5 Minus

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Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel
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Episoden

Schmerztherapie: Die nächste Leistungsgruppe vor dem Aus (Stefan Hegemann)
14.07.2026
1 Stunde 6 Minuten
Eine medizinische Disziplin gerät zunehmend unter Druck: die Schmerztherapie. Obwohl sie für viele Patient:innen unverzichtbar ist, spielt sie in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen oft nur eine untergeordnete Rolle. Dabei lebt gute Schmerzmedizin von ausreichend Zeit, einer gründlichen Anamnese und einer individuellen Betreuung.


In dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ spricht Dr. Laura Dalhaus mit Dr. Stefan Hegemann, der als Schmerztherapeut an einem Krankenhaus in Düren tätig ist.


Stefan hat dort ein Team aus drei Schmerztherapeuten aufgebaut und verfolgt einen klaren Ansatz: Schmerztherapie funktioniert nur, wenn man sich intensiv mit den Menschen und ihrer Krankheitsgeschichte beschäftigt.


Mit der Krankenhausreform verschwindet jedoch die stationäre Schmerztherapie als eigenständige Leistungsgruppe. Für Laura ist das ein großer Verlust. Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie, dass viele Patient:innen durch eine spezialisierte Schmerztherapie ihre hohen Opioid-Dosen deutlich reduzieren konnten und dadurch an Lebensqualität gewonnen haben.


Da Stefan zusätzlich als Suchtmediziner arbeitet, sprechen die beiden auch über Cannabis und die damit verbundenen bürokratischen Hürden. Er erläutert, dass chronische Schmerzen häufig mit psychischen Belastungen einhergehen. Gleichzeitig führen F-Diagnosen in vielen Fällen dazu, dass bestimmte Therapien – etwa Cannabis – erschwert oder ausgeschlossen werden.


Auch der Medizinische Dienst (MD) ist Thema der Folge. Beide berichten, dass sie regelmäßig Widersprüche gegen Entscheidungen einlegen und sich bei Aufsichtsbehörden beschweren müssen, weil sie viele Bewertungen des MD als wenig praxisnah empfinden.


Stefan beschreibt außerdem die Vorgaben der Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie. Danach müssen pro Quartal 192 Stunden Sprechstunde angeboten werden. Gleichzeitig gelten Prüfzeiten, sodass Ärzt:innen bereits ab einer Abrechnung von mehr als 156 Stunden in eine Plausibilitätsprüfung geraten. Zusätzlich ist die Versorgung faktisch auf etwa 300 Patient:innen pro Quartal begrenzt – ein Widerspruch, der den Praxisalltag erheblich erschwert.


Wie so oft landet die Diskussion schließlich beim Thema Finanzierung. Stefan erklärt, welche zentrale Rolle Überweisungsscheine für seine Abrechnung spielen. Gleichzeitig beobachtet er, dass im Gesundheitswesen zunehmend über Rationalisierung und Rationierung gesprochen wird. Trotz hoher Ausgaben bleibt der medizinische Output hinter den Erwartungen zurück – und immer mehr Health Care Professionals spüren die Folgen dieser Entwicklung auch gesundheitlich.


Der wirtschaftliche Druck betrifft längst nicht mehr nur niedergelassene Ärzt:innen. Laura greift in diesem Zusammenhang erneut das Thema Regresse auf und macht deutlich, dass auch Krankenhäuser immer stärker unter finanziellen Zwängen stehen.


Ein weiterer Schwerpunkt sind die unterschiedlichen Schmerzmedikamente und ihre jeweiligen Indikationen. Gerade in der Schmerzmedizin sind Off-Label-Verordnungen fester Bestandteil der Versorgung. Für die behandelnden Ärzt:innen bedeutet das jedoch häufig ein erhebliches Haftungsrisiko.


Laura wundert sich darüber, dass innerhalb der Ärzteschaft teilweise noch immer die Sorge besteht, es gebe nicht genügend Arbeit für alle. Aus ihrer Sicht zeigt die Realität etwas anderes: Nicht die Nachfrage fehlt, sondern eine angemessene Vergütung der medizinischen Leistungen.


