#57 Nähe und Distanz

#57 Nähe und Distanz

vor 1 Woche
– wie Bindung Autonomie ermöglicht
37 Minuten
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Podcast
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- UNZENSIERT - mit ungewissem Inhalt im Gepäck

Beschreibung

vor 1 Woche

Hinweis: Bei dieser Aufnahme gab es technische Schwierigkeiten,
weshalb die Tonqualität stellenweise holprig ist.



Gesellschaftliche Angst vor dem Verwöhnen


In unserem Kulturkreis ist Autonomie ein hohes Gut. Viele Eltern
befürchten, ihr Kind zu verwöhnen oder zur Unselbstständigkeit zu
erziehen, zum Beispiel wenn es im Elternbett schläft oder im
Tragetuch getragen wird. So werden Kinder oft  in eine
Selbstständigkeit gedrängt, die ihrer Entwicklung nicht
angemessen ist. Elterliche Interaktionen rund um Schlafen, Essen
oder körperlicher Nähe entsprechen dabei häufig nicht den
individuellen Bedürfnissen, weder jenes des Kindes noch jenen der
Eltern. Sie entstehen über Vorstellungen, wie ein Kind sich
verhalten sollte, nicht selten aufgrund einer gesellschaftlichen
"Norm". 



Was Autonomie wirklich bedeutet


Autonomie bedeutet Selbstbestimmung. Es ist das Erleben, dass ich
auf etwas einwirken kann. Das zeigt sich bereits bei der Geburt,
vorausgesetzt diese kann sich aus eigener Kraft heraus stärkend
entfalten. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, Dinge aus
eigener Kraft zu schaffen. Kinder zwischen dem ersten und zweiten
Lebensjahr haben dafür ein klares Lieblingswort: alleine. Sie
wollen Dinge 'lleine tun:  gehen, Treppen steigen, Schuhe
anziehen, essen. Für Eltern ist das ein täglicher Balanceakt:
Wann kann ich dem Kind was zutrauen? Wo benötigt es noch
Unterstützung? Wo liegen die Grenzen dessen, was noch zu
gefährlich ist? Das ist komplex und erfordert in vielen
Situationen ein sorgfältiges Abwägen.



Was sichere Bindung bedeutet


Eine hilfreiche Metapher in Bezug auf eine tragende Bindung ist
das Bild des Hafens. Es bedeutet, dass das Kind über die Eltern
Orientierung und Sicherheit erfährt. Sie sind für das Kind der
zentrale Referenzpunkt. Von diesem Zentrum aus erkundet es die
Welt. Zunächst entfernt es sich nur wenige Meter. Immer wieder
dreht es sich dabei um, sucht den Blickkontakt zur Bindungsperson
um sich rück zu versichern und zu entscheiden, geht es weiter
hinaus in die Welt oder kehrt es zurück zum vertrauten Hafen. Das
Kind bewegt sich weg mit der Gewissheit, dass der Hafen bleibt.
Dies können wir bereits bei der Geburt beobachten: In dieser Welt
gelandet sucht es die vertraute Andockstelle. Über die
mütterliche Stimme, ihren Geruch, ihren Herzschlag und dem
Rhythmus ihrer Atmung findet es den Weg und dockt im besten Fall
unmittelbar nach dieser abenteuerlichen Reise erneut bei ihr an.
Aufgetankt und gerastet erkundet es weiter, bewegt sich zum
nächsten vertrauten Elternteil. Es folgt seinem Entdeckungs- und
Neugierdedrang, kurzum seinem Autonomiebedürfnis. Dieses Muster
wiederholt sich: weg vom Zentrum nach außen, zurück zum Zentrum
und im nächsten Moment wieder weiter hinaus in die Welt. Diese
Erfahrung von Nähe und Distanz wiederholt es. Immer und immer
wieder. Bis es irgendwann mutig sich alleine hinauswagt um die
Welt zu umsegeln, immer mit dem Wunsch und dem Vertrauen,
irgendwo neu andocken zu können. 



Was Kinder uns lehren


In dem Moment, in dem wir uns für die Elternschaft entscheiden,
sind wir gefordert neue Sichtweisen zu erfahren. Das ist
herausfordernd, weil wir dabei vielem begegnen, mit dem wir nicht
gerechnet haben. Es kann uns helfen, dieses Neue als
Entwicklungsmöglichkeit zu begreifen, uns zu öffnen für das, was
ungeplant über die Kinder in unser Leben kommt. Wir bekommen als
Eltern ein breit gefächertes Übungsfeld im Umgang mit Angst, dem
Zutrauen und dem Loslassen von Kontrolle. Über diese
Auseinandersetzung entsteht Verbundenheit. Wir lernen uns in
neuen Facetten kennen, Körpererinnerungen führen uns zu
hilfreichen Erkenntnissen, erfahren, dass uns das Leben selbst
jenseits unseres Wissens vieles lehrt. Manchmal sind es auch
Schicksalsschläge, die uns fordern anzunehmen, was größer ist als
wir erfassen können, lassen uns bewusst werden, dass wir das
Wesentliche trotz aller Technologie nach wie vor nicht
kontrollieren können. Und bei gewissen Ereignissen dürfen wir
spüren, dass wir getragen sind von Liebe und Verbundenheit,
jenseits von Sichtbarkeit und Messbarkeit.

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