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Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel
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Episoden

Wie kann ein selbstbestimmtes Lebensende aussehen? Ein juristischer Blick | Hendrik Hörnlein
26.05.2026
1 Stunde 17 Minuten
Triggerwarnung: Suizid


Seitdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aufgehoben hat, besteht in Deutschland ein juristisches Vakuum. Genau darüber spricht Dr. Laura Dalhaus mit dem Fachanwalt für Medizinrecht Hendrik Hörnlein.


Ausgangspunkt war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das aus dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht ein neues Grundrecht abgeleitet hat: das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Jeder Mensch soll selbst entscheiden können, wie und wann er sterben möchte – unabhängig von äußeren Vorgaben oder Lebenssituationen. Gleichzeitig hat das Gericht dem Gesetzgeber Hinweise gegeben, wie sich dieses Recht mit dem Schutz des Lebens vereinbaren ließe. Deshalb wird heute häufiger von assistiertem Suizid gesprochen als von Sterbehilfe.


Das Urteil stammt aus dem Jahr 2020. Kurz danach dominierte jedoch die Covid-Pandemie die politische Agenda, sodass eine neue gesetzliche Regelung bislang ausblieb.





In den vergangenen Jahren sorgten mehrere Fälle für Aufmerksamkeit, bei denen Ärzt:innen Menschen beim Suizid unterstützt haben. Besonders kontrovers diskutiert wurde der Fall einer 40-jährigen Frau mit Depressionen. Hier stellt sich die Frage der Freiverantwortlichkeit besonders deutlich. Grundsätzlich gilt: Suizid ist in Deutschland nicht strafbar – und damit auch die Beihilfe nicht. Juristisch entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Selbsttötung und Fremdtötung.





Laura berichtet aus ihrer Erfahrung in der Palliativmedizin. Dort gehe es darum, Menschen am Lebensende zu begleiten und Leiden zu lindern. Für sie gibt es Situationen, in denen ein selbstbestimmtes Sterben nachvollziehbar erscheint – etwa bei schweren, unheilbaren Erkrankungen mit absehbarem tödlichem Verlauf. Eine Depression zählt für sie jedoch nicht dazu.





In der gesellschaftlichen Debatte taucht häufig das sogenannte Dammbruch-Argument auf: Die Sorge, ältere Menschen könnten sich unter gesellschaftlichem Druck eher für einen assistierten Suizid entscheiden. Gleichzeitig erleben Ärzt:innen immer wieder, dass Entscheidungen am Lebensende später juristisch hinterfragt werden. Das führt zu großer Unsicherheit im Umgang mit Patient:innen. Hendrik erläutert deshalb die Unterschiede zwischen direkter und indirekter Sterbehilfe anhand konkreter Beispiele.





Laura beschreibt außerdem die Realität der Notfallmedizin. Dort werde oft eine Maximaltherapie fortgeführt, weil die Behandlung bereits begonnen wurde und anschließend jede Komplikation weiter therapiert wird. Angehörige seien mit solchen Situationen häufig überfordert. In diesem Zusammenhang sprechen die beiden über Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Hendrik erklärt die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen dieser Instrumente. Neben professionellen Betreuern können auch Angehörige bevollmächtigt werden. Für Laura ist entscheidend, dass es eine Person gibt, die den eigenen Willen zuverlässig vertreten kann. Konflikte innerhalb von Familien entstehen dabei nicht selten – insbesondere, wenn finanzielle oder erbrechtliche Fragen eine Rolle spielen.





Außerdem diskutieren die beiden die Strafnorm zur Tötung auf Verlangen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Menschen körperlich nicht mehr in der Lage sind, die letzte Handlung selbst vorzunehmen und dadurch auf Unterstützung angewiesen wären. Laura erzählt in diesem Zusammenhang von einer 103-jährigen Patientin, der sie aus moralischen und juristischen Gründen kein weiteres Leiden ersparen konnte.





Abschließend geht es auch um Sterbehilfeorganisationen. Diese schaffen bestimmte prozedurale Voraussetzungen, organisieren psychiatrische Begutachtungen und können Menschen beim assistierten Suizid begleiten.











