.“
Auch die Tragikomödie „Offene Zweierbeziehung“ (1983) ist ein gemeinsames Werk des Ehepaars. Die Frau leidet unter den Seitensprüngen ihres Mannes, der daraufhin eine Öffnung ihrer Ehe vorschlägt. Aber als sich die Frau dann neue Ziele setzt, nimmt er sich das Leben.
In „Bezahlt wird nicht!“ rauben Frauen, weil alles so teuer ist, einen Supermarkt aus. Thema der Polit-Farce von 1974 ist ziviler Ungehorsam angesichts eines brutalen Kapitalismus. Leonardo Raab hat das Stück 2025 im Staatstheater Mainz inszeniert. Ist der klassenkämpferische Ansatz von Dario Fo heute noch aktuell? Die Kritikerin Hannegret Kullmann vom Südwestrundfunk meint dazu, der soziale Sprengstoff von 1974 wolle heute nicht zünden, „nicht, weil wir keine Probleme mehr hätten, sondern weil Gesellschaft und Zeitgeist heute andere sind“. Dazu Regisseur Raab: „Sicherlich zündet der Stoff heute nicht mehr so unmittelbar wie in den 1970er-Jahren. Die politischen Fronten haben sich ausdifferenziert, viele Themen der Arbeiter*innenklasse werden im Turbokapitalismus überlagert oder individualisiert.“ Umso wichtiger bleibe es, sie auf der Bühne zu verhandeln. „Was den Stoff jedoch zeitlos macht, ist die Frage nach Solidarität und Zusammenhalt: nach einer Gemeinschaft, die zumindest versucht, sich nicht alles gefallen zu lassen“, so Leonardo Raab.
Der Marxist Dario Fo war alles andere als dogmatisch, sein Verhältnis zur PCI durchaus spannungsreich. Mit über 80 Jahren engagierte er sich in der kurzfristig erfolgreichen Fünf-Sterne-Bewegung. Ob dieser Einsatz für die Partei seines Komiker-Kollegen Beppe Grillo ernst gemeint war oder eine Clownerie, steht dahin. Die Verbindung hielt jedenfalls nicht lange.
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15.06.2026
8 Minuten
Verborgene Welten, Träume, Visionen
Der surrealistische Maler Max Ernst malte sein Inneres: bizarre Träume, seltsame Visionen, Einblicke in rätselhafte verborgene Welten. Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist. Vor fünfzig Jahren ist er gestorben.
Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte unter anderem Psychologie und Philosophie. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren 1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als er am 1. April 1976 in Paris starb, war er berühmt und mehrfach ausgezeichnet.
Als junger Mann rebelliert er gegen die bürgerliche Ordnung, gegen seinen katholischen Vater, gegen die „Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges“, an dem er vier Jahre, 1914 bis 1918, teilnehmen musste. Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen, die 1917 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt und mit Nonsens provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen will. 1919 ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz – unser gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen Ernsts erregen öffentliches Ärgernis. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche dich.“
1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen aufgenommen wird – erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich ist zu dieser Zeit feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen in dem Deutschen einen Geistesverwandten.
1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons „Manifeste du Surréalisme“. Darin propagiert er die Auflösung des Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen, „surrealen“ Realität. Damit verbunden und von Dada übernommen ist die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu zerschlagen.“
In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Maria hebt die Hand, um ihr Kind auf den nackten Hintern zu schlagen. Es ist eine „der ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“, erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des Max-Ernst-Museums in Brühl.
Schon 1925 hat der Künstler ein Manifest der Surrealisten gegen den imperialistischen Marokko-Krieg unterschrieben und muss nun als Deutscher in Frankreich Schlimmes befürchten. Ernst verzieht sich in das Dorf Pornic am Atlantik und ist in seinem Quartier fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens. Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze „Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht, nennt er Frottage (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden und die sein Schaffen künftig ebenso bestimmen wird, erfindet er in dieser Zeit.
Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei davon sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert, kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet. Er kann fliehen. Zusammen mit der reichen Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins US-amerikanische Exil. Zunächst in New York, lebt Max Ernst ab 1946 mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953 kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück.
„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht, sondern die Wahnsinnigen“, sagte Ernst im Rückblick auf sein Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.“ Schon als Student der Psychologie hatte er sich mit der Kunst psychisch Kranker beschäftigt. Die Faszination des Wahnsinns war nicht das Einzige, was ihn mit der Romantik verband. Er schätzte Caspar David Friedrich und dessen Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild, Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler „einkreisen und projizieren, was er in sich selbst sieht“. So kamen verstörende Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch Bilder mit Ironie und leisem Witz.
Das gilt auch für das Werk, das er 1960 seiner Frau Dorothea zum 50. Geburtstag schenkte und das nach Jürgen Pech die blaue Blume der Romantik zeigt, wie sie im Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung von Gegensätzen, erklärt Jürgen Pech, seien in dem Bild von Max Ernst konzentriert zusammengefasst. Hier schließt sich der Kreis zum Surrealismus der frühen Jahre.
Der surrealistische Maler Max Ernst malte sein Inneres: bizarre Träume, seltsame Visionen, Einblicke in rätselhafte verborgene Welten. Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist. Vor fünfzig Jahren ist er gestorben.
Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte unter anderem Psychologie und Philosophie. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren 1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als er am 1. April 1976 in Paris starb, war er berühmt und mehrfach ausgezeichnet.
Als junger Mann rebelliert er gegen die bürgerliche Ordnung, gegen seinen katholischen Vater, gegen die „Schweinerei dieses blödsinnigen Krieges“, an dem er vier Jahre, 1914 bis 1918, teilnehmen musste. Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen, die 1917 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt und mit Nonsens provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen will. 1919 ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz – unser gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen Ernsts erregen öffentliches Ärgernis. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche dich.“
1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen aufgenommen wird – erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den Nachbarländern Deutschland und Frankreich ist zu dieser Zeit feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen in dem Deutschen einen Geistesverwandten.
1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons „Manifeste du Surréalisme“. Darin propagiert er die Auflösung des Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen, „surrealen“ Realität. Damit verbunden und von Dada übernommen ist die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu zerschlagen.“
In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Maria hebt die Hand, um ihr Kind auf den nackten Hintern zu schlagen. Es ist eine „der ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“, erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des Max-Ernst-Museums in Brühl.
