Podcaster
Episoden
23.12.2025
29 Minuten
Zum Jahresende blickt gfs.echo, der Podcast von gfs.bern, auf die
grossen Spannungen und Trends des politischen Jahres zurück. Lukas
Golder spricht mit Cloé Jans (Senior-Projektleiterin,
verantwortlich fürs Sorgenbarometer) und Urs Bieri (Co-Leiter
gfs.bern, «Wie geht’s Schweiz?») – begleitet von Jenny Roberts –
darüber, warum Kostendruck aktuell so vieles überlagert, wie sich
Sorgen und Vertrauen gleichzeitig verschieben und weshalb
geopolitische Unsicherheit das Sicherheitsgefühl auch in der
Schweiz stärker prägt, als es lange der Fall war.
In der Folge erwähnte Studien:
UBS Sorgenbarometer 2025
«Wie geht’s, Schweiz?»
ETH-Sicherheitsstudie «Sicherheit 2025»
Transkript zur Episode 00:00:02 Off-Sprecher gfs.echo,
der Podcast von gfs.bern. Mit Lukas Golder und Jenny Roberts.
00:00:12 Lukas Festtagsspecial. Heute ist der Podcast ein
bisschen eine Spezialausgabe. Ich freue mich sehr darauf.
Chloé Jans ist neben mir. Sie ist Senior-Projektleiterin und für
das Sorgenbarometer zuständig. Wenn ich von Co-Leiter rede, ist das
Urs Bieri eben der Co-Leiter, der «Wie geht's Schweiz?» für die SRG
zum Beispiel macht. Und Jenny ist wie immer bei mir. Sie hat auch
ein bisschen andere Studien angeschaut. Und der Eindruck ist für
mich, es war ein Jahr der Widersprüche. 00:00:39 Jenny
Ja, also du und ich haben uns in den letzten Monaten natürlich
stark mit dem Thema Gesundheitspolitik beschäftigt, im Rahmen der
ersten Staffel von gfs.echo und mich dünkt schon auch, also vor
allem bei einem Punkt, der sich durchgezogen hat, habe ich immer
wieder Widersprüchlichkeiten gesehen und das ist die ganze
Kostenfrage. Also wir haben einerseits die Bevölkerung, die sich
ein super Gesundheitssystem weiterhin wünscht, mit viel Innovation
und gleichzeitig verfolgt uns auch die Kostenfrage und es stellt
sich die Frage, inwiefern wir das in Zukunft in den Griff
kriegen. 00:01:08 Lukas Prämien waren die Top-Sorge in
den letzten Jahren. Wie sieht es im Moment aus bei den
Sorgen? 00:01:13 Cloé Ist auch dieses Jahr wieder an
erster Stelle. Natürlich auch vor dem Hintergrund von
Gesundheitsversorgung. Man möchte, wie du gesagt hast, Jenny, das
Wichtigste und das Beste haben. Aber natürlich vor allem auch im
Zusammenhang mit der Kostenfrage. Die Prämienlast drückt. Das sieht
man ja auch bei diversen politischen Anliegen. Es sind nicht nur
die Gesundheitskosten, die das Thema sind. Wohnkosten reden wir
auch immer wieder darüber, stimmen wir ab. Und im Sorgenbarometer
haben wir auch gesehen, zum Beispiel plötzlich Sparen, Staatskosten
sind auch ein Thema. Also Kosten, definitiv eines der Themen
2025. 00:01:46 Lukas Die Sorgen stehen ja auch ein
bisschen im Zentrum bei diesem Barometer. Man fragt ganz konkret,
was ist das dringendste politische Problem? Aber es ist auch ein
Vertrauensteil da, in diesem Sorgenbarometer. Ist das auch wieder
so ein Widerspruch, immer mehr Sorgen um die eigene Situation
finanziell, aber auf der anderen Seite wenig Vertrauen?
00:02:07 Cloé Ja, also ich glaube, was man als Erstes sagen
muss, trotzdem, dass man weniger Vertrauen in das politische System
im Bundesrat vor allem dieses Jahr hat, es gab ja auch recht viel
Dissonanz aus dem Bundeshaus dieses Jahr, ist es so, dass das
Vertrauen international vor allem immer noch recht hoch ist. Und
was ich eben vor allem auch einen Widerspruch finde, das ist etwas,
wo man vielleicht auch gleich den Urs einbeziehen könnte, weil
seine Studie habe ich geklaut aus der "Wie geht's Schweiz?"-Studie.
Dort hat es mich mega spannend gedünkt, dass die Leute eigentlich
sagen, Kosten sind ein Thema, es stresst mich, es bedrückt mich, es
sorgt mich. Aber eigentlich gibt es nicht so viele in der Schweiz,
die wirklich, wirklich unter prekären ökonomischen Umständen leben.
Und das ist auch quasi die Dringlichkeit, die gesellschaftliche,
die das Thema hat und die individuelle Situation sind auch ein
bisschen andere. 00:02:54 Urs Also ich finde genau das
spannend, wenn man "Wie geht's Schweiz?" aus der Sicht, wie geht es
mir als Einwohner, Einwohnerin in diesem Land, in meiner
Familiensituation, mit meinen Kindern, die vielleicht auch in der
Schule sind oder ich bin älter und habe irgendeine Pension oder
eine kleine Pension, wirklich anschaut, was mit Sorgen tatsächlich
entsteht. Das ist plötzlich ein ganz anderer Sorgenbarometer. Es
sind nicht mehr die gesellschaftlichen, die politisch stark
diskutierten Sorgen, sondern meine Sorge ist, bin ich reich, bin
ich arm, bin ich krank, bin ich gesund und vor allem auch, bin ich
einsam oder habe ich ein tragfähiges Beziehungsumfeld? Immer wenn
die Antwort Nein ist in diesem Zusammenhang, wenn ich arm bin, wenn
ich krank bin, wenn ich einsam bin, dann wird die Sorge zu einer
existenziellen Not. Und meine Zufriedenheit in der Schweiz,
insbesondere in diesem reichen Land Schweiz zu leben, nimmt enorm
ab. Und der Vorteil ist halt, die wenigsten haben das. Die meisten
Personen sind eben nicht arm, die meisten Personen sind nicht
einsam, sie sind auch nicht krank. Und darum muss es vielleicht
rein aus dem eigenen Alltag heraus durchaus eine hohe
Krankenkassenprämie leiden. Man geht deswegen nicht auf die
Strasse, auf die Barrikaden, solange eben die anderen, die
individuell wichtigen Sorgen erfüllt sind, mag es relativ viel als
Gesellschaft leiden. 00:04:07 Lukas Ich habe das
Gefühl, die Resilienz kommt vielleicht von innen, aber auf der
anderen Seite nehmen natürlich die geopolitischen Sorgen auch zu.
Hast du nicht aus diesem Sorgenbarometer auch mitgenommen, dass das
einfach auch diese Unsicherheit auf das Gemüt wirklich
durchschlägt? 00:04:23 Cloé Doch extrem, wir haben es
wieder mit extrem existenziellen Sorgen zu tun. Also wir haben
wieder Krieg in Europa, das hinterlässt schon auch Spuren, auch
wenn man merkt, geht ein bisschen auf das ein, was Urs gesagt hat,
dass wir schon in einer sehr privilegierten Lage sind in der
Schweiz. Das Sicherheitsgefühl ist trotzdem immer noch relativ
hoch, aber Krieg in der Ukraine macht den Leuten mehr Sorgen,
deutlich mehr als letztes Jahr, Krieg in Gaza. Einer der grössten
Sorgensprünge, die ich in der Geschichte des Sorgenbarometers
gesehen habe, ist die Sorge um die Präsidentschaft von Donald
Trump. Das ist wirklich etwas, das die Leute extrem beschäftigt.
Das Vertrauen in die USA ist wirklich quasi ins Loch gefallen. Und
da sehen wir schon, die geopolitischen Unsicherheiten, die
machen... den Leuten Sorgen. Und ich finde, die spannende Frage
wird sein, wem unterwerfen wir uns? Den USA oder Europa? Weil
Europa ist auch wichtiger geworden. Also da sieht man schon, der
Druck ist von allen Seiten auf das gallische Dorf Schweiz am
einwirken. Und wer am Schluss dann wirklich die Leseweise der
Situation bestimmt, das nimmt mich dann Wunder.
00:05:23 Urs Ich finde, das Wort Unsicherheit extrem spannend, wenn
man es aus dem eigenen Alltag aus sieht. Ich sehe mal in der Studie
"Wie geht's Schweiz?" die Bevölkerung ist viel unsicherer. Sie ist
insbesondere mit Blick in die Zukunft unsicherer. Sie ist
unsicherer, ob unsere nachfolgenden Generationen noch das Gleiche
oder den gleichen Wohlstand erleben wie wir erlebt haben. Und das
hat genau mit diesen Problemfeldern zu tun. Also irgendwo sieht man
am Horizont dunkle Wolken, die da auftauchen. Man steht selber
nicht im Regen, vielleicht sogar wirklich in der Sonne, aber
trotzdem sind diese Wolken da. Und man vermutet oder befürchtet
tatsächlich, dass es so zufrieden oder so glückselig oder so
gallisches Dorf-artig nicht weitergehen wird. 00:06:01
Jenny Du siehst eben, bei "Wie geht's in der Schweiz?", die
Bevölkerung ist unsicherer als auch schon, was die eigene
Sicherheit anbelangt. Aber vielleicht muss man das auch noch in den
Kontext setzen. Es gibt quasi die Sicherheit in der Schweiz drin,
die vielleicht zurückgeht, aber insgesamt eigentlich immer noch
recht hoch ist. Aber vor allem, wie es Cloédu schon so ein bisschen
antönt hat, es geht vor allem um die internationale Sorgen.
Beispielsweise habe ich die ETH-Sicherheitsstudie angeschaut und
dort hat es mich schon recht gewundert. Es sind nur etwa ein
Fünftel der Leute, die eine optimistische Sicht auf die
weltpolitische Lage haben. Ich denke, es sind vor allem der Druck
von aussen, der dann das Gefühl ausmacht und weniger der
Schweiz-interne. 00:06:37 Urs Das spürt man in
verschiedenen Studien sehr stark. Du hast es angesprochen mit der
Vertrauensfrage. Unser System hat verschiedene Elemente, die
wichtig sind in der Demokratie. Wir können teilnehmen, wir haben
Teilhabe, wir können abstimmen. Das hilft uns sehr zufrieden mit
diesem System. Wir sind auch zufrieden mit mit der Systematik, mit
dem Regelwerk von diesem System, mit der Gewaltenteilung, mit dem
Gesetzgebungsprozess. Das ist der Bevölkerung eigentlich
unbestritten. Was aber tatsächlich das Problem ist, du hast es sehr
schön angesprochen, ist auch die Output-Sicht. Und dort hat auch
die Schweizer Bevölkerung einfach grosse Fragenzeichen. Ob die
Politik als Resultat noch die Probleme lösen kann, die im Moment
anstehen, auch wenn man sie vielleicht selber nicht als Problem
erlebt. Die Angst und die Befürchtung ist da und sie mindert
sichtbar die Zufriedenheit auch in der Schweiz mit dem politischen
System. Eine grosse Studie gemacht auch in den Nachbarländern, noch
viel weitergehend ist das weiterentwickelt im Ausland, in den
Nachbarländern. 00:07:34 Lukas Aber haben wir jetzt
eine Vertrauenskrise? Sagen wir jetzt auf der nationalen Ebene,
Bundesrat, haben wir gesehen, verliert, ist es eine Vertrauenskrise
politischer Institutionen, ja oder nein? 00:07:44 Urs
Die spannende Frage ist, wie man Vertrauen definiert. Wenn man
sagt, Vertrauen ist "Alle denken gleich", dann haben wir eine
Krise, weil wir denken nicht mehr alle gleich, aus ganz vielen
Gründen nicht. Aber vermutlich ist ein gesunder Grad von
Polarisierung im Sinne von Vielfalt der Meinungen und
Reibungsfläche, der Kern der Politik, absolut zentral. Darum heisst
es einfach, andere Meinungen zu haben und dem Gegner vielleicht
auch etwas misstrauen. In Bezug auf seine Meinung ist es vielleicht
gar nicht so schlecht. Schwierig wird es tatsächlich dann, wenn die
Vertrauenskrise zu einer Spaltung wird und wenn man nicht nur
einfach anderer Meinung ist und vielleicht nicht glaubt, was die
andere Person sagt, sondern die andere Person dabei auch noch sehr
doof findet und schlussendlich nicht mehr bereit ist, sich mit
dieser anderen Person auseinanderzusetzen. Dann haben wir eine
Vertrauenskrise. Aus meiner Sicht in der Schweiz es nicht der
Fall. 00:08:35 Cloé Man könnte auch sagen, eine
Vertrauenskrise hat man dann, wenn die Erwartungen, die man an ein
System hat, einfach permanent enttäuscht werden. Ganz unabhängig
davon, ob wir jetzt polarisiert sind oder nicht. Und ich finde, da
sieht man im Sorgenbarometer zum Beispiel die mega spannende Frage,
die man die Leute immer fragt. Haben die dann das Gefühl, die
Schweizer Politik müsste jetzt mit Bezug auf die Aussenpolitik
offensiver auftreten und dort zeigen die Leute Jahr für Jahr, ja
gern, viel offensiver, klarere Ansagen machen. Und was zurückkommt,
ist aber immer, man hat das Gefühl, das ist nicht erfüllt worden
so. Und das kann halt auch zu einer Vertrauenskrise führen. Und
gerade im Moment, wo so fest Aussenpolitik im Zentrum steht und wo
es so fest darum geht, wie die Schweiz ihre Interessen gegen Aussen
eben auch verteidigt, Stichwort Zollhammer zum Beispiel, kann es
eben auch sein, dass durch diese enttäuschten Erwartungen
schlussendlich einfach auch das Vertrauen sinkt.
00:09:27 Lukas Hat man nicht auch gesehen, dass die Schweiz in
diesen Fragen schwach ist? 00:09:31 Cloé Ich glaube,
es ist schon ein Reality-Check, ganz ehrlich gesagt. Da würden
jetzt gewisse Leute, je nach Seite des Spektrums, wo man
draufsteht, vielleicht etwas anderes sagen. Aber schlussendlich ist
die Schweiz ein kleines Land, verhältnismässig für die Grösse eine
grosse Volkswirtschaft. Aber trotzdem, man kann nicht einfach
kommen und jede Ansage machen. Man ist dann halt auch ein bisschen
konfrontiert mit den mächtigeren Leuten. Und im Moment findet eine
Reorganisation von geopolitischen Machtverhältnissen statt. Und da
ist jetzt die Schweiz nicht die, die an vordester Front mittun
kann. Und ich könnte mir schon vorstellen, dass das auch ein
bisschen ernüchternd ist. 00:10:08 Jenny Ich glaube,
das erklärt zu einem gewissen Grad auch den Punkt, den du eingangs
erwähnt hattest, mit dem tendenziell sinkenden Vertrauen in den
Bundesrat gemäss Sorgenbarometer. Und doch, um den Bogen wieder ein
bisschen aufzumachen, ich habe das Gefühl, es ist wichtig, dass wir
uns vor Augen führen. Es ist nicht so, dass wir grundsätzlich ein
tiefes Vertrauen in die verschiedenen politischen oder auch
sonstigen Institutionen im Schweizer System hätten. Es ist
vielleicht etwas, wo man jetzt ein bisschen näher hinschauen muss
als auch schon. Aber insgesamt stehen wir nicht so schlecht an,
oder? 00:10:38 Cloé Ja, voll. Es ist aber auch nicht
nur aufgrund von ausserpolitischen Vorkommnissen. Ich habe das
Gefühl, wirklich, gerade wenn man über den Bundesrat redet, hat man
wie so im ersten halben Jahr, ist wirklich einfach eine Krise nach
der anderen, Kampfjets, eben Zollhammer, irgendwie hat das Gefühl,
das Gremium hat nicht funktioniert. Und das trägt natürlich auch
dazu bei. Aber wir haben schon auch, ich weiss jetzt, eben, ich
glaube, wie du gesagt hast, Urs, Im System an sich ist ein grosses
Vertrauen da und man wünscht sich weiterhin demokratische
Strukturen und man glaubt auch an das. Aber man ist schon auch ein
bisschen weniger verzaubert durch das, was politische Parteien
machen, was Nationalen Ständerat machen. Da ist schon mehr
Misstrauen da als auch schon. 00:11:19 Lukas Gehen wir
in die Dinge, wo das Vertrauen offensichtlich, wie Urs gesagt hat,
ein wenig stärken können. Das ist die direkte Demokratie. Das ist
auch ein Mythos. Es hat auch den Vorteil der Rückkopplung. Gehen
wir noch ein wenig auf die Abstimmungen ein. Nämlich die
Umweltverantwortungsinitiative Anfang Jahr und jetzt auch die
zweite Initiative, die den Klimabezug in diesem Jahr hatte, nämlich
die Forderung nach Erbschaftssteuer zugunsten des Klimas. Beide
sind sehr deutlich gescheitert und die Grünen verlieren alle
kantonalen Wahlen im Moment. Ist die grüne Welle jetzt komplett
durch? 00:11:54 Cloé Ich glaube, im Moment sind wir einfach
wieder in einer sogenannten postmaterial... äh, in einer
materialistischen Welt. Das ist eben, wenn man mit den Fremdwörtern
um sich wirft, dann fällt man darüber. Also Kosten sind
wieder wichtiger, sagen wir so. Es geht weniger um
Identitätspolitik, es geht weniger um vielleicht auch
Nachhaltigkeitsthemen. Das heisst nicht, dass die Leute es weniger
wichtig finden, im Gegenteil. Gemäss Sorgenbarometer weiterhin an
zweiter Stelle, gerade bei jungen Leuten extrem wichtig. Aber die
ökonomische Achse gewinnt im Vergleich zu den anderen Achsen, zu
der kulturellen, zu der Umweltfrage, wieder an Bedeutung. Und das
heisst, man setzt sich einfach wieder mit diesen Themen auseinander
und man möchte dort einfach wieder dringlichere Lösungen haben, als
es vielleicht früher der Fall war. Die Umweltfrage muss die Bühne
jetzt ein bisschen mehr teilen, als vielleicht noch vor vier, fünf
Jahren. 00:12:43 Urs Ich finde genau diesen Punkt sehr
spannend. Was in der Schweiz relativ wenig diskutiert ist, ist die
Interdependenz, der Zusammenhang zwischen den Themen. Die Themen
sind nie losgelöst. Jedes Thema ist zusammen mit einer ganzen
Themenwelt relevant. Und darum kann es eben sehr gut sein, dass
gleichzeitig fünf verschiedene Themen sehr hohe Wichtigkeit haben
und sehr hohe Problemsicht. Und gleichzeitig halt nicht jedes davon
Abstimmungen oder sogar Wahlen gewinnen kann. Beim Ökologie-Thema,
beim Klima-Thema sehen wir es im Moment sehr gut. Es wird im Moment
sehr stark, gerade auch von linker Seite, übertüncht oder
überstrahlt von einer Diskussion rund um Kaufkraft, über eine
Diskussion rund um Reich versus Arm, die berühmte Schere zwischen
dem Einkommen und den Vermögen, wie sie stattfindet. Und von
rechter Seite halt auch sehr stark das Thema Migration, Öffnung
versus quasi Eigenorientierung und das sind alles Themen, die immer
im Wettbewerb miteinander gekämpft haben, aber im Moment sind
gerade die Themen Kaufkraft und Migration einfach wesentlich
stärker. Sie dominieren im Moment und man kann fast jede Abstimmung
irgendwo mit diesen beiden Aufhängern mindestens miterklären.
00:13:57 Lukas Eine Provokation, die ich auch gemacht habe,
ist, dass die Stimmberechtigten oder der Stimmkörper egoistischer
wird. Du bist da ein bisschen anderer Meinung.
00:14:06 Urs Ja, Egoismus ist sehr ein grosses Wort. Egoismus gibt
es seit Jahrhunderten oder seit Jahrtausenden. Früher war
irgendeiner Kaiser und hatte alles und die anderen nichts. Das ist
maximaler Egoismus von einer Person versus alle anderen.
Kleinräumiger gab es das immer. Ich glaube, verändert hat sich
einfach die Grösse der einzelnen Gruppe. Früher war ich in meinem
Dorf, vor 100 Jahren, zusammen mit den anderen im gleichen Milieu,
sehr homogen, wir waren alle Männer, wir hatten alles zu sagen
politisch und dann wurde mein Entschied, auch wenn er sehr
egoistisch war, geteilt vom ganzen Dorf. Das hat sehr nicht
egoistisch ausgesehen und heute werden die Gruppen immer
kleinzelliger und es gibt immer kleinere Gruppen mit einem sehr
spezifischen Interesse, bis eben vielleicht hin zur einzelnen
Person. Aber schlussendlich machen sie noch genau das gleiche wie
früher, sie vertreten ihre eigene Meinung, aber sie haben damit
vielleicht sehr viel stärkere Konkurrenz mit ganz vielen anderen
Meinungen und damit wird sehr viel sichtbarer.
00:15:07 Cloé Ja, und vielleicht im Zusammenhang mit dem, was du
vorher gesagt hast, die affektive Polarisierung. Man mag es sich
einfach auch weniger gönnen. Also wenn dann die anderen mal
gewonnen haben, die eben vielleicht nicht mehr die gleichen sind
wie vorher und man selber ist in der Minderheit, dann stresst einem
das. Dann findet man, jetzt haben sie schon wieder die und man mag
sich nichts gönnen und man mag nicht miteinander reden und man hat
ganz andere Prioritäten und die Differenzen treten damit halt schon
viel stärker in den Vordergrund. 00:15:33 Urs Das ist
eine ganz wichtige Unterscheidung. Es gibt eine bekannte Studie der
Uni Madrid, die genau das untersucht. Und zum Schluss kommt, es
gibt zwei Arten von Polarisierung. Die eine ist rein inhaltlich, es
ist einfach der Wettkampf der Meinungen, wo sich Ideologien
aneinander reiben und damit vielleicht tatsächlich etwas Besseres
entsteht. Die Studie kommt zum Schluss, dass etwas Besseres
entsteht, dass politische Systeme stabiler sind, wo eben der
Meinungswettkampf tatsächlich stattfindet. Das kann aber übersetzt,
das sagst du sehr präzise, zur affektiven Polarisierung führen,
also dass man nicht nur nicht mehr miteinander spricht, sondern
wirklich gespalten ist in der Gesellschaft, dass man nicht mehr
bereit ist, miteinander im Privaten zu sprechen, nicht mehr bereit
ist, miteinander zu leben, dann ist das nicht eine Polarisierung,
die nützt, das ist eine Polarisierung, die spaltet, die vermutlich
auch im Egoismus der jeweiligen Gruppe Vortritt gibt. Und in
Gesellschaften, wo das stark ist, du hast USA angesprochen, ist
halt tatsächlich auch der Output von Politik wesentlich schlechter
und weniger nachhaltig als in Ländern wie der Schweiz, wo man es
sich gar nicht leisten kann, wenn man immer in Minderheit ist, bis
in das Parlament. 00:16:39 Lukas Jenny, wir sind ohne
meine Moderation zu diesem schon polarisierenden Thema im
Vorgespräch gekommen, zur Polarisierung. Wie steht eigentlich die
Bevölkerung selbst zu diesem Thema? Sie wählt zum Teil oft ein
wenig polarisiert. Manchmal hat man das Gefühl, sie stimmt mir
einmal mit dieser und einmal mit dieser Seite. Hauptsache ein wenig
Pfeffer drin. Ist die Polarisierung sozusagen gewollt?
