Pflege zuhause: Eine Krise zwischen Bürokratie und Lebensrealität | Jennifer Höfer

Pflege zuhause: Eine Krise zwischen Bürokratie und Lebensrealität | Jennifer Höfer

vor 2 Monaten
51 Minuten
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Podcast
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Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel

Beschreibung

vor 2 Monaten

Nicht nur das Gesundheitssystem steht vor großen
Versorgungsproblemen – auch die Pflege gerät zunehmend an ihre
Grenzen. In dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem
verfehlt das Klassenziel“ spricht Dr. Laura Dalhaus mit Jennifer
Höfer von Valentcura. Sie begleitet Pflegebedürftige und ihre
Angehörigen durch die oft komplizierten Prozesse rund um
Pflegegrad, Leistungen und Anträge und unterstützt sie mit ihrer
fachlichen Expertise.


Schnell wird deutlich: Wer mit Pflege in Berührung kommt, sieht
sich häufig einem undurchsichtigen Geflecht aus Anträgen,
Vorschriften und Datenschutzregelungen gegenüber.


Jennifer erläutert den gesamten Weg von der Beantragung eines
Pflegegrads über die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst
(MD) bis hin zur konkreten Organisation der Versorgung. Dabei
begleitet sie Betroffene häufig auch persönlich bei den
MD-Terminen. Gerade ältere Menschen tun sich oft schwer damit,
ihre Einschränkungen offen anzusprechen oder Unterstützung
anzunehmen. Gleichzeitig bieten diese Begutachtungen die
Möglichkeit, notwendige Hilfsmittel zu identifizieren, die den
Alltag erheblich erleichtern können.


Laura weist darauf hin, dass viele Angehörige die Belastung der
Grundpflege unterschätzen. Aus ihrer Sicht sollte man sich gut
überlegen, ob man diese Aufgaben selbst übernehmen kann.
Gleichzeitig stellt sie infrage, warum der Zugang zu Hilfsmitteln
in Deutschland häufig so kompliziert ist, obwohl diese die
Selbstständigkeit und Lebensqualität deutlich verbessern können.





Jennifer hält es für sinnvoll, sehr alten Menschen automatisch
Pflegegrad 1 zuzuerkennen. Dadurch könnten aufwendige
Begutachtungsverfahren reduziert werden, die Fachkräfte und
finanzielle Ressourcen binden. Gleichzeitig beobachtet sie
politische Diskussionen, die Leistungen rund um Pflegegrad 1
einschränken und pflegende Angehörige benachteiligen könnten,
etwa bei der Anrechnung von Rentenpunkten. Stattdessen sollte aus
ihrer Sicht die Unterstützung für Menschen gestärkt werden, die
ihre Angehörigen zuhause versorgen. Schließlich findet der
Großteil der Pflege in Deutschland weiterhin im häuslichen Umfeld
statt.





Ein weiteres Problem sieht Jennifer in der geringen politischen
Vertretung pflegender Angehöriger. Während viele andere Gruppen
starke Interessenvertretungen haben, fehlt es hier häufig an
einer lauten Stimme. Dadurch entsteht zunehmend der Eindruck,
dass die Verantwortung für Pflege wieder stärker auf die Familien
verlagert wird.





Dabei verändert die Pflege zuhause oft die gesamte
Familiendynamik. Wenn Kinder plötzlich Verantwortung für ihre
Eltern übernehmen, entstehen neue Belastungen und Konflikte. Aus
Sicht beider Gesprächspartnerinnen benötigen pflegende Angehörige
deshalb deutlich mehr psychische und organisatorische
Unterstützung.





Die Pflegekassen sind verpflichtet, innerhalb von 25 Werktagen
über Anträge zu entscheiden. Viele Betroffene suchen jedoch erst
Hilfe, wenn die Situation bereits eskaliert ist – oft auch, weil
finanzielle Sorgen und geringe Renten den Druck zusätzlich
erhöhen.





Gleichzeitig verlassen immer mehr Fachkräfte die direkte
Versorgung und wechseln in administrative Tätigkeiten. Für Laura
ist das auch eine Folge von Fehlanreizen und überbordender
Bürokratie, die wertvolle Arbeitskraft von der eigentlichen
Versorgung abzieht.





