Swissgrid über Solarboom, Netzausbau, Smart Grid und das EU-Stromabkommen als Schlüssel für Versorgungssicherheit

Swissgrid über Solarboom, Netzausbau, Smart Grid und das EU-Stromabkommen als Schlüssel für Versorgungssicherheit

vor 3 Wochen
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vor 3 Wochen

Solarboom, Netzausbau, Einsprachen und EU-Stromabkommen: In der
Folge geht es darum, wo das Schweizer Stromnetz unter Druck
gerät, weshalb Bewilligungsverfahren zum Engpass werden und
welche Rolle europäische Vernetzung für Versorgungssicherheit und
Netzbetrieb spielt.


In der Folge erwähnte Studien:


⁠⁠UBS Sorgenbarometer 2025⁠⁠⁠


⁠⁠⁠gfs.bern Monitor Versorgungsicherheit 2025⁠⁠⁠


⁠⁠⁠Bericht zu den Perspektiven der Atomkraft⁠⁠⁠


⁠⁠⁠Politikfolgeabschätzung Schweizerische Energiestiftung
Transkript zur Episode

00:00:03 Sprecher: gfs.echo, der Podcast von gfs.bern. Mit Lukas
Golder und Jenny Roberts.


00:00:12 Lukas: Hallo zusammen, herzlich willkommen zur zweiten
Staffel zur Energiepolitik bei gfs.echo. Die letzte Episode,
jetzt reden wir über das Netz. Und nach all den Gesprächen, die
wir jetzt über Energie geführt haben, Jenny, wenn du in
Solarenergie investieren könntest, nach all diesen unsicheren
Elementen, würdest du im Moment bereit sein, heute zu sagen: Wenn
ich könnte, würde ich investieren?


00:00:35 Jenny: Ja, ich glaube, wir haben schon gesehen in den
verschiedenen Gesprächen, die wir geführt haben, dass Solar für
sich allein natürlich nicht ausreichen wird, um die Energiewende
in der Schweiz abzudecken, aber dass es doch eine der wichtigen
Technologien sein wird und tendenziell wichtiger wird. In diesem
Sinne, für mich persönlich ist es eine etwas hypothetische Frage,
weil ich sowieso in einer Mietwohnung lebe, aber grundsätzlich
habe ich schon das Gefühl, dass das etwas ist, was ich mir
durchaus überlegen könnte.


00:00:59 Lukas: Viele Private werden immer mehr zu
Stromproduzentinnen und Stromproduzenten. Im Hintergrund geht es
sehr stark ums Netz und darum freut es mich sehr, dass Thomas
Reinthaler, Head of National & International Relations bei
Swissgrid, heute zu Gast ist bei uns. Herzlich willkommen.


00:01:18 Thomas: Merci, dass ich hier sein darf.


00:01:20 Lukas: Wir sprechen über das Stromnetz, das sogenannte
unsichtbare Rückgrat, von dem man spricht, wenn es um den Umbau
in Richtung erneuerbare Energie geht. Hier sind die Stichworte
Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung. Diese
Stichworte stehen im Raum und wir sprechen davon, dass das
Stromnetz der Flaschenhals der Energiewende ist. Ist das wirklich
ein grosses Problem oder eine Herausforderung?


00:01:45 Thomas: Also Stromnetz ist wirklich die Drehscheibe, die
eigentlich dann Produktion und Verbrauch verknüpft auf allen
Ebenen. Von dem her ist das Bild des Rückgrats oder der
Drehscheibe wirklich sehr passend. Swissgrid betreibt ja das
Höchstspannungsnetz, das heisst, auch wenn man vor allem bei der
Photovoltaik, vor allem von der Dezentralisierung spricht,
braucht es auch dieses Rückgrat analog zu einer Autobahn, wo man
über grosse Distanzen viel Kapazität transportieren kann. Und
damit die Rolle von diesem Rückgrat auch wahrgenommen werden
kann, muss man das natürlich auch ausbauen und instand halten und
modernisieren können. Damit wir das auch in Zukunft wahrnehmen
können und für einen sicheren, stabilen Netzbetrieb sorgen.


00:02:27 Jenny: Gerade bei dem Stichwort Dekarbonisierung, das
ist auch etwas, was wir aus dem Versorgungssicherheitsmonitor von
uns wissen, dass sehr viele Stimmenberechtigte sehen. Einerseits
sind die Erneuerbaren natürlich eine Klimaschutzmassnahme, aber
auch eine Möglichkeit, um die Energieabhängigkeit vom Ausland zu
verringern, gerade bei den fossilen Energien. Jetzt aus Sicht von
Swissgrid, wie stark muss das Netz eigentlich ausgebaut werden,
um in Zukunft beispielsweise mit mehr Solar- oder Windenergie
klarzukommen?


