Die Seele eines Landes passt in keinen Reiseführer Warum ich mich freue, dass Uwe Krist heute Romane schreibt

Die Seele eines Landes passt in keinen Reiseführer Warum ich mich freue, dass Uwe Krist heute Romane schreibt

vor 5 Tagen
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Beschreibung

vor 5 Tagen

Es gibt Reisejournalisten, die Länder sammeln. Und es gibt
Reisejournalisten, die Menschen sammeln. Uwe Krist gehörte für
mich immer schon immer zur zweiten Sorte.


Wer, wie wir, viele Jahre über touristische Ziele schreibt, sie
filmt oder in Hör-Reportagen verwandelt, lernt irgendwann eine
einfache Wahrheit: Die eigentlichen Sehenswürdigkeiten bestehen
nicht aus Stein. Sie haben Gesichter. Sie erzählen Geschichten.
Sie lachen, streiten, lieben und schweigen. Genau dort beginnt
der Reisejournalismus, der mich von Anfang an fasziniert hat –
weit entfernt von Hotelrankings, Restauranttipps und den
berühmten „Zehn Dingen, die man unbedingt gesehen haben muss“.


Wenn ich heute, selber schon fast im Abklingbecken für
arbeitsmäßig etwas weniger aktive journalistisch geladene
Teilchen, auf das schaue, was als „Reisebericht“ veröffentlicht
wird, vermisse ich manchmal diese Art des Reisens. Nicht aus
Nostalgie. Sondern weil sie auf einer Haltung beruhte: Erst
verstehen, dann erzählen.


Vielleicht freue ich mich deshalb so darüber, dass mein
langjähriger Kollege und kollegialer Freund Uwe Krist heute
Romane schreibt. Nicht, weil er dem Journalismus den Rücken
gekehrt hätte. Sondern weil ich darin die logische Fortsetzung
eines Berufslebens erkenne, das immer von Neugier, Respekt und
genauer Beobachtung geprägt war.
Reisen beginnt mit Zuhören

Wer Uwe Krist kennt oder ihm zuhört, merkt schnell, dass ihn
Italien nie nur als Reiseziel interessiert hat. Natürlich kennt
er die Küsten Kalabriens, die kleinen Bergdörfer, die versteckten
Trattorien und die großen Plätze Neapels. Aber das war nie sein
eigentliches Thema.
Uwe Krist in Sorrent – alle Fotos Brigitte Jedlin

Sein Thema waren immer die Menschen. Man spürt auf jeder Seite,
dass hier keiner über Italien schreibt, weil er dort Urlaub
gemacht hat. Sondern weil er dort jahrzehntelang zugehört hat.
Wer so reist, sammelt keine Sehenswürdigkeiten. Er sammelt
Begegnungen. Und irgendwann entsteht daraus etwas, das weit über
eine Reportage hinausgeht. Ich glaube, genau deshalb überrascht
mich sein Schritt zum Romanautor überhaupt nicht.
Ein Beruf ohne verdiente Anerkennung

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten unseres Berufs, dass
Reisejournalismus in vielen Redaktionen nie den Stellenwert
besaß, den ihm die Leser längst verliehen hatten. Politik galt
als wichtig. Wirtschaft als seriös. Kultur als intellektuell. Und
Reisen? Das wurde und wird oft als angenehme, aber lässliche
Randerscheinung betrachtet.


Dabei war guter Reisejournalismus immer viel mehr als eine
hübsche Beschreibung von Landschaften. Er war
Geschichtsunterricht, Kulturvermittlung, Gesellschaftsreportage
und manchmal sogar politische Analyse. Wer ein Land wirklich
verstehen will, muss sich mit seiner Geschichte beschäftigen, mit
seiner Mentalität, seinen Widersprüchen und seinen Menschen.


Vielleicht greifen Leser gerade deshalb seit Jahrzehnten so gern
zu Reisegeschichten. Nicht, weil sie nur vom nächsten Urlaub
träumten. Sondern weil sie neugierig auf andere Lebenswelten
waren.
Zwischen Reportage und Roman

Heute wird Reisen millionenfach in sozialen Netzwerken gezeigt.
Vieles davon ist beeindruckend produziert, unterhaltsam und
inspirierend. Daran ist nichts auszusetzen. Aber Begeisterung
ersetzt keine Recherche. Ein Sonnenuntergang braucht keine
Einordnung. Eine Gesellschaft schon.


Der Unterschied zwischen Influencer und Reisejournalist liegt
deshalb nicht in der Qualität der Bilder. Sondern in der Haltung.
Der eine teilt persönliche Eindrücke. Der andere versucht,
Zusammenhänge zu verstehen und verständlich zu machen. Beides hat
seinen Platz. Aber es ist nicht dasselbe.


Vielleicht ist genau deshalb der Roman manchmal die
konsequenteste Fortsetzung eines guten Reisejournalisten. Denn
dort darf endlich all das erzählt werden, wofür in einer
Reportage oft kein Platz bleibt.
Italien nicht erklären – sondern erleben

Das beginnt schon mit den beiden Romanen selbst. „Elisabetta oder
Das Sterben der Grille“ ist weit mehr als eine Geschichte vor
italienischer Kulisse. Es ist ein Roman über Erinnerung, Abschied
und die leisen Veränderungen eines Landes, das zwischen Tradition
und Gegenwart seinen eigenen Rhythmus sucht. Italien bildet hier
keine dekorative Bühne. Es ist selbst eine Figur – mit all seiner
Schönheit, seinen Brüchen und seiner Melancholie.