Deshalb entscheiden sich immer mehr Ärzt:innen dafür, einen größeren Anteil ihrer Tätigkeit über IGeL-Leistungen beziehungsweise Selbstzahler-Leistungen abzubilden. Laura sieht darin durchaus Chancen, denn manche Innovationen gelangen erst über diesen Weg später in die Regelversorgung. Gleichzeitig beobachtet sie, dass viele Menschen zunehmend bereit sind, selbst in ihre Gesundheit zu investieren.


Zum Abschluss plädiert Stefan dafür, den kollegialen Austausch stärker zu pflegen und belastbare Netzwerke aufzubauen. Für ihn gehören gegenseitige Wertschätzung, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, sich Unterstützung zu holen, zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine gute medizinische Versorgung.


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Politik arbeitet an der Versorgung vorbei | Laura zum aktuellen Stand
07.07.2026
1 Stunde 6 Minuten
Nutzt die Politik die Sommerpause, um besonders umstrittene Gesetze möglichst geräuschlos zu verabschieden? Darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in der aktuellen Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“.


Im Mittelpunkt steht erneut das GKV-Stabilisierungsgesetz (GKV-Spargesetz), das weiterhin für erhebliche Diskussionen sorgt. Besonders angespannt ist die Lage in der Pflegeversicherung, deren Finanzierung zunehmend unter Druck gerät. Ursachen sind der demografische Wandel, sinkende Geburtenzahlen, eine rückläufige Netto-Einwanderung und die steigende Lebenserwartung.


Dabei liegen längst Vorschläge der Finanzkommission Gesundheit auf dem Tisch, um Prävention zu stärken – etwa durch gesundes Schulessen oder eine Zuckersteuer. Aus Sicht von Laura fehlt jedoch der politische Wille, diese Maßnahmen konsequent umzusetzen.


Auch die Kassenärztliche Vereinigung Bremen hat reagiert und den Deutschen Ethikrat eingeschaltet. Diskutiert wird die Frage, ob die aktuelle Ausgabenpolitik der Bundesregierung noch mit einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung vereinbar ist. Gleichzeitig wird geprüft, ob die Finanzierung der Krankenversicherungsbeiträge von Bürgergeldempfänger:innen durch die gesetzlich Versicherten verfassungsrechtlich Bestand haben kann.


Ein weiteres großes Thema ist die Situation der Krankenhäuser. Laura kritisiert, dass das Krankenhaussterben zunehmend den Marktmechanismen überlassen wird – mit möglichen Folgen für die Versorgungssicherheit, insbesondere bei kommunalen Krankenhäusern. Auch Sanitätshäuser geraten wirtschaftlich immer stärker unter Druck.


Nach den heftigen Debatten um die Honorare der Psychotherapeut:innen hält das Bundesministerium für Gesundheit trotz massiver Proteste an seiner Linie fest und sieht keinen Anlass für Beanstandungen. Für Laura ist das vor allem mit Blick auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen problematisch. Fehlende Investitionen in diesem Bereich hätten nicht nur gesundheitliche, sondern auch langfristige volkswirtschaftliche Folgen.


Auch bei der Prävention sieht sie verpasste Chancen. Während über höhere Abgaben auf Tabak und Alkohol diskutiert wird, lehnt Bundesfinanzminister Klingbeil entsprechende Schritte für Bier und Wein ab. Gleichzeitig fordert Bundeskanzler Friedrich Merz mehr Akzeptanz für die geplanten Reformen. Laura würde ihn gerne einen Tag in ihrer Hausarztpraxis begleiten lassen, um die Realität der Versorgung kennenzulernen.


Die Sparpläne von Nina Warken hinterlassen bereits Spuren: Immer mehr Niedergelassene denken darüber nach, ihre Praxis aufzugeben. Für Laura entsteht der Eindruck, dass der ambulanten Versorgung in der politischen Diskussion zu wenig Bedeutung beigemessen wird.