Schon 1925 hat der Künstler ein Manifest der Surrealisten gegen den imperialistischen Marokko-Krieg unterschrieben und muss nun als Deutscher in Frankreich Schlimmes befürchten. Ernst verzieht sich in das Dorf Pornic am Atlantik und ist in seinem Quartier fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens. Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze „Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht, nennt er Frottage (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden und die sein Schaffen künftig ebenso bestimmen wird, erfindet er in dieser Zeit.
Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei davon sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert, kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet. Er kann fliehen. Zusammen mit der reichen Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins US-amerikanische Exil. Zunächst in New York, lebt Max Ernst ab 1946 mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953 kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück.
„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht, sondern die Wahnsinnigen“, sagte Ernst im Rückblick auf sein Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.“ Schon als Student der Psychologie hatte er sich mit der Kunst psychisch Kranker beschäftigt. Die Faszination des Wahnsinns war nicht das Einzige, was ihn mit der Romantik verband. Er schätzte Caspar David Friedrich und dessen Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem geistigen Auge zuerst sehest dein Bild, Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler „einkreisen und projizieren, was er in sich selbst sieht“. So kamen verstörende Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch Bilder mit Ironie und leisem Witz.
Das gilt auch für das Werk, das er 1960 seiner Frau Dorothea zum 50. Geburtstag schenkte und das nach Jürgen Pech die blaue Blume der Romantik zeigt, wie sie im Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung von Gegensätzen, erklärt Jürgen Pech, seien in dem Bild von Max Ernst konzentriert zusammengefasst. Hier schließt sich der Kreis zum Surrealismus der frühen Jahre.
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15.05.2026
7 Minuten
Viele kennen ihn als „Bauern-Bruegel“. Dabei gibt es nur wenige Bilder von ihm, die ausschließlich Bauern zeigen. Pieter Bruegel der Ältere war wohl der bedeutendste Maler der Niederländischen Renaissance. Vor rund 500 Jahren ist er geboren.
Über sein Leben ist wenig bekannt. Zwischen 1525 und 1530 kam er in Flandern zur Welt. 1551 trat er der Antwerpener Malergilde bei, reiste 1552 nach Italien. Nach seiner Heirat 1563 zog er von Antwerpen nach Brüssel um, wo er am 9. September 1569 starb.
Nur 20 Jahre währte die Zeit seines Schaffens. Etwa 40 Gemälde sind erhalten, dazu Zeichnungen und Stiche. Das kleine Œvre ist von großer Vielfalt und gibt mancherlei Rätsel auf, es „stellt einen praktisch jedes dieser Werke vor komplett neue Forschungsfragen“, so die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat.
Immerhin ist die lange Tradition endgültig passé, Pieter Bruegel als „dumpfen Bauern“ zu sehen, der nur Bauern malt. Zu seiner Zeit galt die Landbevölkerung aus Sicht der Städter als primitiv, triebhaft und roh. Der Städter Bruegel hat sie mit genauem Blick dargestellt. Tanzende Bauern bei einer Kirmes oder bei einer Hochzeit bewegen sich anmutig. Oder der Hochzeitsschmaus: Hier klingt die Ikonografie einer oft dargestellten Szene aus der Bibel an, der Hochzeit zu Kana (Johannesevangelium, 2. Kapitel). Es ist eine monumentale Komposition, mit der Bruegel seinem Thema die Würde einer biblischen Geschichte verleiht.
Und fast immer gibt es eine Fülle von Details zu entdecken. Das gilt besonders für Wimmelbilder wie die „Kinderspiele“. Hier sieht der staunende Betrachter über 200 Kinder oder Jugendliche, die das Bild bevölkern und insgesamt 90 verschiedene Spiele zeigen. Es ist ein enzyklopädischer Blick auf die Welt, der solche Vielfalt erfasst. Und erstmals auch ein neuer Blick auf Kinder, auf die Kindheit und die Bedeutung des Spiels.
Bruegel führt die Welt vor Augen, wie sie ist: seltsam, absurd, grausam und zugleich komisch. Aber auch von überwältigender Schönheit: Seine Landschaften, die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten – das ist grandios und stimmungsvoll gemalt. Im Sommer spürt man die Hitze, im Winter die Kälte.
Einige biblische Szenen hat Pieter Bruegel aufgegriffen, doch sie sind ganz anders als bis dahin üblich. Um die Könige zu entdecken, die das neugeborene Jesuskind anbeten, muss der Betrachter lange suchen. Ebenso Maria und Josef, undeutlich und ganz links, schon fast außerhalb des Bildes. Es ist ein flämisches Dorf bei Schneetreiben, in dem kaum jemand Notiz nimmt von der Geburt des Heilands.
„Sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube“, sagt Jesus über die religiösen Autoritäten seiner Zeit. Bruegel malte sechs blinde Bettler, die sich aneinander festhalten und vom Weg abkommen. Der Erste ist schon in den Graben gefallen, der Zweite wird ihm gleich folgen, die anderen bewegen sind unaufhaltsam ebenfalls auf den Sturz zu. Die abschüssige Bewegung der Gruppe gibt dem Bild eine unerbittliche Dynamik.
Bruegel lebte in der Reformationszeit. Damals warfen sich Katholiken und Protestanten das Gleichnis gegenseitig an den Kopf. Luther nannte den Papst einen blinden Führer, von katholischer Seite kam der Vorwurf umgekehrt. Bruegel überlässt dem Betrachter das Urteil, wer der blinde Verführer ist.
Die festgefügte mittelalterliche Welt mit ihrer Stände- und Zunftordnung brach auseinander. In der Handelsstadt Antwerpen, die einen kometenhaften Aufstieg zum Finanzzentrum Europas erfuhr, erlebte der Maler den Beginn des Handelskapitalismus. Er stellte den „Kampf der Geldkisten und Sparbüchsen“ dar, die totale gegenseitige Vernichtung, den Kampf aller gegen alle aus Geldgier. Diese Gier ist nicht individuell, sondern strukturell: Menschen mutieren zum Objekt ihrer eigenen Selbstsucht.
