Braucht die Schweiz neue AKW? WWF-Experte Patrick Hofstetter über Winterstrom, Solar und das Stromnetz
vor 2 Wochen
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Wie gross ist die Winterstromlücke wirklich? Was machen
Negativpreise mit der Solardebatte? Und wie viel Netzausbau
braucht es tatsächlich? In dieser Folge diskutieren Lukas Golder,
Jenny Roberts und Patrick Hofstetter über Versorgungssicherheit,
politische Fehlanreize und die Frage, warum die Schweizer
Energiedebatte oft an den falschen Stellen hitzig wird. In der
Folge erwähnte Studien:
UBS Sorgenbarometer 2025
gfs.bern Monitor Versorgungsicherheit 2025
https://www.gfsbern.ch/de/news/versorgungssicherheit-schweiz-2025/
Bericht zu den Perspektiven der Atomkraft
Politikfolgeabschätzung Schweizerische Energiestiftung
Transkript zur Episode 00:00:03 Sprecher gfs.echo, der Podcast
von gfs.bern. Mit Lukas Golder und Jenny Roberts.
00:00:12 Lukas Die zweite Staffel zur Energiepolitik. Da haben wir
einen ganz grossen Umbau beschlossen. Wo stehen wir da,
Jenny? 00:00:21 Jenny Ja, also grundsätzlich haben wir
ja schon vor einigen Jahren, 2017, hat das Stimmvolk ja gesagt zur
Energiestrategie 2050, also Erneuerbare werden da sicher eine
grosse Rolle spielen in der Zukunft, aber ich habe dennoch den
Eindruck, viele Projekte bei den Erneuerbaren, von denen man in den
Medien liest, ja, habe ich den Eindruck, dass es dort ein bisschen
staut tatsächlich. 00:00:42 Lukas Wir haben den
WWF-Experten für Energie- und Klimapolitik zu Gast. Herzlich
willkommen, Patrick Hofstetter. 00:00:51 Patrick Guten
Tag miteinander. 00:00:53 Lukas Vor ungefähr zehn
Jahren ist der Ausstieg in die Strategie eingezimmert worden. Heute
und in zehn Jahren, wenn man das mit einem Ampelsystem
zusammenfassen möchte, wo stehen wir, wenn rot, orange, grün, wo
waren wir vor zehn Jahren mit diesem Umbau in der Schweiz, mit der
Energiepolitik, der Energieumbau in Richtung erneuerbar, wo stehen
wir heute und wo stehen wir in zehn Jahren? Wie ist die
Farbe? 00:01:17 Patrick Ja, die Farbe ist
wahrscheinlich, wenn wir die letzten zehn Jahre anschauen, recht
grün. Wenn wir hingegen nach vorne schauen, dann ist sie im besten
Fall orange. Das heisst, es ist noch sehr ungewiss, wie gut wir die
Ziele, die wir uns neu gesetzt haben, auch erreichen können. Aber
das Legacy, was wir jetzt gemacht haben in den letzten zehn Jahren,
das ist bereits gewaltig. Wir haben im Strombereich ein AKW
Mühleberg stillgelegt und längst ersetzt durch neue Kapazitäten.
Wir sind in wenigen Jahren auch dran, Betznau, das wir ja erst
Anfang der 30er-Jahre abschalten wollen, bereits ersetzt zu haben.
Die letzten zwei Winter haben wir mehr Strom exportiert als
importiert. Obwohl man ja immer sagt, wir hätten ein
Winterstromproblem. Das heisst, im Moment wächst die
Stromproduktion stärker als der Verbrauch. Das ist aber dann auch
wieder eine schlechte Nachricht. Das heisst, beim Ersatz von Öl-
und Gasheizungen mit Wärmepumpen, die dann Strom brauchen, das
läuft im Moment recht harzig seit zwei Jahren. Das hat im
Zusammenhang mit der Putin-Invasion einen riesigen Boom gegeben,
ist dann jetzt aber wieder zurückgekommen. Ähnlich auch bei der
Elektromobilität. Und das Ziel der Energiewende ist ja nicht die
Energiewende in sich. Das hat keinen Wert in sich, sondern es geht
eben darum, Öl, Gas, Benzin und Diesel zu ersetzen mit erneuerbaren
Energien. 00:02:59 Jenny Du sagst, rückblickend sind
wir doch eher im grünen Bereich, ab jetzt im besten Fall orange.