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Das GKV-Stabilisierungsgesetz - Form schlägt Inhalt! | Dr. Laura Dalhaus zum aktuellen Stand
19.05.2026
1 Stunde 2 Minuten
Das GKV-Stabilisierungsgesetz wurde inzwischen im Kabinett verabschiedet – der Unmut darüber ist allerdings enorm. Dr. Laura Dalhaus ordnet deshalb ein, was in den vergangenen Wochen gesundheitspolitisch passiert ist.


Die Unzufriedenheit mit dem Gesundheitssystem wächst weiter: Mittlerweile ist jede dritte Person unzufrieden. Selbst Gesundheitsministerin Nina Warken hätte sich offenbar eine andere Lösung gewünscht. Gleichzeitig zieht sich der Bund zunehmend aus der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung zurück. Der Bundeszuschuss soll von 14,5 auf 12,5 Milliarden Euro gekürzt werden.


Für Laura wirkt vieles überhastet. Hauptsache, es werden schnell Ergebnisse präsentiert – auch wenn dabei der Eindruck entsteht, dass die Form wichtiger ist als der Inhalt. Zusätzliche Zweifel kommen durch Berechnungen des Handelsblatts auf, die Warken’s Sparpläne kritisch hinterfragen.





Ein zentrales Thema bleibt die Finanzierung der Krankenversicherungsbeiträge für Bürgergeldempfänger. Derzeit tragen ausschließlich die gesetzlich Versicherten diese Kosten, während Privatversicherte und Beamte außen vor bleiben. Gleichzeitig wird auch die Pharma-Industrie kaum an den Sparmaßnahmen beteiligt. Laura erklärt die Preisproblematik am Beispiel von Jardiance, einem SGLT2-Hemmer, der mittlerweile auch bei Nierenschwäche eingesetzt wird – und plötzlich ein Vielfaches kostet.





Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. In diesem Bereich wird immer stärker gekürzt, etwa durch die Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik für suchtkranke Jugendliche. Laura warnt: Wenn der ambulante Sektor weiter geschwächt wird, wird auch die Ambulantisierung scheitern – obwohl mehr als die Hälfte der derzeit stationären Behandlungen ambulant möglich wären.





Gleichzeitig erwartet sie eine zunehmende Abwanderung von Gutverdienenden in die private Krankenversicherung, da diese Gruppe künftig noch stärker belastet werden soll.





Die Finanzkommission Gesundheit hat inzwischen einen Notfallplan vorgeschlagen, zu dem auch eine Zuckersteuer gehört. Diese findet sich tatsächlich im neuen Gesetzesentwurf wieder – allerdings erst ab 2028.





Die Realität der Versorgung bleibt dennoch alarmierend. Ärzteverbänden wird zwar vorgeworfen, zu dramatisch zu kommunizieren, gleichzeitig fordern die Krankenkassen verpflichtende Terminpools für Fachärzt:innen. Parallel sollen große Teile der Einsatzzentralen in NRW geschlossen werden, was Hendrik Wüst bereits als Erpressungsversuch bezeichnet hat.





Für besonders widersprüchlich hält Laura die Diskussion um die Vorstandsgehälter der Krankenkassen. Eine Deckelung wird als Eingriff in die Selbstverwaltung abgelehnt – während selbstständige Ärzt:innen gleichzeitig immer stärkeren Begrenzungen unterliegen.





Auch die Struktur der Krankenkassen hinterfragt sie kritisch. Deutschland habe aus ihrer Sicht zu viele Krankenkassen, während Digitalisierung und KI deutlich stärker genutzt werden könnten.





Laura verweist außerdem auf die Bedeutung der HZV-Versorgung: In Deutschland gibt es rund 11 Millionen HZV-Versicherte in einem freiwilligen Primärarztsystem. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass breit aufgestellte Praxen nach diesem Modell die Versorgung verbessern. Dass Krankenkassen dieses System teilweise blockieren, hält sie für scheinheilig.





Ein weiteres großes Thema ist die Notfallreform. Ärzt:innen sollen künftig rund um die Uhr Notdienstangebote bereitstellen und gleichzeitig ihre regulären Praxen betreiben. Für Laura ist völlig unklar, wie das personell funktionieren soll. Statt Entlastung könnten die Notaufnahmen dadurch sogar noch stärker belastet werden.