Obwohl diese Menschen zu großartigen Leistungen fähig sind, folgen sie unsinnigen Zielen. Wie kein anderes Werk zeigt das der „Turmbau zu Babel“. Nach der Bibel wollten die Menschen aus Hochmut einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Das verhindert Gott, indem er ihre Sprache verwirrt, also keiner mehr den andern versteht. Bruegels Turm ist eine aberwitzige Konstruktion mit unzähligen Details. Wer das Bild betrachtet und sich auf ein Detail fixiert, verliert alle anderen aus dem Blick, verliert das Ganze.
Daniela Hammer-Tugendhat sprach von einer beobachtenden Haltung Bruegels, die die Welt in ihrer Komplexität, Diversität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit ernst nimmt. Die Forschung habe immer versucht, des Künstlers Weltsicht „hopp oder top“, positiv oder negativ zu sehen. Die Kunsthistorikerin glaubte, „dass das kein sinnvoller Zugang zu Bruegel ist, weil er zeigt, wie das Leben ist, wie er die Welt sieht: Sie ist widersprüchlich. Und diese Ambivalenz muss man aushalten.“
Über sein Leben ist wenig bekannt. Zwischen 1525 und 1530 kam er in Flandern zur Welt. 1551 trat er der Antwerpener Malergilde bei, reiste 1552 nach Italien. Nach seiner Heirat 1563 zog er von Antwerpen nach Brüssel um, wo er am 9. September 1569 starb.
Nur 20 Jahre währte die Zeit seines Schaffens. Etwa 40 Gemälde sind erhalten, dazu Zeichnungen und Stiche. Das kleine Œvre ist von großer Vielfalt und gibt mancherlei Rätsel auf, es „stellt einen praktisch jedes dieser Werke vor komplett neue Forschungsfragen“, so die Kunsthistorikerin Daniela Hammer-Tugendhat.
Immerhin ist die lange Tradition endgültig passé, Pieter Bruegel als „dumpfen Bauern“ zu sehen, der nur Bauern malt. Zu seiner Zeit galt die Landbevölkerung aus Sicht der Städter als primitiv, triebhaft und roh. Der Städter Bruegel hat sie mit genauem Blick dargestellt. Tanzende Bauern bei einer Kirmes oder bei einer Hochzeit bewegen sich anmutig. Oder der Hochzeitsschmaus: Hier klingt die Ikonografie einer oft dargestellten Szene aus der Bibel an, der Hochzeit zu Kana (Johannesevangelium, 2. Kapitel). Es ist eine monumentale Komposition, mit der Bruegel seinem Thema die Würde einer biblischen Geschichte verleiht.
Und fast immer gibt es eine Fülle von Details zu entdecken. Das gilt besonders für Wimmelbilder wie die „Kinderspiele“. Hier sieht der staunende Betrachter über 200 Kinder oder Jugendliche, die das Bild bevölkern und insgesamt 90 verschiedene Spiele zeigen. Es ist ein enzyklopädischer Blick auf die Welt, der solche Vielfalt erfasst. Und erstmals auch ein neuer Blick auf Kinder, auf die Kindheit und die Bedeutung des Spiels.
Bruegel führt die Welt vor Augen, wie sie ist: seltsam, absurd, grausam und zugleich komisch. Aber auch von überwältigender Schönheit: Seine Landschaften, die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten – das ist grandios und stimmungsvoll gemalt. Im Sommer spürt man die Hitze, im Winter die Kälte.
Einige biblische Szenen hat Pieter Bruegel aufgegriffen, doch sie sind ganz anders als bis dahin üblich. Um die Könige zu entdecken, die das neugeborene Jesuskind anbeten, muss der Betrachter lange suchen. Ebenso Maria und Josef, undeutlich und ganz links, schon fast außerhalb des Bildes. Es ist ein flämisches Dorf bei Schneetreiben, in dem kaum jemand Notiz nimmt von der Geburt des Heilands.
„Sie sind blinde Blindenführer. Wenn aber ein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in die Grube“, sagt Jesus über die religiösen Autoritäten seiner Zeit. Bruegel malte sechs blinde Bettler, die sich aneinander festhalten und vom Weg abkommen. Der Erste ist schon in den Graben gefallen, der Zweite wird ihm gleich folgen, die anderen bewegen sind unaufhaltsam ebenfalls auf den Sturz zu. Die abschüssige Bewegung der Gruppe gibt dem Bild eine unerbittliche Dynamik.
Bruegel lebte in der Reformationszeit. Damals warfen sich Katholiken und Protestanten das Gleichnis gegenseitig an den Kopf. Luther nannte den Papst einen blinden Führer, von katholischer Seite kam der Vorwurf umgekehrt. Bruegel überlässt dem Betrachter das Urteil, wer der blinde Verführer ist.
Die festgefügte mittelalterliche Welt mit ihrer Stände- und Zunftordnung brach auseinander. In der Handelsstadt Antwerpen, die einen kometenhaften Aufstieg zum Finanzzentrum Europas erfuhr, erlebte der Maler den Beginn des Handelskapitalismus. Er stellte den „Kampf der Geldkisten und Sparbüchsen“ dar, die totale gegenseitige Vernichtung, den Kampf aller gegen alle aus Geldgier. Diese Gier ist nicht individuell, sondern strukturell: Menschen mutieren zum Objekt ihrer eigenen Selbstsucht.
Obwohl diese Menschen zu großartigen Leistungen fähig sind, folgen sie unsinnigen Zielen. Wie kein anderes Werk zeigt das der „Turmbau zu Babel“. Nach der Bibel wollten die Menschen aus Hochmut einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Das verhindert Gott, indem er ihre Sprache verwirrt, also keiner mehr den andern versteht. Bruegels Turm ist eine aberwitzige Konstruktion mit unzähligen Details. Wer das Bild betrachtet und sich auf ein Detail fixiert, verliert alle anderen aus dem Blick, verliert das Ganze.