Dabei war die demografische Entwicklung seit Jahren vorhersehbar. Statt rechtzeitig gegenzusteuern, werden die finanziellen Folgen nun zunehmend auf die Leistungserbringer übertragen.


Nahezu alle Akteure im Gesundheitswesen warnen inzwischen vor den Auswirkungen der Sparmaßnahmen. Die KV Rheinland-Pfalz bezeichnete das Gesetz sogar als „Patienten-Versorgungs-Verschlechterungs-Gesetz“ – eine Formulierung, die Laura durchaus nachvollziehen kann. Gleichzeitig wirkt vieles wie Symbolpolitik: Für die Anhörung von rund 90 Verbänden standen lediglich 150 Minuten zur Verfügung.


Neben dem Spargesetz sorgt auch das Digitalgesetz für Kritik. Die niedergelassene Ärzteschaft befürchtet, dass Krankenkassen künftig Informationen aus der ePa nutzen könnten, um Patient:innen direkt anzusprechen. Zusätzlich stehen Pläne im Raum, Krankenkassen stärker in das PVS-System einzubinden und Termine über Krankenkassen-Apps zu steuern. Für Laura widerspricht das dem Prinzip der ärztlichen Freiberuflichkeit.


Außerdem startet sie eine neue Rubrik: „Kassen und Wahrheit“. Darin greift sie unter anderem auf, dass die Techniker Krankenkasse (TK) eine eigene Studie zur HZV in Auftrag gegeben hat, obwohl bereits wissenschaftliche Untersuchungen zur Hausarztzentrierten Versorgung vorliegen. Für Laura ist das ein unnötiger Einsatz von Beitragsgeldern.


Parallel denken inzwischen immer mehr Niedergelassene über den Wechsel in eine Privatpraxis nach. Gleichzeitig sollen Apotheken künftig verstärkt Impfungen übernehmen. Laura sieht darin den Aufbau weiterer Parallelstrukturen und stellt die Frage, wer im Fall von Komplikationen die Verantwortung übernimmt.


Zum Abschluss macht sie deutlich: Gerade jetzt, wo Ungerechtigkeiten entstehen, dürfen Missstände nicht unwidersprochen bleiben. Offene Debatten über Versorgung, Finanzierung und Gerechtigkeit seien nicht nur für das Gesundheitssystem wichtig, sondern auch für das Vertrauen in die Demokratie.





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Wie sieht die Versorgung der Zukunft aus? Wo kann KI wirklich unterstützen? | Dr. Andrea Morawe | Heidi Health
30.06.2026
44 Minuten
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Das Gesundheitssystem entfernt sich immer weiter vom Klassenziel. Darüber sprechen Dr. Laura Dalhaus und Dr. Andrea Morawe in dieser Folge, die auf dem BAM – dem Bundeskongress Allgemeinmedizin – aufgenommen wurde.


Digitalisieren wir aktuell die richtigen Bereiche? Während digitale Lösungen eigentlich Verwaltungsaufgaben vereinfachen sollten, entsteht zunehmend der Eindruck, dass stattdessen die Arzt-Patienten-Beziehung verändert wird.


Andrea berichtet, dass ihre Hausarztpraxis mit Telefon-KI und einer Online-Rezeption bereits vergleichsweise digital aufgestellt ist. Gleichzeitig beobachtet Laura, dass die klassische körperliche Untersuchung zunehmend an Bedeutung verliert. Dabei braucht gute Versorgung nicht nur digitale Prozesse, sondern vor allem Steuerung, Vorsortierung und eine sinnvolle diagnostische Einordnung. Genau dieses Verständnis scheint aus ihrer Sicht in der politischen Diskussion häufig zu fehlen.


Damit geht auch klinische Erfahrung verloren. Wenn weniger untersucht wird, lernen Nachwuchsmediziner:innen wichtige Untersuchungstechniken seltener im Alltag kennen. Für Laura besteht gute Medizin nicht aus dem bloßen Abarbeiten von Checklisten. Sie stellt die grundsätzliche Frage, ob wir uns zunehmend auf Befunde konzentrieren, die zwar messbar sind, aber für die tatsächliche Gesundheit der Patient:innen oft keine relevante Bedeutung haben.