00:02:54 Thomas: Also ich glaube, in der Öffentlichkeit herrscht
oft das Gefühl, dass wir überall ganz viele neue Leitungen bauen.
In Wirklichkeit ist es eigentlich so, dass wir im Grossteil von
unserem Netzausbau eigentlich bestehende Leitungen erneuern oder
auf bestehenden Leitungen die Kapazität erhöhen. Das müssen wir
machen. Wir haben letztes Jahr gerade unser sogenanntes
strategisches Netz publiziert, wo wir eigentlich die
Ausbauvorhaben bis 2040 berechnet und veröffentlicht haben. Das
basiert auf Szenarien vom Bundesrat und dort ist eigentlich die
Umsetzung der Energiestrategie schon berücksichtigt. Und in
diesem strategischen Netz planen wir bis 2040, also in den
nächsten knapp 15 Jahren, 5,5 Milliarden Schweizer Franken zu
investieren. Eben in Umbau und Ausbau, aber auch in spezielle
Betriebsmittel, die es uns in Zukunft noch besser ermöglichen, im
Netz auch die Flüsse zu steuern, weil das auch immer wichtiger
wird, weil wir merken, dass diese Flussmuster, sowohl im Kleinen
in der Schweiz, als auch im Grossen in Europa, sich durch den
Umbau des Energiesystems ändern.


00:03:59 Lukas: Wir reden ja über sieben Ebenen in diesem Netz.
Wir haben vorher von der Autobahn, von diesem Bild gesprochen.
Das ist dort, wo das Swissgrid drin ist. Aber jetzt müsste man
versuchen zu verstehen, wie jetzt diese Dezentralisierung, wenn
alle kleinen Stromproduzentinnen und Produzenten da sind, wie
sich das jetzt auswirkt auf einen Netzbetrieb. Wie funktioniert
das, wenn man sich auf diesen Ebenen bewegt?


00:04:19 Thomas: Das ist ein extrem wichtiger Punkt und ist auch
für uns im Netzbetrieb eigentlich die grösste Änderung. In der
Vergangenheit hat man es mit ein paar wenigen Grosskraftwerken zu
tun gehabt. Das ist insofern einfacher, weil die reden alle die
gleiche Sprache, die sind informationstechnisch gut angebunden.
Da gibt es eine Leitstelle, wo man im Zweifel anrufen kann. Und
jetzt, binnen relativ kurzer Zeit, sind da ganz viele Akteure im
System, die jetzt nicht zwingend energieaffin sind. Und wir als
Swissgrid, aber auch alle anderen Netzbetreiber auf diesen
anderen Netzebenen müssen auf einmal mit mittlerweile über
300.000 PV-Anlagenbesitzern, die wie kleine Kraftwerke im Netz
sind, müssen wir umgehen können. Und die einzubinden und zu
koordinieren, das ist eine grosse Herausforderung, der wir uns
als Strombranche als Gesamtes stellen müssen. Aber es bietet auch
viele Chancen. Es bietet die Chance von zusätzlicher
Flexibilität. Die brauchen wir, und ganz viele Dezentrale, sowohl
Produktion als auch Verbrauch, können diese Flexibilität bieten.


00:05:25 Lukas: Jetzt gehen wir wieder zurück auf die Autobahn,
dort, wo ihr zuständig seid, denn wir haben es gesehen, das sind
grosse Investitionen geplant. Man hat sich eingestellt auf diese
Veränderung, man hat die Strategie offensichtlich schon
angepasst, aber trotzdem weiss man jetzt aus der Vergangenheit,
dieser Bau und Zubau dauert sehr lange. Wir sprechen von schnell
mal von 10 bis 20 Jahren, was ein unglaublicher Zeitraum ist,
wenn man die Beschleunigung dieser ganzen Dezentralisierung vor
Augen hat. Wo hapert es im Moment, wenn man so lange Zeiträume
braucht, um zu bauen?