00:17:03 Jenny Ich finde es noch schwierig, allgemeingültig zu
sagen. Gleichzeitig, wenn man auch an die Abstimmungen denkt vom
letzten Jahr, die wir uns angeschaut haben, oder gerade die letzte
im November im Kanton Zürich, da gab es vielleicht ein gutes
Beispiel dazu, zum Stadt-Land-Graben. Da habe ich schon sehr das
Gefühl, es gab einzelne oder mehrere Abstimmungen in den Jahren
vorher, die im Sinne mehr von der städtischen Bevölkerung
ausgegangen sind. Und jetzt gerade im November hat man gesehen,
schlägt man wieder zurück. Also das ist schon eine Tendenz, die man
vielleicht vermehrt sieht, jetzt aber vielleicht eben bei anderen
Themen, anderen Abstimmungsvorlagen viel weniger.
00:17:42 Lukas Ja, ein Thema, das ich auch beobachte und das Gefühl
habe, der Konflikt wächst, aber es ist nicht immer einheitlich, es
gibt wechselnde Mehrheiten. Das ist ja das Argument, wieso die
direkte Demokratie auch moderieren kann und nicht einfach eine
harte Polarisierung fördert. Das ist das Thema Wohnen. Dort hat in
diesem Jahr eigentlich die Vermieterseitn einen grossen Sieg aus
ihrer Sicht gemacht, bei der Eigenmietwertabschaffung. Letztes Jahr
haben wir aber Mietrechtsrevisionen, die Gegenseite, die
Mieterschaft hat dort einen klaren Sieg errungen. Auch hier: Ist
das ein Konflikt, der wächst? Sind Widersprüchlichkeiten auch dort,
je nach Thema, unterschiedlich? 00:18:22 Cloé Also ich
glaube, man muss schon unterscheiden zwischen medialer Realität und
gesellschaftlicher Realität. Die mediale Realität ist einfach die,
dass nichts besser funktioniert als ein schöner Graben, sei das der
Röstigraben, der Geschlechtergraben, der Stadt-Land-Graben sehr
fest. Und das ist etwas, worüber wir viel diskutieren. Wenn man
nachher schaut, in unseren Studien oder eben manchmal auch an einem
Abstimmungssonntag, ist das schon da, dass es das gibt. Und ich
glaube, das Wohnthema spaltet stark entlang vom Stadt-Land-Graben.
Wenn man jetzt aber den letzten Abstimmungssonntag anschaut,
Vorkaufsrecht in Zürich oder andere, Eigenmietwert, ist es so, dass
das Thema zwar sehr wichtig ist im Moment, die Kostenfrage, gerade
im Zusammenhang mit Wohnen, ist im Sorgenparameter in den Top 10.
Das ist etwas, was die Leute wirklich stresst. Nicht nur, weil es
immer teurer wird, sondern weil es gerade in den Städten weniger
Wohnraum gibt. Auf dem Land und in den Agglomerationen ist es
vielleicht so, dass man sich eben nicht mehr den Traum eines
Eigenheims leisten kann. Aber ich glaube, man muss dann schon genau
hinschauen, wie fest ist das Thema wirklich eines, das extrem
kocht. Im Moment habe ich das Gefühl, medial findet das sehr stark
statt, vielleicht auch, weil viele Themen auch aus den städtischen
Zentren journalistisch vielleicht auch gesetzt werden. Aber es ist
etwas, was prägt und es ist etwas, was die Kostenfrage vor allem so
extrem alltagsnahe macht. Und ich glaube, darum ist das schon
etwas, was uns auch noch länger beschäftigen wird.
00:19:49 Jenny Etwas, wo mich eure Sicht noch interessieren würde,
gerade bei diesem Wohnthema im September, haben wir ja über die
Abschaffung des Eigenmietwerts abgestimmt. Und ich war eigentlich
immer der Meinung, in der Schweiz sind wir in der Regel ein Volk
von Mieterinnen und Mietern. Trotzdem ist das am Schluss relativ
klar angenommen worden. Wie ordnet ihr das ein?
00:20:07 Urs Das ist eben die Frage, von welchem Volk man spricht.
Redet man von Bevölkerung, dann sind wir das tatsächlich. Auch
nicht wahnsinnig stark, aber wir sind es. Oder redet man von
Stimmvolk, von der Person, die schlussendlich im Urnengang
teilnimmt. Und die sind nicht repräsentativ für uns alle in der
Schweiz, sondern schlussendlich für sich selber. Und das ist eine
Gruppe, die wesentlich älter ist als die normale Bevölkerung. Der
durchschnittliche Urnengänger ist etwa 60 Jahre alt oder drüber zur
Hälfte. Und genau diese Personengruppe ist eben nicht Mieter oder
vielleicht deutlich weniger Mieter, sondern ist Wohneigentümer und
hat entsprechend ein anderes Interesse, das sichtbar zur
Abschaffung des Eigenmietwerts führen kann. 00:20:50
Lukas Gehen wir in die grossen Trends, die auch noch auf uns
zukommen können. Und wir haben es eben so gespürt, das
Polarisierungsthema schwebt ein bisschen über allem und mein
Eindruck ist, Polarisierung ist zunehmend ein Problem, auch in der
Schweiz, vor allem zwischen jungen Männern und jungen Frauen.
00:21:09 Cloé Ich glaube, das wird ein riesiges Thema. Das
ist ein bisschen der Elefant im Raum bei fast jeder Studie, die wir
machen, wenn es um gesellschaftliche Prioritäten und Bedürfnisse
geht. Im Sorgenbarometer sehen wir zum Teil krasse Unterschiede in
den Prioritäten und in der Lesweise der aktuellen Situation
zwischen jungen Frauen und jungen Männern. Und das kann sein, das
weiss man natürlich nicht so recht, wie sich das entwickeln wird.
In 20 Jahren findet vielleicht eine Angleichung statt, man hat
wieder andere Lebensumstände, wo man vielleicht eine Familie
gegründet hat und dann wieder eine gemeinsame Sichtweise auf die
Welt entwickelt. Aber wenn es so weitergeht und sich die Differenz,
die wir jetzt sehen, auch quasi in die Zukunft hinzieht, dann habe
ich das Gefühl, gibt es noch viel mehr Abstimmungen, wo Männer und
Frauen auf unterschiedlichen Seiten stehen. Es gibt viel mehr
Themen, wo irgendwie die eine oder andere Seite sich aussen
vorgelassen fühlt und wo es dann eben sehr viel stärker in Richtung
von einer affektiven Polarisierung geht, wie Urs gesagt hat. Bis
hin zu «Warum sollte man überhaupt noch mit anderen reden?» «Wieso
sollte ich überhaupt noch einen Mann suchen und eine Familie
gründen? Bringt's doch überhaupt nicht.» Und da sehe ich
schon ein rechtes Potenzial für gesellschaftliche Spannungen.
00:22:16 Urs Es gibt grosse Studien aus den USA, die genau
das aufzeigen, dass gerade diese affektive Polarisierung, also
wirklich der Wille zur Spaltung und nicht mehr auseinanderzusetzen,
eine Geschlechterfrage ist. Es ist ein bisschen stärker im
städtischen Umfeld tatsächlich bei Frauen, die das stärker zum
Ausdruck bringen, wo dass Grenzen sind, wo sie nicht bereit sind,
sich auf andere Meinungen einzulassen. Männer sind auch gerade in
den USA dort etwas entspannter, in den politischen Meinungen
extrem, aber in Bezug auf die Bereitschaft, mit anderen zu reden,
entspannter. Man sieht es sogar in der Schweiz, in dieser Studie,
die du angesprochen hast, "Wie geht's Schweiz?" gibt's eine
Mehrheit, auch bei Frauen, die sagen, sie seien nicht mehr bereit
oder nicht bereit, mit anderen Personen, mit anderen Meinungen zu
reden oder auszutauschen. Aber die Unterschiede sind gigantisch. In
der Schweiz sind wir nicht die heile Welt, aber wir haben genau das
Element, die Spaltung, so weit treibt, dass man nicht mehr bereit
ist, mit dem Gegenpart zu reden, ist in der Schweiz wesentlich
weniger. 00:23:14 Cloé Es geht ja nicht nur ums Reden
dort, sondern es geht um die eigenen Grenzen und dort finde ich es
auch wichtig, dass man irgendwie auch sagt, die Realitäten muss man
vielleicht auch gerade als Frau mehr reindrücken, weil das ist
vielleicht eine Stimme, die auch ein bisschen zu wenig gehört
worden ist, wäre jetzt meine Meinung, aber vielleicht bin ich da
schon tief in der affektiven Polarisierung. 00:23:33
Lukas Gehen wir zum zweiten Thema, das ich als Roundup für dieses
Jahr und als Ausblick für das nächste möchte. Die Schweiz ist
ausserpolitischer, als sie eigentlich sein möchte.
00:23:44 Cloé Ich glaube, man kommt gar nicht drum herum. Im Moment
ist man wie ein Ping-Pong-Ball, der zwischen den Schlägen hin- und
hergeworfen wird. Und irgendwo musst du am Schluss landen, auf der
einen oder anderen Seite des Netzes. Die Frage ist eben, wem
unterwirft man sich jetzt? Der USA oder Europa? Oder gibt es
überhaupt noch eine neue geopolitische Situation? Ich glaube, man
kommt nicht drum herum. Neutralität ist ein gutes Label, aber
schwierig zu umsetzen. 00:24:12 Urs Ich glaube, wir
kommen nicht drum herum, aber ich würde es noch ergänzen mit, wir
haben historisch gewachsen, die schlechtesten möglichen Werkzeuge
auch politisch, um das zu machen. Bis in weit in dir 70er Jahre war
Aussenpolitik einfach Wirtschaftspolitik. Wir haben höchstens über
Zoll geredet, ein bisschen über Wirtschaftsdiplomatie, oft auch von
Wirtschaftsvertretern gemacht. Und wir haben erst so in den 80er-,
90er-, Nuller-Jahren begonnen eine Aussenpolitik zu leben, die mehr
ist als reine Wirtschaftspolitik. Und unterdessen, da gebe ich dir
absolut recht, sind alle Probleme bei weitem nicht nur
wirtschaftliche Probleme, auch die internationalen
Herausforderungen nicht. Und wir haben zum Glück wenige Jahrzehnte
Zeit gehabt, das zu entwickeln, aber wir haben keine Tradition
dafür. Und sobald die Politik mehr macht, als Wirtschaftspolitik
gibt es sofort rechtskonservativ harten Widerstand gegen das, was
vermutlich auch mit dieser Geschichte, wie sie sich in der Schweiz
entwickelt hat, Kantone, die nicht wollten, dass der Bund im
Ausland so tut, als wäre er der Chef, nicht ein Gefühl, eine Kultur
entwickelt hat, um genau diese Herausforderungen anzugehen.
00:25:20 Cloé Darum schicken wir auch jetzt
Wirtschaftsunternehmer mit Goldbarren und goldenen Uhren.
00:25:25 Urs Das schliesst sich tatsächlich in der Kreis
tatsächlich in die 50er-Jahre zurück. Das ist so, ja.
00:25:29 Jenny Ich finde, du hast vorher noch einen spannenden
Punkt aufgebracht. Neutralität ist einer der Kernfaktoren, wenn man
die Leute fragt, was die Schweiz ausmacht. Das ist auch weiterhin,
gemäss der ETH-Sicherheitsstudie, gar keine Diskussion, dass man
das in Zukunft anders sieht. Ein Punkt, den ich aber sehr spannend
fand mit dieser Studie, ist, dass man mittlerweile grössere
Mehrheiten von Leuten hat, die offen wären für eine sogenannte
differenzielle Neutralität. Also es geht darum, eben insgesamt sind
wir als Land immer noch neutral, aber dass vielleicht eben aufgrund
von diesen machtpolitischen Veränderungen international kommt man
gar nicht drum herum, um jetzt bei nicht militärischen Konflikten,
aber sonstigen politischen Konflikten international vielleicht doch
mehr Stellung zu beziehen, als wir es bis jetzt gemacht haben, oder
in der Schweizer Tradition zumindest. 00:26:13 Lukas
Neutralität ist in sich fast ein Widerspruch in der heutigen
vernetzten Welt. Da sind wir schon wieder mitten in den politischen
Themen, die als Initiative auf uns zukommen. Letzte These, Kosten
werden oder sind ein Megatreiber, sei es im Gesundheit, im Klima,
beim Wohnen. Das prägt auch das Bild der Schweizer
Innenpolitik. 00:26:33 Cloé Ja, es gibt gewisse Leute,
die sagen, wir erleben gerade ein Revival des Klassenkampfs. Das
ist natürlich jetzt sehr in einer alten Rhetorik verankert, aber
ich glaube, im Grundsatz ist das schon so. Die ökonomische Achse
wird wichtiger. Ich glaube, die Frage, welche Wirtschaftsformen wir
haben wollen und was ist... sinnvoll für die Gesellschaft als
Ganzes ist etwas, das umtreibt. Wir haben jetzt gerade über die
Erbschaftsteuer abgestimmt. Es ist zwar ziemlich klar bachab
geschickt worden, aber kaum einen Tag später sind schon die
nächsten Ideen diesbezüglich auf dem Tapet. Ich glaube, die Frage,
wie wir die Wirtschaft gestalten wollen und wer hat was abzuliefern
und wo wird umverteilt, das bleibt definitiv ein Thema.
00:27:15 Urs Ich habe den Eindruck, das ist das grosse Thema
'26, ergänzt mit dem, was du sehr schön gesagt hast, mit dieser
Diskussion über, was sind wir in der Welt, was für Kooperationen
können und wollen wir eingehen, unsere internationale Rolle, die
wir neu definieren müssen und in genau diesen Gemengelage wird die
Diskussion von den nächsten zwei oder drei Jahren hart
bestimmen. 00:27:37 Lukas Ja, dann sind wir gespannt,
wie diese Prozesse weitergehen, Cloé Jans, Urs Bieri, danke
vielmals für euren Besuch, wir erwarten ein spannendes 2026. Hat
dir die Diskussion, neben allen Widersprüchen, die wir versucht
haben zu erkennen, hat es dir auch ein bisschen Hoffnung
gegeben? 00:27:54 Jenny Ja, wir müssen uns nichts
vormachen. Ich glaube, es sind viele Herausforderungen, die jetzt
kommen werden. Sei es international, sei es innenpolitisch, gerade
die ganze Kostenfrage. Ich denke, wenn man etwas Hoffnung gibt, ist
es tatsächlich in dieser langjährigen Tradition der Konkordanz in
der Schweiz. Also, dass man halt im Gegensatz zu gerade einer USA
zum Beispiel... noch immer versuchen, mit allen verschiedenen
Akteuren zu reden und dass das hoffentlich auch in Zukunft ein Weg
bleiben wird, dass wir als Gesellschaft nicht zu polarisiert werden
und auch noch mehrheitsfähige Lösungen finden.
00:28:28 Lukas Ja, bei mir bleibt die Hoffnung wegen der direkten
Demokratie, das hängt auch ein bisschen zusammen mit der
Konkordanz, dass wir eigentlich immer wieder eine Rückkopplung
zwischen Volk und Elite haben und dadurch, wenigstens im
internationalen Vergleich, das Vertrauen auch gerade im Bundesrat
noch einigermassen intakt ist. 00:28:43 Jenny Das ist
so. Und wer es genauer wissen möchte, alle Details zu den genannten
Studien findet ihr hier unten in der Beschreibung.
Mehr
10.12.2025
39 Minuten
Bürokratie frisst Zeit, die eigentlich den Patient:innen gehören
sollte. Gleichzeitig sollen DigiSanté, neue Tarife und die
Ambulantisierung das System effizienter machen – in einem Umfeld,
in dem der Ärztemangel immer spürbarer wird. FMH-Präsidentin
Yvonne Gilli spricht Klartext über Mikroregulierung, digitale
Versprechen, Fehlanreize und die Frage, was es braucht, damit
Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf auch in Zukunft sinnvoll ausüben
können.
In der Folge erwähnte Studien:
Begleituntersuchung FMH
Transkript zur Episode
00:00:13 Lukas Herzlich willkommen zu gfs.echo, dem Podcast von
gfs.bern, der die wichtigen Themen des Sorgenbarometers aufnimmt.
In dieser Staffel geht es um das Gesundheitswesen. Und heute ein
Thema, das ganz tief ins Gesundheitswesen geht, nämlich
Bürokratisierung. Jenny, Bürokratisierung ist sicherlich für die
Ärzteschaft ein ganz grosses Thema. Du hast ein wenig
reingeschaut in die letzte FMH-Begleitforschung. Was ist dort
herausgekommen?
00:00:36 Jenny Ja, es ist auf jeden Fall ein Thema. Zum Beispiel
geben in der praxisambulanten Ärzteschaft die Leute im Schnitt
an, dass sie fast eine Stunde pro Tag damit verbringen, Vorgaben
von Behörden und Versicherungen einzuhalten. Das ist doch ein
relativ beträchtlicher Anteil des Arbeitsalltags. Das sind so
Geschichten ... wie Anfragen bei der Rechnungsstellung oder auch
Berichte für Erwerbsausfallversicherungen. Gleichzeitig ist es
natürlich so: Die Versicherungen unterliegen selber auch
verschiedenen behördlichen Vorgaben. Darum ist es nicht nur ein
Problem von einzelnen Prozessen, sondern wirklich insgesamt ein
Problem des Systems mit dieser Bürokratisierung.
00:01:17 Lukas Ja, schauen wir einfach in das System hinein. Und
da haben wir die bestmögliche Gästin, auch die oberste Ärztin der
Schweiz, die aber eben selber auch im ambulanten Bereich lange
als Ärztin tätig war. Herzlich willkommen, Yvonne Gilli. Wir
haben in diesem Bereich der Bürokratisierung recht viel Kritik im
Umfeld der FMH. Sie sprechen von fortschreitender
Mikroregulierung und dysfunktionaler Bürokratie. Was sind die
Probleme mit dieser Bürokratisierung für die Ärzteschaft?
00:01:49 Yvonne Ja, die sind natürlich ganz vielschichtig. Also
das eine ist der Arbeitsaufwand. Also: Was gibt es für
Schreibarbeiten oder für Abfragearbeiten zu machen, die man nicht
als sinnvoll anschaut im Hinblick auf die Kerntätigkeit? Also das
heisst Behandlung, Diagnosestellung, Begegnung mit dem Patienten
und der Patientin. Und das hat natürlich zugenommen in den
letzten 20 Jahren, bis hin dazu, dass eben ein zu grosser Teil
der Arbeitszeit dann auch ineffizient verbracht wird, weil wir ja
auch zu wenige Ärzte und Ärztinnen haben. Und dazu gehören zum
Beispiel Versicherungsanfragen. Und Ärzte und Ärztinnen reagieren
in der Regel auch ganz negativ, wenn das Wort fällt. Es ist aber
so, wie es auch schon gesagt wurde: Auch Versicherungen werden
kontrolliert, und das heisst, vieles, was in der Gesetzgebung
eben an Rahmenbedingungen festgehalten ist und nachher im Detail
in der Verordnung geregelt wird, das schlägt dann eben über die
Versicherer letztendlich an das Endglied der Kette zurück, und
das ist dann der Arzt oder die Ärztin, die dann diese Arbeiten
erledigen muss und oft gar nicht merkt, dass das im Hintergrund
einen ganz anderen Anfang hatte und die Versicherung auch nur ein
Zwischenglied ist dazwischen. Also ein Beispiel sind begrenzte
Zulassungen von Medikamenten. Also ich nehme jetzt ein Beispiel
von einem Betäubungsmittel, weil mir das jetzt einfach gerade
spontan einfällt: Leute, die an einem Hyperaktivitätssyndrom
erkranken – und das wächst sich ja nicht einfach aus –, die haben
als Kinder eine Diagnose und brauchen dann als Erwachsene oft
Medikamente wie Ritalin, das bekannteste, eben situativ immer
noch. Und dann kommt eine Kostengutsprache, eine Anfrage von der
Krankenkasse: Können Sie uns dokumentieren, dass diese Diagnose
schon in der Kindheit gestellt wurde? Und wenn es dann auch noch
nicht gerade Ritalin ist, sondern ein neueres Medikament, also
eine jüngere Generation von ähnlich wirksamen Medikamenten, dann
muss man auch noch begründen, warum man nicht ein Medikament der
ersten Generation gibt, sondern ein Medikament der zweiten
Generation. Und das sind Aufwände, die eigentlich die ärztliche
Expertise übersteuern, und die schauen wir nicht als sinnvoll an.
Das ist jetzt ein einziges Beispiel dazu, aber ich würde gerne
ein bisschen anschaulich bleiben.
00:04:32 Lukas Ja, nein, tiptop. Wenn ich dich richtig verstehe,
ist die Ärzteschaft sehr schnell kritisch, wenn es Nachfragen der
Krankenkassen gibt. Also Kostengutsprache als Beispiel, auch wenn
man zum Beispiel Rehabilitation möchte oder so. Das ist offenbar
schon etwas, wo man sehr rasch das Gefühl hat, die Krankenkassen
wollen einfach bürokratisieren. Aber wenn ich dich richtig
verstehe, ist im Prinzip dahinter die Mikroregulierung, die du
eben so anprangerst.
00:04:56 Yvonne Genau, es ist Mikroregulierung. Also
Krankenkassen werden dann eben auch geprüft, die kommen wirklich
an die Kassenstellen und schauen, ob sie bei der Verschreibung
dieser Medikamente wirklich eine Kostengutsprache eingeholt haben
oder ob sie die nicht eingeholt haben. Also es ist wirklich nur
das Endglied der Kette. Ärzte und Ärztinnen sind skeptisch
gegenüber Versicherern, natürlich noch aus einem anderen Grund.
Und das hat manchmal mit dem Arztgeheimnis oder mit der
Schweigepflicht gegenüber einem Patienten oder einer Patientin zu
tun. Man will versicherungsrechtlich und darf auch
versicherungsrechtlich nur genau die Auskünfte an einen
Versicherer weitergeben, die er wirklich auch braucht, um seine
Arbeit zu erledigen und wozu er auch berechtigt ist. Und sonst
wird der Arzt oder die Ärztin strafrechtlich belangt. Und das
heisst, es gibt eine Hemmung im Kontakt zwischen den Versicherern
und den Ärzten und Ärztinnen.
00:05:52 Jenny Ein Punkt, der mir in der Begleitforschungsstudie
sehr fest aufgefallen ist, ist die Dokumentationsarbeit, die man
zu Abrechnungszwecken macht. Über die Jahre hinweg gibt die
Ärzteschaft in grosser Mehrheit an, dass bei ihr seit einigen
Jahren der Eindruck entsteht, dass der Aufwand immer mehr wird.
Also eigentlich schon seit einiger Zeit entsteht immer stärker
der Eindruck, es wird mehr und mehr. Jetzt aus Sicht der FMH: Was
müsste am dringendsten passieren, um so einen langjährigen Trend
endlich mal umzukehren?