Daniela Hammer-Tugendhat sprach von einer beobachtenden Haltung Bruegels, die die Welt in ihrer Komplexität, Diversität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit ernst nimmt. Die Forschung habe immer versucht, des Künstlers Weltsicht „hopp oder top“, positiv oder negativ zu sehen. Die Kunsthistorikerin glaubte, „dass das kein sinnvoller Zugang zu Bruegel ist, weil er zeigt, wie das Leben ist, wie er die Welt sieht: Sie ist widersprüchlich. Und diese Ambivalenz muss man aushalten.“
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01.07.2025
10 Minuten
Von Zivilcourage, Schuld und Vergebung
Er war als Pfarrer und Dichter nach NS-Diktatur und Krieg eine vielbeachtete Stimme für Versöhnung und gegen Wiederaufrüstung. Heute ist die Erinnerung an Albrecht Goes verblasst – zu Unrecht.
Zivilcourage. Dafür hat die deutsche Sprache nur ein Fremdwort. Doch es gibt sie – und es gab sie selbst unter der Diktatur, wo Zivilcourage lebensgefährlich sein konnte. Albrecht Goes war „durch und durch ein Citoyen“, schrieb der Pfarrerkollege Herwig Sander 2008 zum 100. Geburtstag: ein Bürger, der im Sinne der Aufklärung den Staat, das Gemeinwesen, mitgestaltet. Das schließt auch Zivilcourage ein. Als Dichter und als Theologe war Unruhe für ihn die erste Bürgerpflicht – nicht als Aufsässigkeit, „aber als Wachsamkeit um jeden Preis“.
Den Heldinnen und Helden des Alltags in der Nazizeit, die wachsam waren und Zivilcourage bewiesen, hat Albrecht Goes in seiner Erzählung „Das Brandopfer“ (1954) ein Denkmal gesetzt. Die jüdische Bevölkerung einer Stadt darf nur noch in einer einzigen Metzgerei einkaufen, und auch dies nur für zwei Stunden pro Woche. Die Metzgersfrau muss mit ansehen, wie der Kreis ihrer jüdischen Kundschaft immer kleiner wird, immer mehr werden deportiert. Trotz strengen Verbots bemisst sie die kargen Rationen so großzügig wie möglich und steht den Bedrängten auch sonst bei. Immer stärker wird sie zur Mitwisserin, zur Vertrauten. „Und das ist die winzige, die wunderbare Möglichkeit des Menschen. Man kann ein Einwickelpapier weitergeben und eine Nachricht darin unterbringen. (…) Eine Stunde Vertrauen, ein Atemzug Frieden.“ Doch weil sie am Ende nicht helfen kann, fühlt sie sich schuldig und bleibt bei einem Luftangriff in ihrem brennenden Haus: Sie will ein Opfer bringen, ein Brandopfer. Ausgerechnet ein Jude rettet ihr das Leben.
Zivilcourage bewies auch die Pfarrfrau Elisabeth Goes, die als Mitglied der „Württembergischen Pfarrhauskette“ 1944 das jüdische Ehepaar Max und Ines Krakauer vier Wochen im Pfarrhaus von Gebersheim nahe Stuttgart versteckte, später noch zwei jüdische Frauen. Die Pfarrhauskette war eine Untergrundorganisation, die Juden und anderen Verfolgten Zuflucht bot. Ihr Ehemann erfuhr erst nach seiner Rückkehr aus dem Krieg davon. Elisabeth Goes wurde später vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
„Das Brandopfer“ war das erste literarische Werk eines nichtjüdischen Autors, das die deutschen Verbrechen an den Juden zum Thema machte. Die Erzählung wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt und verfilmt. Sie war auch ein früher Beitrag zur Versöhnung nach der Shoa. Der evangelische Pfarrer Albrecht Goes hatte bereits 1934 mit dem damals noch in Deutschland lebenden jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber Kontakt aufgenommen. Als dieser 1953 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hielt Goes die Laudatio.
Schuld und Vergebung: ein großes Thema des 1908 in einem schwäbischen Pfarrhaus geborenen Autors. Als Militärpfarrer musste er am Russlandfeldzug teilnehmen und in mehreren Fällen zum Tod verurteilte Deserteure bis zur Erschießung begleiten. Dies hat er in der knappen Erzählung „Unruhige Nacht“ (1950) verarbeitet, die ein großes internationales Echo hatte. Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi in Turin, die jüdische Dichterin und spätere Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in Stockholm, Thomas Mann, noch in Kalifornien, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer und andere waren von dieser Geschichte beeindruckt.
In der heutigen Ukraine lernt ein deutscher Soldat eine junge Witwe mit kleinem Kind kennen, deren Mann von seinesgleichen, den Deutschen, getötet worden ist. Eine Liebe im Krieg – der Deutsche tarnt sich als ukrainischer Bauer und will ein neues Leben beginnen, wird durch Zufall verraten und nach Kriegsrecht hingerichtet. Der Wehrmachtspfarrer, Alter Ego von Albrecht Goes, sagt vorher im Gespräch mit einem anderen deutschen Pfarrer: „Wir sind hineinverstrickt, der Hexensabbat findet uns schuldig, uns alle.“ Doch wenn eines Tages alles vorbei wäre, dann käme es darauf an, den Krieg zu entzaubern: „Man muß es dem Bewußtsein der Menschen eintränken, wie banal, wie schmutzig dieses Handwerk ist. (…) Krieg, das ist Fußschweiß, Eiter und Urin. Übermorgen wissen das alle und wissen es für ein paar Jahre. Aber lassen Sie nur erst das neue Jahrzehnt herankommen, da werden Sie’s erleben, wie die Mythen wieder wachsen wollen wie Labkraut und Löwenzahn. Und da werden wir zur Stelle sein müssen…“
Albrecht Goes war zur Stelle, als in der jungen Bundesrepublik wieder eine Armee aufgebaut werden sollte. Gemeinsam mit dem Theologen Helmut Gollwitzer, dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann und vielen anderen schloss er sich der „Paulskirchenbewegung“ an, die sich gegen die Wiederbewaffnung einsetzte und 1955 in der Frankfurter Paulskirche ein Manifest verabschiedete. „Unruhige Nacht“ wurde in über zwölf Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt.