Die Folgen zeigen sich bereits: Fast jede zweite Praxis in Berlin denkt über eine vorzeitige Praxisabgabe nach, jede zehnte Praxis plant diesen Schritt konkret. Gerade in Großstädten verschärft der Personalmangel die Situation zusätzlich – auch weil Krankenkassen um MFA konkurrieren und bessere Arbeitsbedingungen bieten können.





Für Laura steht fest: Wer Gesundheitspolitik macht, ohne die Aus- und Weiterbildung von Healthcare Professionals mitzudenken, gefährdet langfristig die Versorgung.











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Palliativmedizin und Sterbehilfe - wie sieht Medizin am Lebensende aus? | Moritz Völker
12.05.2026
1 Stunde 13 Minuten
Mit Moritz Völker gab es bereits eine Folge, in der Dr. Laura Dalhaus mit ihm über seine Tätigkeit als Notarzt gesprochen hat. In dieser Episode diskutieren die beiden nun über Medizin am Lebensende.


Laura hat kürzlich die Fortbildung zur Palliativmedizin absolviert, gemeinsam mit vielen Notärzt:innen. Denn auf Intensivstationen gehört der Umgang mit Sterben und Tod zum Alltag. In nahezu jeder Schicht gibt es Patient:innen, bei denen das Lebensende absehbar ist. Auch Moritz beschäftigt sich deshalb intensiv mit diesem Thema.


In ihrer hausärztlichen Tätigkeit erlebt Laura ebenfalls regelmäßig, wie wenig sich viele Menschen mit dem Sterben auseinandersetzen, selbst im hohen Alter. Gespräche darüber finden in Familien oft kaum statt.


Dabei geht es auch um die Frage, was Überleben nach einer schweren Erkrankung eigentlich bedeutet. Viele Menschen bereiten sich darauf nicht vor, gesellschaftlich wird das Thema selten offen diskutiert. Obwohl die meisten zuhause sterben möchten, versterben 50 bis 70 Prozent der Menschen im Krankenhaus – häufig intubiert und fern eines natürlichen Sterbeprozesses.


Laura hält realistische Erwartungshaltungen deshalb für essenziell. In der Gesellschaft fehle oft die Akzeptanz dafür, dass Gesundheit im Alter Grenzen hat. Gleichzeitig ermöglicht die High-End-Medizin heute vieles, was früher unmöglich gewesen wäre. Für sich selbst sagt Laura jedoch klar, dass sie eher auf Lebensjahre verzichten würde, als dauerhaft schwer krank zu sein.


Ein weiterer Punkt, über den wir dringend sprechen müssen: Ressourcen sind begrenzt. Die letzten Lebensjahre verursachen die höchsten Kosten im Gesundheitssystem. Daraus ergibt sich eine große ethische Frage: Wie viel wollen und können wir als Gesellschaft finanzieren – insbesondere, wenn viele Menschen eigentlich zuhause sterben möchten?


Laura wünscht sich deshalb auch im stationären Bereich eine übergreifende Steuerung, ähnlich einem Primärarztsystem. Sie beschreibt das wie einen Bauleiter, der den Gesamtüberblick behält und medizinische, soziale sowie ethische Aspekte zusammenführt. Für Moritz ist genau das eine ärztliche Aufgabe, die Erfahrung voraussetzt.


Kritisch sieht Moritz außerdem die durch amerikanische Medien geprägte Angst vor Klagen. Ärzt:innen bräuchten mehr Rechtssicherheit, um ethisch sauber entscheiden zu können, statt sich ausschließlich an Absicherungslogik und Checklisten zu orientieren.


Auch das Thema Sterbehilfe sprechen die beiden offen an. Das Bundesverfassungsgericht hat der Politik bereits 2020 den Auftrag gegeben, sich damit auseinanderzusetzen – passiert ist bislang wenig. Laura betont, dass sie selbst entscheiden möchte, wann ihr Leben endet. Auch Moritz hält Selbstbestimmung bis zuletzt für wichtig. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Menschen selbst nicht mehr entscheidungsfähig sind. In diesem Zusammenhang äußert er deutliche Kritik an Berufsbetreuern.