Ein Beispiel dafür sieht sie im betrieblichen Gesundheitsmanagement einiger großer Unternehmen. Dort werden umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnis häufig lautet: „Lassen Sie das bitte beim Hausarzt abklären.“ Die eigentliche Einordnung und Beratung bleibt dann bei den Hausärzt:innen hängen. Für Laura zeigt das deutlich, dass einzelne Messwerte ohne eine umfassende Risikobewertung wenig Aussagekraft haben.


Auch Andrea sieht hier eine Schwäche vieler KI-Systeme. Gesundheitliche Probleme lassen sich nicht isoliert betrachten. Menschen müssen ganzheitlich bewertet werden – mit ihrer Lebenssituation, ihrer Vorgeschichte und ihren individuellen Belastungen.


Laura schildert dazu den Fall eines Patienten, der einen schweren Trauerfall erlebt hatte. Für sie bestand die hausärztliche Aufgabe nicht einfach darin, eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auszustellen, sondern die Hintergründe zu verstehen und den Menschen zu begleiten. In einer rein standardisierten Checklisten-Medizin wäre dafür kaum Raum vorhanden.


Beide sind sich deshalb einig: KI kann unterstützen, aber sie ersetzt keine menschliche Medizin. Entscheidend ist, digitale Werkzeuge dort einzusetzen, wo sie tatsächlich entlasten.


Ein großes Thema bleibt die Bürokratie. Formulare, Anträge und Dokumentationspflichten nehmen immer mehr Zeit in Anspruch. Dabei könnten Medizinische Fachangestellte (MFA) ihre Qualifikation für deutlich sinnvollere Aufgaben einsetzen. Genau hier sehen Laura und Andrea die Stärken digitaler Lösungen.


In ihrem Praxisalltag nutzen beide beispielsweise Heidi. Das System unterstützt bei der Dokumentation, beantwortet viele administrative Anfragen und spart dadurch wertvolle Zeit. Gleichzeitig kann es Gesprächsinhalte strukturieren und für Patient:innen verständlich zusammenfassen. Dadurch verbessert sich aus ihrer Sicht sogar die Arzt-Patienten-Beziehung, weil während der Sprechstunde weniger Zeit am Bildschirm verbracht werden muss.


Darüber hinaus sprechen die beiden über die Auswirkungen des GKV-Spargesetzes. Insbesondere die Ambulantisierung sorgt für zusätzliche Herausforderungen, wenn Nachsorgekonzepte nicht ausreichend mitgedacht werden. Auch andere Regelungen, etwa Veränderungen bei den Pflegegraden, könnten die Versorgung verschlechtern.


Ein weiteres Problem ist die fehlende Zeit für Aus-, Fort- und Weiterbildung. Wenn Medizin immer stärker ökonomischen Zwängen unterliegt, stellt sich die Frage, wie zukünftige Ärzt:innen ausreichend ausgebildet werden sollen. Gerade hier könnte ein sinnvoller Einsatz von KI Freiräume schaffen.


Kritisch sehen beide außerdem, dass gesundheitspolitische Entscheidungen häufig entlang von Legislaturperioden getroffen werden. Langfristige Ziele und nachhaltige Strukturreformen geraten dabei oft in den Hintergrund. Gleichzeitig sollte das deutsche Gesundheitssystem aus ihrer Sicht nicht die Aufgabe haben, den Pharmastandort Deutschland zu sichern.


Zum Abschluss machen Laura und Andrea deutlich: Weder Resignation noch blinder Aktionismus helfen weiter. Notwendig sind kluge Entscheidungen, langfristiges Denken und der Wille, das System wirklich zu verbessern.


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Heilmittelerbringer: Die nächsten Verlierer der "Reform" | Christine Donner & Tobias Niklas
23.06.2026
1 Minute
Nicht nur Ärzt:innen schlagen wegen des GKV-Spargesetzes beziehungsweise des Beitragsstabilisierungsgesetzes Alarm. Auch die Heilmittelerbringer – von der Physiotherapie über die Ergotherapie bis zur Logopädie – sehen die Versorgung durch die geplanten Maßnahmen massiv gefährdet.


Darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ mit Christine Donner, geschäftsführendem Vorstand des Bundesverbands der Ergotherapeut:innen, und Tobias Niklas, Landesvorsitzendem sowie stellvertretendem Bundesvorsitzenden des Verbands für Physiotherapie (VPT e.V.).


Christine erläutert zunächst die Aufgaben der Ergotherapie. Im Mittelpunkt steht dabei, Menschen dabei zu unterstützen, möglichst selbstständig zu bleiben und ein Leben in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen. Die geplanten Einschnitte bewertet sie kritisch: Aus ihrer Sicht drohen längere Wartezeiten, höhere Zuzahlungen und spürbare Verschlechterungen in der Versorgung. Besonders problematisch ist, dass Gesundheit und Einkommen eng miteinander verknüpft sind. Schon heute gibt es viele Menschen, die Schwierigkeiten haben, die Zuzahlungen für Heilmittel aufzubringen.


Auch in der Physiotherapie sind die Belastungsgrenzen längst erreicht. Tobias berichtet von Behandlungszeiten von 15 bis 20 Minuten, in denen zusätzlich Dokumentation sowie Vor- und Nachbereitung stattfinden müssen. Gleichzeitig sei die wirtschaftliche Situation vieler Praxen schwieriger geworden, da die Vergütung mit den allgemeinen Kostensteigerungen nicht Schritt gehalten habe.


Ein weiteres Problem sehen beide in der zunehmenden Ambulantisierung. Immer mehr Patient:innen werden früher aus dem Krankenhaus entlassen und benötigen anschließend zeitnah Heilmittel. Die dafür notwendigen Kapazitäten wurden jedoch politisch nicht mitgeplant. Tobias fordert deshalb keine Einzelmaßnahmen mehr, sondern eine grundlegende Gesundheitsreform.


Auch die politischen Ziele rund um Prävention und die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit werden diskutiert. Laura weist darauf hin, dass sich diese Ziele kaum erreichen lassen, wenn gleichzeitig bei den Heilmittelerbringern gespart wird. Christine bestätigt, dass der Zusammenhang zwischen Heilmitteln und der Vermeidung von Pflegebedürftigkeit in politischen Entscheidungen häufig unterschätzt werde.


Besonders kritisch blickt sie auf die aktuelle Legislaturperiode. Aus ihrer Sicht kommen Beteiligung und fachlicher Austausch deutlich zu kurz. Dabei verweist sie auf eine Zahl, die den volkswirtschaftlichen Nutzen des Gesundheitswesens verdeutlicht: Investitionen in die Versorgung der Versicherten wirken sich unmittelbar positiv auf die Gesamtwirtschaft aus.


Vor diesem Hintergrund denken immer mehr Praxen darüber nach, ihr Angebot stärker auf Selbstzahlerleistungen auszurichten. Gerade in der Physiotherapie werde dieser Trend zunehmen, weil wirtschaftliches Arbeiten im regulären Kassensystem zunehmend schwieriger werde.


Auch der Fachkräftemangel bleibt ein zentrales Thema. Beide sind sich einig, dass die Entwicklung seit Jahren absehbar war. Während die Ärzteschaft teilweise von Zuwanderung profitiert, fehlt es bei den Heilmittelerbringern an wirksamen Maßnahmen, um die Berufe attraktiver zu machen. Tobias verweist darauf, dass Beschäftigte im Sozialversicherungsbereich teilweise deutlich höhere Gehälter erhalten als Physiotherapeut:innen.


Hinzu kommen strukturelle Probleme in der Ausbildung. Lange mussten angehende Physio- und Ergotherapeut:innen ihre Ausbildung sogar selbst finanzieren. Viele angekündigte Reformen wurden zwar diskutiert, aber nicht umgesetzt. Unklar bleibt zudem, wie der Übergang von der Schulgeldfreiheit zu einer vergüteten Ausbildung gestaltet werden soll.