00:05:53 Thomas: Das ist wirklich eines der grössten Probleme,
vor denen wir stehen. Du hast das richtig angesprochen, so zehn
Jahre ist schon fast der Best Case, mit dem wir rechnen können.
Trauriger Rekordhalter ist ein Projekt mit 36 Jahren von der
Planung bis zur Inbetriebnahme und die Bauzeit war nur ein ganz
geringer Teil. Das Hauptproblem sind die Bewilligungsverfahren.
Es ist so, wenn wir unsere Infrastruktur, die ist gross, die ist
gut sichtbar, wenn wir die bauen, gibt es eigentlich kaum ein
Projekt oder kein Projekt, wo wir nicht mit Einsprachen, mit
Widerständen zu kämpfen haben. Problem ist zusätzlich, dass diese
Einsprachen auch noch oft spät im Prozess kommen. Das heisst,
wenn das Projekt schon recht weit fortgeschritten ist und man
dann wieder Einsprachen hat, dann muss man wieder Schritte zurück
machen und das verzögert es dann und macht es extrem
anspruchsvoll und langwierig. Und was da erschwerend hinzukommt,
ist, dass die Gegenseite im Sinne von die Leute, die anschliessen
möchten, das funktioniert in der Regel schneller. Sowohl kleinere
Kraftwerke, aber wir sehen es jetzt auch bei neuen
Grossbatterien, Datacenter, die sind viel schneller bewilligt,
als wir dann eigentlich unser Netz ausbauen können. Und diese
Lücke, die müssen wir schliessen. Und wir als Gesellschaft. Das
kann Swissgrid nicht alleine lösen.


00:07:14 Lukas: Ihr habt es schon etwas angetönt, eure Strategie
ist ja eher eine Netzverstärkung als Netzausbau. Also die
bestehenden Netze stärker machen. Wieso nicht das Gegenteil? Also
rein intuitiv, weil wir sagen, jetzt haben wir eben die
Dezentralisierung, jetzt muss man wirklich den Netzausbau vor
allem wegen der Erneuerbaren stärken. Wie kann man das
nachvollziehen?


00:07:40 Thomas: Gerade in der Schweiz ist Photovoltaik-Ausbau
sehr stark dezentral. Da sind auch die Verteilnetze sehr stark
gefordert, was den Netzausbau betrifft. Wir betreiben das
Höchstspannungsnetz. Bei uns geht es vor allem darum, das
bestehende Netz zu ertüchtigen, dass wir Kapazitäten erhöhen,
sowohl damit wir innerhalb der Schweiz die Energie besser
verteilen können. Das sind Projekte, die schon relativ lange in
der Pipeline sind. Aber natürlich auch, um den Austausch mit dem
benachbarten Ausland zu ermöglichen. Weil nicht nur in der
Schweiz passiert eine Energiewende. In Europa ändert sich die
Produktionslandschaft gerade extrem schnell. Und davon können wir
auch profitieren, weil wenn wir Teil von einem grossen System
sind und mal gibt es viel Sonne in Spanien und Italien, mal gibt
es viel Wind, gerade Offshore ist die Dynamik wirklich
beeindruckend und von dem können wir profitieren, wenn wir in das
gesamte System eingebunden sind. Und deswegen bauen wir unser
Netz aus, beziehungsweise versuchen eben die bestehenden
Kapazitäten zu erhöhen.


00:08:44 Jenny: Du hast vorher auch kurz die Situation mit den
Einsprachen angesprochen. Und da würde es mich sehr wundernehmen,
man spricht ja gerade im Energiebereich häufig von dieser
NIMBY-Problematik, «Not in my backyard», die man beispielsweise
beim Ausbau der Erneuerbaren sieht. Auch aus unserem
Versorgungssicherheitsmonitor sieht man: Es ist der Mehrheit der
Stimmbevölkerung wichtig, dass, auch wenn man die Erneuerbaren
vorantreibt, es nicht auf Kosten des Landschaftsschutzes geht und
dass man die Naturflächen der Schweiz auch entsprechend weiter
schützt. Ist das eben auch eine Problematik, die ihr durchaus
beim Netzausbau seht? Ist das Thema für euch auch relevant?