00:06:21 Yvonne Was wir natürlich versuchen, ist, wirklich am
Anfang zu schauen. Der Gesetzgeber hat in den letzten zehn Jahren
eine riesige Dynamik entwickelt, etwa 44 KVG-,
Krankenversicherungsgesetz-Revisionen. Auf jede folgt dann auch
eine Verordnung, und jede wirkt sich wieder ganz direkt auf die
Arbeitstätigkeit aus. Das heisst, man muss wirklich zurückgehen,
auch bei den Rahmenbedingungen für die Gesellschaft gegenüber den
Ärzten und Ärztinnen, und wirklich nur die Rahmenbedingungen
festlegen und nicht ins letzte Detail gehen. Es gibt jetzt gerade
wieder ein Gesetz in der Revision, das ist das Epidemiengesetz
als Learning von Covid. Dort hat man sich zum Beispiel überlegt,
ob man Ärzte oder Ärztinnen verpflichten soll, dass sie
rechtfertigen müssen, wenn sie ein Antibiotikum verschreiben,
oder dass sie eine spezifische Fortbildung machen müssen, damit
sie überhaupt noch in Zukunft ein Antibiotikum verschreiben
dürfen. Wir haben in der Schweiz in der Kultur ein
Vertrauensprinzip. Das heisst, wir schauen, dass die Leute gut
ausgebildet sind und dann fähig sind, ihre Arbeit auch
qualifiziert zu machen. Und dem widerspricht natürlich eine
Mikroregulierung, die einem Arzt oder einer Ärztin nicht mehr
zutraut, ein einzelnes Medikament, das man dann auch im täglichen
Gebrauch hat, auch selbstständig zu verschreiben.
00:07:46 Lukas Wenn wir über Effizienz reden, die ja quasi auch
eine Antwort auf Bürokratisierung ist, dann hat man manchmal – in
den letzten, sagen wir, schweren Diskussionen über das EPD und
darüber, dass es nicht vom Fleck kommt – den Eindruck gewonnen,
dass die Ärzteschaft nicht nur beschleunigt, sondern manchmal
auch ein bisschen bremst. In der Strategie ist das ganz anders.
Die setzt eigentlich auf Digitalisierung. Ist da ein neuer Wind
bei der Ärzteschaft, oder ist es jetzt besonders wichtig, dass
wir in diese Richtung gehen?
00:08:15 Yvonne Wir sind einfach in einer digitalen Gesellschaft,
und das hat Vorteile und Nachteile. Wir unterscheiden natürlich:
Für uns ist Digitalisierung ein Instrument. Wie wenn ich ein
Stethoskop oder einen Blutdruckapparat brauche oder ein
EKG-Gerät, brauche ich Digitalisierung, damit sie mir bei der
Arbeit hilft. Und es ist eigentlich mittlerweile unbestritten
über fast alle Fachrichtungen, dass man die Krankengeschichte von
Patientinnen und Patienten elektronisch führt. Das hat natürlich
auch Vorteile, weil, wenn man andere Dienste wie Abfragen von
Versicherern oder auch Abfragen von Behörden, zum Beispiel von
meldepflichtigen Erkrankungen, gut in die Kommunikation mit der
elektronischen Krankengeschichte integriert hat, dann muss man
nicht ein separates Formular ausfüllen, sondern dann wird das
Formular eigentlich schon vorausgefüllt über die Angaben, die man
schon drin hat. Das wäre eben die effiziente Digitalisierung. Die
ineffiziente ist, wenn die Systeme eben nicht miteinander
kommunizieren können, weil das Spital es anders braucht als mein
Spezialarzt, mit dem ich zusammenarbeite, und dessen System sich
wieder von meinem unterscheidet. Und wir können nicht direkt
elektronisch kommunizieren, sondern es geht manchmal so weit,
dass man wirklich etwas ausdrucken muss und wieder neu einscannen
und dann per E-Mail-Anhang zum Beispiel abschicken – dann auch
verschlüsselt abschicken, je nachdem. Und dann wird man natürlich
verlangsamt, dann ist man plötzlich viel langsamer, als wenn man
noch ein Blatt Papier vor sich hat und einfach von Hand schreibt.
Und mit dem waren wir eher konfrontiert in der Vergangenheit als
mit dem Gewinn der Digitalisierung.
00:09:59 Jenny Vielleicht eben einfach, um das positive Beispiel,
das du vorher schon erwähnt hattest, wieder einzubringen mit der
elektronischen Krankengeschichte. Also da hat der Bund auch
Zahlen dazu. Und man hat schon gesehen, bei der letzten Erhebung
2022 führen 58% der Arztpraxen oder ambulanten Zentren schon
vollständig die Krankenakte elektronisch. Vor zehn Jahren waren
es erst 35%. Das ist sicher ein positives Beispiel, wo man sieht,
es geht etwas in die richtige Richtung. Was sind aus deiner Sicht
die Punkte, die man bei der Digitalisierung als Nächstes angehen
sollte, um einerseits den Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte
zu erleichtern, aber im Endeffekt natürlich auch die Versorgung
der Patienten?
00:10:42 Yvonne Also für uns ist es ganz wichtig, dass wir mehr
strukturierte Informationen haben, also zum Beispiel einen
Blutdruckwert, bei dem man wirklich genau weiss: Das ist jetzt
der Blutdruckwert vom rechten Oberarm und der ist so und so viel,
sodass man dann wirklich, wenn man einen Patienten oder eine
Patientin überweist, diese Werte direkt in das Dokument
importieren kann, das man dann braucht. Für das braucht es aber
eine kodierte Sprache, damit nachher alle auch das Gleiche
verstehen. Es braucht zum Beispiel eine geeignete
Diagnosekodierung. Und es braucht dahinter natürlich das Gleiche
auf der technischen Seite. Es braucht einen einheitlichen
Standard auf der technischen Seite. Und wir haben beides noch
nicht in der Schweiz. Wir haben noch keine nationalen Standards
für die Inhalte und wir haben noch keine nationalen Standards bei
der Technologie. Und da sind wir wirklich um Jahre hintendrein
gegenüber gewissen anderen Ländern, den nordischen Ländern zum
Beispiel oder den USA.
00:11:51 Lukas Dort ist DigiSanté der Versuch, aufzuholen. Man
spürt eine Aufbruchstimmung, man spürt den politischen Rückenwind
in Richtung Digitalisierung. Das grosse Plädoyer, das jetzt so
rund um das Projekt DigiSanté herrscht, ist, dass die Akteure
dort voll auch mitziehen. Ist der neue Spirit da? Kann die
Ärzteschaft sagen, diese Digitalisierung unterstützen wir, jetzt
wollen wir voll auch mitgehen und mithelfen, eben so Standards
zum Beispiel zu schaffen und zu nutzen?
00:12:21 Yvonne Man muss wirklich unterscheiden, was die
Ärztinnen und Ärzte wollen und was uns die IT-Provider
bereitstellen. Ob diese Hürde schon genommen ist, wissen wir zum
jetzigen Zeitpunkt nicht. Für uns ist es wichtig, dass die
Digitalisierung einen Nutzen bringt und die Effizienz
unterstützt. Das heisst, wir wünschen uns das. Aber wir sind auch
gleichzeitig abhängig von dieser Software, die uns zur Verfügung
steht und uns notabene für teures Geld verkauft wird. Wir zahlen
auch noch Lizenzgebühren und Schnittstellengebühren, damit wir
miteinander kommunizieren können. Auf diesem Faktor sind die
Ärzte schon sensibel, weil sie viele IT-Systeme in der älteren
Generation noch selbst entwickelt haben, also sehr viel Geld in
die IT-Entwicklung investiert haben. Danach haben sich die KMUs
gebildet, die in der Schweiz die Software angeboten haben. Sie
sind aber auch nicht wirklich zukunftsfähig und in einem
internationalen Kontext nicht wirklich entwicklungsfähig. Diese
Systeme haben die Ärzte dann wieder teuer bezahlt. Und wenn sie
plötzlich den IT-Provider einfach wechseln müssen, weil es eine
Strukturbereinigung gibt, die wir uns im Grunde genommen
wünschen, dann zahlen sie für diesen Wechsel auch nochmals. Die
öffentliche Hand hat in der Schweiz bis jetzt nie Mittel für
diese Investitionen eingesetzt, und das ist ein grosser
Unterschied zu allen anderen Ländern, wo die IT weiter
fortgeschritten ist, weil dort wirklich die öffentliche Hand
nicht nur die Standards gesetzt hat, die wir uns wünschen,
sondern wirklich auch finanzielle Incentives geschaffen hat,
damit man nachher auch die Instrumente genutzt hat. Und ich
glaube, das braucht es in der Schweiz auch noch.
00:14:09 Lukas Wenn man jetzt ein bisschen visionär sein möchte,
wäre das fast das Plädoyer, zu sagen, jetzt ist der Moment, mit
dieser Lösung, die da vorbereitet wird, mitzuziehen und dann auch
bereits Bereitschaft zu entwickeln, wirklich zu wechseln oder in
ein neues System zu investieren, statt dass quasi Zug um Zug
jetzt eben die ganzen Akteure versuchen, mehr zu digitalisieren.
00:14:30 Yvonne Ja, das sehe ich genau gleich. Ich sehe natürlich
auch die Demografie der Ärzteschaft. Und wenn ich auch den
Ärztemangel anschaue, dann sind wir natürlich wirklich darauf
angewiesen, dass Ärzte und Ärztinnen nicht mit 65 Jahren aufhören
zu arbeiten, weil das die Babyboomer-Generation ist, die jetzt in
Pension geht. Und wir können diese nur abfedern mit mehr
Nachwuchs, wenn diese Ärztinnen und Ärzte noch etwas länger
arbeiten. Und viele sind auch bereit, länger zu arbeiten, aber
sie können ihre Investitionen nicht mehr amortisieren. Das
heisst, hier sind wir eigentlich auf eine gewisse Grosszügigkeit
angewiesen oder auch auf Übergangsregelungen, die dann nicht
grosse Investitionen abverlangen.
00:15:15 Lukas Dort wäre das Thema schon gesetzt:
Fachkräftemangel. Ich glaube, wir können nicht über die
Ärzteschaft reden, wenn wir nicht auch über den Mangel sprechen,
der vor allem jetzt noch eher grösser wird. Grundversorgung ist
ein riesiges Thema. Man hat jetzt bei den Studienplätzen schon
gewisse Bewegungen gemerkt. Aber wenn wir jetzt mehr über die
Arbeitsbedingungen reden, wo man quasi zum Beispiel die Leute
motivieren möchte, vielleicht etwas höherprozentig zu sein,
vielleicht etwas länger im Beruf zu bleiben, vielleicht auch mehr
Verantwortung zu übernehmen, vielleicht auch bei den Frauen, von
denen man weiss, dass die Karriereschritte sehr anspruchsvoll
sind mit den Belastungen, stundenmässig, anstellungsgradmässig,
wie man sie heute hat: Wo muss man ansetzen, damit die
Arbeitsbedingungen motivierend bleiben und der
Ärzte-Fachkräftemangel auch indirekt bekämpft wird?
00:16:05 Yvonne Ich glaube, das ist nicht einmal so
branchenspezifisch, sondern hängt eher mit der gesellschaftlichen
Entwicklung und mit den Generationenbedürfnissen zusammen. Und
das sagen uns eigentlich die jungen Ärzte und Ärztinnen sehr
direkt. Die Bürokratie, die wir schon angesprochen haben, ist ein
ganz wichtiger Ausstiegsgrund, weil sie den Sinn nicht mehr sehen
in einer Arbeit, in der sie mehr dokumentieren, als sie
Patientinnen und Patienten betreuen. Also man muss sie entlasten
von den Arbeiten, die auch andere Berufe eigentlich übernehmen
können, die nicht unbedingt der Arzt oder die Ärztin machen muss,
oder ihnen die Hilfsmittel geben, die sie entlasten. Und
gleichzeitig wollen sie flexiblere Arbeitsbedingungen, und sie
schauen ihre Arbeit eher als Job und weniger als Berufung an. Das
heisst, sie wollen auch geregelte Arbeitszeiten. Das heisst
mittlerweile schon, dass man einen Arzt oder eine Ärztin, die in
Pension geht, durch ungefähr anderthalb Personen ersetzen muss.
Das zeigt nochmal, was für ein Bedarf da auf uns zukommt in
Zukunft.
00:17:17 Jenny Ja, du sprichst da verschiedene Punkte an, die
auch in den Begleitforschungsstudien sehr deutlich zum Zuge
gekommen sind. Also man sieht einerseits eben: Den Sinn in der
Arbeit sehen die allermeisten weiterhin. Also es ist eine grosse
Zufriedenheit mit den Aufgaben, die man macht als Ärztin oder
Arzt in der Schweiz. Aber tatsächlich, je nach Art der
Ärzteschaft, aber beispielsweise bei den praxisambulanten
Ärztinnen und Ärzten, denkt rund ein Fünftel schon darüber nach,
in den nächsten Jahren aufzuhören. Und da sind tatsächlich eben
auch Faktoren dabei, die viel mit den Arbeitsbedingungen zu tun
haben. Einerseits die langen Arbeitszeiten, das weiss man ja,
dass das oft so ist im ärztlichen Bereich. Aber auch Stress, der
ein grosses Thema ist, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und
Beruf. Einerseits hast du vorhin gesagt, wir bräuchten eigentlich
fast mehr Leute, die länger arbeiten, um diesen Mangel zu decken.
Gleichzeitig scheinen diese Faktoren bei den Arbeitsbedingungen
doch auch eine grosse Rolle zu spielen. Siehst du da irgendeinen
Weg, der Ärzteschaft entgegenzukommen, was die Bedingungen
anbelangt?
00:18:24 Yvonne Es gibt ja ganz unterschiedliche Arbeitsumfelder.
Ein Spital ist nochmals anders als die freie Praxis. In der
freien Praxis, wo viele Ärzte und Ärztinnen erst einmal
angestellt sind, in einer Gruppenpraxis, merken sie nach drei,
vier Jahren aber plötzlich, dass sie auch zusätzliche Freiheiten
und Gestaltungsmöglichkeiten hätten, wenn sie Teilhabende einer
Praxis sind. Das heisst, man muss ihnen eigentlich die Zeit
geben, man muss sie einführen, und dann ist das genau ein
Arbeitsmodell, das eigentlich dann wieder besser auch Beruf und
Familie vereinbaren lässt, weil man beispielsweise nicht einfach
die vorgegebenen Ferien dann hat, wenn der Arbeitgeber die einem
geben will, sondern weil man einfach mehr Freiraum hat, gerade
wenn man eine Familie hat, zum Beispiel auch die Arbeitszeit ganz
bewusst zu reduzieren während der Schulferienzeit. Das ist an
Spitälern viel weniger so, natürlich auch viel weniger möglich,
weil die ja andere Auslastungen haben. Auch dort braucht es aber
flexiblere Arbeitszeitmodelle.
00:19:29 Lukas Wir haben von den Bedürfnissen gesprochen, die
sich ändern. Wir haben über die jüngeren Generationen gesprochen,
Teamarbeit, andere Formen von Aufteilung, vielleicht auch andere
Verantwortlichkeit. Ist da ein neues Rollenverständnis, dass man
vielleicht weniger Einzelkämpferin, Einzelkämpfer ist und mehr
vernetzter Gesundheitsprofi auch mit den anderen Akteuren? Ist
das schon im Gang, oder sind wir noch erst am Anfang von diesem
Prozess?
00:19:54 Yvonne Also man ist weniger Einzelkämpfer, sodass man
wirklich ganz alleine in einer Einzelpraxis arbeiten will. Das
rechnet sich übrigens im jetzigen Modell auch wirtschaftlich
nicht. Man braucht eine Praxis, die ungefähr 200 bis 300
Stellenprozent, also zwei bis drei Vollzeitstellen, wie auch
immer die dann verteilt sind, hat, damit man überhaupt ein
angemessenes Einkommen erwirtschaften kann. Da kommen wieder die
Regulatorien dazu, die sind eben auch nicht gratis zu haben. Da
geht es zum Beispiel um Vorschriften zum Sterilisieren oder zur
Arbeitssicherheit der Angestellten. Das muss alles bezahlt sein.
Auch die IT-Infrastruktur natürlich.
00:20:38 Lukas Wie sieht es bei der stationären Versorgung aus?
Dort ist schon mein Eindruck, dass es sehr stark noch
hierarchisch ist und dass fast Fürstentümer in den einzelnen
Kliniken bestehen, wo man wenig miteinander und mit der Pflege
zum Beispiel arbeitet. Ist es dort noch weniger weit mit dem
Team?
00:20:58 Yvonne Also das Miteinander im Team, das sind sich Ärzte
und Ärztinnen ja eigentlich gewohnt vom Spital her, aber mit
einer sehr traditionellen Rollenverteilung und immer noch mit
sehr stark ausgeprägten Hierarchien. Das Miteinander in einem
interprofessionellen Bereich mit flachen Hierarchien, also eine
vielleicht echtere Teamarbeit, das sind sich Ärzte in gewissen
Bereichen gewohnt, wo man gar nicht anders funktionieren konnte.
Zum Beispiel in der Rehabilitation oder in der
Entwicklungspädiatrie, also in der Kinderheilkunde. Dort kann man
gar nicht anders betreuen als im Team. Und alle anderen Ärzte
sind sich dort schon noch sehr stark gewohnt, in ihrer eigenen
Rolle eine grosse Verantwortung zu übernehmen und höchstens noch
zu delegieren, aber wenig partizipativ auch Verantwortung abgeben
zu können. Unsere Strukturen bilden das auch nicht ab. Das ist
ein Kulturprojekt, und es fängt in der Ausbildung an, solange man
nicht gemeinsame Ausbildungsgänge hat. Die gibt es im Ansatz,
aber erst im Ansatz. An der Uni Bern hat man zum Beispiel einen
teilgemeinsamen Ausbildungsgang mit Apothekerinnen und
Apothekern. So werden natürlich beide Berufe von Anfang an ganz
anders sozialisiert. Die merken, wie sie zusammenarbeiten können.
Das wird lange brauchen und kann man auch nicht einfach
übertragen aus anderen Ländern, weil auch dort sind es
kulturspezifische Projekte. Ich habe selber noch in England
Medizin studiert, und dort hat man ja immer, früher, Respekt
gehabt vor den Nurses, weil die viel selbstständiger gearbeitet
haben gegenüber dem Arzt oder der Ärztin. Also es war dort
weniger hierarchisiert, aber gleichzeitig durften sie viel
weniger machen als eine Pflegefachfrau in der Schweiz. Und das
hat eben gezeigt, die Kulturen sind einfach unterschiedlich, und
man kann nicht einfach dann sagen, weil jetzt dort das so
funktioniert, kann man das jetzt einfach übertragen auf die
Schweiz. Aber wir lernen ja jetzt auch, gerade im internationalen
Vergleich mit den neuen Berufen, dass ärztliche Aufgaben zum Teil
übernommen werden müssen, damit wir überhaupt noch sinnvoll
betreuen können.
00:23:33 Lukas Vielleicht auch ein Weg gegen Fachkräftemangel,
eben die Hierarchiefreiheit und dass es entspannter vielleicht
auch zugeht in einem Spital, wo vielleicht auch häufig halt
Stress ist und es um Leben und Tod geht – das darf man nicht
unterschätzen –, aber ja, das habe ich ein bisschen als Plädoyer
rausgehört.
00:23:47 Yvonne Ich glaube übrigens nicht, dass das den
Fachkräftemangel löst. In Europa auch nicht in den Ländern, die
ein anderes Verständnis von der Zusammenarbeit haben, weil man
kann nicht einen Mangelberuf mit einem anderen Mangelberuf
ersetzen. Aber es hilft uns natürlich in der sinnhaften Ausübung
des Berufs. Und damit haben wir eben auch ganz viel gewonnen,
weil wir dann sehr motivierte Leute haben, die arbeiten.
00:24:17 Lukas Auch in der Pflege, ein Motiv für den Ausstieg aus
der Pflege ist halt auch vielleicht die Struktur oder der Druck,
den man empfindet, im Kontext einer starken Hierarchie, die
vielleicht nicht mehr zeitgemäss ist. Das Kulturthema wird uns
sicher weiter beschäftigen. Ein anderes aktuelles Thema ist die
Abstimmung vor einem Jahr im November 2024 über die neue Form der
Finanzierung. Das war im Kern eine Entscheidung der Bevölkerung,
aber mit der Unterstützung der Ärzteschaft Richtung mehr
ambulante Versorgung. Bringt das eine bessere Versorgung, wenn
man ambulant versorgt wird?
00:24:54 Yvonne Also man kann ganz viele Behandlungen heute
ambulant durchführen, auch komplexe Behandlungen, auch nicht ganz
gefahrlose Behandlungen, zu Hause, ambulant, in der Praxis, wo
man vorher mehrere Tage oder sogar mehrere Wochen im Spital war.
Und das ist eigentlich auch der Wunsch der Patienten und
Patientinnen. Allein die stressfreie Umgebung, also zu Hause sein
dürfen oder wieder nach Hause zu gehen, ist ein ganz wichtiger
Faktor auch für eine schnellere Heilung und weniger
Nebenwirkungen. Also in ganz vielen Fällen bringt das zusätzliche
Lebensqualität. Und es spart natürlich enorm Kosten, und es spart
eben auch Personal, weil es im Hintergrund nicht eine
Infrastruktur braucht, die 24 Stunden am Tag, über sieben Tage in
der Woche alles zur Verfügung stellt, wie im stationären Bereich
im Spital.
00:25:57 Jenny Was mir auch sehr stark aufgefallen ist in der
Begleitforschung, ist, dass die Ärzteschaft in den Spitälern
sagt, oder ein grösserer Teil sagt: Wir merken jetzt langsam,
dass die Ambulantisierung stärker kommt. Also das fängt schon an.
Gleichzeitig auffällig für mich ist, dass ein grosser Anteil, um
die 40%, aktuell nicht weiss, ob ihr spezifisches Spital eine
Strategie für diese ganze Umwandlung hat. Also es scheint noch
viel Unwissen da zu sein. Da habe ich mir die Frage gestellt, wie
kann man eigentlich am besten gewährleisten, dass auch die
Ärzteschaft, die das im Alltag umsetzen muss, auf der
strategischen Ebene besser informiert ist und das mittragen kann,
diese fortschreitende Ambulantisierung.
00:26:43 Yvonne Ja, rein von dem, was sie lehren, tragen sie es
ja schon mit. Aber ich meine, man sieht ja das jetzt wieder mit
dem Spital Oberengadin, das man krampfhaft versucht hat, offen zu
behalten. Jetzt ist die Finanzierung entzogen. Jetzt geht es
wahrscheinlich innerhalb von kurzer Zeit zu. Und damit fallen
natürlich auch wieder Weiterbildungsplätze weg. Das ist
eigentlich unser grösstes Thema von der ärztlichen Seite, dass
wir ja, wenn wir mehr Ärzte und Ärztinnen ausbilden wollen, diese
Weiterbildungsplätze brauchen – eben nicht nur an den Spitälern,
sondern neu brauchen wir sie eben auch in den ambulanten Praxen,
und zwar in den operativen, in den Operationszentren der
ambulanten Versorgung, wie auch in den Praxen ohne Operationen,
also die nicht invasiv arbeiten, die nicht operieren, also in der
Medizin oder auch in der Grundversorgung. Und bis jetzt gibt es
ausser in der Grundversorgung, wo auch noch ganz viel privat
finanziert wird, noch gar keine öffentliche Finanzierung für die
ambulanten Weiterbildungsplätze, sondern sie ist noch rein an den
Spitälern angesiedelt. Und das heisst, es braucht eigentlich mehr
Sensibilisierung in der betrieblichen Führung der Spitäler und in
der strategischen Führung der Spitäler, dass sie weiterdenken,
dass man mittlerweile auch Weiterbildungsplätze schafft, die von
Anfang an kombiniert sind, im ambulanten Setting und im
stationären Setting, und dass man sich dafür einsetzt, dass auch
die ambulanten Plätze öffentlich mitfinanziert werden.