1953 gab er seine Pfarrstelle auf, predigte weiterhin zweimal im Monat und lebte als freier Autor in Stuttgart. Aus Albrecht Goes‘ lyrischem Werk spricht eine tiefe Glaubenszuversicht. Seine Verse weisen zumeist formal ins 19. Jahrhundert. Oft in Geburtsanzeigen und Taufeinladungen zitiert: das Gedicht „Die Schritte“ des dreifachen Vaters:
Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,
Klein wird dein letzter sein.
Den ersten gehn Vater und Mutter mit,
Den letzten gehst du allein.
Sei’s um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
Viel Schritte unbewacht.
Wer weiß, was das dann für Schritte sind,
Im Licht und in der Nacht.
Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
Wieder beisammen sein.
Doch es gibt auch freie Rhythmen und Montagetechnik – wenn das Thema es nahelegt: Die Erfahrungen von Krieg und Massenmord legen sich würgend auf die unschuldigen Kindheitserinnerungen:
Die unablösbare Kette
Als wir im Thujabaum schaukelten einst,
Weißt du noch, Bruder,
Und die Mutter rief unsre Namen hinauf
In den Baumwipfel, Bruder,
Dachte sie wohl, daß Streit uns erwarte,
Denn auch sie, die Tapf’re,
Wußte zu streiten –
Süß war, mild noch und nahe der
Apfelbaumduft um Jakobi,
Bitter des Nußbaums Arom.
Tisch und Bank war bereit,
Vieles lernen die Knaben:
Sprachen und Länder und Zeit
Und den pythagoräischen Lehrsatz.
Einen Lehrsatz noch nicht:
NUSSBAUMHOLZ IST GUT FÜR GEWEHRSCHÄFTE.
Später dann, die Platanenallee,
Und wir führten den Nachen,
Ausruhend jetzt, in das grüne
Dunkel am Hölderlinturm.
Eure Stimmen waren mit uns:
Rahel, Susanne –
Eure Namen:
Rahel, Susanne –
Heiter dir, Bruder – doch mir
Bang und flüsternd geliebt.
Schöne, vorläufige Namen. Und
Keiner hat uns wissen lassen
DEN DEFINITIVEN SAMMELNAMEN ANNE FRANK.
Aber jetzt, wenn das Quittenbaumlaub
Noch im Novemberlicht uns
Seligkeit gaukelt und Glück,
Unschuld der Kreatur –
Wem gehört diese letzte,
Die vergessene Frucht
Dort in der Krone?
Rahel, Susanne, Bruder im Thujabaum –
Jetzt freilich würgt am Halse sogleich die
Unablösbare Kette:
BAUMFRUCHT FRUCHTKERN KERNHAUS
BLAUSÄURE AUSCHWITZ.
Er war als Pfarrer und Dichter nach NS-Diktatur und Krieg eine vielbeachtete Stimme für Versöhnung und gegen Wiederaufrüstung. Heute ist die Erinnerung an Albrecht Goes verblasst – zu Unrecht.
Zivilcourage. Dafür hat die deutsche Sprache nur ein Fremdwort. Doch es gibt sie – und es gab sie selbst unter der Diktatur, wo Zivilcourage lebensgefährlich sein konnte. Albrecht Goes war „durch und durch ein Citoyen“, schrieb der Pfarrerkollege Herwig Sander 2008 zum 100. Geburtstag: ein Bürger, der im Sinne der Aufklärung den Staat, das Gemeinwesen, mitgestaltet. Das schließt auch Zivilcourage ein. Als Dichter und als Theologe war Unruhe für ihn die erste Bürgerpflicht – nicht als Aufsässigkeit, „aber als Wachsamkeit um jeden Preis“.
Den Heldinnen und Helden des Alltags in der Nazizeit, die wachsam waren und Zivilcourage bewiesen, hat Albrecht Goes in seiner Erzählung „Das Brandopfer“ (1954) ein Denkmal gesetzt. Die jüdische Bevölkerung einer Stadt darf nur noch in einer einzigen Metzgerei einkaufen, und auch dies nur für zwei Stunden pro Woche. Die Metzgersfrau muss mit ansehen, wie der Kreis ihrer jüdischen Kundschaft immer kleiner wird, immer mehr werden deportiert. Trotz strengen Verbots bemisst sie die kargen Rationen so großzügig wie möglich und steht den Bedrängten auch sonst bei. Immer stärker wird sie zur Mitwisserin, zur Vertrauten. „Und das ist die winzige, die wunderbare Möglichkeit des Menschen. Man kann ein Einwickelpapier weitergeben und eine Nachricht darin unterbringen. (…) Eine Stunde Vertrauen, ein Atemzug Frieden.“ Doch weil sie am Ende nicht helfen kann, fühlt sie sich schuldig und bleibt bei einem Luftangriff in ihrem brennenden Haus: Sie will ein Opfer bringen, ein Brandopfer. Ausgerechnet ein Jude rettet ihr das Leben.
Zivilcourage bewies auch die Pfarrfrau Elisabeth Goes, die als Mitglied der „Württembergischen Pfarrhauskette“ 1944 das jüdische Ehepaar Max und Ines Krakauer vier Wochen im Pfarrhaus von Gebersheim nahe Stuttgart versteckte, später noch zwei jüdische Frauen. Die Pfarrhauskette war eine Untergrundorganisation, die Juden und anderen Verfolgten Zuflucht bot. Ihr Ehemann erfuhr erst nach seiner Rückkehr aus dem Krieg davon. Elisabeth Goes wurde später vom Staat Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
„Das Brandopfer“ war das erste literarische Werk eines nichtjüdischen Autors, das die deutschen Verbrechen an den Juden zum Thema machte. Die Erzählung wurde in mehr als zehn Sprachen übersetzt und verfilmt. Sie war auch ein früher Beitrag zur Versöhnung nach der Shoa. Der evangelische Pfarrer Albrecht Goes hatte bereits 1934 mit dem damals noch in Deutschland lebenden jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber Kontakt aufgenommen. Als dieser 1953 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hielt Goes die Laudatio.
Schuld und Vergebung: ein großes Thema des 1908 in einem schwäbischen Pfarrhaus geborenen Autors. Als Militärpfarrer musste er am Russlandfeldzug teilnehmen und in mehreren Fällen zum Tod verurteilte Deserteure bis zur Erschießung begleiten. Dies hat er in der knappen Erzählung „Unruhige Nacht“ (1950) verarbeitet, die ein großes internationales Echo hatte. Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi in Turin, die jüdische Dichterin und spätere Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in Stockholm, Thomas Mann, noch in Kalifornien, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer und andere waren von dieser Geschichte beeindruckt.