Sterben gehört zum Leben dazu. Palliativmedizin kann viel leisten, aber nicht alles auffangen. Eigentlich ist sie darauf ausgelegt, Menschen über einen längeren Zeitraum zu begleiten – mit Symptomkontrolle, Unterstützung und möglichst viel Lebensqualität, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Laura weist jedoch darauf hin, dass auch hier Abrechnungsstrukturen eine wichtige Rolle spielen.


Ausgangspunkt der Diskussion war außerdem eine Aussage von Hendrik Streeck über die hohen Medikamentenkosten seines Vaters am Lebensende. Für Moritz zeigt sich darin die grundlegende Debatte zwischen Ethik und Ökonomie. Während wir solidarisch sein wollen, geraten gleichzeitig andere Gruppen – insbesondere Kinder und Jugendliche – ins Hintertreffen. Eine Rationalisierung findet bereits statt. Vielleicht auch deshalb, weil Kinder keine relevante Wählergruppe darstellen.


Für beide ist klar: Nur weil diese Diskussion schwierig ist, dürfen wir ihr nicht ausweichen.


Deshalb appellieren sie am Ende eindringlich: Eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung sollten Teil der Gespräche zuhause sein.


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Pädiatrie, MVZ und Versorgung: Denn Kinder werden im System übersehen | Michael Scheel
05.05.2026
1 Stunde 21 Minuten
Wie steht es aktuell um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen? Genau darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in dieser neuen Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ mit Michael Scheel, Kinderarzt in einem großen MVZ für Kinder- und Jugendmedizin sowie -psychiatrie in Cuxhaven. Für Laura ist klar: Sie möchte sich künftig noch stärker für diese Patientengruppe einsetzen.


Zu Beginn werfen die beiden einen Blick auf die Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit. Für Michael liegt ein Problem darin, dass im System zu viele Player mitentscheiden. Dadurch wird häufig der Weg des geringsten Widerstands gewählt – und der trifft am Ende die Leistungserbringer. Besonders deutlich zeigt sich das bei der geplanten Kürzung der Honorare der Psychotherapeut:innen, die er als absolut unangemessen bewertet. Laura vermutet, dass die fehlende Schlagkraft durch die Vielzahl an Berufsverbänden hier eine Rolle spielt. Dabei ist gerade die psychotherapeutische Versorgung ein Bereich mit extrem langen Wartezeiten, die sich durch die Pandemie weiter verschärft haben.


In diesem Zusammenhang spricht Michael auch über die Entbudgetierung in der Pädiatrie. Laura ist überzeugt, dass grundsätzlich ausreichend Geld im System vorhanden ist und ein Primärarztsystem zu Einsparungen führen könnte.


Ein weiterer Aspekt ist die Wirtschaftlichkeit: Laura hinterfragt, warum der Return on Investment (ROI) von Psychotherapie und Kinderheilkunde nicht stärker berücksichtigt wird – insbesondere im Vergleich zu kostenintensiven Eingriffen wie Wirbelsäulen-OPs. Michael sieht einen Grund für die aktuellen Kürzungen darin, dass Kinder schlicht keine relevante Wählergruppe darstellen.


Er berichtet außerdem, wie er sein MVZ aufgebaut hat, um möglichst viele Kinder versorgen zu können, aber es für diese auch angenehm zu machen, in die Praxis zu kommen. Diese Arbeit kommt ihm auch insofern zugute, dass sich potentielle Mitarbeitende proaktiv und gerne bei ihm bewerben. Dabei stößt er jedoch immer wieder auf strukturelle Hürden, insbesondere bei Kassensitzen und der Bedarfsplanung. Diese basiert noch auf Daten aus den 1990er-Jahren und bildet die heutige Realität nicht mehr ab. Selbst wenn eine Kinderärztin ihre Tätigkeit beendet, kann ihr Kassensitz nicht einfach übertragen werden, sondern muss erst durch entsprechende Gremien genehmigt werden.