Daraus ergibt sich für sie eine zentrale Frage: Wie viel
Versorgungspotenzial ließe sich gewinnen, wenn Prozesse
vereinfacht und bestimmte Leistungen ohne aufwendige
Begutachtungen zugänglich gemacht würden? Schließlich ist
Pflegeberatung bereits heute gesetzlich vorgesehen und gehört
eigentlich zu den Aufgaben der Krankenkassen.





Jennifer sieht hier zahlreiche Möglichkeiten. Neben einer
stärkeren Vernetzung mit Hausärzt:innen könnte sie sich
beispielsweise auch Beratungsangebote in Apotheken vorstellen.
Gerade hochbetagte Menschen haben oft weder die Zeit noch die
Möglichkeiten, sich selbstständig durch die Informationsflut zu
arbeiten.





Auch Hausärzt:innen werden regelmäßig mit pflegerischen
Fragestellungen konfrontiert, obwohl dies häufig nicht ihr
eigentlicher Schwerpunkt ist. Laura betont deshalb, dass solche
Aufgaben aus ihrer Sicht stärker von spezialisierten Fachkräften
übernommen werden sollten. Ihr Wunsch ist es, dass erfolgreiche
Pilotprojekte künftig ausgebaut werden und die Pflegeberatung den
Stellenwert erhält, den sie angesichts des demografischen Wandels
dringend braucht.





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Kommentare (1)

Tarrantoga
Tarrantoga vor 1 Monat

Ich kann all dem Gesagten nur zustimmen. Ich selbst habe als Jugendlicher 13 Jahre lang die demente Großmutter mit meiner Familie gepflegt. Wir waren vier Personen, von denen zwei berufstätig waren und zwei schulpflichtig. Erst in den letzten drei Jahren hatten wir einen Pflegegrad – aus Unwissenheit und mangelnder Eigeneinschätzung. Es ist ein zweiter Vollzeitjob, bei dem man Freizeit und Gesundheit opfert. Rückblickend bin ich erstaunt, dass keiner von uns irgendwann die Nerven verloren hat. Bei meinen Freunden sind die Geschichten von damals reine Horrorgeschichten. Man merkt selbst nicht, was man aufgibt und wie sehr das eigene Leben pausiert. Jede Entscheidung denkt die Pflege mit, jede Freizeit, die man sich gönnt, erfordert die Aufsicht der zu Pflegenden. Im Beruf muss man schnell abrufbar sein, falls etwas passiert. Wir hatten mit unseren Lehrern die Abmachung, dass wir ein Telefon mitführen durften, das auch während des Unterrichts klingeln durfte, damit wir schnell nach Hause kommen konnten. Für das Studium blieben wir lange noch zu Hause wohnen, damit wir weiterhin helfen konnten. Als sie dann starb, wurde bei meinem Vater Krebs diagnostiziert. Zwischen der anschließenden zweiten Pflegetätigkeit lag Corona. Die Pflege meines Vaters hätten wir nicht geschafft, ohne die Großmutter als Übung. Diese war weitaus herausfordernder, auch durch negative Wesensveränderungen. Auch wenn das immer sehr herzlos klingt: Zum Glück war der Krebs bei der Diagnose bereits sehr weit fortgeschritten, und mein Vater musste nur ein Jahr leiden. Ich frage mich, wie das in Zukunft gehen soll, wollen wir meine Generation einfach verschleißen? Mein Bruder und ich arbeiten in der Forschung. Sollte meine Mutter pflegebedürftig werden, können wir diese Tätigkeit auf keinen Fall weiter ausüben. Diese Berufe sind unvereinbar mit der Pflege. Auch Vollzeit werde ich nicht arbeiten können, falls ich je Kinder haben sollte sie wären zu jung, um mir zu helfen, im schlimmsten Fall würden sie selbst in einem betreuungsintensiven Alter sein. Auch frage ich mich, wie man über solche Überlegungen mit Partnern sprechen soll. Wir werden hier Hilfe brauchen und werden nicht in der Lage sein, Kinder aus dieser Verpflichtung auszuschließen. Das habe ich damals so gesehen und sehe es heute genauso: Pflege ist ein Job für die ganze Familie und funktioniert nur, wenn diese größtenteils problemlos funktioniert.

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