00:09:20 Thomas: Auf jeden Fall. Ich glaube, jeder, der
Infrastrukturen ausbaut oder bauen will, kennt die Thematik.
Irgendjemand findet unsere Projekte immer schlecht. Was, glaube
ich, bemerkenswert ist, ist: Als wir dieses strategische Netz
publiziert haben, hat es eigentlich keine kritischen
Rückmeldungen gegeben. Das heisst, der Bedarf als solcher, dass
es einen Netzausbau braucht, der ist anerkannt. Selbst der
Regulator hat das angeschaut, aber auch die Öffentlichkeit. Aber
wenn es dann um die konkrete Umsetzung, um einzelne Projekte
geht, dann kommt genau dieser NIMBY-Effekt zum Tragen, dass man
sagt, wir verstehen, wir wollen Strom, wir brauchen Stromnetz,
aber nicht bei mir. Und das sind oft auch kleine Gruppierungen,
die das dann eben mit diesen Einsprachen verhindern können. Auch
wenn es oft oder in der Regel sogar Verbesserungen für den
Grossteil gibt. Also die neuen Leitungen, wenn wir eine Trasse
verlegen, sind in der Regel weiter weg vom Siedlungsgebiet,
entlasten bestehende Siedlungen. Also es gibt auf jeden Fall
Vorteile, aber es ist nicht für jeden vorteilhaft und deswegen
sind wir mit dieser NIMBY-Problematik extrem stark konfrontiert.
Und ja, wie gesagt, da brauchen wir auch die Unterstützung der
Politik, dass wir da nicht 20, 30 Jahre für eine Leitung
brauchen.


00:10:31 Lukas: Man sieht es verzögert auf dieser obersten Ebene,
wo du zuständig, mitzuständig bist, aber wenn man es ja
runterbricht auf die dezentrale Versorgung, die es da braucht,
das dezentrale Netz, ist es nicht auch noch lokal so, dass man zu
wenig schnell vorwärtskommt? Also dort, wo die anderen Akteure
jetzt das Netz verstärken oder ausbauen müssten?


00:10:50 Thomas: Ja, also ich glaube, die Problematik mit
Bewilligungsverfahren gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen
auf allen Netzebenen. Lokale Netzbetreiber haben dann auch oft
das Problem, dass sie dann einfach keine geeigneten Flächen
finden für eine neue Trafostation irgendwo im Siedlungsgebiet.
Also die Probleme sind vielfältig. Bei uns ist es in erster Linie
wirklich die Bewilligungsverfahren, die lange dauern. Und diese
mehrstufigen Bewilligungsverfahren, die gibt es auch nur im
Höchstspannungsnetz, wo wir quasi zuerst einen breiten Korridor
festlegen, der wird dann vom Bundesrat festgesetzt und dann erst
in die Detailplanung gehen. Das heisst, da unterscheiden wir uns
schon vom Netzausbau in den unteren Ebenen.


00:11:29 Lukas: Bei den unteren und untersten haben wir hier so
viele lokale Hubs, die anstelle von einem völlig unkoordinierten
Zuwachs von Solaranlagen, insbesondere PV-Anlagen, gehen. Ist das
der richtige Ansatz, dass man mehr in eine lokale Netzfahrt
denken darf, damit man die verschiedenen Stufen gut
zusammenspielen kann?


00:11:52 Thomas: Ja, es ist gut, wenn man Strom, den man lokal
produziert, auch lokal verbrauchen kann, finden wir es auf jeden
Fall auch sinnvoll, dass man zum Beispiel eine Photovoltaikanlage
in Zukunft mit einem Speicher ergänzt, damit man eben gar nicht
das öffentliche Netz vor allem für Leistungsspitzen nutzen muss,
weil es keinen Sinn macht, das Netz auf das letzte Kilowatt
Leistung auszubauen. Das macht Sinn. Ich glaube, man darf nicht
in die Falle tappen, dass man sagt, wir machen alles lokal,
deswegen braucht es das Übertragungsnetz gar nicht mehr. Es
braucht wie beides. Das Übertragungsnetz ist das Rückgrat, das
haben wir am Anfang schon besprochen. Es ist wie eine
Versicherungsebene. Weil komplett autarke Inseln zu machen wäre
absurd teuer. Also das kann in gewissen speziellen
Konstellationen funktionieren. Aber gerade wenn es grössere
Städte gibt, wo es einfach wenig Fläche für Produktion gibt, wenn
es Industriebetriebe gibt, dann braucht es auch die weiträumige
Übertragung. Und deswegen sehe ich es als Ergänzung, lokal und
überregional und nicht als Konkurrenz.


