Verborgene Welten, Träume, Visionen

Verborgene Welten, Träume, Visionen

vor 3 Tagen
Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist.
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Der Kulturelle Podcast von Andreas Duderstedt

Beschreibung

vor 3 Tagen

Verborgene Welten, Träume, Visionen


 


Der surrealistische Maler Max Ernst malte sein Inneres: bizarre
Träume, seltsame Visionen, Einblicke in rätselhafte verborgene
Welten. Max Ernst war der bedeutendste deutsche Surrealist. Vor
fünfzig Jahren ist er gestorben.


 


Als Künstler war er Autodidakt. Er studierte unter anderem
Psychologie und Philosophie. Lange Zeit fand Max Ernst, geboren
1891 in Brühl bei Köln, wenig Anerkennung. Doch als er am 1.
April 1976 in Paris starb, war er berühmt und mehrfach
ausgezeichnet.


 


Als junger Mann rebelliert er gegen die bürgerliche Ordnung,
gegen seinen katholischen Vater, gegen die „Schweinerei dieses
blödsinnigen Krieges“, an dem er vier Jahre, 1914 bis 1918,
teilnehmen musste. Er fühlt sich zur Dada-Bewegung hingezogen,
die 1917 in Zürich an die Öffentlichkeit tritt und mit Nonsens
provozieren und das Bewährte über den Haufen werfen will. 1919
ruft er mit Hans Arp und anderen in Köln eine Dada-Gruppe ins
Leben. In ihrer Wochenschrift „Der Ventilator“ heißt es mit
bitterem Sarkasmus: „Bürger! (…) Haltet euch am Besitz – unser
gefährlichster Feind ist der Geist.“ Die Zeitschrift wird bald
verboten. Dada-Ausstellungen in Köln mit Collagen Ernsts erregen
öffentliches Ärgernis. Der Vater teilt ihm mit: „Ich verfluche
dich.“


 


1922 geht Max Ernst nach Paris, wo er im Kreis der
surrealistischen Autoren und Künstler mit offenen Armen
aufgenommen wird – erstaunlich, denn das Verhältnis zwischen den
Nachbarländern Deutschland und Frankreich ist zu dieser Zeit
feindselig. Doch Paul Éluard, der noch kurz vorher bei Verdun
gekämpft hat, André Breton, Louis Aragon und die anderen
interessieren sich nicht für Nation und Herkunft, sondern sehen
in dem Deutschen einen Geistesverwandten. 


 


1924, die Dada-Revolte ist abgeklungen, erscheint Bretons
„Manifeste du Surréalisme“. Darin propagiert er die Auflösung des
Gegensatzes von Traum und Wirklichkeit zu einer neuen,
„surrealen“ Realität. Damit verbunden und von Dada übernommen ist
die Ablehnung aller herkömmlichen Werte, verschärft im zweiten
surrealistischen Manifest (1930): „Alles muss getan werden, alle
Mittel sind recht, um die Ideale Familie, Vaterland, Religion zu
zerschlagen.“ 


 


In diesem Sinne malt Ernst 1926 das Gemälde „Die Jungfrau
züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: A.B., P.E. und dem
Maler“, also Breton, Éluard und Ernst. Maria hebt die Hand, um
ihr Kind auf den nackten Hintern zu schlagen. Es ist eine „der
ersten antiklerikalen Aktionen der surrealistischen Bewegung“,
erklärt Jürgen Pech, der frühere wissenschaftliche Leiter des
Max-Ernst-Museums in Brühl.


 


Schon 1925 hat der Künstler ein Manifest der Surrealisten gegen
den imperialistischen Marokko-Krieg unterschrieben und muss nun
als Deutscher in Frankreich Schlimmes befürchten. Ernst verzieht
sich in das Dorf Pornic am Atlantik und ist in seinem Quartier
fasziniert von der Maserung des ausgescheuerten Dielenfußbodens.
Er legt Papier darauf und reibt die Holzstruktur mit weichem
Bleistift durch. Diese Technik, in der gleich eine ganze
„Naturgeschichte“ mit seltsamen Fisch- und Vogelwesen entsteht,
nennt er Frottage (von frotter, „reiben“). Auch die Grattage (von
gratter, „abkratzen“), bei der mit einem Messer getrocknete
Farbschichten eines Bildes abgeschabt oder -gekratzt werden und
die sein Schaffen künftig ebenso bestimmen wird, erfindet er in
dieser Zeit.


 


Max Ernsts Werke werden in Nazi-Deutschland diffamiert, zwei
davon sind 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ zu sehen.
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird es für ihn in Frankreich
immer schwieriger. Als „feindlicher Ausländer“ 1939 interniert,
kommt er zwar wieder frei, muss aber im folgenden Jahr wieder ins
Gefängnis, diesmal von der Gestapo verhaftet. Er kann fliehen.
Zusammen mit der reichen Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, die
später seine dritte Frau wird, schafft er den Weg ins
US-amerikanische Exil. Zunächst in New York, lebt Max Ernst ab
1946 mit seiner vierten Frau, der Malerin Dorothea Tanning, in
Sedona in der Wüste von Arizona in einem einsamen Haus. 1953
kehrt er mit seiner Frau nach Paris zurück.


 


„Nicht die vernünftigsten Menschen haben Weltgeschichte gemacht,
sondern die Wahnsinnigen“, sagte Ernst im Rückblick auf sein
Leben und Schaffen: „Wenn die Malerei ein Spiegel der Zeit ist,
muss sie wahnsinnig sein.“ Schon als Student der Psychologie
hatte er sich mit der Kunst psychisch Kranker beschäftigt. Die
Faszination des Wahnsinns war nicht das Einzige, was ihn mit der
Romantik verband. Er schätzte Caspar David Friedrich und dessen
Maxime: „Schließe dein leibliches Auge, damit du mit dem
geistigen Auge zuerst sehest dein Bild, Dann fördere zutage, was
du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf Andere, von außen
nach innen.“ Auch Max Ernst wollte als Maler „einkreisen und
projizieren, was er in sich selbst sieht“. So kamen verstörende
Visionen wie „Europa nach dem Regen“ zustande, oft aber auch
Bilder mit Ironie und leisem Witz. 


 


Das gilt auch für das Werk, das er 1960 seiner Frau Dorothea zum
50. Geburtstag schenkte und das nach Jürgen Pech die blaue Blume
der Romantik zeigt, wie sie im Romanfragment „Heinrich von
Ofterdingen“ von Novalis in einem Traum auftaucht. Endliches und
Unendliches, Natur und Geist seien bei Novalis harmonisch
ausgeglichen: „Das Innen und das Außen, der Traum und die
Realität gehören zusammen.“ All diese Aspekte der Verschmelzung
von Gegensätzen, erklärt Jürgen Pech, seien in dem Bild von Max
Ernst konzentriert zusammengefasst. Hier schließt sich der Kreis
zum Surrealismus der frühen Jahre.

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