Ganz anders kommt „Margherita und die Liebe zum Damenbart“ daher.
Schon der ungewöhnliche Titel macht neugierig. Mit feinem Humor
und liebevoll gezeichneten Figuren erzählt Uwe Krist von den
Eigenheiten Sorrents, von skurrilen Begegnungen und von Menschen,
die einem lange im Gedächtnis bleiben. Hinter den kleinen
Geschichten verbirgt sich ein tiefes Verständnis für die
Mentalität des Südens – für seine Herzlichkeit ebenso wie für
seine Widersprüche.


Beide Romane verbindet etwas, das heute selten geworden ist: Sie
wollen Italien nicht erklären. Sie lassen den Leser Italien
erleben.
Wenn Literatur zum besseren Reiseführer wird

Nachdem ich die beiden Bücher durchgeschmökert hatte, ließ mich
eine Frage nicht mehr los: Kann Reiseliteratur vielleicht der
bessere Reiseführer sein? Ich erinnere mich, wie gerne ich früher
die Merian Hefte verschlungen habe. Diese tollen Geschichten rund
um ein Ziel. Alle geschrieben von sehr kundigen und
professionellen Kollegen und Kolleginnen. Nach so einem Heft war
ich dann viel bereiter für meine eigene
Reiserecherche. 


Deshalb würde ich auch oder gerade heute die Frage beantworten
mit: Ja. Nicht, weil sie die besseren Adressen kennt oder den
schnellsten Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit weist. Sondern weil
sie den Blick verändert. Nach einem guten Roman gehe ich anders
durch eine italienische Gasse. Ich sehe nicht nur Fassaden. Ich
frage mich, wer hinter den Fensterläden lebt. Ich höre Dialekte
bewusster. Ich verstehe Gesten besser. Ein Reiseführer zeigt den
Weg. Ein Roman zeigt den Menschen, der mir unterwegs begegnen
könnte. Und genau darin liegt seine Stärke.
Der schönste Luxus eines Reisejournalisten

Manchmal stelle ich mir vor, wie Uwe Krist heute irgendwo auf
einer Piazza in Kalabrien sitzt. Kein Aufnahmegerät mehr auf dem
Tisch. Keine Redaktion, die auf den Abgabetermin wartet. Kein
fester Umfang, keine Zeichenvorgaben. Nur Zeit.


Vielleicht ist genau das der größte Luxus, den sich ein
Reisejournalist nach einem langen Berufsleben wünschen kann:
Geschichten endlich so erzählen zu dürfen, wie sie erzählt werden
möchten. Nicht in 8.000 Zeichen. Sondern mit all den Farben,
Stimmen und Zwischentönen, die ein Roman zulässt.


Der Journalist muss sich an die Fakten halten. Der Romanautor
darf den Wahrheiten folgen. Und manchmal liegen diese Wahrheiten
näher beieinander, als man denkt.
Warum ich optimistisch bleibe

Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die ich aus Uwe
Krists literarischem Weg mitnehme: Guter Reisejournalismus
verschwindet nicht. Er sucht sich neue Formen. Mal heißt sie
Reportage. Mal Podcast. Und manchmal eben Roman.


Wenn wir wissen möchten, wo der schönste Strand liegt oder
welches Restaurant montags geöffnet hat, kaufen wir einen
Reiseführer. Wenn wir verstehen möchten, warum ein Land seine
Menschen prägt – und seine Menschen wiederum das Land –, dann
greifen wir vielleicht besser zur Literatur.


Denn Reiseführer erklären Orte. Gute Geschichten erklären
Menschen. Und erst aus beidem entsteht eine Reise.


Ich habe lange überlegt, wie ich mich den Büchern von Uwe
annähern soll hier auf meinem
WASMITREISEN Blog und in meinem
Reiseradio. Natürlich könnte ich den klassischen Weg gehen, mir
Fragen ausdenken und Uwe einladen zu einem Interview vor dem
Mikro. Daran ist überhaupt nichts verkehrt. Wahrscheinlich wäre
es ein sehr munteres Gespräch geworden. Und sehr authentisch.
Weil, was kann näher an die Gedanken eines Autoren kommen, als
seine eigenen Worte?


Aber dann dachte ich mir: warum nicht mal was anderes, jetzt, wo
im neuen Podcast Hype nun wirklich kein Mangel mehr besteht an
Interviews oder Plauder-Talks zwischen zwei Menschen. Kann da
nicht der gute alte gebaute Hörfunk-Beitrag, so, wie ich es
Anfang der 80er Jahre gelernt habe beim WDR, eine Renaissance
erleben? Erst eine Tiefenanalyse von Text und Quellen, dann ein
grobes Script und dann ein Zweier-Studiogespräch mit verteilten
Rollen. Eine gesprochene Quintessenz ohne Schnörkel, aber mit
Erkenntnis und Unterhaltungswert….


Das Ergebnis möchte ich Ihnen gerne ans Herz legen.


Den Podcast können Sie hören, wenn Sie auf das
Kopfhörer-Symbol im Titelbild klicken.


 


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