Mutterschutz in der Niederlassung - ein Systemproblem | Nadja Jesswein

Mutterschutz in der Niederlassung - ein Systemproblem | Nadja Jesswein

vor 1 Tag
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Beschreibung

vor 1 Tag

Wie ist das eigentlich, wenn man als selbstständige Hausärztin
schwanger wird? Genau dieser Frage widmen sich Dr. Andrea Morawe
und Nadja Jesswein in der neuen Folge von „LandMEDchen“. Nadja
ist niedergelassene Hausärztin, Co-Sprecherin des Bundesforums
Hausärztinnen im Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie in der
Ärztekammer Niedersachsen engagiert.


Heute sind rund zwei Drittel der Absolvent:innen des
Medizinstudiums weiblich. Gleichzeitig gibt es für
niedergelassene Ärztinnen während einer Schwangerschaft kaum
soziale Absicherung. Während angestellte Ärztinnen sechs Wochen
vor der Geburt freiwilligen Mutterschutz und anschließend acht
Wochen verpflichtenden Mutterschutz mit finanzieller Absicherung
durch den Mutterschutzlohn erhalten, existiert eine vergleichbare
Regelung für Selbstständige nicht.


Ein zentrales Problem sehen Andrea und Nadja darin, dass
Schwangerschaft im Sozialrecht häufig ähnlich behandelt wird wie
eine Erkrankung – obwohl sie keine Krankheit ist.





Hinzu kommt der sogenannte Sicherstellungsauftrag. Mit der
Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung verpflichten sich
niedergelassene Ärzt:innen dazu, die Versorgung ihrer
Patient:innen sicherzustellen. Deshalb kann eine Praxis auch
während Urlaub oder Schwangerschaft nicht einfach geschlossen
werden. Stattdessen muss eine geeignete Vertretung organisiert
werden.





Genau hier entstehen weitere Schwierigkeiten. Vertretungsbörsen
oder entsprechende Netzwerke sind vielerorts kaum vorhanden.
Zusätzlich unterscheiden sich die Regelungen je nach Bundesland.
In Niedersachsen ist es beispielsweise nicht möglich, am selben
Tag gemeinsam mit einer Vertretung in der Praxis tätig zu sein.
Der Vertreter arbeitet dann auf eigene Rechnung.





Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte Entlastungsassistenz.
Dabei wird eine Ärztin oder ein Arzt befristet angestellt, um die
Praxis zu unterstützen. Allerdings entstehen dadurch
Sozialabgaben, gleichzeitig besteht unter bestimmten
Voraussetzungen das Risiko einer Scheinselbstständigkeit. Hinzu
kommt, dass die Praxisinhaberin weiterhin für mögliche Regresse
haftet.





Wie hoch die finanzielle Belastung werden kann, zeigt Nadja
anhand ihrer eigenen Erfahrung: Die Vertretung während ihres
Mutterschutzes kostete rund 750 Euro pro Tag.





Neben diesen Kosten laufen auch sämtliche weiteren Praxisausgaben
unverändert weiter. Gehälter für Mitarbeitende, Miete und
laufende Betriebskosten lassen sich während einer Schwangerschaft
schließlich nicht einfach aussetzen.





Andrea begegnet in diesem Zusammenhang immer wieder Kommentaren
wie „Das wusste man doch vorher“ oder „Eine Schwangerschaft muss
man eben planen“. Für sie greift diese Sichtweise deutlich zu
kurz. Auch Ärztinnen führen ein ganz normales Leben – und nicht
jede Lebensentscheidung lässt sich bis ins Detail planen.





Auch Nadja betont, dass eine Schwangerschaft aus ihrer Sicht
nicht zu den üblichen unternehmerischen Risiken einer
Selbstständigkeit gehört. Gleichzeitig geht es ihr nicht
ausschließlich um Frauen. Vereinbarkeit betrifft ebenso Männer,
die Väter werden und Familie und Beruf miteinander vereinbaren
möchten.





Dabei existiert bereits eine EU-Richtlinie, die eine
Unterbrechung der Erwerbstätigkeit für Selbstständige ermöglichen
soll. Deutschland hat diese Vorgaben bislang jedoch nur
unzureichend umgesetzt – obwohl entsprechende Ziele sogar im
Koalitionsvertrag festgehalten wurden.





Auch innerhalb der Ärzteschaft wächst der Wunsch nach
Veränderungen. Ein gemeinsamer Antrag von Andrea und Nadja wurde
bereits von der Bundesdelegiertenversammlung beschlossen und wird
nun durch den Vorstand des Deutschen Ärztetags beraten.





Für beide endet die Diskussion jedoch nicht beim Mutterschutz.
Sie wünschen sich insgesamt flexiblere Regelungen im KV-Recht,
beispielsweise mehr Möglichkeiten für Teilzeitmodelle und bessere
Rahmenbedingungen, um Familie und Beruf miteinander vereinbaren
zu können.





Abschließend sprechen Andrea und Nadja auch über politische
Vorstellungen traditioneller Familienbilder. Dabei diskutieren
sie unter anderem die Positionen der AfD und wie viel
Entscheidungsfreiheit diese Frauen bei der Gestaltung ihres
eigenen Lebens und Berufswegs geben wollen.








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