00:12:54 Jenny: Jetzt haben wir über die lokale Ebene gesprochen
und auch über die nationale, für die ihr natürlich zuständig
seid. In diesem Zusammenhang auch sehr wichtig ist natürlich die
internationale Vernetzung des Stroms. Und da kommt man schnell
auf Diskussionen über das Stromabkommen mit der EU. Jetzt in der
Stimmbevölkerung, wir sind noch sehr früh in der Diskussion, aber
grundsätzlich kann man schon sagen, die Leute sind eher positiv
prädisponiert, was diese Vorlage anbelangt. Jetzt auf dem
politischen Parkett sieht es schon ganz anders aus. Es gibt
verschiedene kritische Stimmen. Wie problematisch ist es aus
Sicht von Swissgrid, falls jetzt kein solches Stromabkommen mit
der EU zustande kommen sollte?


00:13:30 Thomas: Also für uns und gerade für den Netzbetrieb,
also wir sind ja nicht nur für den Bau von Leitungen
verantwortlich, sondern auch für den täglichen Betrieb. Wir haben
zwei Leitstellen in der Schweiz, die 24 Stunden schauen, dass das
Netz ausgeglichen ist. Und aus Sicht des Netzbetriebs ist es
wirklich extrem wichtig, dass wir dieses Stromabkommen haben. Wir
sind Teil von dem europäischen Stromnetz, man spricht da ein
bisschen symbolisch auch von der grössten Maschine der Welt, weil
von Portugal bis in die baltischen Staaten, von Italien, Türkei
bis nach Frankreich, das ist ein System. Und wir sind da
mittendrin, nicht nur geografisch, auch technisch. Und deswegen
ist es extrem wichtig, dass wir da eine stabile rechtliche
Grundlage haben. Und wir merken leider, dass wir, weil wir dieses
Stromabkommen aktuell nicht haben, zunehmend aus Prozessen und
Plattformen ausgeschlossen sind. Und das macht unseren
Systembetrieb extrem anspruchsvoll. Und deswegen ist Swissgrid
ganz klar der Meinung, dass wir dringend dieses Stromabkommen
brauchen.


00:14:26 Lukas: Sie sind ausgeschlossen, der Abbruch des
Rahmenabkommens hat das ein wenig beschleunigt, dass man im
Moment an gewissen Tischen nicht ist. Wenn man jetzt als
einfacher Stromkonsument das ansieht und denkt, es funktioniert
ja immer noch. Ist es so schlimm, dort draussen zu sein? Und was
heisst das konkret? Sie haben sich sogar gewehrt und nicht
erfolgreich gewehrt, an diesen Tisch zurückzukommen. Was heisst
das konkret für Swissgrid und was heisst das konkret für die
Versorgung in der Schweiz?


00:14:55 Thomas: Also vielleicht zwei konkrete Beispiele. Eins
ist die Bestimmung von Grenzkapazitäten. Das heisst, wie viel
Strom zwischen zwei Ländern gehandelt werden kann. Das wird
zwischen den Netzbetreibern festgelegt. Da gibt es gewisse
Regeln, wie das funktioniert. Und innerhalb von der EU gibt es da
Vorgaben, dass diese Kapazität maximiert oder ein Minimum
erreichen muss. Und weil die Schweiz bei diesem Prozess nicht mit
dabei ist oder nicht bei den Berechnungen entsprechend
berücksichtigt wird, laufen wir aktuell Gefahr, dass eigentlich
die Kapazität zwischen EU-Ländern maximiert oder optimiert wird,
zulasten der Kapazität mit der Schweiz, weil eben wir von diesen
Regelungen nicht betroffen sind. Und das kann, wenn es kein
Stromabkommen gibt, dazu führen, dass unsere Fähigkeit, Strom
auszutauschen, also sowohl zu importieren, aber auch zu
exportieren, – das ist für die Schweiz wichtig, gerade im Sommer
–, stark eingeschränkt wird. Das ist ein ganz konkretes Beispiel,
wo wir heute schon merken, dass es schlechter wird und wo es ohne
Stromabkommen vermutlich noch einmal deutlich schlechter wird.
Das andere ist die Frage der Regelenergieplattformen.
Regelenergie ist diese Energie, die wir brauchen für das
Gleichgewicht zum Stabilisieren. Da gibt es Plattformen in
Europa, wo über Länder hinweg das ausgetauscht wird. Es ist immer
so, grösserer Markt, mehr Wettbewerb, mehr Liquidität, günstigere
Preise. Swissgrid war bei diesen Entwicklungen mit dabei. Wir
waren da eigentlich an vorderster Front, wir waren sogar die
Ersten, die technisch ready waren. Und leider ist uns jetzt
dieser Zugang zu diesen Plattformen mangels Stromabkommen
verwehrt. Das hat einerseits wirtschaftliche Konsequenzen, sprich
es ist einfach für uns teurer, weil wir keinen Zugang zu diesem
Markt haben. Es hat aber auch betriebliche Konsequenzen, wenn da
kurzfristig – das ist ja wirklich ganz kurz vor Echtzeit, wo die
Netzbetreiber noch eingreifen – Aktivierungen getätigt werden und
dann ungeplante Flüsse, Stromflüsse über die Schweiz fliessen,
dann hat das auch im Netzbetrieb konkrete Auswirkungen. Das sind
zwei konkrete Beispiele, warum wir ganz klar der Meinung sind,
dass wir das Stromabkommen brauchen. Und wenn ich das nur
ergänzen darf, weil wir auch ganz klar überzeugt sind, dass der
Status quo, so wie er jetzt ist, nicht nachhaltig ist. Also wenn
wir das Stromabkommen aktiv ablehnen, ist es aus unserer Sicht
nicht wahrscheinlich, dass wir einfach weitermachen können wie
bisher.