Das Unternehmertum in der Medizin wird dadurch zunehmend erschwert. Michael beschreibt, dass er sein MVZ mittlerweile eher wie ein Wirtschaftsunternehmen führen muss als wie eine klassische Arztpraxis. Hinzu kommt, dass der Reinertrag von Praxen häufig missverständlich kommuniziert wird und fälschlicherweise mit einem Bruttolohn gleichgesetzt wird.





Laura beschreibt ihren Arbeitsalltag als dauerhaftes „Engines on“ – ein Zustand, den sie langfristig nicht bis ins hohe Alter durchhalten kann. Für beide stellt sich daher die Frage, ob die Sicherstellung der Versorgung künftig überhaupt noch gewährleistet ist. Michael hat in diesem Zusammenhang sogar bei der KV angefragt, ob er Privatsprechstunden für GKV-Patient:innen anbieten könnte.





Ein weiteres Beispiel für strukturelle Probleme sind die Jugendarbeitsschutzuntersuchungen. Diese verpflichtenden Untersuchungen für unter 18-Jährige wurden bereits 1976 eingeführt – die Vergütung liegt jedoch bis heute auf dem damaligen Niveau, was einem erheblichen Wertverlust entspricht.





Viele Ärzt:innen geraten zudem immer wieder in eine ethische Zwickmühle: Der Wunsch zu helfen steht oft im Konflikt mit wirtschaftlichen und regulatorischen Vorgaben.





Beide kritisieren, dass die Politik hier stärker liefern muss. Es fehlt an Wertschätzung gegenüber der Selbstständigkeit, dem unternehmerischen Risiko und den Arbeitsplätzen, die durch Praxen und MVZs geschaffen werden.





Ein weiteres wichtiges Thema sind Medikamente und deren Zulassung. Wie auch Laura ist Michael von Regressen betroffen – teilweise sogar rückwirkend. Gerade in der Pädiatrie ist das Risiko besonders hoch, da viele Medikamente keine explizite Zulassung für Kinder haben. Das liegt unter anderem daran, dass es nur wenige Studien mit Kindern gibt. Ein Beispiel dafür sind Pflegelotionen bei Neurodermitis.





Zum Abschluss sprechen die beiden über den Einsatz von KI in der Medizin. Diese bietet großes Potenzial zur Unterstützung im Alltag – vorausgesetzt, sie wird nicht durch bestehende Strukturen und Verbote ausgebremst.











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Pflege zwischen Verantwortung und Überlastung | Christian Fuchs
28.04.2026
35 Minuten
Die Pflege gehört zu den Berufsgruppen, die häufig zu wenig Beachtung finden. Dabei ist die Belastung enorm hoch und abgesehen von symbolischer Anerkennung durch Klatschen während der Pandemie hat sich strukturell kaum etwas verändert.


Darüber spricht Dr. Laura Dalhaus in dieser Folge von „5 Minus – Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel“ mit Christian Fuchs, Fachkrankenpfleger für Anästhesie mit 15 Jahren Berufserfahrung.


Schon zu Beginn seiner Laufbahn hörte er oft den Satz „früher war alles besser“ – inzwischen teilt er diese Einschätzung selbst. Vor allem die fehlende Wertschätzung macht sich bemerkbar. Für ihn ist klar: Unter den aktuellen Bedingungen ist der Beruf weder körperlich noch psychisch bis zur Rente durchzuhalten.


Ein zentrales Problem sind die Personaluntergrenzen. Christian berichtet von einer Silvesterschicht während der Corona-Pandemie, in der drei Pflegekräfte insgesamt 16 Patient:innen versorgen mussten. Trotz Überlastungsanzeigen blieb eine Reaktion aus. In solchen Situationen stehen Pflegekräfte vor der Wahl: Sie tragen das Risiko weiter oder verlassen die Situation.


Hinzu kommt, dass die Personaluntergrenzen eigentlich als absolute Mindestbesetzung gedacht sind, in der Praxis aber oft als Regelbetrieb dienen. Zudem werden unterschiedliche Funktionen zusammengefasst – unabhängig davon, ob jemand tatsächlich in der direkten Versorgung tätig ist. Auch die Berechnung über längere Zeiträume verzerrt die reale Belastung im Alltag.