00:28:27 Lukas Dort kommen auch sehr rasch Tarife ins Spiel, die
sind nicht direkt für die Weiterbildung und Ausbildung
entscheidend, aber die sind indirekt natürlich auch wichtig.
TARDOC ist das Thema, wo es um die ambulanten Tarife geht, die
eben auch zum Teil pauschal kommen. Dort ist die FMH offiziell
mit an Bord, sagt man. Aber gewisse Stimmen sind sehr kritisch,
sagen, das könne gar nicht gut kommen, das kommt jetzt
unmittelbar nächstes Jahr auf uns zu. Wo stehen wir da? Muss man
sich Sorgen machen, dass gewisse Versorgungsengpässe entstehen
wegen der neuen Tarifsituation?
00:29:03 Yvonne Ich glaube nicht, dass Versorgungsengpässe für
die Patienten und Patientinnen entstehen. Es gibt vielleicht
nicht so gescheite Verlagerungen, also dass etwas nicht ambulant
gemacht werden kann, sondern es muss mit einer
Kurzhospitalisation im Spital gemacht werden, weil es
beispielsweise nicht kostendeckend erbracht werden kann im
ambulanten Setting. Unsere Sorge ist, dass niemand zufrieden ist.
Der Einzelleistungstarif, das ist der TARDOC. Das ist das, wie
Ärzte und Ärztinnen heute im ambulanten Bereich abrechnen. Der
ist eigentlich gut ausgereift, aber die Daten sind sechs Jahre
alt. Also wenn Sie Infrastrukturkosten, Lohnentwicklung
anschauen, Mieten anschauen, dann ist jedem von uns klar, der
Tarif ist schon nicht mehr up to date. Den muss man sofort den
Gegebenheiten von heute anpassen. Und das werden wir nicht so
schnell schaffen. Und das ist eine recht grosse Herausforderung,
weil gerade die Grundversorgung sehr unzufrieden ist, weil sie
schon die letzten 20 Jahre benachteiligt war, als ihre
Entschädigungen nie mehr angepasst worden sind. Und bei der
Pauschale haben wir ein riesiges Problem. Es gab ja bis jetzt
keine ambulante Pauschale. Das ist etwas komplett Neues. Und man
hat sie rein betriebswirtschaftlich berechnet, mit Daten aus den
Spitalambulatorien und ohne ärztliche Expertise. Und sie
beinhalten gravierende Fehler. Die werden ja jetzt auch
illustriert in den Zeitungen. Manchmal wird auch Angst gemacht
davor. Ich habe nicht so Angst davor, aber es ist für uns von der
FMH-Seite her teilweise auch schwierig abzuschätzen, wen das
wirklich sehr gravierend auch treffen könnte, weil die ambulante
Medizin ausserhalb des Spitals hoch spezialisiert ist. Also
dieser Irrglaube von der politischen Seite her: Ja, eine
Pauschale ist eine Pauschale, mal ist sie halt beim einen
Patienten ein bisschen defizitär, dafür ist sie dann beim anderen
Patienten ein bisschen gut gerechnet, und im Durchschnitt kommt
dann das gut raus. Das stimmt im ambulanten Bereich nicht, weil
man dort das Spektrum an Leistungen gar nicht erbringt. Und das
heisst, dort läuft man Gefahr, dass dann plötzlich die Mehrzahl
aller Leistungen defizitär ist. Und das können sich
spezialärztliche Praxen nicht lange leisten. Die bekommen dann
wirklich existenzielle wirtschaftliche Probleme. Wir halten jetzt
einen sehr hohen Druck aufrecht und haben das Gefühl, es muss
wirklich zuerst in der realen Welt aufprallen, bis auch unsere
mitgestaltenden Akteure, also die anderen Tarifpartner wie eben
die politische Seite mit dem Bundesrat und mit den Kantonen und
die Versicherer, wirklich realisieren, dass wir hier noch ganz
viele Fehler zu korrigieren haben. Und das unter einem grossen
zeitlichen Druck. Es ist schon eine Challenge.
00:32:17 Jenny Also eben, Stichwort ambulante Pauschale, das ist
etwas – also über die Vergütung hast du schon vieles erwähnt –,
aber in der Begleitforschung sehen wir, dass das eine der grossen
Sorgen ist von der Ärzteschaft, aber auch, dass man das Gefühl
hat, das führt dazu, dass man eher mal gute Risiken selektioniert
und schlussendlich steht bei vielen die Befürchtung im Raum, dass
es effektiv zu Qualitätseinbussen führen könnte. Was, glaubst du,
müssen wir dort jetzt am ehesten machen, damit das einen Erfolg
gibt?
00:32:47 Yvonne Ja, gute Risiken selektionieren heisst, man
behandelt dann die Patienten und Patientinnen, die kostendeckend
vergütet sind, und die, die defizitär sind, die würde man dann
eher an ein Spital überweisen. Das zeigt einfach, wie wichtig
wirklich betriebswirtschaftlich korrekt gerechnete und
sachgerechte Tarifierung ist. Diese bilden sonst sofort
Fehlanreize, und zwar in beide Richtungen. Also im
hochspezialisierten ambulanten Bereich wird man nicht in der Lage
sein, defizitäre Leistungen zu erbringen, wenn sie einen grossen
Teil der Behandlungen betreffen. Man kann nicht ausgleichen und
querfinanzieren wie an einem Spital. Das ist der Bereich der
Untertarifierung. Der Bereich der Übertarifierung bildet klar
einen Fehlanreiz für die Behandlungsqualität, weil es eigentlich
ein Mengenanreiz ist, oder das, was man eigentlich immer am
TARDOC vorgeworfen hat. Das könnte sich dann bei der Pauschale
ebenso fatal auswirken. Wir möchten wirklich an diesem System
arbeiten. Der Vorteil ist ja, wir können jährlich korrigieren,
damit wir eben möglichst schnell möglichst gute Tarife haben,
weil es wirklich für die Qualität der Versorgung ganz wichtig
ist.
00:34:12 Lukas Der erste Schritt ist mit der Abstimmung da,
einheitliche Finanzierung. Das soll ein Anreiz für die
Ambulantisierung sein. Jetzt spüren wir, dass es hier schwere
Baustellen gibt. Aber nicht nur das. Wenn wir mit Chancenoptik in
die Zukunft schauen: Wo kann man am meisten dazu beitragen? Wir
haben Fachkräftemangel. Wir haben die ganzen
Tarifierungsprobleme, Ambulantisierungsprobleme. Wir haben bei
der Bürokratisierung Themen, die die FMH in der Strategie
bekämpfen möchte. Wo kann man am meisten Hoffnung schöpfen? Wo
muss man, wo kann man etwas für die Zukunft der Ärzteschaft
mitgeben?
00:34:46 Yvonne Also ich bin eigentlich sehr hoffnungsvoll. Und
zwar haben wir im internationalen Vergleich – und das sagen ja
auch alle Leute, wenn sie ins Ausland gehen oder vom Ausland
kommen – eines der bestfunktionierenden Gesundheitssysteme auf
der Welt. Und es ist erst noch nicht teurer als jene, die
schlechter sind in anderen europäischen Ländern. Das heisst, wir
bauen eigentlich auf einem gut funktionierenden System auf. Und
es gibt zwei Elemente, die für die Zukunft ganz wichtig sind. Wir
müssen auf einer Vertrauensbasis weiterarbeiten. Missbrauch soll
man sanktionieren, aber man soll uns nicht regulieren, weil man
einfach denkt, alles, was nicht ganz genau kontrolliert ist, wird
dann sowieso missbraucht. Dem ist nicht so. Wir wissen überall,
dass das nicht zu einer guten Regulierung führt. Und ich glaube,
wir haben noch eine Schweizer Spezialität, das ist das
kooperative Modell. Also dass auch die politische Regulierung
nahe an den Branchen ist. Also wir arbeiten in der
Tarifpartnerschaft. Wir verhandeln zwischen der Ärzteschaft und
den Unfallversicherern und den Krankenversicherern und werden uns
dort einig, was jetzt der korrekte Tarif ist. Und nur wenn der
nicht gut belegt ist oder dem Krankenversicherungsgesetz
widerspricht, nur dann kann die politische Behörde oder der
Bundesrat eingreifen. Und das schützt die Schweizer
Gesundheitsversorgung ein bisschen vor einer politischen
Steuerung, die dann nur noch von den quasi Reserven vom
Staatsbudget abhängt. Das ist ja eine grosse Gefahr jetzt mit
einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis international. Weil eine gute
Gesundheitsversorgung immer teurer ist in einer Gesellschaft und
das Staatsbudget immer wesentlich belastet wird, verschiebt man
dann einfach vom Gesundheitssystem zum Beispiel in die
Sicherheitspolitik Geld. Das heisst, man entzieht dem System
Geld, und das führt sehr schnell zu einer qualitativen
Verschlechterung der Versorgung. Und da ist die Schweiz
eigentlich ein bisschen geschützt davor, genau wegen der
Tarifautonomie zum Beispiel, also dem Verhandeln zwischen den
Versicherern und der Ärzteschaft. Und ich glaube, das System
sollten wir nicht gefährden. Was halt immer ein Thema ist, ist
der soziale Ausgleich. Also wer bezahlt wie viel Prämie? Und das
ist ganz klar, finde ich, eine politische Aufgabe, dafür zu
sorgen, dass sich jeder Haushalt eigentlich auch Prämien leisten
kann.
00:37:30 Lukas Eine Berufsgruppe, die jeden Tag viel
Verantwortung trägt, jeden Tag aber auch viele Herausforderungen
hat. Das haben wir jetzt mitgenommen. Vielen Dank für diesen
Besuch, Yvonne Gilli. Und du, Jenny? Hast du irgendwo auch
Zuversicht, dass man an Sachen anpacken kann, damit die
Ärzteschaft auch in Zukunft in genügender Zahl mit genügender
Motivation in der Schweiz ihre Leistung bringen kann?
00:37:52 Jenny Ja, das ist für mich sicher auch aus dem Gespräch
heraus einerseits der Punkt mit den Arbeitsbedingungen. Da haben
wir darüber geredet. Ich habe das Gefühl, da muss sich doch noch
einiges bewegen. Aber wir haben es auch gesehen, grundsätzlich
ist die Ärzteschaft sehr motiviert und hat Freude an ihrer
Aufgabe. Darum hoffe ich, dass wir da gute Rahmenbedingungen
haben werden in Zukunft, damit das so bleibt. Ja, ich denke, ich
habe grundsätzlich eine Zuversicht, was endlich mal die Bewegung
in der ganzen Tarifdiskussion anbelangt. Aber wir sehen ja auch,
dass es dort noch lange nicht fertig ist und dass es verschiedene
Anpassungen brauchen wird, damit es ein Erfolg wird. Ja, aber ich
hoffe sehr, dass es dadurch bald bergauf geht.
00:38:36 Lukas Und ich erhoffe mir natürlich viel unter dem
digitalen, partizipativen Kulturwandel, der angetönt wurde. Ja,
spannend. Bleiben wir dran.
00:38:44 Jenny Yes, und wer es genauer wissen möchte, alle
genauen Resultate zu den FMH-Begleitforschungsstudien findet ihr
unten in der Beschreibung.
Mehr
03.12.2025
34 Minuten
Wie viel Pharma braucht die Schweiz – und zu welchem Preis? Lukas
Golder und Jenny Roberts sprechen mit David Traub, CEO von
Novartis Schweiz, über Kritik an Medikamentenpreisen, lange
Wartezeiten auf neue Therapien, Innovationsdruck und politische
Regulierung. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Interessen von
Patient:innen, Öffentlichkeit, Politik und Industrie überhaupt
austarieren lassen – und was das für die Zukunft des
Gesundheitsstandorts Schweiz bedeutet.
Im Podcast zitierte Studien:
Swiss eHealth Barometer
UBS Sorgenbarometer
EFPIA Patients W.A.I.T. Indicator 2024 Survey
Transkript zur Episode
00:00:12 Lukas Herzlich willkommen bei gfs.echo, dem Podcast von
gfs.bern, wo wir die drängendsten Probleme gemäss Sorgenbarometer
beleuchten, in dieser Staffel Gesundheitspolitik. Heute haben wir
einen ganz besonderen Akteur zu Gast, nämlich die
Pharmaindustrie. Eine Pharmaindustrie, die nicht den einfachsten
Stand in der öffentlichen Meinung hat.
00:00:31 Jenny Das ist so, ja. Aus dem Gesundheitsmonitor unter
anderem wissen wir, dass die Stimmbevölkerung einerseits Pharma
als sehr wichtigen Wirtschaftsfaktor für die Schweiz anerkennt,
als wichtigen Arbeitgeber. Gleichzeitig gibt es auch verschiedene
Herausforderungen, gerade so im Bereich Medikamentenpreise und
grundsätzlich Kosten im Schweizer Gesundheitswesen. Das ist
etwas, was viele Leute beschäftigt.
00:00:53 Lukas Ja, zu Gast ist der CEO von Novartis Schweiz.
Herzlich willkommen, David Traub.
00:00:58 David Merci viel Mal.
00:00:59 Lukas Jenny hat es schon etwas angekündigt, das ist eine
relativ komplexe Rolle. Auf der einen Seite wäre die
Einstiegsfrage in einem Satz, wo die Pharma heute steht und was
die grössten Herausforderungen sind, wenn wir über die Schweiz
und das Gesundheitssystem sprechen.
00:01:16 David Ja. Die Schweiz und ihre Pharmaindustrie war eine
einmalige Erfolgsgeschichte über die letzten Jahrzehnte. Im
Moment würde ich sagen, wir stehen im Prinzip nach wie vor an
einem starken Ort, was den Wirtschaftsfaktor angeht, was die
Zusammenarbeit im Ökosystem angeht. Aber wir sind natürlich unter
Druck und das betrifft am Schluss nicht nur uns als
Pharmaindustrie, auch vor dem Hintergrund der jüngsten
internationalen Entwicklungen, sondern wir machen uns grosse
Sorgen um einerseits den Wirtschaftsstandort, aber was mich
persönlich noch mehr beschäftigt, ist die Versorgung von
Patientinnen und Patienten in der Schweiz mit modernen
Medikamenten. Die hat sich verschlechtert in den letzten Jahren.
Und wenn wir sehen, was jetzt international passiert, dann
besteht tatsächlich das Risiko, dass sich die Erosion noch
deutlich beschleunigen könnte.
00:02:04 Lukas Also innenpolitisch und aussenpolitisch viel zu
diskutieren. Und irgendwo hat man bei der Pharma immer wieder das
Herzstück, eben die innovativen Therapien, gerade bei der
forschenden Pharmaindustrie, wo man darüber spricht. Jetzt ist
aber in letzter Zeit oft Kritik gekommen, dass es eigentlich nur
noch kleine Schritte sind, fast Pseudo-Innovationen, wo man aber
einen sehr hohen Preis dafür verlangt. Ist dieser Fortschritt in
den letzten Jahren ein bisschen abgedämpft worden? Ist gar nicht
mehr so viel möglich? Ist die Zitrone ausgepresst?
00:02:32 David Ich bin froh, dass Sie mir diese Frage stellen,
weil ich muss sagen, ich sehe das diametral anders. Ich bin
selber Arzt, ich habe bis vor 20 Jahren in der Klinik gearbeitet.
Und ich muss sagen, wenn ich jetzt zurückschaue, in den frühen
2000er Jahren, als ich im Kantonsspital Liestal als Assistenzarzt
unterwegs war, im Vergleich zu heute, es gibt eine enorme Anzahl
von Krankheiten, die sich gar nicht mehr gleich manifestieren,
für Patienten gar nicht mehr die gleiche Bedeutung haben, wie zu
seiner Zeit. Wenn ich Ihnen ein paar Beispiele nennen sollte,
einfach um konkret zu werden. Von potenziell tödlichen
Erkrankungen wie Krebs oder HIV, viele Krebsarten von HIV ganz zu
schweigen, chronisch behandelbar, man kann damit leben.
Chronische Erkrankungen wiederum von Hepatitis C über Multiple
Sklerose über diverse Autoimmunkrankheiten bis zu Diabetes und
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nicht mehr die gleichen
Erkrankungen heute für Patienten, wie sie es vor 20 Jahren waren.
Alles, was ich vor 20 Jahren gelernt habe, ist im Prinzip
vollkommen obsolet und das ist zu einem grossen Teil eine
Konsequenz von den enormen Fortschritten, die die
Pharma-Forschung in den letzten 20 Jahren gemacht hat und
weitermacht. Die einzelnen Schritte sind manchmal gross und
manchmal sind sie begrenzt, das ist klar, aber in der Summe ist
es enorm, was wir erreicht haben. Darüber hinaus muss ich auch
sagen, in diesen 20 Jahren sind die Medikamentenkosten als Anteil
des gesamten Gesundheitssystems konstant geblieben, immer bei 12%
in der Schweiz, was übrigens im internationalen Vergleich relativ
tief ist. Das heisst, wir haben den ganzen Fortschritt, die
ganzen Revolutionen in der Medizin, in den verschiedenen
Erkrankungen, eigentlich bekommen, ohne dass es dadurch zu einer
Explosion der Kosten gekommen wäre. Ich muss sagen, darauf dürfen
wir auch stolz sein.
00:04:32 Jenny Ein Punkt noch zur Innovation, wo mich deine
Meinung sehr wunder nehmen würde, weil es auch etwas ist, was der
Bevölkerung sehr kontrovers angeschaut wird, ist das Verhältnis
zwischen dem Gewinn, das es natürlich braucht, um die
Innovationen finanzieren zu können, aber gleichzeitig auch das
Gefühl der Stimmbevölkerung, dass es nicht mehr so in einem guten
Verhältnis zueinander steht. Der Gewinn einerseits und auch die
Notwendigkeit, um das in die Innovationen investieren zu können.
Wie würdest du das einschätzen?
00:05:01 David Das ist auch eine super Frage. Darf ich kurz
ausholen, weil ich glaube, es gibt zwei, drei Punkte, die in
diesem Zusammenhang relevant sind. Das eine ist vielleicht die
Frage, macht die Pharma zu viel Gewinn? Wenn wir jetzt die
Industrie insgesamt anschauen, dann ist die Profitabilität der
Pharmaindustrie auf dem gleichen Level wie andere
Hightech-Industrien, wie Hardware, Software, ist deutlich
niedriger als zum Beispiel der Energiesektor. Oder Alkohol und
Tabak übrigens sind auch deutlich profitabler. Also es ist nicht
so, dass die Pharma jetzt völlig raussticht. Und es ist auch
klar, dass das nicht so sein kann, weil wenn es so wäre, dass wir
viel zu profitabel wären, dann dürften unsere Aktienkurse
eigentlich nur eine Richtung haben und das ist aufwärts. Das ist
nicht so. Und warum ist das nicht so? Das ist der zweite Punkt.
Pharma-Forschung ist ein Hochrisiko-Geschäft. Ich war im Raum in
den 20 Jahren, in denen ich in der Industrie war, wo man sich
entschieden hat, ein Entwicklungsprogramm aufzusetzen für eine
Krankheit, wo man schon lange etwas gesucht hat, immer wieder
gescheitert ist. Man hat die Erfolgswahrscheinlichkeit von 7%
gegeben und das Entwicklungsprogramm hat aber 1,5 Milliarden
Franken gekostet. Immer wieder stehen wir an einem Punkt, an dem
wir sagen, wir müssen auch mal die grossen Risiken eingehen
können. Nur eins von 14 Medikamenten schafft es am Schluss auf
den Markt. Kosten von 2 bis 4 Milliarden Franken im Schnitt pro
neues Medikament. Das muss sich auch wieder lohnen, sonst stoppt
dieser Innovationsmotor. Und der letzte Punkt, den ich dazu
anbringen möchte, ist gerade konkret für die Schweiz. Die
Pharmaindustrie investiert 9 Milliarden Franken jedes Jahr allein
in diesem Land. Für uns, für unsere 9 Milliarden global bei
Novartis etwa die Hälfte davon allein in der Schweiz. Wenn man
sieht, was wir an Steuern zurückgeben ins System, dann ist
eigentlich jeder Franken, den man für ein patentgeschütztes
Medikament ausgibt, kommt mindestens dreieinhalb Franken wieder
zurück an die Gesellschaft, ans System, an den Staat. Das ist
eigentlich eine hervorragende Investition. Nicht nur, und das
ist, wenn man selbst ausblendet, dass Patienten bessere
Therapiemöglichkeiten bekommen, als sie es früher hatten.
00:07:22 Lukas Du hast es angetönt, du machst dir Sorgen um die
Rahmenbedingungen, du hast die Schweiz angetönt, was ihr auch
zurückgeben wollt, zum Beispiel auf der Ebene der Steuern. Die
Rahmenbedingungen sind aber zum Teil jetzt ein bisschen
lautstärker unter Druck gekommen. Man hat von der Pharmaindustrie
lautstarke Forderungen gehört. Reden wir über die Innenpolitik,
reden wir über das, was eher auf dem Spielfeld der Schweiz läuft.
Dort ist die Kostendämpfungsmassnahme 2, dort ist auch die Stimme
laut geworden, es sei eine Art wie eine Strafsteuer auf
Innovation. Wo liegt dort das Problem?
00:07:54 David Also wenn man jetzt ein bisschen zurückschaut, wir
hatten in den letzten fünf Jahren sechs Kostensenkungsinitiative
und Kostendämpfungspakete, die durch das Parlament gegangen sind.
Eigentlich immer mit einem starken Fokus auf die innovativen
Medikamente. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar, wir
sind alle Teil von diesem System, wir haben auch eine
Verantwortung dafür zu schauen, dass die Kosten unter Kontrolle
bleiben im Gesundheitssystem. Aber wir tragen jetzt als
Konsequenz von diesen verschiedenen Initiativen, zum Beispiel
allein durch die wiederkehrenden regelmässigen
Preisüberprüfungen, als einzige Akteurin im Schweizer
Gesundheitssystem regelmässig zur Kostendämpfung bei. Jedes Jahr
werden dadurch allein anderthalb Milliarden Franken wieder zurück
ins System gespült. Dass das Thema wichtig ist und dass wir
schauen, dass wir Kostenkontrollen im System haben, da bin ich
absolut einverstanden. Das kann ich nachvollziehen. Ich verstand
auch, dass alle Akteure in diesem System vor diesem Hintergrund
unter Druck stehen. Jetzt muss man aber schauen, wo wir im Moment
stehen. Über die letzten fünf, sechs Jahre hat sich der Zugang zu
modernen Medikamenten in der Schweiz bereits dramatisch
verschlechtert. Und das wird gar nicht so wahrgenommen. Aber wenn
man schaut, was auf der Spezialitätenliste landet, das heisst
wirklich für jeden Patienten frei verfügbar ist, egal bei welcher
Versicherung man ist, dann sind nur noch etwa die Hälfte der neu
zugelassenen Medikamente tatsächlich auch für jeden Patienten
verfügbar in der Schweiz. In Deutschland schaffen sie es auf 93%.
Wir sind im Moment schon, vor den ganzen Verwerfungen, über die
wir nachher sicher noch reden werden, etwa auf dem Niveau von
Bulgarien, was die Erstattung von neuen, innovativen Therapien
angeht. Das besorgt mich aus einer Perspektive als Arzt, als
Bürger, aber natürlich auch als Vertreter der Pharmaindustrie.