00:17:10 Lukas: Also jetzt in diesem Kontext ist ja nachher die
Frage, wenn jetzt wirklich eine Strommangellage ist. Wir hatten
in Spanien alles drauf, wir hatten die Strommangellage im Kontext
der ganzen Energiekrisen. Man hat immer mehr das als riesiges
Risiko für die Schweiz. Aber man hat so ein bisschen die
Gegenposition zu solchen Abkommen, ist ja gut, wenn es hart auf
hart geht, schaut sowieso jeder Staat dann nur noch auf sich.
Strom ist so wichtig, dass wir nachher diese Abkommen wie
Makulatur sind, tote Buchstaben.


00:17:42 Thomas: Mhm. Ähm... Ich glaube, wenn ich den Vergleich
machen darf, Strom funktioniert anders als Corona-Masken. Die
Corona-Masken, da kann man recht gut entscheiden, welches Paket
in welchen Flieger kommt. Beim Strom, wie gesagt, wir sind
technisch extrem gut eingebunden. Es wäre eine Illusion zu
glauben, dass die Schweiz als Insel, sprich komplett ohne
Grenzleitungen, funktioniert. Und auch in einer Krise kann man
nicht einfach den Elektronen sagen, ihr dürft nicht über die
Grenze drüber. Das heisst, wir sind sicher: In einem europäischen
Stromkontext sind wir sicherer, als wenn wir als Insel für uns
alleine funktionieren müssten. Das wird betrieblich nicht
funktionieren und ökonomisch extrem teuer sein. Und das wissen
auch alle anderen Netzbetreiber. Das heisst, dass wir da im
gleichen Boot sitzen und auf technischer Ebene funktioniert das
extrem gut mit unseren Nachbarn. Aber eben es fehlt der
institutionelle Rahmen, der das langfristig sichert.


00:18:38 Jenny: Auch der Stromimport ist etwas, wozu die
Bevölkerung eine Meinung hat. Und unter den verschiedenen
Möglichkeiten, die es gibt, um längerfristige
Versorgungssicherheit in der Schweiz zu gewährleisten, gehören
diese Stromimporte zu den Massnahmen, die jetzt weniger beliebt
sind in der Stimmbevölkerung. Also nur etwa ein Viertel, das
sagt, das fände man eine gute Idee auf längere Frist. Wie ist
aktuell die Abhängigkeit von Stromimporten, vor allem im Winter
für die Schweiz? Wird das in absehbarer Zukunft ähnlich aussehen
oder gibt es da Änderungen, die man erwarten kann?


00:19:11 Thomas: Vielleicht vorweg, Swissgrid, wir sind nicht für
die Versorgung mit Energie zuständig, weil wir weder Kraftwerke
besitzen noch handeln. Aber per se denke ich, die Schweiz war
schon immer historisch eng in den Stromhandel in Europa
eingebunden und hat auch davon profitiert. Und Stromaustausch ist
per se nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, das erlaubt eine
ökonomische Optimierung. Die Frage, wie viel Importe oder Exporte
man will, ist eine politische Frage, die die Gesellschaft
entscheiden muss. Ich denke, das Einzige, was man dazu sagen kann
oder was wir dazu sagen können, ist, es ist vermutlich nicht sehr
schlau, wenn man sich stark auf Importe verlässt, ohne einen
stabilen rechtlichen Rahmen zu haben. Das ist eigentlich ein
Argument mehr für das Stromabkommen, damit wir eben diese
Import-, aber auch Exportfähigkeit, wir können ja einiges
anbieten, indem wir unsere Flexibilität der Wasserkraft
vermarkten, damit wir das sichern.