Laura betont, dass die Wertschätzung von Aus- und Weiterbildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Als Beispiel nennt sie die Lymphdrainage: Obwohl Physiotherapeut:innen diese bereits in ihrer Ausbildung erlernen, dürfen sie die Leistung erst nach einer zusätzlichen und aufwendigen Weiterbildung abrechnen.


Christine kritisiert außerdem den Einfluss der Kostenträger auf politische Entscheidungen. Einerseits werde auf steigende Ausgaben verwiesen, andererseits wolle man Leistungen begrenzen – obwohl eine alternde Gesellschaft zwangsläufig einen höheren Versorgungsbedarf mit sich bringt. Aus ihrer Sicht müssten die Kostenträger stärker Rechenschaft über ihre Entscheidungen ablegen.


Am Ende sind sich alle drei einig: Das Gesundheitssystem braucht eine echte Strukturreform. Fachleute müssen stärker in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, die Vergütung muss verbessert werden und die Probleme der Versorgung dürfen nicht länger ignoriert werden.


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Pflege zuhause: Eine Krise zwischen Bürokratie und Lebensrealität | Jennifer Höfer
16.06.2026
51 Minuten
Nicht nur das Gesundheitssystem steht vor großen Versorgungsproblemen – auch die Pflege gerät zunehmend an ihre Grenzen. In dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ spricht Dr. Laura Dalhaus mit Jennifer Höfer von Valentcura. Sie begleitet Pflegebedürftige und ihre Angehörigen durch die oft komplizierten Prozesse rund um Pflegegrad, Leistungen und Anträge und unterstützt sie mit ihrer fachlichen Expertise.


Schnell wird deutlich: Wer mit Pflege in Berührung kommt, sieht sich häufig einem undurchsichtigen Geflecht aus Anträgen, Vorschriften und Datenschutzregelungen gegenüber.


Jennifer erläutert den gesamten Weg von der Beantragung eines Pflegegrads über die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) bis hin zur konkreten Organisation der Versorgung. Dabei begleitet sie Betroffene häufig auch persönlich bei den MD-Terminen. Gerade ältere Menschen tun sich oft schwer damit, ihre Einschränkungen offen anzusprechen oder Unterstützung anzunehmen. Gleichzeitig bieten diese Begutachtungen die Möglichkeit, notwendige Hilfsmittel zu identifizieren, die den Alltag erheblich erleichtern können.


Laura weist darauf hin, dass viele Angehörige die Belastung der Grundpflege unterschätzen. Aus ihrer Sicht sollte man sich gut überlegen, ob man diese Aufgaben selbst übernehmen kann. Gleichzeitig stellt sie infrage, warum der Zugang zu Hilfsmitteln in Deutschland häufig so kompliziert ist, obwohl diese die Selbstständigkeit und Lebensqualität deutlich verbessern können.





Jennifer hält es für sinnvoll, sehr alten Menschen automatisch Pflegegrad 1 zuzuerkennen. Dadurch könnten aufwendige Begutachtungsverfahren reduziert werden, die Fachkräfte und finanzielle Ressourcen binden. Gleichzeitig beobachtet sie politische Diskussionen, die Leistungen rund um Pflegegrad 1 einschränken und pflegende Angehörige benachteiligen könnten, etwa bei der Anrechnung von Rentenpunkten. Stattdessen sollte aus ihrer Sicht die Unterstützung für Menschen gestärkt werden, die ihre Angehörigen zuhause versorgen. Schließlich findet der Großteil der Pflege in Deutschland weiterhin im häuslichen Umfeld statt.





Ein weiteres Problem sieht Jennifer in der geringen politischen Vertretung pflegender Angehöriger. Während viele andere Gruppen starke Interessenvertretungen haben, fehlt es hier häufig an einer lauten Stimme. Dadurch entsteht zunehmend der Eindruck, dass die Verantwortung für Pflege wieder stärker auf die Familien verlagert wird.





