Beschreibung
vor 2 Tagen
Nicht nur das Gesundheitssystem steht vor großen
Versorgungsproblemen – auch die Pflege gerät zunehmend an ihre
Grenzen. In dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem
verfehlt das Klassenziel“ spricht Dr. Laura Dalhaus mit Jennifer
Höfer von Valentcura. Sie begleitet Pflegebedürftige und ihre
Angehörigen durch die oft komplizierten Prozesse rund um
Pflegegrad, Leistungen und Anträge und unterstützt sie mit ihrer
fachlichen Expertise.
Schnell wird deutlich: Wer mit Pflege in Berührung kommt, sieht
sich häufig einem undurchsichtigen Geflecht aus Anträgen,
Vorschriften und Datenschutzregelungen gegenüber.
Jennifer erläutert den gesamten Weg von der Beantragung eines
Pflegegrads über die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst
(MD) bis hin zur konkreten Organisation der Versorgung. Dabei
begleitet sie Betroffene häufig auch persönlich bei den
MD-Terminen. Gerade ältere Menschen tun sich oft schwer damit,
ihre Einschränkungen offen anzusprechen oder Unterstützung
anzunehmen. Gleichzeitig bieten diese Begutachtungen die
Möglichkeit, notwendige Hilfsmittel zu identifizieren, die den
Alltag erheblich erleichtern können.
Laura weist darauf hin, dass viele Angehörige die Belastung der
Grundpflege unterschätzen. Aus ihrer Sicht sollte man sich gut
überlegen, ob man diese Aufgaben selbst übernehmen kann.
Gleichzeitig stellt sie infrage, warum der Zugang zu Hilfsmitteln
in Deutschland häufig so kompliziert ist, obwohl diese die
Selbstständigkeit und Lebensqualität deutlich verbessern können.
Jennifer hält es für sinnvoll, sehr alten Menschen automatisch
Pflegegrad 1 zuzuerkennen. Dadurch könnten aufwendige
Begutachtungsverfahren reduziert werden, die Fachkräfte und
finanzielle Ressourcen binden. Gleichzeitig beobachtet sie
politische Diskussionen, die Leistungen rund um Pflegegrad 1
einschränken und pflegende Angehörige benachteiligen könnten,
etwa bei der Anrechnung von Rentenpunkten. Stattdessen sollte aus
ihrer Sicht die Unterstützung für Menschen gestärkt werden, die
ihre Angehörigen zuhause versorgen. Schließlich findet der
Großteil der Pflege in Deutschland weiterhin im häuslichen Umfeld
statt.
Ein weiteres Problem sieht Jennifer in der geringen politischen
Vertretung pflegender Angehöriger. Während viele andere Gruppen
starke Interessenvertretungen haben, fehlt es hier häufig an
einer lauten Stimme. Dadurch entsteht zunehmend der Eindruck,
dass die Verantwortung für Pflege wieder stärker auf die Familien
verlagert wird.
Dabei verändert die Pflege zuhause oft die gesamte
Familiendynamik. Wenn Kinder plötzlich Verantwortung für ihre
Eltern übernehmen, entstehen neue Belastungen und Konflikte. Aus
Sicht beider Gesprächspartnerinnen benötigen pflegende Angehörige
deshalb deutlich mehr psychische und organisatorische
Unterstützung.
Die Pflegekassen sind verpflichtet, innerhalb von 25 Werktagen
über Anträge zu entscheiden. Viele Betroffene suchen jedoch erst
Hilfe, wenn die Situation bereits eskaliert ist – oft auch, weil
finanzielle Sorgen und geringe Renten den Druck zusätzlich
erhöhen.
Gleichzeitig verlassen immer mehr Fachkräfte die direkte
Versorgung und wechseln in administrative Tätigkeiten. Für Laura
ist das auch eine Folge von Fehlanreizen und überbordender
Bürokratie, die wertvolle Arbeitskraft von der eigentlichen
Versorgung abzieht.
Daraus ergibt sich für sie eine zentrale Frage: Wie viel
Versorgungspotenzial ließe sich gewinnen, wenn Prozesse
vereinfacht und bestimmte Leistungen ohne aufwendige
Begutachtungen zugänglich gemacht würden? Schließlich ist
Pflegeberatung bereits heute gesetzlich vorgesehen und gehört
eigentlich zu den Aufgaben der Krankenkassen.
Jennifer sieht hier zahlreiche Möglichkeiten. Neben einer
stärkeren Vernetzung mit Hausärzt:innen könnte sie sich
beispielsweise auch Beratungsangebote in Apotheken vorstellen.
Gerade hochbetagte Menschen haben oft weder die Zeit noch die
Möglichkeiten, sich selbstständig durch die Informationsflut zu
arbeiten.
Auch Hausärzt:innen werden regelmäßig mit pflegerischen
Fragestellungen konfrontiert, obwohl dies häufig nicht ihr
eigentlicher Schwerpunkt ist. Laura betont deshalb, dass solche
Aufgaben aus ihrer Sicht stärker von spezialisierten Fachkräften
übernommen werden sollten. Ihr Wunsch ist es, dass erfolgreiche
Pilotprojekte künftig ausgebaut werden und die Pflegeberatung den
Stellenwert erhält, den sie angesichts des demografischen Wandels
dringend braucht.
Zur Website von Jennifer: www.valentcura.de
Zum Kurs für PAs und PCM: https://bryght.social/shop/790
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