00:20:06 Lukas: Jetzt ist der innenpolitische Widerstand, sogar
von den Stromproduzenten, recht erheblich gegen das
Stromabkommen. Also wir sind ein bisschen in einem unsicheren
Zustand, wann das in welcher Form tatsächlich in Kraft treten
wird. Und trotzdem wollt ihr jetzt mit einem
500-Kilovolt-Anschluss, Supergrid nennt sich das, wollt ihr quasi
in diese Zukunft mit Europa weiter reingehen? Macht das in dieser
unsicheren Lage Sinn? Und warum macht es Sinn, in Gleichstrom zu
gehen, statt bei Wechselstrom zu bleiben?


00:20:42 Thomas: Es gibt nicht das europäische Supergrid, aber es
gibt durchaus Bestrebungen, gerade mit Gleichstromleitungen, die
eben über sehr grosse Distanzen sehr viel Strom transportieren
können, Europa noch besser zu vernetzen. Aktuell Swissgrid, wir
haben keine solche Leitungen, wir haben auch kein konkretes
Projekt in unserem Plan, in unserem strategischen Netz, aber wir
sind im Austausch oder wir machen Studien mit unseren Nachbarn,
weil wir uns überlegen müssen als Schweiz, wie wir eben in so ein
mögliches Supergrid eingebunden werden können. Ich habe es vorher
schon erwähnt, es ist die breite Diversität in Europa ein grosser
Vorteil, und davon können auch wir profitieren, wenn dann eben
zum Beispiel in der Nordsee viel Offshore-Wind ist und wir es
schaffen, dass wir diesen günstigen Windstrom gerade im Winter
auch in die Schweiz bringen. Dann ist das ein wesentlicher
Vorteil und die Gefahr ist, wenn wir hier nicht dabei sind oder
wenn wir hier eben kein Stromabkommen haben und das sehen wir
teilweise schon, dass einfach diese Leitungen rund um die Schweiz
herum gebaut werden und wir dann nicht von diesem zusätzlichen
Austausch profitieren können.


00:21:51 Lukas: Das nächste Stichwort nach «Supergrid» ist «Smart
Grid». Da kommt Digitalisierung ins Spiel. Dort haben wir
verschiedene Elemente, Daten, Prognosen, vor allem auch KI, die
mitspielen. Wie wichtig ist es, dass im Netzbetrieb der Zukunft
diese Vernetzung auch mit digitalen Mitteln vorangetrieben wird?


00:22:11 Thomas: So wenig überraschend ist es extrem wichtig für
uns. Ich habe es vorher erwähnt, es gibt mittlerweile über
300.000 Photovoltaikanlagen in der Schweiz. Es ist klar, dass es
die Digitalisierung braucht, dass es diese Daten braucht, um das
sinnvoll zu koordinieren zu können. Wir haben an ganz
verschiedenen Stellen viele Projekte. Im Systembetrieb zum
Beispiel, wo wir ein KI-Tool nutzen, das unseren Dispatchern,
also den Leuten, die dann tatsächlich im Kontrollzentrum sitzen,
hilft, wie wir am besten Regelenergie einsetzen können. Die
machen eine Prognose, wie vermutlich die Unausgeglichenheit ist,
damit wir eben hier möglichst effizient die Mittel einsetzen
können. Das ist ein Beispiel, wo uns KI hilft. Ein anderes
Beispiel ist, wir nutzen IT-Tools auch, um die ideale
Trasseplanung zu finden. Also wenn wir eine neue Leitung bauen,
einen neuen Korridor suchen, dann haben wir Tools, die uns
helfen, schon mögliche Widerstände, Raumplanungsvorgaben
bestmöglich einzuhalten. Also wir nutzen das an verschiedenen
Stellen. Und ganz kurz zusammengefasst kann man sagen,
Digitalisierung und vor allem Datenaustausch, strukturierter
Datenaustausch, das ist kein Nice-to-have, das ist ein absolutes
Must für den Systembetrieb in der Zukunft.


00:23:29 Lukas: Wir reden ja davon, dass es sehr wechselhafte
Bedarfe und Austausch von Energie im System geben kann, auch
wegen zunehmend dezentralen Dingen. Da geht es um die Diskussion
um Reservenkraftwerke, schnell hochfahren, schnell runterfahren.
Das ist auch ein Beitrag für Kraftwerkbetreiber, dass man nachher
rasch so ein Reservenkraftwerk zum Beispiel im richtigen Moment
hochfahren kann, um die Daten in der richtigen Qualität zur
Verfügung zu haben.