Das hat auch Konsequenzen auf den Wirtschaftsstandort in der
Schweiz.
00:10:02 Jenny Um diesen Punkt aufgreifen, den du mit den
Wartezeiten für die Zulassung aufbringst. Es gibt eine
internationale Studie dazu, sogenannte Wait Surveys, die genau
die Punkte zwischen verschiedenen Ländern beschreibt. Ich habe
mir die Studien angeschaut. Die Schweiz schneidet eigentlich
immer in den vorderen Plätzen ab, je nachdem, welches Kriterium
man genau anschaut. Was für mich herausgestochen ist, also
wirklich konstant besser schneidet in diesem Sinne immer nur
Deutschland ab. Und gleichzeitig weiss man, dass im deutschen
System das auch zu höheren Kosten führen kann. Darum würde es
mich sehr wundern, zu wissen, ist das deutsche Modell in diesem
Sinne überhaupt etwas, das wir anstreben sollten jetzt für die
Schweiz. Wie siehst du das?
00:10:50 David Zum einen ist es sicher so, wenn wir jetzt
bisherige Trends im Schweizer System anschauen, dann kann es so
nicht weitergehen. Wir brauchen neue Lösungen. Es braucht ein
robustes System bei uns, um Preise festzusetzen, um den Mehrwert
von neuen Medikamenten möglichst objektiv zu bewerten und auch
entsprechend Preise zu definieren. Wir können nicht so
weitermachen wie bis jetzt, weil sonst leiden am Schluss die
Patienten und das ganze System darunter. Sie fragen jetzt nach
dem deutschen System. Ich habe tatsächlich ein paar Jahre im
deutschen System gearbeitet und das deutsche System ist natürlich
auch nicht perfekt. Aber ich würde sagen, das sogenannte
"AMNOG"-System, das in Deutschland die Preise festsetzt, erfüllt
im Gegensatz zu unserem wenigstens die Kriterien für einen gut
funktionierenden Ausgleich. Man hat einen klaren Prozess. Man hat
transparente, auf wissenschaftlichen Kriterien beruhende
Bewertungsverfahren. Man hat klare Timelines, die eingehalten
werden. Und man hat einen Zugang für Patienten bereits ab Tag 0
der Zulassung. Und im Endeffekt, wie gesagt, führt das in
Deutschland dazu, dass fast alle neu zugelassenen, also auch von
den Zulassungsbehörden zugelassenen Medikamente, auch sofort und
für alle verfügbar sind. Und bei uns sind es nur gerade knapp die
Hälfte. Also insofern würde ich sagen, wir müssen sicher das
deutsche System nicht übernehmen. Aber wir sollten uns
inspirieren lassen und wir sollten lernen von anderen Ländern,
die es offensichtlich besser können als wir im Moment.
00:12:27 Lukas Dort ist ja das eine die Zulassung. Dort, wie ich
es richtig verstehe, ist die Kritik relativ gering. Swissmedic
ist die Instanz, die das für die Schweiz macht. Aber beim
Preisfestsetzungsmechanismus kommt das BAG ins Spiel. Was ist die
Kritik am BAG?
00:12:43 David Das Bundesamt für Gesundheit steht natürlich unter
Druck. Wir haben es gerade vorhin gesagt, wir sind eine alternde
Gesellschaft, wir haben immer mehr medizinisch-technische
Möglichkeiten und wir müssen den Diskurs führen, was für ein
Gesundheitssystem wir eigentlich wollen und was es uns am Schluss
wert ist. Die Medikamentenpreise sind einer der ganz wenigen
Hebel, die man auf nationaler Ebene hat, um Top-Down eine gewisse
Bremse einzuspielen. Andere Themen, wir haben auch in anderen
Bereichen Ineffizienzen im System, aber die sind politisch
schwieriger anzugehen. Ich glaube einfach, dass wir jetzt in den
letzten Jahren eine Tendenz gesehen haben, dass die Balance
zwischen Preiskontrolle auf der einen Seite und Versorgung auf
der anderen Seite, die ist aus dem Lot geraten. Und das sind die
Trends, auf die wir gerade kurz angespielt haben. Meine Einladung
an das BAG ist wirklich, dass man sich auf jeder Seite einen Ruck
geben muss und zusammenkommen muss und gemeinsam mit den
verschiedenen Playern in unserem Gesundheitssystem schauen, wie
können wir das auf eine bessere Basis machen. Wir haben klare
Forderungen im Raum. Wenn Sie mich konkret fragen, woran stören
wir uns? Dann ist es oft so, dass zum Beispiel
Vergleichstherapien, die zur Preisfestsetzung angezogen werden,
eher auf ökonomische Kriterien gewählt werden. Dann haben sie
eine moderne Therapie, die das Überleben verlängert mit deutlich
besserer Verträglichkeit und das wird dann verglichen mit einer
Chemotherapie aus dem letzten Jahrtausend. Einfach um den Preis
möglichst tief Arbeit zu bekommen. Das machen andere Länder so
nicht. Oder dass der Auslandspreisvergleich einfach tel-quel
übernommen wird und das Ziel ist, dass bei uns der Preis
höchstens so hoch sein darf wie in anderen europäischen Ländern,
wo hingegen alles andere im Gesundheitssystem, alles was Sie und
ich an Dienstleistungen und Waren beziehen, um die Hälfte teurer
ist im Schnitt. Wir kennen das. Das führt nicht zu einem guten
Punkt. So kommen wir nicht mehr wieder zurück in die Balance
zwischen Verfügbarkeit und Preise. Und ich glaube, da braucht es
neue Ansätze. Und wir sind sehr bereit, dort im Austausch zu
kommen, auch einen entsprechenden Austausch.
00:14:56 Lukas Hoffen wir, dass der Dialog weiter geht. Das sind
halt administrierte Preise am Schluss, die auch Teil von eurem
System in der Pharma, wie sie funktioniert, sind. Da kommen wir
ja vielleicht, wenn wir über die USA reden, noch ein bisschen
drauf. Auf der anderen Seite ist die Position des BAG, wenn ich
das richtig pointiert wiedergeben darf, ein bisschen so, ja, es
liegt nicht an uns, es liegt eigentlich an den hohen
Preisvorstellungen der Pharma. Es ist natürlich klar, dass die
Interessenlagen ein bisschen unterschiedlich sind, oder?
00:15:23 David Das ist richtig, wobei, Sie haben jetzt auch
gerade schon gesagt, die Preise in Deutschland sind
bekannterweise schon oft höher und das kann ich bestätigen. Da
muss man sich fragen, wo dieser Claim herkommt, dass bei uns
Preise besonders hoch wären. Schauen wir uns mal die Gesamtzahlen
an. Wie viel geben wir in der Schweiz als Anteil von unserem
Bruttoinlandprodukt aus für patentgeschützte Medikamente? Und
dann sehen wir, dass der Wert deutlich tiefer ist. Nicht nur
deutlich tiefer als in den USA, da kommen wir sicher auch noch
drauf, er ist auch deutlich tiefer als in Deutschland, er ist
tiefer als in Österreich, als in Frankreich oder als in Italien.
Das heisst, uns ist tatsächlich die Innovation bei den
Medikamenten für uns selber, für unsere Patienten in der Schweiz,
weniger wert, relativ gesehen, als in Deutschland und in den
anderen umliegenden europäischen Ländern, ausgerechnet bei uns,
das Herz der internationalen Pharma-Forschung und Entwicklung.
Ich glaube, da sind wir jetzt einfach an einem Punkt gekommen, wo
es eine Korrektur braucht. Das wird so nicht mehr funktionieren.
Vor allem, weil die internationalen Preisvergleiche auch immer
stärker jetzt ins Rampenlicht kommen und andere Länder schauen
auf uns und die USA ist jetzt eines davon und sagen, Moment, wie
kann das sein, dass die Schweiz nur bereit ist besonders tiefe
Preise zu zahlen, wenn es bei uns anders aussieht.
00:16:47 Jenny Es braucht neue Ansätze bei dieser Preisfestlegung
in der Schweiz. Ein Punkt, über den ich gerne noch mehr wissen
würde, sind die sogenannten Preismodelle, die neu dazukommen mit
dem Kostendämpfungspaket. Dort geht es, vereinfacht gesagt, auch
darum, dass es hinter den offiziellen Preisen nicht öffentlich
zugängliche Preise gibt, die abgesprochen sind zwischen Pharma,
Behörden, Krankenversicherungen Da stelle ich mir die Frage, auch
aus Sicht der Bevölkerung, warum braucht es das? Weil etwas, was
einem Gesundheitsminister sehr klar herauskommt, ist, dass die
Bevölkerung sich eher mehr Transparenz von der Pharmabranche
wünscht.
00:17:24 David Ja, danke schön für diese Frage. Ich kann das
persönlich sehr gut nachvollziehen, dass man am liebsten
vollständige Transparenz hätte. Vielleicht nochmals kurz als
Erklärung, damit wir vom Gleichen reden. Bei diesen nicht
öffentlichen Preismodellen geht es darum, das ist ein Instrument,
das helfen soll, dass man Patienten möglichst schnell Zugang zu
einem Medikament gibt, zu einem relativ günstigen Preis. Also die
sogenannten vertraulichen Preise, die sind immer tiefer als der
Listenpreis. Behörden und Versicherer kennen die Preise
natürlich. Jetzt ist es aber so, und das hängt zusammen mit
internationalen Referenzpreissystemen. Es gibt über 30 Länder,
die die Schweiz als Preisreferenzland nimmt. Und hier geht es
darum, zu schauen, dass der Referenzpreis nicht plötzlich extrem
tief runtergeht. Nochmal verständlich, die Forderung nach
Transparenz. Jetzt ist es aber so, wenn man sich Daten anschaut,
wenn Sie jetzt die nicht öffentlichen Preisvereinbarungen
abschaffen und das alles transparent machen, dann wurde auf einen
Schlag sichtbar, bei ganz vielen einzelnen konkreten
Medikamenten, dass der Preis in der Schweiz besonders tief ist.
Und in diesem internationalen Referenzpreisgefüge wurde das akut
die Versorgung von Patientinnen und Patienten in der Schweiz
gefährden. Ich wäre sehr für Transparenz. Ich würde sagen,
persönlich, wir sind in der Schweiz für Preistransparenz aber
erst dann bereit, wenn wir insgesamt unser Preissetzungssystem so
anpassen, dass die Preise, die wir für moderne Medikamente
zahlen, auch den Mehrwert dieser Medikamente widerspiegeln und
auch die Kaufkraft, die wir haben in der Schweiz im Verhältnis zu
anderen Ländern.
00:19:21 Lukas Wir sprechen noch etwas über die Zukunft dieser
Innovation, die die Schlagzahl der Pharmaindustrie vorgibt. Dort
ist mein Eindruck, dass man sehr stark, auch von euch aus, über
die personalisierte Medizin, die hier getrieben ist, spricht.
Digitalisierung ist etwas, von dem man sehr viel diskutiert, das
noch abstrakt im Raum ist. Aber meine konkrete Frage ist, kommt
die Innovation nicht im Datenbereich von denen, die die meisten
Daten haben? Ist nicht Google die Gefahr für die Pharmaindustrie,
gar nicht die Preisfestsetzung und das ganze System, sondern
eigentlich kommt es von ganz aussen plötzlich ein rein digitales,
personalisiertes, datengesteuertes Pharmaversorgungssystem, das
die Pharmaindustrie in der Schweiz plötzlich nichts mehr zu sagen
hat?
00:20:11 David Das ist ein grosser Bereich, den Sie ansprechen.
(...) Ich gebe vielleicht noch mal eine Perspektive und sage Sie
mir, ob das Ihre Frage beantwortet. Digitalisierung im
Gesundheitssystem, wie gehen wir mit Daten um, ist eine
fundamental wichtige Frage. In der Schweiz ist mein Eindruck, und
Sie haben es gerade angesprochen, dass das ganz stark von
Sicherheitsdenken geprägt ist, die Diskussion. Und das finde ich
auch gut und richtig. Man muss schauen, wie man mit diesen
hochsensitiven Daten umgeht, so dass eben kein Schindluder
getrieben wird damit, gut deutsch gesagt. Das ist ein wichtiger
Aspekt, das ist fundamental, aber andere Länder zeigen bereits
seit Jahren, wie das funktioniert und ohne Zwischenfälle. Ich
glaube, der Teil der Diskussion, der mir fehlt, ist die
chancenorientierte Perspektive. Ich habe mit meiner Familie drei
Jahre in Finnland gelebt, bis vor kurzem. Und als wir
zurückgekommen sind in die Schweiz, also dort hat jeder ein
elektronisches Patientendossier. Das bekommt man in dem Moment,
als man ins Land reinkommt. Das ist überhaupt keine Wahl. Das ist
automatisch mit der Personen-ID verbunden. Und man hat sofort auf
dem Handy auf sämtliche eigenen Daten Zugriff. Jeder persönlich,
das ist gut abgesichert, jeder Arztbericht, jeder Laborwert,
jedes Röntgen, jede Gewebeuntersuchung, jeder Zahnarzttermin,
jede Verordnung. Sie haben alles sofort und jederzeit verfügbar.
Da ist ihre Transparenz, die Sie vorher angesprochen haben. Ich
muss nicht Bitte-Bitte machen bei einem Arzt oder einem Spital,
sagen, ich bräuchte noch diesen Bericht oder könnte es immer
einmal... Sondern es ist alles sofort als Patient verfügbar. Und
natürlich kann man das auch zu Forschungszwecken nutzen. Auch das
ist behördlich sehr streng geregelt. Für mich war es nicht
nachvollziehbar, dass ich auf all das verzichten muss. Ich
glaube, wir reden zu wenig darüber. Was lassen wir uns eigentlich
entgehen, dadurch, dass wir so zurückhaltend sind? Unser
Rückstand in der Digitalisierung in der Schweiz hat schon fast
komische Qualitäten. Auch mit den jetzt laufenden Initiativen,
wenn es gut kommt, sind wir Mitte der 20-30er-Jahre dort, wo die
nordischen Länder schon vor über zehn Jahren waren. Ich glaube,
dort braucht es eine Beschleunigung, also dass wir jetzt zum
Beispiel das elektronische Gesundheitsdossier jetzt mit einer
Opt-out-Lösung eigentlich Standard für alle werden sollen. Das
ist ein längstens überfälliger Schritt in die richtige Richtung.
Ich glaube, wir dürfen uns erlauben, dort ein bisschen mutiger zu
sein. Und ich glaube, wir dürfen uns erlauben, auch das zu sehen,
was alles möglich wird durch diesen technologischen Wandel. Wir
profitieren nämlich, jeder von uns kann davon profitieren.
00:23:12 Jenny Das Thema Digitalisierung im Schweizer
Gesundheitswesen haben wir unter anderem im Detail besprochen mit
Katrin Crameri, die auch bei uns war, vom Programm DigiSanté. Ein
Punkt, der auch damals stark aufkam, ist der Datenschutz. Es geht
um Forschungsdaten, die natürlich auch benötigt werden in einem
digitalisierten Gesundheitssystem. Und dort ist ein Punkt, der
sehr stark herausgekommen ist, dass die Bevölkerung ein sehr
unterschiedliches Vertrauensniveau hat in verschiedenen Akteure,
wenn es darum geht, wie man jetzt ihre Gesundheitsdaten
verwertet. Und gerade bei Privatunternehmen, das wissen wir aus
dem E-Health-Barometer, ist das Vertrauen aktuell noch relativ
tief. Was kann man dem Misstrauen entgegensetzen oder was
bräuchte es, damit die Bevölkerung mehr Vertrauen hat, was die
Verwendung von ihren Gesundheitsdaten anbelangt für Forschung?
00:24:06 David Das ist eine gute Frage. Ich kann das finnische
System als Beispiel nehmen. Dort gibt es staatliche Behörden, wo
Forschungsgruppen, aber auch Industrieunternehmen Anträge stellen
können. Um auf anonymer Basis aggregierte Gesundheitsdaten für
Forschungszwecke verwenden zu können. Und das wird also, mit
anderen Worten, es gibt einen Gatekeeper, der ist staatlich und
der kontrolliert, das sind eben Forschungsaufträge, was machbar
ist. Und als Unternehmen kann ich auch nie direkt auf einzelne
Patientendaten zugreifen, sondern das muss natürlich geregelt
sein, das ist ganz richtig. Aber dort gibt es Mittel und Wege.
Auch dort sind wir wieder beim Thema. Wir können von anderen
Ländern lernen, die uns 20 Jahre voraus sind in diesem Bereich
und 20 Jahre Erfahrung haben. Ich glaube, da dürfen wir nicht zu
stolz sein und können uns die eine oder andere Scheibe
abschneiden, insbesondere bei den nordischen und baltischen
Ländern in Europa.
00:25:07 Lukas Das wären die Chancen gewesen. Jetzt kommen wir
nochmals zu den Risiken. Wir haben es schon ein paar Mal die USA
gestreift. Dort ist die Situation so, dass wir jetzt verschiedene
Wege sucht, dass die Preisgeschichte auch in den USA anders
diskutiert wird. Und mit dem verbunden kommt eben auch die
Forderung lautstark, gerade auch von Novartis, wir müssen über
Preise noch einmal reden, in der Schweiz. Das macht natürlich
Sorgen, wenn man jetzt die ganze Risiko- und Sorgendiskussion
hat. Wo steht man da im Moment?
00:25:39 David Ja, das macht mir auch Sorgen. Schauen Sie, die
US-Administration ist entschlossen, Preise für Medikamente am
Niveau von Preisen in anderen industrialisierten Ländern
anzugleichen. Das ist übrigens nicht neu. Das ist nicht erst eine
Diskussion, die jetzt unter der Administration Trump wieder
aufgekommen ist. Das ist bereits vor und bereits unter Obama und
auch unter anderen demokratischen Präsidenten ist das gegangen.
Die sind allerdings nicht mit einer Vehemenz an das Thema
angegangen, die wir jetzt im Moment sehen. Es geht dort um das
sogenannte «Most Favourite Nation» Prinzip. Im Prinzip bedeutet
das, dass die USA Preise für Medikamente erhalten sollen, die auf
dem Niveau der Preise neun Vergleichsländer sind. Diese neun
Vergleichsländer sind die grossen sieben Industrienationen plus
Dänemark und wir in der Schweiz. Und die Forderung ist dann noch
dazu, dass man das kaufkraftbereinigt machen soll. Das heisst im
Prinzip sollte dann, wenn man das so anschaut, steht die
Forderung im Raum, dass die Preise bei uns sogar 10-20% höher
sein sollten, weil unsere Kaufkraft höher ist als die in Amerika.
Da gibt es jetzt ganz viele Fragen, wie das konkret umgesetzt
wird. Und ich glaube, da ist noch vieles offen. Wir beobachten
das mit grosser Aufmerksamkeit, auch mit einer gewissen Sorge.
Ich glaube, was wir für uns in der Schweiz daraus mitnehmen
müssen, ist der Spielraum, für den wir eben in der Schweiz
Ausnahmepreise machen können, die deutlich tiefer sind als auch
in anderen europäischen Ländern, dieser Spielraum verschwindet
jetzt gerade ganz schnell. Und wir sind noch nicht bereit, weil
unser Preisfestsetzungssystem das nicht so reflektieren kann. Und
darum haben wir eben gesagt, jetzt als minimalen ersten Schritt
haben wir jetzt die Möglichkeit, im Rahmen der laufenden
KVV-Revision ein paar wichtige Pflöcke einzuschlagen.
Vergleichstherapien müssen wissenschaftlich-medizinisch basiert
sein, auf Expertenmeinung und nicht rein, was sehen wir noch
Günstiges irgendwo, ein bisschen flapsig formuliert, dass das
Auslandspreisvergleich eine kaufkraftbereinigt sein sollte. Denn
das ist jetzt das, was im internationalen Kontext passiert. Wir
haben die Möglichkeit, die Verfügbarkeit von Medikamenten ab Tag
0 sicherzustellen. Das müssen wir pragmatisch umsetzen, das ist
ganz wichtig. Und letzten Endes auch, wenn es jetzt nochmal um
die Mengenrabatte, die Kostenfolgemodelle geht, haben wir gesagt,
das ist beschlossen worden, das muss umgesetzt werden, aber das
ist ja beschlossen worden in einem ganz anderen internationalen
Kontext. Wenn Sie jetzt die US-Administration sind und Sie sehen
so Mengenrabatte von teilweise bis zu 50 Prozent, dann ist das
eine Innovationssteuer, wo sie natürlich ganz klar sagen, okay,
das ziehen wir gerade nochmal von eurem Preis ab. Wir müssen uns
gut überlegen, wie wir das umsetzen können, auch dort pragmatisch
und unter Berücksichtigung von den veränderten Umständen, die wir
haben. Weil sonst steht wirklich in Frage, wie wir in der Schweiz
in der Zukunft neue Medikamente noch einführen können.
00:28:56 Lukas Ja, in diesem Kontext ist ja auch die Frage, wie
sich das wirtschaftspolitische Gefüge mit Europa verschiebt. Dort
ist die Pharmaindustrie relativ klar für das Paket mit der EU,
das Bilaterale 3. Wie ist diese Position im Moment oder wie läuft
die Diskussion aus Sicht jetzt Pharma oder Novartis?
00:29:17 David Sie haben recht, also genau wie Sie gesagt haben,
wir unterstützen die Bilateralen 3 entschieden. Wir sind ein
kleines Land, Europa ist für uns, wenn ich das so sagen darf, das
ist der natürliche Heimat. Es gibt Rechtssicherheit, es gibt
Planungssicherheit, das ist für uns wichtig. Und wir sind
natürlich in der Schweiz existenziell darauf angewiesen, dass wir
Zugriff haben auf die schlauesten Köpfe und die gibt es nicht nur
in der Schweiz. Dass technische Handelshemmnisse möglichst
inexistent sind mit Europa, dass wir eine Zusammenarbeit haben,
auch im europäischen Verbund im Forschungsbereich, also Horizon
zum Beispiel, ist dort für uns ein wichtiges Thema, weil wir
stehen nicht alleine da. Allein wir bei Novartis, wir haben 120
Kollaborationen mit akademischen Forschungszentren überall in der
Schweiz. Das heisst, wir müssen das ganze Ökosystem stärken und
dazu Sorge tragen. Und gute, geregelte Beziehungen zur
Europäischen Union sind dort für uns einfach essentiell.
00:30:27 Jenny Die Pharma spricht sich klar aus für die neue
Auflage der bilateralen Verträge. Wir sehen auch, wenn man die
Bevölkerung fragt, aktuell ist viel Zustimmung da. Es ist
natürlich noch ein sehr früher Moment in der Meinungsbildung,
aber es gibt viel Zustimmung für diverse Pro-Argumente zu den
neuen Bilateralen. Gleichzeitig auch verschiedene Punkte, die
viel Personen in der Schweiz sich dazu Sorgen machen. Das sind
häufig Punkte im Zusammenhang mit der Zuwanderung, also Stichwort
Lohndruck oder auch Druck auf den Wohnungsmarkt, solche Sachen.
Aus Sicht der Pharma, wie ist es mit diesen Herausforderungen am
besten umzugehen, die auch mit dazugehören bei diesem
Verhandlungspaket?