Politische Lösungen bleiben bislang aus. Laura sieht das Hauptproblem weniger in der Vergütung als in den Arbeitsbedingungen. Eine reine Gehaltserhöhung greift zu kurz. Entscheidend ist, mehr Fachkräfte zu gewinnen und die Abhängigkeit von starren Personaluntergrenzen zu reduzieren.


Mit dem von Jens Spahn eingeführten Pflegebudget wurde die Pflege zwar vollständig refinanziert, gleichzeitig hat sich das Aufgabenspektrum erweitert. Pflegekräfte übernehmen zunehmend Tätigkeiten, die ursprünglich nicht zu ihrem Kernbereich gehören, etwa organisatorische oder hauswirtschaftliche Aufgaben.


Auch die generalistische Ausbildung wird kritisch gesehen. Die Zusammenführung von Kinderkrankenpflege, Altenpflege und Krankenpflege führt laut Christian dazu, dass spezifische Anforderungen im Klinikalltag nicht ausreichend abgebildet werden.


Der Arbeitsalltag ist geprägt von wenigen Pausen und hoher Belastung. Viele bleiben trotzdem im Dienst, weil sie ihre Kolleg:innen nicht zusätzlich belasten möchten.


Laura beschreibt die Intensivstation als besonders kritischen Bereich. Hier treffen die Anforderungen aller Fachabteilungen zusammen, was häufig zu Engpässen führt. In der Folge werden Patient:innen teilweise früher verlegt, als medizinisch sinnvoll wäre – mit dem Risiko wiederholter Aufnahmen.


Durch DRGs, Fachkräftemangel und steigende Kosten stehen Krankenhäuser unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. Im Gegensatz zu anderen Bereichen der Daseinsvorsorge müssen sie wirtschaftlich arbeiten, was Fehlanreize begünstigt und das System anfälliger für Missbrauch macht.


Laura erinnert sich zudem an eine Zeit ohne verpflichtende Arbeitszeiterfassung, in der flexible Lösungen noch möglich waren. Heute wünschen sich beide Modelle wie ein Lebensarbeitszeitkonto, um die Belastung langfristig besser auszugleichen und die Arbeit im Gesundheitswesen nachhaltiger zu gestalten.


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5 Minus - Das Gesundheitssystem verfehlt das Klassenziel. Das Gesundheitssystem kollabiert und das hat Konsequenzen. Darüber spreche ich mit Menschen, um Ideen und Lösungswege zu entwickeln. Denn Politik hat leider in den letzten 20 Jahren bewiesen, dass sie es aus unterschiedlichen Gründen nicht kann. Wir starten einen Versuch. https://linktr.ee/LauraDalhaus

Kommentare (2)

AndreaBonn
Andrea vor 2 Monaten

Das wird uns allen auf die Füße fallen. Alles was die jetzige Regierung bestimmt in Bezug auf Kürzungen im Gesundheitssystem (auch anderes was Herr Merz loslässt) wird uns schaden. Besonders unseren Kindern und Enkeln.

Mika77
Meike vor 11 Monaten

Ich bin FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie und freue mich aufrichtig zu hören und zu sehen, dass Kolleginnen Probleme beim Namen nennen und Lösungen vorschlagen. Psychiatrische Erkrankungen sind weiterhin stark stigmatisiert wenn auch nicht alle gleich. Daher möchte ich beitragen, dass die psychologische Kollegin (wie meist) nur einen bestimmten Teil von Erkrankungen anspricht, die oftmals leichteren und vor allem mit weniger interpersonellen Problemen verbundenen. Ein 20-Jähriger mit Schizophrenie ist schneller in der Behindertenwerkstatt abgestellt (auch non-stop von der Uni) als ein einziger Psychotherapieversuch stattfindet. Der langjährige Skandal der Psychiatrie "je schwerer die Erkrankung, desto weniger Therapie" bleibt leider oder wird durch "Burnout" verstärkt, Das System psychiatrische Behandlung und Zugang dazu ist so darwinistisch, schwer Kranke habe praktisch keine Chance ....

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