00:23:58 Thomas: Also dieses Rauf- und Runterfahren, da
reservieren wir heute schon Leistung in der Regel bei
Kraftwerken, aber eben dank Digitalisierung und Dezentralisierung
können da jetzt auch in Zukunft einzelne Haushalte ihre
Flexibilität zur Verfügung stellen. Und das läuft dann nicht so,
dass wir direkt auf die Autos zugreifen, sondern über einen
sogenannten Aggregator. Aber die können dann eben diese
dezentrale Flexibilität auch zur Verfügung stellen, damit wir,
wenn es notwendig ist, dann eben Produktion rauf oder runter,
beziehungsweise auch den Verbrauch rauf oder runter fahren
können. Damit kann man sogar als einzelner Flexibilitätsbesitzer
dann in Zukunft auch Geld verdienen.


00:24:36 Lukas: Wenn man jetzt aus dieser Logik der
Reservenkraftwerke argumentiert, macht es jetzt in Zukunft Sinn,
wie vielleicht Bundesrat Rösti auch bei unserem Gespräch gesagt
hat, die ganz grossen Reservenkraftwerke quasi im stillen Betrieb
und einfach im Notfall nur zuschalten? Oder müsste man in diese
Dezentralität gehen, wie du es jetzt angesprochen hast, wo man
eigentlich diese Netze mit Datenvernetzung immer besser als
Reservenkraftwerke sozusagen nutzen kann?


00:25:04 Thomas: Ich glaube, da müssen wir unterscheiden
zwischen: Das, was wir nutzen, ist, dass wir Flexibilität
reservieren, damit wir das eben im Systembetrieb dann einsetzen
können. Die Reservekraftwerke, die du ansprichst, die sind
eigentlich gedacht für den Fall, dass es eine Strommangellage
gibt, dass wir dann wie noch ein Backup hätten, das einspringt.
Das ist per se wieder nicht Aufgabe von Swissgrid für die
Stromversorgung. Die Kosten werden über uns abgewickelt. Wie man
das macht, ob man das mit grossen Kraftwerken, die eben Backup
sind, oder – das gibt es ja auch heute schon – wir machen das mit
Notstromgruppen, dass wir dezentrale Notstromgruppen, das gibt es
schon. Auch das ist wieder eine politische Frage. Aus meiner
Sicht gibt es sicher auch noch Potenzial auf der Nachfrageseite,
dass wir auch auf der Nachfrageseite wie eine Reserve machen. Das
heisst, dass Leute, die im Notfall dann bereit sind, auf ihren
Verbrauch zu verzichten und dafür entschädigt werden und dadurch
vielleicht weniger Bedarf an diesen grossen Reservekraftwerken
besteht.


00:26:03 Lukas: Viele Aufgaben auf verschiedenen Ebenen im
Bereich des Netzbetriebs. Bei der Bevölkerung hatte es mehr die
Strommangellage. Danach stiegen die Sorgen um die
Energieversorgungssicherheit stark. Im Moment sind sie
rückläufig. Wenn du jetzt eine Prognose machen müsstest, was in
fünf Jahren ... Wie entwickeln sich die Sorgen der Bevölkerung?
Sollte man sich mehr Sorgen machen?


00:26:31 Thomas: Also, wenn man der ganzen historischen
Entwicklung der letzten Jahre was Positives abgewinnen kann, ist,
dass das Thema Energie vermehrt auch in den Gedanken der
Bevölkerung angekommen ist. Ich hoffe nicht, dass wir uns noch
mehr Sorgen machen müssen. Wir sind ja immerhin schon in einer
recht schwierigen weltpolitischen Lage. Aber das Thema Energie
wird sicher nicht von der Bildfläche verschwinden. Es wird uns
die nächsten Jahre noch beschäftigen. Wie gesagt, ich hoffe nicht
nur als Sorgen, sondern auch als Chancen. Aber das Thema ist
gekommen, um zu bleiben.


00:27:03 Lukas: Thomas Reinthaler, herzlichen Dank für den Besuch
bei uns bei gfs.echo.


00:27:08 Thomas: Vielen Dank.


00:27:09 Jenny: Und wer es genauer wissen möchte, alle Details
zur genannten Studie finden sich unten in der Beschreibung.
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