Dabei verändert die Pflege zuhause oft die gesamte Familiendynamik. Wenn Kinder plötzlich Verantwortung für ihre Eltern übernehmen, entstehen neue Belastungen und Konflikte. Aus Sicht beider Gesprächspartnerinnen benötigen pflegende Angehörige deshalb deutlich mehr psychische und organisatorische Unterstützung.





Die Pflegekassen sind verpflichtet, innerhalb von 25 Werktagen über Anträge zu entscheiden. Viele Betroffene suchen jedoch erst Hilfe, wenn die Situation bereits eskaliert ist – oft auch, weil finanzielle Sorgen und geringe Renten den Druck zusätzlich erhöhen.





Gleichzeitig verlassen immer mehr Fachkräfte die direkte Versorgung und wechseln in administrative Tätigkeiten. Für Laura ist das auch eine Folge von Fehlanreizen und überbordender Bürokratie, die wertvolle Arbeitskraft von der eigentlichen Versorgung abzieht.





Daraus ergibt sich für sie eine zentrale Frage: Wie viel Versorgungspotenzial ließe sich gewinnen, wenn Prozesse vereinfacht und bestimmte Leistungen ohne aufwendige Begutachtungen zugänglich gemacht würden? Schließlich ist Pflegeberatung bereits heute gesetzlich vorgesehen und gehört eigentlich zu den Aufgaben der Krankenkassen.





Jennifer sieht hier zahlreiche Möglichkeiten. Neben einer stärkeren Vernetzung mit Hausärzt:innen könnte sie sich beispielsweise auch Beratungsangebote in Apotheken vorstellen. Gerade hochbetagte Menschen haben oft weder die Zeit noch die Möglichkeiten, sich selbstständig durch die Informationsflut zu arbeiten.





Auch Hausärzt:innen werden regelmäßig mit pflegerischen Fragestellungen konfrontiert, obwohl dies häufig nicht ihr eigentlicher Schwerpunkt ist. Laura betont deshalb, dass solche Aufgaben aus ihrer Sicht stärker von spezialisierten Fachkräften übernommen werden sollten. Ihr Wunsch ist es, dass erfolgreiche Pilotprojekte künftig ausgebaut werden und die Pflegeberatung den Stellenwert erhält, den sie angesichts des demografischen Wandels dringend braucht.





Zur Website von Jennifer: www.valentcura.de








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5 Minus - Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel. Das Gesundheitssystem kollabiert und das hat Konsequenzen. Darüber spreche ich mit Menschen, um Ideen und Lösungswege zu entwickeln. Denn Politik hat leider in den letzten 20 Jahren bewiesen, dass sie es aus unterschiedlichen Gründen nicht kann. Wir starten einen Versuch. https://linktr.ee/LauraDalhaus

Kommentare (2)

AndreaBonn
Andrea vor 4 Monaten

Das wird uns allen auf die Füße fallen. Alles was die jetzige Regierung bestimmt in Bezug auf Kürzungen im Gesundheitssystem (auch anderes was Herr Merz loslässt) wird uns schaden. Besonders unseren Kindern und Enkeln.

Mika77
Meike vor 1 Jahr

Ich bin FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie und freue mich aufrichtig zu hören und zu sehen, dass Kolleginnen Probleme beim Namen nennen und Lösungen vorschlagen. Psychiatrische Erkrankungen sind weiterhin stark stigmatisiert wenn auch nicht alle gleich. Daher möchte ich beitragen, dass die psychologische Kollegin (wie meist) nur einen bestimmten Teil von Erkrankungen anspricht, die oftmals leichteren und vor allem mit weniger interpersonellen Problemen verbundenen. Ein 20-Jähriger mit Schizophrenie ist schneller in der Behindertenwerkstatt abgestellt (auch non-stop von der Uni) als ein einziger Psychotherapieversuch stattfindet. Der langjährige Skandal der Psychiatrie "je schwerer die Erkrankung, desto weniger Therapie" bleibt leider oder wird durch "Burnout" verstärkt, Das System psychiatrische Behandlung und Zugang dazu ist so darwinistisch, schwer Kranke habe praktisch keine Chance ....

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