In der heutigen Ukraine lernt ein deutscher Soldat eine junge Witwe mit kleinem Kind kennen, deren Mann von seinesgleichen, den Deutschen, getötet worden ist. Eine Liebe im Krieg – der Deutsche tarnt sich als ukrainischer Bauer und will ein neues Leben beginnen, wird durch Zufall verraten und nach Kriegsrecht hingerichtet. Der Wehrmachtspfarrer, Alter Ego von Albrecht Goes, sagt vorher im Gespräch mit einem anderen deutschen Pfarrer: „Wir sind hineinverstrickt, der Hexensabbat findet uns schuldig, uns alle.“ Doch wenn eines Tages alles vorbei wäre, dann käme es darauf an, den Krieg zu entzaubern: „Man muß es dem Bewußtsein der Menschen eintränken, wie banal, wie schmutzig dieses Handwerk ist. (…) Krieg, das ist Fußschweiß, Eiter und Urin. Übermorgen wissen das alle und wissen es für ein paar Jahre. Aber lassen Sie nur erst das neue Jahrzehnt herankommen, da werden Sie’s erleben, wie die Mythen wieder wachsen wollen wie Labkraut und Löwenzahn. Und da werden wir zur Stelle sein müssen…“
Albrecht Goes war zur Stelle, als in der jungen Bundesrepublik wieder eine Armee aufgebaut werden sollte. Gemeinsam mit dem Theologen Helmut Gollwitzer, dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann und vielen anderen schloss er sich der „Paulskirchenbewegung“ an, die sich gegen die Wiederbewaffnung einsetzte und 1955 in der Frankfurter Paulskirche ein Manifest verabschiedete. „Unruhige Nacht“ wurde in über zwölf Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt.
1953 gab er seine Pfarrstelle auf, predigte weiterhin zweimal im Monat und lebte als freier Autor in Stuttgart. Aus Albrecht Goes‘ lyrischem Werk spricht eine tiefe Glaubenszuversicht. Seine Verse weisen zumeist formal ins 19. Jahrhundert. Oft in Geburtsanzeigen und Taufeinladungen zitiert: das Gedicht „Die Schritte“ des dreifachen Vaters:
Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt,
Klein wird dein letzter sein.
Den ersten gehn Vater und Mutter mit,
Den letzten gehst du allein.
Sei’s um ein Jahr, dann gehst du, Kind,
Viel Schritte unbewacht.
Wer weiß, was das dann für Schritte sind,
Im Licht und in der Nacht.
Geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt
Groß ist die Welt und dein.
Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt
Wieder beisammen sein.
Doch es gibt auch freie Rhythmen und Montagetechnik – wenn das Thema es nahelegt: Die Erfahrungen von Krieg und Massenmord legen sich würgend auf die unschuldigen Kindheitserinnerungen:
Die unablösbare Kette
Als wir im Thujabaum schaukelten einst,
Weißt du noch, Bruder,
Und die Mutter rief unsre Namen hinauf
In den Baumwipfel, Bruder,
Dachte sie wohl, daß Streit uns erwarte,
Denn auch sie, die Tapf’re,
Wußte zu streiten –
Süß war, mild noch und nahe der
Apfelbaumduft um Jakobi,
Bitter des Nußbaums Arom.
Tisch und Bank war bereit,
Vieles lernen die Knaben:
Sprachen und Länder und Zeit
Und den pythagoräischen Lehrsatz.
Einen Lehrsatz noch nicht:
NUSSBAUMHOLZ IST GUT FÜR GEWEHRSCHÄFTE.
Später dann, die Platanenallee,
Und wir führten den Nachen,
Ausruhend jetzt, in das grüne
Dunkel am Hölderlinturm.
Eure Stimmen waren mit uns:
Rahel, Susanne –
Eure Namen:
Rahel, Susanne –
Heiter dir, Bruder – doch mir
Bang und flüsternd geliebt.
Schöne, vorläufige Namen. Und
Keiner hat uns wissen lassen
DEN DEFINITIVEN SAMMELNAMEN ANNE FRANK.
Aber jetzt, wenn das Quittenbaumlaub
Noch im Novemberlicht uns
Seligkeit gaukelt und Glück,
Unschuld der Kreatur –
Wem gehört diese letzte,
Die vergessene Frucht
Dort in der Krone?
Rahel, Susanne, Bruder im Thujabaum –
Jetzt freilich würgt am Halse sogleich die
Unablösbare Kette:
BAUMFRUCHT FRUCHTKERN KERNHAUS
BLAUSÄURE AUSCHWITZ.
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01.06.2025
7 Minuten
Reklamekönig und Säulenheiliger
Bis heute ist der nach ihm benannte Werbeträger zehntausendfach im Gebrauch: die Litfaßsäule. Ernst Litfaß hat Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit beherrscht, lange bevor es diese Begriffe gab.
Anschlagzettel und Plakate wurden wild auf Hauswände, Zäune und sonstige öffentlich sichtbare Flächen geklebt. Das missfiel nicht nur dem Berliner Druckereibesitzer und Verleger Ernst Litfaß, sondern auch dem gestrengen Polizeipräsidenten Karl Ludwig von Hinckeldey. Diesem kam ein Angebot des umtriebigen Litfaß gerade recht. Er wollte die alleinige Konzession zur Aufstellung von Anschlagsäulen in der preußischen Hauptstadt. Dem preußischen Beamten Hinckeldey konnte er dies schmackhaft machen, indem er ihm die Möglichkeit eröffnete, eine Zensur gegen den Plakatanschlag einzuführen. Litfaß erhielt 1854 die Konzession zur „Errichtung einer Anzahl von Anschlagsäulen auf fiskalischem Straßenterrain zwecks unentgeltlicher Aufnahme der Plakate öffentlicher Behörden und gewerbsmäßiger Veröffentlichungen von Privatanzeigen“. Außer den neu zu errichtenden Säulen umfasste der Vertrag auch bereits bestehende Brunnen und Pissoirs, die Litfaß mit Holz verkleiden ließ, um sie für den Plakatanschlag zu nutzen.