00:31:11 David Ich glaube, das ist eine ganz wichtige politische
Diskussion. Wir müssen diese Sorgen ernst nehmen. Sie erleben das
auch, ich erlebe das auch. Wir sind im Moment ein sehr
attraktives Land. Das hat zu einer Netto-Zuwanderung geführt über
die letzten Jahre, die geht weiter. Wenn Sie mich persönlich
fragen, ich glaube, wir müssen uns einfach überlegen, ob es uns
der Wert ist, dass wir dort Lösungen finden, für diese Themen,
diese Probleme und das müssen wir, was Sie angesprochen haben,
oder ob wir versuchen, diese Probleme zu beseitigen, indem wir
potenziell weniger attraktiv werden, weil wir ein bisschen
weniger wohlhabend sind und weil wir weniger wachsen, weil unsere
Wirtschaft weniger gut läuft. Ich würde mich für das Erste
entscheiden, aus einer Position der Stärke heraus und dem
Vertrauen als Schweiz, als Schweizer Gesellschaft, können wir
Lösungen finden für diese Probleme. Ich möchte vielleicht noch
einen Punkt anfügen, wenn Sie mich spezifisch für die
Pharmaindustrie fragen. Wir holen ausschliesslich
hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Land. Wir
haben Schweizer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
selbstverständlich, aber eben teilweise kommen die auch von
überall auf der Welt. Und das ist eine gigantische Stärke. Das
ist für uns ein Teil des Innovationsmotors, den wir haben. Und im
Durchschnitt schafft jede Stelle, die wir in der Schweiz haben,
eine Wertschöpfung von über einer Million Franken im Jahr. Das
ist fünfmal produktiver als der Durchschnitt der Arbeitsplätze in
der Schweiz. Das heisst, ich glaube, die Zuwanderung, die Sie bei
uns sehen, das ist die Zuwanderung, von der ich sagen möchte. Das
brauchen wir, das wollen wir, die macht uns stark.
00:32:58 Lukas Eine kämpferische Stimme, vor allem für
Rahmenbedingungen, für die eigene Industrie. Aber man spürt auch
ein bisschen raus für das gesamte Ökosystem Schweiz und die
Gesundheitsversorgung in der Schweiz. Herzlichen Dank David Traub
für den Besuch bei uns. Und Jenny, die Rolle haben wir am Anfang
angetönt. Es ist eine anspruchsvolle. Jetzt haben wir einen
riesigen Strauss von Themen gehört. Wie hast du das Gefühl, wo
ist am meisten Bewegung im Moment nötig von der Schweiz?
00:33:27 Jenny Ja, also ich habe den Eindruck, aktuell sind
sowohl innenpolitisch als auch ausserpolitisch sehr viele Themen
auf dem Parkett. Ich persönlich erhoffe mir, dass wir, jetzt
gerade was die aussenpolitischen Beziehungen anbelangt, es ist
halt momentan so viel in Bewegung, dass wir dort bald auf einen
grüneren Zweig kommen und eben mehr auf Rechtssicherheit zählen
können, klarere Beziehungen, damit es für die Pharma-Branche,
aber auch für die anderen Branchen in der Schweiz zunehmend
einfacher wird. Also da hoffe ich drauf.
00:33:55 Lukas Wir haben viel gehört von der Pharmaindustrie,
dass sie einen konstruktiven Dialog sucht. Und dieser
konstruktive Dialog ist jetzt besonders nötig und muss besonders
aktiv gesucht werden. Das ist mein Fazit von heute.
00:34:07 Jenny Genau, und wer es genau wissen möchte, alle
Details zu den genannten Studien finden sich unten in der
Beschreibung.
Mehr
26.11.2025
30 Minuten
Stress, Perfektionismus und die Frage: Wie bleiben wir
handlungsfähig – persönlich und im System? Lukas Golder und Jenny
Roberts sprechen mit der Psychiaterin Esther Pauchard über
realistische Erwartungen (oft reichen 70 %), die
Verwechslungsgefahr von Krise und Krankheit, und warum Schonung
und Vermeidung selten stärken. Pauchard plädiert für offene
Gespräche am Arbeitsplatz, entstigmatisiert Diagnosen ohne sie zu
romantisieren und zeigt, wie wir die «Tragenden» im
Gesundheitswesen schützen.
In der Folge erwähnte Studien:
Krebsversorgungsmonitor
Begleituntersuchung FMH
Schweizerische Gesundheitsbefragung (BFS)
CSS-Gesundheitsstudie
Transkript zur Episode
00:00:12 Lukas Herzlich willkommen. Fokusthema Gesundheit. Jenny,
das Gesundheitswesen ist unter Druck. Wir sind aber auch als
Gesellschaft irgendwo insgesamt immer mehr unter Druck.
00:00:24 Jenny Ja, ich habe auch diesen Eindruck. Zumindest ist
es ein Thema, das ich auch häufig in meinem persönlichen Umfeld
bespreche. Wir reden oft darüber, wie es den einzelnen Leuten
geht, aber auch uns allen als Gesellschaft. Die psychische
Gesundheit ist sicher auch ein grösseres Thema. Aber auch Stress
ist ein grosses Stichwort. Unter anderem wissen wir aus der
Gesundheitsbefragung vom BFS, dass mittlerweile im Vergleich zu
vor zehn Jahren fast ein Viertel der Leute in der Schweiz sagen,
dass sie regelmässig Stress am Arbeitsplatz erleben. Ich denke,
es sind ganz verschiedene Themen, die wichtig sind und auf die
ich mich freue, im heutigen Gespräch zu vertiefen.
00:01:04 Lukas Reden wir mit der Psychiaterin darüber. Herzlich
willkommen, Esther Pauchard.
00:01:09 Esther Merci vielmals.
00:01:09 Lukas Wir haben über eine Gesellschaft geredet, die sich
im Stress fühlt, aber du selber hast eigentlich schon als Kind
sehr viel Zeit im Spital verbringen müssen, mit einem Hüftleiden
von Geburt an. Und du hast nachher als Mutter und bereits in
einer Führungsfunktion als Psychiaterin auch noch eine
Krebsdiagnose ertragen müssen. Ist es dir selber in diesem Moment
zu viel geworden?
00:01:33 Esther Nicht zu viel, aber es hat mich hübsch
herausgefordert. Es hat mir ehrlicherweise sehr gut getan, mich
einmal auf der anderen Seite des Pults wiederzufinden. Nicht
immer auf dieser Seite als Behandlerin, sondern eben als
Patientin. Ich habe extrem viel gelernt. Was ich heute aber im
Nachhinein sagen kann: Es hat mich auch sehr, sehr gestärkt. Ich
will es nicht missen. Es hat mehr aus mir gemacht, als ich vorher
war.
00:01:54 Jenny Du hast ja schon die Unterstützung von deinem Mann
erwähnt, gerade in dieser schwierigen Phase. Etwas, was wir dank
dem Krebsmonitor wissen, den wir unter anderem durchführen, ist,
dass grundsätzlich in der Schweiz Leute, die betroffen sind von
Krebsdiagnosen, das Gefühl haben, die Versorgung habe eine recht
hohe Qualität. Also man ist insgesamt ziemlich zufrieden. Wenn es
aber Punkte gibt, die man noch verbessern könnte, nennen die
Leute öfter mal die Unterstützung der Betroffenen selber und für
ihre Angehörigen, was den psychischen Bereich anbelangt. Hast du
das auch so erlebt, dass du dir dort eigentlich mehr
Unterstützung gewünscht hättest?
00:02:33 Esther Ich kann es nicht so sagen, aber es ist noch
schwierig. Wir sind halt Selbstversorger. Das macht die Situation
ein bisschen schwierig. Ich finde eher, dass die Angebote von der
Psychoonkologie her recht ausgebaut sind. Mir wurde dort ganz
viel angeboten, das ich hätte nutzen können, das ich aber nicht
brauchte. Ich denke, in den allermeisten Fällen, sei es bei einer
Krebsdiagnose oder sonst bei belastenden Lebensumständen,
arbeiten wir selber oder miteinander – mit Angehörigen, mit
Freunden, mit Leuten rundherum. Das habe ich dann gemerkt. Ich
habe wirklich den Eindruck gehabt, dass meine Leute so wie ein
Ring um mich schlossen. Und das habe ich ganz stark empfunden.
Ich habe immer gedacht: Alleine alles schaffen – easy. Das hat
mir sehr gut getan. Darum habe ich den dritten Kreis, den
professionellen, gar nicht gebraucht. Aber ich habe den Eindruck,
es gibt viele Angebote. Das ist schon ausgebaut.
00:03:20 Lukas Du gehst ja noch weiter. Du sagst, dass das auf
eine Art deine Beziehung zu deinen Kindern gestärkt hat. Indem
eine Belastung von dir auch mal für sie spürbar wurde.
00:03:35 Esther Am Anfang war es natürlich schrecklich. Sag mal
deinen Kindern, du hättest ein unbekanntes Krebsleiden, das auch
eine Metastase sein könnte. Und ich dachte, ich schade diesen
Kindern. Ich mache sie kaputt damit. Aber jetzt haben wir
gemerkt, wir sind stärker geworden. Wir haben alle zugelegt durch
das. Dann hat es auch sie mal gebraucht. Dann haben sie mich auch
mal weinen gesehen. Sie haben meine Angst gespürt. Sie haben
gespürt, wie ich auf diesem Weg bin. Aber auch, wie ich wieder
aufgestanden bin. Und dass man das eben bewältigen kann. Ich
glaube, das hat uns als Familie sehr viel mehr gebracht, als wenn
es einfach glatt gelaufen wäre.
00:04:05 Lukas Ich glaube auch, dass durch die Bewältigung deiner
eigenen Wege und die Verarbeitung deiner eigenen Wege oder deiner
Familie es so gekommen ist, dass du immer mehr versucht hast,
auch etwas Grundsätzliches zurückzugeben. Und nicht einfach
sagen, was kann man machen in der Einzeltherapie oder in der
Therapieinstitution, sondern dass du denkst, jetzt gehen wir
einen Schritt weiter. Die Gesellschaft ist wirklich unter Stress.
Jenny hat es angetönt. Das Empfinden ist am Wachsen. Es sind sehr
viele Elemente von Druck. Jetzt wollen wir natürlich von dir
wissen, wie wir damit umgehen.
00:04:46 Esther Ich finde, es lohnt sich schon mal, den Druck
genauer anzuschauen. Du hast das Wort Stress, also
Stressempfinden, gebracht, und das ist ein sehr treffender
Begriff. Einerseits haben wir ja den Stressor, also den Druck,
der von aussen kommt. Das kannst du physikalisch sehen. Wenn ich
etwas doppelt so schnell machen muss, dann habe ich doppelt so
viel Druck. Wenn ich doppelt so viel Gewicht tragen muss, dann
auch. Das ist das Technische. Aber dann habe ich auf der anderen
Seite noch meine persönlichen Komponenten. Wie bewerte ich es?
Wie verarbeite ich es? Kann ich damit umgehen? Kann ich es
abfangen? Oder heize ich mein Stressempfinden noch immer mehr an,
indem ich Widerstand entwickle? Das finde ich ganz wichtig. Wenn
die Welt so ist, wie sie ist – und das ist hier der Punkt –, aber
ich habe die Welt gerne so, wie sie sein sollte, in diesem
Idealzustand, dann ist das, was hier zwischendurch ist, die
Spannung, die es gibt; je grösser die ist, desto schlimmer. Man
nennt das die Inkongruenz. Und was hier ganz wichtig ist, ist
eben auch unsere Erwartung. Und an dem, habe ich den Eindruck,
kranken wir heute auch. Das merke ich immer wieder. Wir gehen so
davon aus, es muss alles ideal laufen. Also wir haben unsere
Normlatte auf einen Idealzustand raufgetan. Und nach dem Motto:
100 % müssen wir schaffen. Und da ist natürlich klar, dass wir
viel, viel schneller in ein Stressempfinden kommen, dass es eine
Fehlermeldung gibt, dass wir finden: Das kann ja nicht sein – und
empört reagieren –, als wenn man sagen würde: Ja gut, also mit 70
% bin ich schon zufrieden. Und diese Aspekte finde ich schon
wichtig, dass wir dort hinschauen. Weil sonst laufen wir Gefahr,
dass wir nur die äussere Situation anschauen und sagen, man
sollte doch. Oder noch besser, die anderen sollten doch. Das
hilft uns nicht. Es kann auch sein, es kann wahr sein, aber es
hilft uns nicht.
00:06:28 Lukas Ja, wir haben ... ja, insgesamt die
Herausforderung als Gesellschaft, eben gewisse Elemente zu
bewältigen. Und du sagst, ganz wichtig ist die Analyse zwischen
dem, was wir empfinden, und dem, was wirklich das Problem ist. Es
gibt halt auch Probleme, die nicht so bewältigbar erscheinen.
00:06:48 Esther Es gibt auch solche, die nicht bewältigbar sind.
Das Mindset im Sinne von: Wenn ich nur das Richtige mache, dann
kann ich alles bewältigen. Das stimmt nicht. Ich kann nie 100 %
bewältigen, aber auch nicht null. Und den Rest, den ich nicht
bewältigen kann, mit dem muss ich auch etwas machen. Das ist auch
wahr. Und dort ist die Akzeptanz ein relativ wichtiger Begriff.
Wie komme ich damit klar? Wie bewerte ich das? Strecke ich die
Waffen? Lasse ich mich fallen? Sage ich: Dann hat alles keinen
Sinn mehr? Oder schaffe ich es, in dem Bereich, in dem ich etwas
machen kann, das herauszuholen, was ich kann? Das sind alles
Fragen, die wir uns stellen müssen. Ganz losgelöst davon, dass
wir uns, glaub, alle einig sind, dass unser Lebensstil, unsere
Umgebungsfaktoren zu wünschen übrig lassen und wir einiges noch
herausholen können. Aber allein das – wenn wir nur das sehen –
lässt uns in eine Opferhaltung hineinfallen.
00:07:36 Lukas Ja, Ohnmacht haben wir auch vor allem bei den
Jungen, die wir beobachten konnten.
00:07:41 Jenny Ja, ich finde es einfach ganz wichtig, das, was du
sagst – das sieht man auch gut in den Zahlen. Beispielsweise
jetzt in der CSS-Gesundheitsstudie: Immer mehr Leute geben an,
dass sie sich permanent unter Druck fühlen, um leistungsfähig zu
bleiben. Und gerade wenn man so Unterschiede anschaut zwischen
verschiedenen Generationen, zwischen den Geschlechtern, etwas,
das halt fest auffällt und auch oft in den Medien Thema ist, ist
der Unterschied – oder der Fakt –, dass vor allem junge Frauen
sehr oft angeben, dass es ihnen psychisch nicht so gut geht im
Vergleich zu den anderen Gruppen. Mich würde es mega
interessieren – aus deiner klinischen Erfahrung und auch sonst –,
wie du das wahrgenommen hast. Ist das eine demografische Gruppe,
die uns besonders Sorgen machen müsste, oder müssen wir das Ganze
noch breiter denken?
00:08:27 Esther Ich denke, breit denken ist nie falsch. Ich finde
es immer sehr gefährlich, wenn wir sagen, die Gruppe ganz
speziell, die sind speziell. Es betrifft uns schlussendlich immer
alle als ganze Gesellschaft. Ja, natürlich ist es so, dass die
Belastung der jungen Generation, und innerhalb von denen
vielleicht der Frauen, noch ein bisschen höher ist. Aber es hat
ja etwas mit uns allen zu tun. Die junge Generation ist ja von
jemandem quasi erzogen worden. Und das heisst, es betrifft
nachher uns als ältere Generation auch. Mir dient es mehr, wenn
ich drei Schritte zurückgehe und sage, was betrifft uns alle. Und
ich sehe mehr Faktoren, die uns alle betreffen, als dass ich
jetzt mit dem Finger zeige: «Ui, die Jungen da.» Man könnte aber
davon ausgehen, wenn wir als ältere Generation ein Problem haben
einreissen lassen, unsere Illusionen machen, werden wir die
natürlich unseren Kindern potenzierter mitgeben. Also es gibt
einen Potenzierungseffekt. Was aber nicht heisst, dass Kinder
mehr Probleme haben, sondern sie haben es doppelt mitbekommen
oder sie stehen an einem anderen Ort. Und wir können es auch so
sagen: Vielleicht hat man in den 80er-, 90er-Jahren zu wenig
diagnostiziert, zu wenig hingeschaut. Und dann hat es sicher Sinn
gemacht, zu sagen: Hey, schau mal zu dir. Trag Sorge, nachher
schauen, was ist eine Diagnose und so weiter, das ernst nehmen.
Wir stehen heute an einem anderen Ort. Es werden viel mehr
Diagnosen gestellt. Und wenn wir jetzt aber immer noch – und das
sehe ich immer wieder zu meinem grossen Unglück – die Devise
verkünden: Mental Health heisst schonen, heisst vermeiden, heisst
uns zurücknehmen, so wenig wie möglich machen. Dann dient uns das
nicht mehr. Also was wir empfehlen und was es jetzt gerade
braucht, hängt immer davon ab, wo wir jetzt stehen. Und das ist
vielleicht auch ein Faktor, warum die junge Generation jetzt mehr
Mühe hat als vielleicht wir dannzumal noch.
00:10:13 Lukas Dort ist ja eine heikle Diskussion um Transparenz
im Gang. Dass wir mehr offen über das reden, ist ja auch in
deinem Sinn wünschenswert.
00:10:25 Esther Absolut. Auf jeden Fall, dass wir offen darüber
reden und dass wir auch die Breite zulassen. Ich finde eigentlich
das Konzept der Neurodiversität super. Man sagt, wir sind alle
unterschiedlich – so what? Nehmen wir es, wie es kommt. Aber was
mir Sorgen macht, ist, dass die Entstigmatisierungsbemühungen,
gerade in der Psychiatrie, die man über Jahrzehnte vorangetrieben
hat, übergeschwappt sind. In gewissen Bereichen ist es immer noch
so, dass eine Diagnose peinlich ist, aber in anderen Bereichen
habe ich das Gefühl, gehört eine Diagnose schon fast zum guten
Ton. Oder ist attraktiv. Oder ist wünschenswert. Also es gibt
Leute, die sich sehr identifizieren, gerade mit diesen moderneren
Diagnosen. Und das macht mir auch Sorgen. Ich möchte nicht, dass
Menschen Nachteile haben, wenn sie eine psychiatrische Diagnose
haben. Aber wenn sie Vorteile davon haben, haben wir auch wieder
ein Problem, weil das Chronifizierung fördert. Und da ist
irgendwo die Balance gefragt: Wie gehen wir jetzt mit dem
Grossthema Diagnose um?
00:11:21 Lukas Da sind wir mitten in der Diskussion um Burnout.
Ganz konkret: Cassandra Bergen ist ein bisschen du, würde ich
jetzt mal boshaft sagen.
00:11:34 Esther Meine Protagonistin, meine Krimi-Protagonistin.
00:11:38 Lukas Durch den Tag behandelt sie psychisch zum Teil
schwerkranke Leute. Und in der Nacht löst sie heftigste
Kriminalfälle, böse gesagt. Und das ist ja fast eigentlich die
Definition von jemandem, der wenig auf seine eigene Gesundheit
achtet. Das ist ja eigentlich genau das Problem, oder?
00:11:57 Esther Ich habe bei Cassandra Bergen nicht so Angst
wegen dem Burnout. Und zwar, weil sie sehr authentisch ist. Sie
ist bei sich, sie verbiegt sich nicht. Und das ist mir noch so
wichtig. Sie übernimmt auch die Verantwortung für sich. Sie macht
manchmal schon Fehler, aber sie übernimmt die Verantwortung. Und
ich finde, Selbstverantwortung – bei sich hinzuschauen und auch
mal etwas von sich zu verlangen –, das ist für mich eine
Burnout-Prophylaxe. Weisst du, ich muss ein bisschen aufpassen,
dass ich dort nicht einen allzu einseitigen Blickwinkel habe. Ich
habe kürzlich auch noch mit jungen Erwachsenen gearbeitet,
stationär, psychiatrisch. Und dort habe ich den Eindruck
gewonnen, bei den allermeisten ist Vermeidung das Problem und
nicht übermässiger Stress. Natürlich gibt es auch andere Fälle,
wo Leute viel zu viel haben. Aber mir ist aufgefallen, dass
gerade bei den Patienten, die ich dort gesehen habe – was
natürlich etwas eingeschränkt ist, eine spezielle Situation –,
viele das Gefühl hatten: Jetzt muss ich endlich zur Ruhe kommen,
weniger machen. Aber sie haben auch das Basalste des Alltags
nicht hingekriegt. Dort müssen wir aufpassen. Vermeidung ist für
mich mindestens so gefährlich wie Stress. Und deswegen finde ich,
Stress hat manchmal ein Imageproblem. Ja, ein chronischer
Dauerstress ist nicht gut für uns. Aber dann meinen viele: Da
muss ich mich so fest wie möglich schonen. Und immer wenn ich
mich nicht gut fühle, muss ich mich noch mehr schonen und noch
mehr Rückzug und noch mehr Entlastung und noch mehr Vermeidung.
Das ist tückisch. Weil Schonung und Vermeidung machen mich nicht
stärker. Das treibt mich zurück in die Komfortzone, und ich werde
immer kleiner und kleiner. Und das ist das Nervige der
Psychiatrie. Es gibt nicht einfach ein Rezept, das stimmt,
sondern es kommt immer darauf an, wo wir stehen. Und je nachdem
muss ich jemandem das raten, dem anderen aber etwas ganz anderes.
Und diese Flexibilität braucht es. Und wenn ich in den sozialen
Medien eben Rezepte lesen kann, im Sinne von: Burnout ist, wenn
man dich nicht ernst nimmt und wenn man dich nicht sieht –, dann
läuten bei mir die Alarmglocken. Wie viele dieser Rezepte, die da
rumschwirren, treiben eigentlich die Leute in die Vermeidung,
damit in die Opferhaltung und damit in die Chronifizierung. Das
ist so ein bisschen Highway to Hell.
00:13:56 Jenny Um bei diesem Stichwort Burnout zu bleiben, aber
jetzt vielleicht weniger wie die Cassandra Bergen und mehr so bei
der breiteren Gesellschaft: Mich hat es echt erstaunt, als ich
auch in der CSS-Gesundheitsstudie nachgelesen habe, mittlerweile
geben nur noch quasi zwei Drittel der Bevölkerung an, dass sie
noch nie so eine Art Erfahrung hatten in ihrem Leben, die sie
jetzt als Burnout bezeichnen würden. Wenn ich dir jetzt so
zuhöre, würde ich sagen, vielleicht müssen wir uns da doch nicht
so Sorgen machen – oder wie würdest du das einschätzen?
00:14:24 Esther Weisst du, ich sage dir, das ist wirklich ganz
klar meine persönliche Meinung. Ich komme jetzt da nicht mit dem
Anspruch auf Wahrheit und Empirie. Aber meine persönliche Meinung
ist, dass wir dazu neigen, ganz normale, belastende
Lebensumstände zunehmend als Krankheiten zu missinterpretieren.
Zu denken: Hey, das ist auf jeden Fall eine Diagnose. Dabei
gehört es zum Leben. Man nennt das Leben. Das heisst, intensive
negative Gefühle, Phasen von Verunsicherung, Misserfolg, Verlust,
auch einschneidende Lebensereignisse – da haben ganz viele Leute
das Gefühl, das sei krank. Es braucht immer eine Therapie. Das
ist nicht so. In den wenigsten Fällen braucht es einen
Therapeuten. Dort müssen wir hinschauen. Nicht jeder Mensch, der
sagt, ich fühle mich deprimiert, hat die Diagnose einer
Depression. Das müssen wir unterscheiden. Stress ist ein sehr
subjektives Empfinden, Schmerz ist ein sehr subjektives
Empfinden, auch das Deprimiertsein ist sehr subjektiv und hängt
auch sehr stark davon ab, was wir erwarten. Und dieser
Idealzustand, wo wir eben unsere Nulllinie aufgehängt haben auf
100 %, da ist schon 99 unzumutbar. Und das sehe ich an so vielen
Orten.