Ordnung als Geschäftsidee: Die Anschlagsäulen waren anfangs in Berlin umstritten. Litfaß wusste das und startete eine intensive Presse- und Werbekampagne für das neue Medium. Die Idee für die Säule hatte er übrigens von Reisen aus London und Paris mitgebracht, was er aber nicht an die große Glocke hängte.
Um die Berliner neugierig zu machen und für sein Vorhaben zu gewinnen, kooperierte er mit einer Tageszeitung, die fortlaufend und wohlwollend über den Entwicklungsstand des verheißungsvollen Projekts berichtete. Bald schon stand das Fundament der ersten Probesäule vor dem Haus seiner Druckerei. Und die Zeitungsleser erfuhren auch, wie die künftige Uniform der „Anschlagspediteure“ aussehen würde: Für die Plakatkleber waren eine graue Bluse mit roten Biesen, ein schwarzer Hut und ein Schild aus Messing vorgesehen.
Großformatige Anzeigen in allen wichtigen Berliner Zeitungen kurz vor dem 1. Juli 1855 kamen hinzu, um an diesem Tag den „Geburtstag“ der Litfaßsäule zu feiern. Die Berliner strömten herbei und hörten zunächst ein kleines Platzkonzert: Es erklang erstmals die „Ernst-Litfaß-Annoncir-Polka“ des damals berühmten Komponisten Kéler Béla. Nun war Litfaß in seiner Heimatstadt zum „Reklamekönig“ oder, spöttisch-liebevoll, zum „Säulenheiligen“ geworden.
Aus einer alten Buchdruckerfamilie stammend, hatte Ernst Litfaß 1845 den väterlichen Betrieb mit Druckerei und Verlag übernommen. Sein breites kulturelles Interesse, besonders an Literatur und Theater, nutzte er für verlegerische Aktivitäten. Im Auftrag von sieben Theatern gab er die „Theater-Zwischen-Acts-Zeitung“ heraus. Ein Erfolg, denn sie enthielt nicht nur die aktuellen Theaterzettel mit der Besetzung der Inszenierungen, sondern auch Berichte und Feuilletons und kostete trotzdem nicht mehr als der einfache Theaterzettel bisher.
Seine Druckerei modernisierte er ständig. Er betrieb mehrere Schnellpressen, was die Kosten senkte, konnte Riesenplakate im Format von 6,28 mal 9,42 Meter drucken und war der Erste in Berlin, der sich an den Buntdruck wagte.
In den Kriegsjahren 1866 und 1870/71 bekam Litfaß, inzwischen zum Kommissionsrat und Königlichen Hofbuchdrucker avanciert, die alleinige Konzession für die Erstveröffentlichung von Kriegsdepeschen. Das bedeutete einen weiteren geschäftlichen Erfolg, denn die offiziellen Nachrichten lockten viele Interessenten an die Litfaßsäulen. So erhielten auch die Reklameplakate höhere Aufmerksamkeit, was die Werbekunden zu schätzen wussten.
Doch Litfaß wollte nicht als Profiteur der militärischen Nachrichtenvermittlung gelten. Er organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen, die er „patriotische Feste“ nannte. Diese beliebten „Litfaß-Bälle“ waren originell gestaltet und hatten Volksfestcharakter. Der Erlös kam zum Beispiel Kriegsinvaliden zugute.
Ernst Litfaß starb am 27. Dezember 1874 bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden. Er hinterließ er ein Millionenvermögen.
Die ersten Säulen maßen 3,28 Meter in der Höhe und 2,80 Meter im Umfang, hatten einen Schaft aus Eisenblech und waren von einem gusseisernen Palmettenfries bekrönt. Später baute man sie höher; Beton, Eternit und schließlich auch Kunststoff ersetzten das Metall. Das heutige Standardmodell bietet auf einer Standfläche von nur 1,25 Quadratmetern eine Werbefläche von stattlichen 13 Quadratmetern. Nach Angaben des Fachverbandes Außenwerbung gibt es heute deutschlandweit gut 35.000 Litfaßsäulen verschiedener Art. „Die Säule als Form, wie Ernst Litfaß sie einst in Deutschland populär machte, bleibt ein prägendes Medium in der Außenwerbung, obgleich sie sich von der Säule mit geklebten Plakaten hin zur Säule mit gehängten hinterleuchteten Plakaten entwickelt hat“, sagt Christian Knappe von der Wall GmbH in Berlin, die heute insgesamt rund 1070 Litfaßsäulen bewirtschaftet. Da sich die Firma Wall dem kulturellen Erbe von Litfaß verpflichtet fühlt, pflegt sie nach eigenem Bekunden „die Grabstelle des ‚Säulenheiligen‘ auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.“
Bis heute ist der nach ihm benannte Werbeträger zehntausendfach im Gebrauch: die Litfaßsäule. Ernst Litfaß hat Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit beherrscht, lange bevor es diese Begriffe gab.
Anschlagzettel und Plakate wurden wild auf Hauswände, Zäune und sonstige öffentlich sichtbare Flächen geklebt. Das missfiel nicht nur dem Berliner Druckereibesitzer und Verleger Ernst Litfaß, sondern auch dem gestrengen Polizeipräsidenten Karl Ludwig von Hinckeldey. Diesem kam ein Angebot des umtriebigen Litfaß gerade recht. Er wollte die alleinige Konzession zur Aufstellung von Anschlagsäulen in der preußischen Hauptstadt. Dem preußischen Beamten Hinckeldey konnte er dies schmackhaft machen, indem er ihm die Möglichkeit eröffnete, eine Zensur gegen den Plakatanschlag einzuführen. Litfaß erhielt 1854 die Konzession zur „Errichtung einer Anzahl von Anschlagsäulen auf fiskalischem Straßenterrain zwecks unentgeltlicher Aufnahme der Plakate öffentlicher Behörden und gewerbsmäßiger Veröffentlichungen von Privatanzeigen“. Außer den neu zu errichtenden Säulen umfasste der Vertrag auch bereits bestehende Brunnen und Pissoirs, die Litfaß mit Holz verkleiden ließ, um sie für den Plakatanschlag zu nutzen.