00:15:38 Lukas Dort willst du ganz klar – wenn ich jetzt
probiere, in deinen Werkzeugkasten hineinzuschauen, was du in
deiner Ratgeberliteratur machst – ganz klar unterscheiden
zwischen ... Also es gibt ein Problem, nehmen wir wieder das
Problem, zum Beispiel du bist unter Druck am Arbeitsplatz, bist
unglücklich mit deiner Chefin: dass man sagt, was ist genau das
Problem, dass man sich das vielleicht auch aufschreibt und
wirklich genau probiert, auseinanderzunehmen, was objektiv
wirklich die Problemsituation ist. Was ist genau der Druck?
00:16:05 Esther Der technische Aspekt quasi.
00:16:06 Lukas Der technische, genau. Und auf der anderen Seite
der Gefühlsaspekt. Warum fühle ich mich bei dem so unter Druck?
Oder empfinde ich sogar Unsicherheit, Ängste? Dass man das genau
auseinandernimmt und vielleicht mit diesem Instrument zuerst für
sich schaut. Und dann hat man vielleicht auch die Grundlage, um
mit der Chefin ein gutes Gespräch zu führen.
00:16:25 Esther Und weisst du, genau dieses Hinstehen, um mit der
Chefin ein Gespräch zu führen – ich finde, das machen wir zu
wenig. Es ist so: «Ach Gott, Arbeitsplatzbedingungen sind
Horror.» Ich meine, in den 68er-Jahren sind die Leute auf die
Strasse gegangen. Heute, wenn man sich nicht wohl fühlt am
Arbeitsplatz, was macht man? Standardspruch: «Ich hole mir ein
Zeugnis.» Dann gehe ich rückwärts raus, dann bin ich geschützt.
Und dann will ich aber auch nicht mit dem Chef reden, weil der
nächste Chef wird sicher super. Nein, wird der auch wieder nicht.
Ich finde auch, unsere Arbeitsplatzbedingungen – dort müssen wir
etwas ändern. Schaffen wir aber nicht, wenn jeder, der sich nicht
wohl fühlt, sich schweigend rauszieht, sondern es braucht mehr
Zivilcourage. Dass wir uns trauen, zu sagen: Nein, hallo, was
soll das? Dass wir uns auch mal die Freiheit nehmen zu sagen:
Schau, sorry, ich kann nicht zaubern. Und wir sind ja mega gut,
heutzutage einander die heissen Kartoffeln zuzuschieben. Im Sinne
von: Wenn du nur genug effizient bist, dann kannst du das, und
das darf ich von dir verlangen. Und so gehen wir hin und her und
hin und her. Es braucht Leute, die sagen: Hey, träumt weiter,
Jungs. Es geht nicht. Und diese Zivilcourage wünsche ich mir
mehr. Ich wünsche mir mehr Wahlbeteiligung und weniger
Arbeitsunfähigkeitszeugnisse. Und weniger anonyme Hasskommentare
im Internet.
00:17:36 Lukas Okay, das können wir unterschreiben.
00:17:37 Esther Ja, vorne stehen und etwas machen. Viele von
diesen Faktoren, die wir zu Hause haben, passieren uns einfach.
Haben wir vielleicht trotzdem etwas, womit wir das ändern können?
Weisst du, zum Beispiel auch digitale Medien, soziale Medien und
so weiter, wo alle sagen: Ui, ganz schlimm. Schlussendlich bin
ich dann trotzdem noch ich, der sich entscheidet: Nehme ich jetzt
das Gerät zur Hand oder nicht? Und was bringe ich meinen Kindern
damit bei? Solche Fragen, dass wir nicht vorschnell denken:
unzumutbar, ich bin eine Arme, sondern auch schauen: Was kann ich
hier machen? Also wie weit ist quasi die Reichweite meiner Arme?
Und das geht dort hinein. Analysieren: Was kann ich machen, was
kann ich beeinflussen, was nicht? Und was sind eben meine Gefühle
und Gedanken – und vielleicht gar nicht die von der Umwelt?
00:18:21 Lukas Also du würdest ein Plädoyer gegen ein Verbot von
Social Media für Kinder halten?
00:18:22 Esther Ich finde, wir müssen dort aufpassen. Das ist ein
gewaltiges Suchtmittel. Ich komme ja aus der Suchttherapie und
kenne das. Ich weiss, es gibt Substanzen, es gibt Umstände, die
sind unglaublich verführerisch, und die sozialen Medien sind das
definitiv. Irgendjemand hat einmal schön gesagt: Du kannst schon
versuchen, Selbstdisziplin zu wahren, aber auf der anderen Seite
des Bildschirms hat es tausend Ingenieure, die gegen dich
arbeiten. Ja, das wird irgendwo schon stimmen, aber wenn ich dann
sage: Das ist wieder typisch, man will mich verführen, man quält
mich –, bin ich wieder voll in der Opferhaltung. Wie gehe ich mit
dem um? Wir müssen einen Weg finden.
00:19:01 Jenny Ich würde dich gerne noch fragen, Esther – apropos
mit dem Chef, mit der Chefin zu reden, wenn es einem nicht wohl
ist aus irgendeinem Grund bei der Arbeit. Das ist auch ein Punkt,
der mir aufgefallen ist: dass über ein Drittel der Schweizer
Bevölkerung sagt: Hey, ich hatte schon mal Angst, über eine
Erkrankung, die ich hatte, mit meinem Arbeitgeber, meiner
Arbeitgeberin zu reden, weil ich Angst hatte, dass das nicht auf
genug Verständnis stösst – und dass die Leute das vor allem
angeben, wenn es darum geht, dass sie psychische Krankheiten oder
psychisches Unwohlsein nicht mit der Chefetage besprechen wollen.
Wenn ich dir zuhöre – du sagst, man sollte sich das mehr trauen
–, kannst du die Sorge der Leute trotzdem nachvollziehen, dass
man das oft nicht macht?
00:19:42 Esther Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich sage
immer noch, es hat beides. Einerseits ist es immer noch ein
Stigma, und andererseits ist es wie das Gegenteil. Ich höre von
Arbeitgebern auch: «Hey, mir wird die ganze Verantwortung für die
psychische Gesundheit meiner Mitarbeitenden überwälzt.» Und wenn
ich mal ein bisschen mehr von ihnen verlange, dann sagen sie: Es
ist unzumutbar, ich bin krank. Also man hört beides. Und auch da
ist es mir wichtig, dass wir schauen, wo wir genau stehen. Es
gibt Menschen, die sich nicht trauen, die nicht zu sich schauen.
Und dann gibt es Menschen, die fast zu fest zu sich schauen und
nichts von sich verlangen und von der Umgebung verlangen: «Du
musst mich schonen.» Das gibt es auch. Und das macht es ja so
kompliziert. Es gibt immer beides.
00:20:26 Lukas Das Gesundheitswesen an sich war für dich eine
Motivation, um mehr auf gesellschaftliche Themen einzugehen, mehr
die Leute zu fordern oder Empfehlungen zu geben, wie sie mit
ihrer eigenen Situation umgehen können. Das ist eigentlich dein
Rezept gegen die Überlastung des Gesundheitswesens, wenn ich dich
korrekt zusammenfasse.
00:20:45 Esther Mir fällt einfach auf, dass es immer mehr
Menschen gibt, die sich – müssen oder wollen – tragen lassen. Und
dann gibt es immer weniger, die noch tragen können. Das ist
einfach ein Fakt. Fachkräftemangel im Gesundheitswesen, überall
Finanzierungsprobleme. Und da muss man weder Mathematiker noch
Statiker sein, um zu merken: Es geht nicht auf. Du kannst nicht
auf eine immer dünner werdende Säule immer mehr obendrauf tun.
Und ich finde, darum ist es einfach: Wenn wir ein gut
funktionierendes Gesundheitswesen wollen, ist es unsere Aufgabe,
auf die zu schauen, die noch tragen. Und nicht nur auf die
Bedürfnisse von denen, die getragen werden wollen. Damit die, die
tragen müssen, das noch können. Verstehst du, wie ich meine? Es
ist so ein bisschen beides. Wir können nicht den Leuten, die
tragen, einfach immer mehr aufladen und immer mehr verlangen. Und
darum ist es wichtig, dass wir als Gesamtbevölkerung selber mehr
tragen können. Es gibt leichte Situationen – eben der Umgang mit
belastenden Lebenssituationen, mit Sachen unter der Diagnose –,
dass wir das bei uns behalten. Und das Gesundheitswesen, das
Versorgungsnetz, das wir haben, soll sich um die Sachen kümmern,
wo es wirklich einen Arzt braucht, einen Psychologen braucht. Das
ist für mich ganz etwas Wesentliches. Und auch dort sind die
Empfehlungen in den sozialen Medien manchmal völlig konträr. Hey,
Therapie tut allen gut. Wäre es nicht schön für dich? Ja, aber
wir haben die Valenzen nicht mehr.
00:22:14 Jenny Du sprichst die Situation von denen an, die im
Gesundheitswesen arbeiten, gerade in der Psychiatrie. Und das ist
auch ein sehr wichtiger Punkt, den wir in unseren
Begleitforschungsstudien sehen, wo wir verschiedene
Gesundheitsfachpersonen befragen, unter anderem zu ihren
Arbeitsbedingungen. Und da ist es halt ein sehr grosses Thema,
gerade in der Psychiatrie, dass die meisten sagen: Hey, wir haben
einen ganz grossen Fachkräftemangel; dass sie das Gefühl haben,
es gibt viele Abwesenheiten auch unter den Ärztinnen und Ärzten
aus gesundheitlichen Gründen, weil sie nicht mehr können; oder
dass nur 60 % sagen: «Ich habe das Gefühl, ich erfülle wirklich
die medizinischen Anforderungen, die eigentlich zu meinem Beruf
gehören würden.» Das sind da ganz verschiedenartige Probleme.
Vielleicht doch nochmals auf der systemischen Ebene: Was hast du
das Gefühl, könnte man da machen, um den Leuten in der
Psychiatrie möglichst zu erleichtern – auch aus deiner Erfahrung?
00:23:13 Esther Ich glaube, da sind wir uns alle einig: Es kann
nicht sein, dass das Gesundheitswesen seine Mitarbeitenden krank
macht – und das passiert jetzt. Und da gibt es halt ganz viele
Aspekte. Weisst du, ich habe nicht die Lösung, aber es fällt mir
auf, dass die formellen Anforderungen immer mehr zunehmen. Es
fällt mir aber auch dort wieder auf, dass ein Idealzustand
verlangt wird, den wir einfach auch nicht mehr so leisten können.
Da sollte jeder Patient die maximale Versorgung bekommen.
Wirklich, aber es gibt gar keine Leute mehr dafür. Und dann gibt
es Situationen, wo es ans Eingemachte geht, weil es darum geht,
ein Mensch ist, sagen wir, suizidal. Die Behandler – von denen
wird erwartet, dass sie die Verantwortung übernehmen, dass dem
Menschen nichts passiert –, und dann würde man erwarten:
1-zu-1-Betreuung rund um die Uhr, aber sie haben die Leute nicht
mehr. Und gleichzeitig dürfen sie aber keine
freiheitseinschränkenden Massnahmen machen, also die persönlichen
Rechte des Patienten dürfen nicht eingeschränkt werden. Das sind
so Unmöglichkeitskonstruktionen, wo man völlig ausser Acht lässt,
wie die Situation wirklich ist; sondern auch dort geht man wieder
vom Idealzustand aus. Und ich glaube, es würde uns allen helfen,
wenn wir mal von diesem amerikanischen Bigger-, Better-, Faster-,
More-Prinzip abkommen würden. Weisst du, der Gedanke, das Leben
ist wie eine gerade Linie, die immer besser wird. Hey, das Leben
ist ein Kreis. Und manchmal geht es hinten runter. Und das Leiden
gehört dazu, und die Krankheit gehört dazu. Es ist nicht alles
heilbar. Man kann nicht alles behandeln. Und statt dass wir
einfach immer mehr versuchen würden – hey, wir müssen doch das
irgendwie hinkriegen und Heilung hinkriegen –, dass wir
vielleicht auch mehr uns eingestehen könnten: Es ist gar nicht
möglich. Wir können nicht mehr kurativ arbeiten. Also arbeiten
wir palliativ. Palliativ heisst nicht, wir lassen die Leute
baldmöglichst sterben. Aber das heisst, wir akzeptieren: Hier
bringen wir nicht eine hundertprozentige Heilung her. Und wir
geben nicht das Maximale und spulen und spulen, sondern wir
sagen: Also, wir kriegen es nicht hin. Dann ändern wir unsere
Werte: Autonomie, Würde, Schadensminderung, Lebensqualität. Dann
bauen wir darauf auf: Was braucht es, damit das möglich ist? Es
gäbe eine Entspannung. Wenn wir schon begreifen würden, dass der
Mensch stirbt, dass das passieren kann, würde uns das auch schon
viel bringen. Also ich glaube, wir lügen uns alle gerne ein
bisschen in die Tasche. Sowohl als Patienten, als Gesellschaft,
aber auch als Gesundheitswesen. Wir haben hohe Ansprüche und wir
haben das Gefühl, wir müssten doch das Ideal hinkriegen. Das
schaffen wir nicht.
00:25:35 Lukas Es gibt ja viele Situationen, wo die Ohnmacht
wirklich nicht mehr mit dem eigenen Spielfeld zu tun hat, mit der
Situation, in der man drin ist. Und die Ohnmacht ist irgendwie
ganz stark spürbar im Moment, wenn es um die Unsicherheit auf
dieser Welt geht. Wenn man quasi das Gefühl hat, dass Wut und
Ohnmacht dominieren – das haben im Moment sehr viele Leute. Das
Gefühl, dass es nicht gut geht. Was ist die Empfehlung im Umgang
mit dieser Unsicherheit, mit der globalen Unsicherheit?
00:26:14 Esther Ich finde es wichtig, dass wir unsere eigene
Wahrnehmung unter die Lupe nehmen. Unser Verstand ist primär auf
Existenzsicherung ausgerichtet. Er sieht immer eher das Negative
und überbläht es und überinszeniert es. Wenn ich einen
Sachverhalt mitbekomme, macht mein Hirn nicht ein Abbild der
Realität, sondern es verzerrt ins Negative. In der Presse ist das
noch potenziert. Das ist ein kollektiver Effekt. Wir verzerren
alle das Negative. Mein Lieblingsbuch zum Thema ist «Factfulness»
von Hans Rosling. Er hat das wunderbar hergeleitet. Wer das
wissen möchte, soll dort nachlesen. Die Wahrnehmung, die wir ins
Negative verzerren, ist wie ein Uralt-Programm von uns. Das ist
wahrscheinlich Tausende von Jahren alt. Das ist ganz tief im
Menschsein verwurzelt. Auch unsere Reaktionsmuster sind ein
Uralt-Programm. Immer wenn Not am Mann ist, reagieren wir immer
gleich. Mit Angst und Wut. Oder anders gesagt: Flucht oder Kampf.
Das sind so unsere zwei Standard-Werkzeuge. Und das merkt man im
Moment im Politischen sehr stark. Es ist Wut um uns, es ist Angst
um uns. Das mobilisiert die Masse, das treibt die Leute ins
Extrem. Und ich glaube, wir werden als Menschheit aufgerufen, so
ein bisschen neue Werkzeuge zu entwickeln. Weil die alten
Werkzeuge – Angst und Wut – super funktionieren bei akuten
Raubtierangriffen, sage ich gerne.
00:27:35 Lukas Fluchtreflex.
00:27:35 Esther Ja. Also bei etwas, das unmittelbar
lebensbedrohlich ist. Aber unsere heutigen Probleme, die sind
langfristig, breitflächig, vernetzt und kompliziert. Und dort
funktioniert es nicht gleich. Und dort müssten wir eben auch
nicht nur für einen Sprint gerüstet sein – Adrenalin, Angst, Wut
–, sondern für einen Marathon. Und das heisst, bessere Werkzeuge
wären Zuversicht, Kooperation. Aber das müssten wir uns zuerst
antrainieren. Und das ist nicht ganz einfach.
00:28:01 Lukas Also auch Beteiligung, Beteiligung in der
politischen – also dass wir dort auch in Kooperation
zusammenarbeiten. Wir haben versucht, heute den ganz grossen
Bogen zu schlagen. Wir haben nämlich versucht, zuerst über das
Stressempfinden einer belasteten Gesellschaft zu sprechen, aber
auch über die Überlastung, die es gibt, vielleicht bei jungen
Leuten, psychische Gesundheit und in der Psychiatrie. Und wir
haben am Schluss sogar noch die ganze Welt auf deine Couch legen
dürfen.
00:28:29 Esther Wenn schon, denn schon, gell?
00:28:31 Lukas Volles Rohr. Vielen, vielen Dank, dass du bei uns
Gast warst. Viel Erfolg mit deinem weiteren Ratgeberdasein.
Herzlichen Dank.
00:28:43 Esther Danke, Jenny.
00:28:44 Lukas Ja, Jenny, was hast du mitgenommen heute?
00:28:45 Jenny Ja, ganz viel Verschiedenes. Ich würde sagen,
vielleicht am Ende sind mir zwei Punkte geblieben. Einerseits so
ein bisschen das Stichwort Perfektionismus. Also ich habe das
Gefühl, es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind nach dem
Gespräch mit Esther: Klar, wir möchten eine gute Versorgung. Es
ist wichtig, dass wir gut auf uns schauen. Aber es hilft uns zum
Teil auch nicht, wenn wir zu hohe Ansprüche an uns haben. Das
kann in ganz verschiedenen Lebensbereichen sein, und es würde uns
da vielleicht auch gut tun, mal einen Schritt zurückzugehen und
sich zu überlegen: Hey, müssen es wirklich immer die 100 % sein?
Und ich denke, das andere Stichwort, das mir vor allem geblieben
ist, ist die Resilienz von jedem Einzelnen. Also auch da: Es
bleibt wichtig, dass man sich Hilfe holt, wenn man sie braucht,
und dass man auch offen über schwierige Themen reden kann, aber
dass doch relativ viel Resilienz in jedem Einzelnen von uns
steckt und dass man vielleicht in gewissen Fällen schon relativ
weit kommt, wenn man bei sich selber anfängt.
00:29:50 Lukas Ja, etwas Disziplin, was sie auch selber sagt,
sich aber dabei nicht unbedingt die Peitsche zu geben – also dass
man sich nicht mit dem Anspruch, alles gleich sofort zu schaffen,
quält. Ja, das stimmt.
00:30:02 Jenny Dann würde ich noch sagen: Wer es genauer wissen
möchte – alle genannten Studien, alle Details dazu –, findet ihr
unten in der Beschreibung.
Mehr
19.11.2025
31 Minuten
Prävention, Psychiatrie, Krankenkassen: Realitätscheck im
Schweizer Gesundheitswesen
Diese Woche haben Lukas Golder und Jenny Roberts Nationalrätin
Sarah Wyss zu Gast. Sie reden über: Warum Prävention chronisch
unterfinanziert bleibt und welche Anreize tatsächlich wirken. Wie
die Kinder- und Jugendpsychiatrie entlastet werden kann –
inklusive einer nüchternen Zwischenbilanz zum Anordnungsmodell.
Und ob über 40 Krankenkassen Effizienz schaffen oder vor allem
Verwaltung produzieren.
Im Podcast zitierte Studien:
Sorgenbarometer
Krebsversorgungsmonitor
Präventionsmonitor
Transkript zur Episode
00:00:02 Sprecher GFS Echo, der Podcast von GFS Bern. Mit Lukas
Golder und Jenny Roberts.
00:00:12 Lukas Herzlich willkommen zu GFS Echo, dem Podcast von
GFS Bern zu den wichtigsten und brennendsten Themen in der
Schweizer Politik. In dieser Staffel geht es um das
Gesundheitswesen insgesamt. Bei der Bevölkerung stehen häufig die
Kosten im Vordergrund. Heute reden wir aber mehr über die
Gesundheitsversorgung – vor allem die psychiatrische – und auf
der anderen Seite über Prävention. Ein Thema, das im politischen
System nicht so oft diskutiert wird.
00:00:41 Jenny Ja, da täuscht der Eindruck in Bezug auf die
Bevölkerung nicht. Wir wissen aus dem Präventionsmonitor, dass
die Leute in der Schweiz am ehesten auf der individuellen Ebene
denken, wenn es um Prävention geht: Ich ernähre mich etwas
gesünder, mache etwas Sport – solche Sachen. Und erst in zweiter
Linie denken wir an strukturelle, politische Massnahmen, wobei
die genauso wichtig wären.
00:01:04 Lukas Heute wird es politisch. Wir haben eine
Nationalrätin hier, die sowohl im Bereich Kosten – nämlich als
Präsidentin der finanzpolitischen Kommission – aber eben auch im
Bereich Gesundheitsversorgung tätig war, selber im Management in
der Psychiatrie, und in der Kommission, die sich um
Gesundheitsfragen kümmert. Nationalrätin Sarah Wyss von der SP,
herzlich willkommen.
00:01:25 Sarah Danke für die Einladung, ich freue mich darauf.
00:01:27 Lukas Bei der Prävention kann man fast sagen, es steht
ein Wunschtraum im Raum: dass man gleichzeitig die Kosten senken
und die Versorgung, die Gesundheit der Bevölkerung, verbessern
kann. Ist es ein Wunschtraum?
00:01:39 Sarah Ich glaube, die Prävention ist wirklich für die
Menschen da. Am Schluss wollen wir doch alle, dass die Menschen
nicht krank werden. Und was du, Jenny, gesagt hast, ist richtig:
Einerseits beginnt die Prävention im Alltag bei jedem. Aber man
muss den Menschen ein Rucksäckchen mitgeben, damit sie sich auch
so verhalten können. Dieses Rucksäckchen ist die institutionelle
– oder ein Teil der institutionellen – Prävention. Da fällt mir
auf: Beim Gesamtvolumen des Gesundheitswesens, also rund 90
Milliarden, geben wir gerade einmal 1,4% für Prävention aus. Für
die Verwaltung geben wir 4,4% aus. Für Prävention, die all diese
Kosten eigentlich reduzieren könnte, geben wir so wenig Geld aus.
Da sieht man, dass das Interesse an Prävention leider nicht so
gross ist. Vielleicht kann ich ausführen, warum. Alle sagen, die
Menschen sollen gesund bleiben, sollen gesund werden. Für jeden
einzelnen Leistungserbringer wäre das das Ziel. Aber das
Gesamtsystem lebt von Krankheit. Wenn Menschen nicht krank sind,
verdient fast niemand im Gesundheitswesen etwas. Das ist ein
Grundproblem unseres Finanzierungsmodells.
00:02:50 Lukas Aber da kommen die Kosten sehr schnell ins Spiel,
weil Prävention, so wie du es beschreibst, kostet natürlich. Wir
haben Screening-Programme, die zum Teil hinterfragt werden, und
man weiss nicht mehr, wer warum zahlen soll. Man weiss: Im
Prinzip muss man investieren, man soll mehr investieren. Wieso
sollten die Kosten runtergehen?