Ordnung als Geschäftsidee: Die Anschlagsäulen waren anfangs in Berlin umstritten. Litfaß wusste das und startete eine intensive Presse- und Werbekampagne für das neue Medium. Die Idee für die Säule hatte er übrigens von Reisen aus London und Paris mitgebracht, was er aber nicht an die große Glocke hängte.
Um die Berliner neugierig zu machen und für sein Vorhaben zu gewinnen, kooperierte er mit einer Tageszeitung, die fortlaufend und wohlwollend über den Entwicklungsstand des verheißungsvollen Projekts berichtete. Bald schon stand das Fundament der ersten Probesäule vor dem Haus seiner Druckerei. Und die Zeitungsleser erfuhren auch, wie die künftige Uniform der „Anschlagspediteure“ aussehen würde: Für die Plakatkleber waren eine graue Bluse mit roten Biesen, ein schwarzer Hut und ein Schild aus Messing vorgesehen.
Großformatige Anzeigen in allen wichtigen Berliner Zeitungen kurz vor dem 1. Juli 1855 kamen hinzu, um an diesem Tag den „Geburtstag“ der Litfaßsäule zu feiern. Die Berliner strömten herbei und hörten zunächst ein kleines Platzkonzert: Es erklang erstmals die „Ernst-Litfaß-Annoncir-Polka“ des damals berühmten Komponisten Kéler Béla. Nun war Litfaß in seiner Heimatstadt zum „Reklamekönig“ oder, spöttisch-liebevoll, zum „Säulenheiligen“ geworden.
Aus einer alten Buchdruckerfamilie stammend, hatte Ernst Litfaß 1845 den väterlichen Betrieb mit Druckerei und Verlag übernommen. Sein breites kulturelles Interesse, besonders an Literatur und Theater, nutzte er für verlegerische Aktivitäten. Im Auftrag von sieben Theatern gab er die „Theater-Zwischen-Acts-Zeitung“ heraus. Ein Erfolg, denn sie enthielt nicht nur die aktuellen Theaterzettel mit der Besetzung der Inszenierungen, sondern auch Berichte und Feuilletons und kostete trotzdem nicht mehr als der einfache Theaterzettel bisher.
Seine Druckerei modernisierte er ständig. Er betrieb mehrere Schnellpressen, was die Kosten senkte, konnte Riesenplakate im Format von 6,28 mal 9,42 Meter drucken und war der Erste in Berlin, der sich an den Buntdruck wagte.
In den Kriegsjahren 1866 und 1870/71 bekam Litfaß, inzwischen zum Kommissionsrat und Königlichen Hofbuchdrucker avanciert, die alleinige Konzession für die Erstveröffentlichung von Kriegsdepeschen. Das bedeutete einen weiteren geschäftlichen Erfolg, denn die offiziellen Nachrichten lockten viele Interessenten an die Litfaßsäulen. So erhielten auch die Reklameplakate höhere Aufmerksamkeit, was die Werbekunden zu schätzen wussten.
Doch Litfaß wollte nicht als Profiteur der militärischen Nachrichtenvermittlung gelten. Er organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen, die er „patriotische Feste“ nannte. Diese beliebten „Litfaß-Bälle“ waren originell gestaltet und hatten Volksfestcharakter. Der Erlös kam zum Beispiel Kriegsinvaliden zugute.
Ernst Litfaß starb am 27. Dezember 1874 bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden. Er hinterließ er ein Millionenvermögen.
Die ersten Säulen maßen 3,28 Meter in der Höhe und 2,80 Meter im Umfang, hatten einen Schaft aus Eisenblech und waren von einem gusseisernen Palmettenfries bekrönt. Später baute man sie höher; Beton, Eternit und schließlich auch Kunststoff ersetzten das Metall. Das heutige Standardmodell bietet auf einer Standfläche von nur 1,25 Quadratmetern eine Werbefläche von stattlichen 13 Quadratmetern. Nach Angaben des Fachverbandes Außenwerbung gibt es heute deutschlandweit gut 35.000 Litfaßsäulen verschiedener Art. „Die Säule als Form, wie Ernst Litfaß sie einst in Deutschland populär machte, bleibt ein prägendes Medium in der Außenwerbung, obgleich sie sich von der Säule mit geklebten Plakaten hin zur Säule mit gehängten hinterleuchteten Plakaten entwickelt hat“, sagt Christian Knappe von der Wall GmbH in Berlin, die heute insgesamt rund 1070 Litfaßsäulen bewirtschaftet. Da sich die Firma Wall dem kulturellen Erbe von Litfaß verpflichtet fühlt, pflegt sie nach eigenem Bekunden „die Grabstelle des ‚Säulenheiligen‘ auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.“
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Über diesen Podcast
Jahrgang 1956, geboren in Reutlingen. Neun Jahre Volksschule, dann
sechs Jahre Internat: Evangelisches Aufbaugymnasium Mössingen bei
Tübingen. Dort habe ich begeistert Theater gespielt und 1976 Abitur
gemacht. Nach dem Zivildienst im Kreiskrankenhaus Reutlingen
studierte ich mit großer Freude in München Germanistik,
Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Geschichte.Ich arbeitete
als Dramaturgie- und Regieassistent, als Fremdenführer, Taxifahrer,
Bänkelsänger, Archivar und – schon als Schüler und permanent – als
Journalist. In der Diakonie Neuendettelsau war ich Pressesprecher,
dann Öffentlichkeitsreferent der Lippischen Landeskirche (Detmold)
und anschließend Pressesprecher der Evangelischen Kirche von
Westfalen (Bielefeld). Journalistisch bin ich auch als Rentner
(seit 2020) für verschiedene Medien aktiv, so etwa für den
Evangelischen Pressedienst (epd), die Tageszeitung Neue
Westfälische und die Evangelische Wochenzeitung Unsere Kirche. Die
Podcasts Duderstedt auf Kultour entstehen auf der Grundlage von
Features für diese Medien. Michael Schulte danke ich herzlich für
die Idee und Umsetzung der Podcasts.
Abonnenten
Bad Salzuflen
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