00:03:12 Sarah Die Kosten gehen nicht heute runter – das ist
vielleicht das Problem der Politik. Wenn wir heute
Vorsorgeuntersuchungen machen oder klassische Primärprävention,
etwa Plakatkampagnen, ist es nicht so, dass ich sofort gesund
werde oder heute nicht erkranke. Über eine längere Frist stärkt
das die psychische Gesundheit und beugt z. B.
Herz-Kreislauferkrankungen vor. Die Kosten werden viel später
eingespart. In der Politik ist man darauf gedrillt, möglichst
schnell einen Effekt zu sehen. Den sehen wir erst in 10, 20
Jahren. Die, die heute Politik machen, profitieren davon dann
nicht mehr. Darum ist es wichtig, mit Studien zu zeigen, wie
wirksam Prävention ist, damit man zumindest vom Kopf her sagt:
Dort müssen wir investieren, damit Menschen gesund bleiben.
00:04:08 Jenny Um die Sicht der Bevölkerung reinzubringen: Wir
wissen, dass drei Viertel der Schweizer Bevölkerung das Gefühl
haben, wenn wir mehr in Prävention investieren, könnten wir
Milliarden einsparen im Gesundheitswesen. Würdest du das
unterschreiben?
00:04:24 Sarah Ja, absolut. Es ist einfach nicht unmittelbar. Es
ist nicht so, dass wir heute investieren und das Geld heute
gleich wieder zurückkommt. Es geht über eine längere Zeit. Ein
anderer präventiver Ansatz ist etwa die Zuckerreduktion –
freiwillig oder nicht. Da weiss man, es hat einen Effekt auf die
Gesundheit. Das sind Massnahmen, die teilweise etwas kosten,
teilweise Vorgaben an die Industrie oder Anreize für die
Industrie sind. Das alles wird oft hinterfragt: Bei
Industrievorgaben heisst es, man solle nicht reinreden; gibt man
zusätzlich Geld aus für klassische Präventionsarbeit, fragt man:
Bringt das etwas? Ich sehe ja morgen nichts. Und schlussendlich
haben die Akteure – so toll sie sind – nicht unbedingt ein
Interesse daran, dass Prävention wirkt. Das macht mich im
Gesundheitswesen wirklich fertig. Alle, die einen
Gesundheitsberuf gelernt haben, wollen, dass es den Menschen
besser geht. Trotzdem ist unser Finanzierungssystem so, dass
niemand ein finanzielles Interesse daran hat. Das ist absurd.
00:05:44 Lukas Wenn man diesen Zustand – unter dem du offenbar
selber leidest – in Kontrast setzt zu einem System, das vernetzt
funktionieren soll, mit Akteuren, Kantonen, Bund: Nun reagiert
der Bund mit Strategien, mit Vorstössen. Was wünschst du dir in
diesem Bereich?
00:06:07 Sarah Wichtig ist, dass Kantone, Gemeinden, Bund und
alle Akteure zusammenarbeiten. Im Moment sind die Zuständigkeiten
fragmentiert, das ist schwierig. Wir wohnen heute oft nicht am
gleichen Ort, an dem wir arbeiten. Prävention muss
kantonsübergreifend sein. Ich wünsche mir Strategien, die mit
Expertinnen und Experten im Feld erarbeitet werden – und, falls
nötig, gesetzliche Grundlagen, z. B. für Verbote oder zusätzliche
Gelder. Da hakt es. Wir haben Strategien zu nichtübertragbaren
Krankheiten, Sucht, Krebs – diverse Strategien. Aber das
Parlament streicht dem Bund bzw. dem BAG das Geld zusammen. Wir
haben tolle wissenschaftliche Arbeit, aber die Umsetzung ist
nicht möglich, weil das Geld fehlt. Das ist absurd. Wir fordern
immer neue Strategien – aber eine Strategie nur auf dem Papier
nützt nichts. Wenn wir eine Strategie wollen, müssen wir sagen:
Das hat ein Preisschild, und es muss uns das Geld wert sein.
00:07:28 Jenny Ein anderer Punkt in der Präventionsstrategie
2040: Zusammenarbeit von Bund und Kantonen. In der Bevölkerung
gibt es Wohlwollen für so eine Strategie. Gleichzeitig ist
Prävention eher in der Kompetenz der Kantone. Bevormundet man die
Kantone nicht mit bundesweiten Strategien? Wie siehst du das?
00:08:03 Sarah Ich verstehe, dass es so wirken kann. Aber 24
verschiedene Präventionsstrategien machen keinen Sinn. Schon
wegen der Ressourcen für Erarbeitung, Monitoring und
Weiterverfolgung ist eine gemeinsame, übergreifende Strategie
sinnvoll, in die alle einbezogen sind. Uns fehlt aber eine
gesetzliche Grundlage für allgemeine Prävention auf nationaler
Ebene. Bei Krebs oder Suizid gibt es Grundlagen, aber vieles
fehlt. 2012 ist das Präventionsgesetz, wenn ich mich recht
erinnere, im Nationalrat an einer Stimme gescheitert. Im Moment
denkt man – etwa in der Schweizerischen Gesellschaft für
medizinische Wissenschaft – laut über ein Gesundheitsgesetz nach.
Wir müssen heute vieles über das Krankenversicherungsgesetz
regeln. Prävention setzt idealerweise dort an, wo man noch nicht
krank ist, mindestens die Primärprävention. Es wäre sinnvoll,
dass man dafür nicht zuerst eine Diagnose braucht. Instrumente
auf Bundesebene sind derzeit im Wesentlichen auf Strategien
beschränkt, mit wenigen Ausnahmen. Ich hoffe, dass ein
Gesundheitsgesetz kommt, in dem Gesundheit im Vordergrund steht –
nicht Krankheit.
00:09:25 Lukas Kommen wir zur direkten Versorgungssituation, mit
deiner Erfahrung im Management psychiatrischer Kliniken. Da kommt
viel zusammen. Gibt es in der heutigen Versorgungslage – trotz
starkem Gesundheitswesen – echte Probleme? Viele deuten sich in
der Psychiatrie: Versorgungsengpässe, Fachkräftemangel, eine neue
Finanzierung, die nicht klar ist, erschwerter Zugang, und das
Gefühl, die psychische Gesundheit, vor allem junger Frauen, stehe
unter Druck. Wo siehst du die Probleme, und wo brauchen wir
andere Lösungen?
00:10:20 Sarah Ich will mit etwas Positivem anfangen, bei all
dem, was negativ tönt: Die Enttabuisierung psychischer Probleme
und Krisen finde ich extrem positiv. Man traut sich, Hilfe zu
holen, schämt sich nicht mehr – früher hiess es despektierlich
„in die Klapse“. Aber gewisse Bevölkerungsgruppen sind massiv
belastet – bis in Krankheit hinein. Besonders bei Kindern und
Jugendlichen gibt es einen Engpass, das weiss man. Kinder- und
Jugendpsychiatrie gilt offiziell als unterversorgtes Fachgebiet.
Sie haben nun etwa eine Sonderregelung zusammen mit Hausärztinnen
und Hausärzten – sie können schneller zugelassen werden. Das
Problem ist damit noch nicht gelöst, aber es ist anerkannt. Neben
der Unterversorgung sind auch die Kosten ein Thema: Die direkten
Kosten sind das eine – Spitalaufenthalt, Therapie etc. Das andere
sind volkswirtschaftliche Kosten, je nach Studie bis zu 7
Milliarden durch Ausfälle etc. Ich würde zwei Dinge unmittelbar
machen: In den Schulen ansetzen – psychologischer Dienst,
Sozialarbeit – damit Krisen früh aufgefangen werden und es gar
nicht so weit kommt, dass junge Menschen ins System der
Psychiatrie hineinkommen.
00:12:16 Lukas Ist wieder Prävention, eigentlich?
00:12:17 Sarah Genau. Das ist Vorsorge, Prävention, sicher
Krisenintervention – und dort stehen zu wenig Mittel zur
Verfügung. Das ist logischerweise nicht KVG-relevant, weil sie
keine Diagnosen haben. Man soll auch nicht einfach
diagnostizieren, sondern die jungen Menschen dort unterstützen.
Das ist ein Hauptanliegen. Das andere sind Therapieplätze: Es
gibt lange Wartelisten, regional sehr unterschiedlich – und je
nach Diagnose ebenfalls. Gewisse finden fast niemanden, andere
haben relativ schnellen Zugang. Da haben wir eine Ungleichheit
der Zugänglichkeit – das ist gefährlich für unser System.
00:12:59 Lukas Jetzt können Psychologinnen und Psychologen
direkt, ohne Umweg über eine Psychiaterin, psychotherapeutische
Leistungen erbringen, die von der obligatorischen
Krankenversicherung bezahlt werden. Das war eine Massnahme
angesichts der angespannten Lage. Wie sieht die Bilanz aus? Hat
das geholfen, die Situation zu entschärfen?
00:13:29 Sarah Die Auswertung der Bilanz liegt noch nicht vor. Es
würde dem Parlament gut tun, abzuwarten und dann zu analysieren.
Im Moment verfällt man in Aktionismus und will schon wieder am
sogenannten Anordnungsmodell schrauben. Wir wissen: Die Kosten
sind gestiegen – rund 360 Millionen mehr. Aber das ist gewollt,
weil die Versorgung besser werden soll. Wir wissen z. B. noch
nicht, wie viel weniger Kosten dadurch bei den Psychiaterinnen
und Psychiatern anfallen. Diese Wechselwirkungen kennen wir noch
nicht. Gewisse sagen einfach: Es kostet viel – man sieht nicht,
was man dafür bekommt. Darum bin ich dafür, zuzuwarten, bis die
tiefgreifende Analyse da ist. Dann können wir sagen: Es hat
gewirkt – oder es braucht Anpassungen.
00:14:21 Jenny Ja, es wird noch detaillierte Analysen geben.
Gleichzeitig gibt es Monitorings zum bisherigen Stand. Man weiss:
Der Systemwechsel hat dazu geführt, dass mehr Leute in Behandlung
kommen, die Inanspruchnahme ist höher. Bis jetzt sind es
durchschnittlich rund 131 Millionen Mehrkosten pro Jahr. Du
sagst: Abwarten, wie die Gesamtbilanz aussieht. Du würdest hier
noch nicht Alarm schlagen?
00:15:05 Sarah Nein. Bei der Kostendiskussion muss man sich immer
fragen: Was ist der Mehrwert? Ich bin nicht grundsätzlich
dagegen, mehr auszugeben. Es kommt darauf an, ob eine Leistung
dahintersteht. Wenn es den Menschen danach besser geht, darf
diese Leistung etwas wert sein. Wir reden vielleicht zu selten
über Qualität und starren zu sehr auf die Kostenröhre. Wenn wir
gute Qualität haben und Menschen gesünder sind, darf uns eine
Kostensteigerung etwas wert sein. Wer das bezahlt, ist eine
andere Frage. Ich schlage nicht Alarm wegen der Kosten – eher,
weil der Bedarf steigt. Das bedeutet auch im Alltag: vielleicht
ruhigere Zeiten einplanen, die psychische Gesundheit fördern,
damit gar nicht so viele Krisen oder Krankheiten entstehen.
00:16:07 Lukas Dieses Bewusstsein – zu merken, wie es einem geht
– ist dir wichtig. Gut, dass mehr darüber geredet wird. Präventiv
gefragt: Ist Digitalisierung hier eine Chance? Zum Beispiel
KI-Coaches, wenn man Stress merkt – statt staatliche Programme
und Finanzierungsansätze früh bei den Leuten ansetzen: Hilf dir
selbst?
00:16:44 Sarah Die Algorithmen hinter der KI sind für mich eine
Blackbox. Ich weiss nicht, welche Informationen wie
zusammengeführt werden. Gerade im medizinischen Bereich bin ich
vorsichtig. Das heisst nicht, dass KI nicht genutzt werden kann.
KI wird genutzt und kann noch stärker genutzt werden. Es gibt
Apps, die entwickelt werden, Digitalisierung ist da und muss
weiterkommen. Aber einfach in ChatGPT eingeben „Heute geht es mir
nicht gut, was soll ich tun?“ – und es sagt „Geh spazieren“ – das
ist nicht in jeder Situation angebracht. Es braucht
spezialisierte, geprüfte Programme mit gesicherten Informationen
– solche werden etwa von Universitätspsychiatrien entwickelt.
Dort sehe ich grosse Chancen. Ein Thema, das wir nicht
angesprochen haben: Das Anordnungsmodell kam nicht nur wegen der
Versorgungssituation, sondern auch wegen des Fachkräftemangels.
Wir haben zu wenig Ärztinnen und Ärzte. Wir müssen kreativ sein,
um die Versorgung langfristig zu sichern.
00:17:52 Lukas Von der Versorgung in der Praxis auf die
Verfassungsstufe: Die SP plant zwei Initiativen. Viele Reformen
sind am Laufen, und Reformen wie die Fallpauschalen von 2011
wirken erst jetzt so richtig. Ihr wollt trotzdem auf
Verfassungsstufe eine Debatte starten. Ihr wollt Unterschriften
sammeln. Angedacht sind zwei: einerseits Finanzierung,
andererseits Einheitskasse. Zuerst zur Finanzierung: Die
Grundidee – noch nicht definiert – ist, dass man vom
kopfprämienfinanzierten Teil wegkommt, der im Sorgenbarometer so
stark belastet. Was ist die Idee?
00:19:00 Sarah Vielleicht zuerst: Die Einheitskasse ist eher eine
gesundheitspolitische Vorlage, die Prämiendeckelung eine
sozialpolitische – es geht um die Frage, wer zahlt. Unser
Vorschlag: Prämien einkommensabhängig machen, ein Stück weit
deckeln. 85% der Menschen sollen weniger Prämien zahlen, Kinder
und Jugendliche gar keine. Familien entlasten, Kaufkraft stärken.
Die restlichen ca. 15% zahlen etwas mehr, um das zu finanzieren.
Die Details wären auf Gesetzesebene auszugestalten. Das
entspricht dem Verfassungsauftrag, wonach jeder gemäss
wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit besteuert wird. Die
Krankenkassenprämie ist eine Art Steuer, weil alle sie zahlen
müssen. Heute zahlt jemand mit 4’000 Franken im Monat gleich viel
wie jemand mit 50’000 Franken. Diese Ungleichheit wollen wir
beseitigen.
00:20:29 Jenny Im internationalen Vergleich ist die Schweiz ein
Sonderfall bei Versorgung und Finanzierung. Der öffentlich
finanzierte Anteil der Gesundheitskosten ist so tief wie in
keinem anderen OECD-Land. Verglichen mit nordischen Ländern liegt
er dort bei 85% oder höher. Muss man in der Schweiz anders
ansetzen?
00:20:57 Sarah Wir haben mehrere Versuche gemacht, mit
unterschiedlichen Vorzeichen. Die Prämienentlastungsinitiative
wollte Prämienverbilligungen deckeln – es hiess, unklar sei die
Finanzierung; sie wurde abgelehnt. Jetzt gehen wir mit einem
neuen Ansatz in eine ähnliche Richtung, denn das Problem bleibt:
Die Finanzierung ist extrem unsozial. Noch eine Zahl: Rund 11%
des BIP geben wir für das Gesundheitswesen aus – vergleichbar mit
anderen europäischen Ländern.
00:21:35 Jenny Deutschland, Frankreich sind ähnlich.
00:21:39 Sarah Und unser Kostendruck entsteht vor allem, weil die
Finanzierung so unsozial ist und Ende Monat stark aufs
Portemonnaie schlägt. Darum ist es richtig, dort anzusetzen. Wir
versuchen es mit einer neuen Idee. Selbstverständlich bleiben die
Prämienverbilligungen wichtig.
00:21:59 Lukas Der Zugang zum System – das aus der
Krankheitssicht gebaut ist – wird dadurch einfacher. Die Hürden
werden geringer, und man fordert vielleicht noch schneller mehr
Leistungen. Die Kostenproblematik könnte anders finanziert, aber
akzentuiert werden.
00:22:20 Sarah Das sehe ich nicht unbedingt so. Erstens steigen
die Kosten, aber im internationalen Vergleich sind sie nicht
übermässig hoch. Ich vergleiche es mit anderen
Service-public-Leistungen: Bildung kostet Ende Monat auch nicht
direkt mehr, und man konsumiert sie deshalb nicht „mehr“.
Sicherheit dasselbe. Eine andere Finanzierungslogik führt nicht
automatisch zu Mehrverbrauch. Parallel braucht es
Gesundheitskompetenz, Prävention – also die richtige
Inanspruchnahme von Leistungen und Orientierung, statt Dr.
Google. Dafür braucht es ein Rucksäckchen – die Initiative kann
das nicht leisten. Aber sie schraubt den „Konsum“ nicht hoch.
Wenn man das so nennen will, bekämpft man ihn mit anderen
Methoden.
00:23:29 Lukas Wir haben einen Strauss von Ansätzen: Prävention,
Themen in der psychiatrischen Versorgung, Digitalisierung mit
Vorbehalten, Gesundheitskompetenz, Eigenverantwortung. Jetzt
kommt zum fünften Mal die Idee einer Einheitskrankenkasse. Ist es
zeitgemäss, das nochmals aufzurollen?
00:24:01 Sarah Absolut. Wir müssen ehrlich sein: Die
KVG-Leistungen sind obligatorisch, alle Patientinnen und
Patienten bekommen die gleichen Leistungen. Es macht keinen Sinn,
warum es dafür über 40 verschiedene Krankenkassen braucht. Einen
neuen Anlauf halte ich für richtig. Wir geben 4,4% für Verwaltung
aus – mehr als für Prävention. Dort können wir die Kosten senken,
nicht massiv, aber spürbar. Die Einheitskasse löst nicht alle
Probleme – sie ist ein wichtiges Puzzleteil, mehr nicht.
00:24:43 Lukas Die Leute haben trotzdem den Eindruck, dass die
Leistung nicht immer stimmt und es Unterschiede geben kann: wie
und wofür bezahlt wird, welche Informationen in welcher Form. Man
kann sich zusätzlich versichern – fällt das weg? Diese Angst gibt
es.
00:25:10 Sarah Zusatzversicherungen werden überhaupt nicht
tangiert – die soll es weiterhin geben, für alle, die das wollen.
Es geht um die Grundversicherung. Fatal wäre, wenn nicht alle
Menschen bei jeder Krankenkasse die gleichen Leistungen bekommen
– das widerspricht dem KVG. Ich weiss, dass es heute anders ist.
Daran muss man arbeiten. Gerade das spricht für eine
Einheitskasse: Alle erhalten die gleichen, gesetzlich
vorgegebenen Leistungen. Da gibt es wenig Ermessensspielraum,
höchstens Interpretationsspielraum.
00:25:46 Jenny Du hast gesagt, die Idee ist nicht neu, man hat
viel darüber abgestimmt. Im letztjährigen Krebsversorgungsmonitor
sahen wir: Die Zustimmung in der Bevölkerung ist höher als
früher. Zusammen mit der Spitalplanung gehört die Einheitskasse
zu den Ideen, denen die Leute den grössten Kosteneffekt zutrauen.
Ist jetzt der richtige Zeitpunkt – was ist anders als früher?
00:26:20 Sarah Ich kenne viele, die früher Nein gestimmt haben
und jetzt sagen: Jetzt reicht es. Mit den Löhnen, mit der
Selbstbedienungsmentalität gewisser CEOs und Spitzen der
Krankenkassen – nicht aller – wächst der Unmut. Dazu kommt die
Macht der Kassen, Leistungen zu verweigern. Das empfinden viele
als Willkür: Das kann es nicht sein. Warum über 40 Krankenkassen,
wenn alle das Gleiche zahlen müssen? Da hat sich etwas verändert
– auch bei sehr liberalen Leuten, die heute sagen: Im
OKP-Bereich, selbstverständlich – das ist gesetzlich vorgegeben.
Dieser Wandel bestätigt mich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt
ist. Aber nochmals: Eine Einheitskasse ist richtig und wichtig,
löst aber nicht alle Probleme.
00:27:32 Lukas Wir haben die grossen Fragen des Systems
angediskutiert: Prävention – eher Richtung Bundeszuständigkeit,
die du forderst. Psychiatrische Versorgung – wo genau hinschauen.
Mehr Daten, andere Finanzierungswege – vielleicht ein anderes
Kopfprämiensystem. Wir haben die Kassen diskutiert, Verfassungs-
und Gesetzesstufe, neue Zuständigkeiten des Bundes. Am Schluss
setzt sich oft die bürgerliche Mehrheit durch, mit
föderalistischen Argumenten. Wie schlägst du die Brücke, um diese
Mehrheit zu erreichen?
00:28:30 Sarah Seit Corona ist vielen klar geworden, dass
Gesundheit an der Kantonsgrenze nicht Halt macht. Gewisse Dinge
gehören auf Bundesebene. Ein Beispiel: Interkantonale
Spitalplanung. Dazu habe ich 2021 einen Vorstoss gemacht. Niemand
von den Bürgerlichen hat unterschrieben; SP und GLP haben
unterstützt. Heute ist es im Ständerat mehrheitsfähig: Mit 40 zu
2 Stimmen – gegen die eigenen Kantone – wurde eine Motion
überwiesen. Dinge, die früher aus föderalistischen Gründen nicht
mehrheitsfähig waren, werden im Gesundheitswesen langsam
mehrheitsfähig. Der Druck steigt: Fachkräftemangel, Kosten, es
drückt den Menschen im Portemonnaie. Die Situation hat sich
geändert – dadurch sind heute Dinge möglich, die vor zehn Jahren
nicht möglich waren.
00:29:32 Lukas Ein Thema, das vielleicht noch nicht so
politisiert ist, ist Prävention; die psychiatrische Versorgung,
wo wir vielleicht mehr Probleme haben, als wir meinen. Wir haben
diskutiert, wie die Finanzierung sein soll. Wir haben die
Einheitskrankenkasse und die Verfassungsvorschläge der SP
besprochen. Es bleibt viel zu diskutieren. Danke für die
politische Einschätzung, danke für den Besuch – und viel Erfolg
auf dem weiteren Weg.
00:29:59 Sarah Danke vielmals für die Einladung.
00:30:00 Lukas Jenny, vielleicht ist die Bevölkerung in diesem
Punkt fast schon weiter als die Politik. Viele wünschen sich mehr
Koordination und neue Ideen, um die Kosten zu senken.
00:30:12 Jenny Aus Sicht der Bevölkerung ist der Problemdruck da.
Interessant ist, dass gewisse Ideen, die früher kaum
mehrheitsfähig waren, heute offener diskutiert werden. Ich bin
gespannt, ob sich die Bevölkerung bei Abstimmungen eher für einen
Systemwechsel ausspricht oder für inkrementelle Veränderungen am
jetzigen System. Es bleibt spannend.
00:30:40 Lukas Ob es solidarischer oder freiheitlicher wird, wird
sich zeigen. Politisierung zeichnet sich aber ab.
00:30:47 Jenny Auf jeden Fall. Wer es genau wissen möchte: Alle
Details zu den genannten Studien findet ihr unten in der
Beschreibung.
Mehr
Über diesen Podcast
gfs.echo ist der Politik-Podcast von
gfs.bern. In 25–35 Minuten sprechen Lukas Golder und
Jenny Roberts aus seinem Team mit Gästen aus Verwaltung,
Verbänden, Parteien und NGOs. Locker im Ton, präzise in der
Sache: Fakten einordnen, Annahmen testen, Konsequenzen für die
Praxis benennen. Jede Folge liefert Zahlen aus aktuellen Studien,
eine klare Einordnung und einen Blick nach vorn.
Wöchentlich – als Video und Audio.
Kommentare (0)