Ein Thema, welches auch aus der Bevölkerungssicht sehr wichtig ist,
ist, dass viele Leute das Gefühl haben, das gehe aktuell nicht
genug schnell vorwärts mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Und es gibt
auch aktuelle Mehrheiten in der Stimmbevölkerung, die sich auch
vorstellen können, dass man die Beschwerdemöglichkeiten, die es
gibt bei verschiedenen Projekten, bei den Erneuerbaren,
einschränken kann, damit es auch schneller geht. Wie stehst du
dazu? Müsste man da vielleicht Prozesse verkürzen in Zukunft?
00:03:38 Patrick Die mediale Aufmerksamkeit auf die
Verzögerungen ist natürlich stark überhöht. Das hat verschiedenste
Gründe. Einerseits, weil wir jetzt gerade im Parlament eine Vorlage
abgeschlossen haben, wo es um die Beschleunigung dieser
Bewilligungsprozesse geht. Das heisst, wo es genau um das ging,
dass man dann ein bisschen Öl ins Getriebe schütten muss, damit die
Energiewende schneller laufen kann. Das hat man erfolgreich
abgeschlossen, auch ohne Referendum. Das heisst, es gibt nicht noch
einmal eine Volksabstimmung, sondern da werden die Verordnungen im
Moment erarbeitet. Ein analoges Projekt ist jetzt im Parlament zur
Netzerneuerung der Stromnetze, damit wir ein gutes Stromnetz haben,
ein modernes Stromnetz, mit dem der Strom auch transportiert werden
kann. Und weil diese Themen im Parlament sehr wichtig waren, hatte
man ein mediales Gefühl. Wir hätten hier eine riesige Baustelle.
Die Realität ist ein bisschen anders. Es läuft sehr gut, so gut,
dass es auch ganz viele eher traditionelle
Energieversorgungsunternehmen hat, wo das zu gut läuft, die auch
ein bisschen überfordert sind mit dem Wechsel von zentraler
Stromerzeugung hin zu dieser dezentralen Stromerzeugung mit vor
allem der Solarenergie, die auf jedem Haus produziert werden kann
und wo man da eigentlich am liebsten hätte, man wäre noch ein
bisschen in der alten Welt, der Strom von der BKW oder der AXPO
kommt und man selber nur den Strom weiterverkaufen muss und sich
neu mit eigenen Stromproduzenten im Dorf umschlägt, das ist
eigentlich Neuland und überfordert tatsächlich viel vom
Stromgewerbe. 00:05:23 Lukas Die Gewichte verschieben
sich, aber ich glaube auch, wie ich es wahrnehme, eure Rolle,
Zivilgesellschaft, Klimaallianz, die beschlossen hat, kein
Referendum zu ergreifen, dort quasi die Rolle, die man ihnen
anspricht, dass sie das oft mit Einsprache blockieren und dass das
Widerspruch ist, da ein bisschen aus dem herauszugehen. Hat man
eine neue Art, wie man mit den verschiedenen Stakeholdern und
Interessen umgehen kann, gefunden? 00:05:49 Patrick
Das ist eigentlich der Sinn, dass es das Verbandsbeschwerderecht
gibt. Das ist ja, wenn die Natur selber keine Stimme hat und nicht
einklagen kann, wenn ein Projekt stark schädigt, ein Recht, das
diverse Umwelt- und Nichtregierungsorganisationen haben. Das ist:
Wenn man zehn Jahre auf dem Thema schweizweit arbeitet, dann
bekommt man das Recht, im Namen der Natur die Gesetzeseinhaltung
einzuklagen. Das machen wir schon sehr lange. Das langjährige
Monitoring zeigt, dass es sehr selten solche Beschwerden gibt
seitens des Umweltverbands. Wenn es sie gibt, werden sie zwei
Drittel der Fälle gut geheissen. Das heisst, man stellt tatsächlich
fest, dass der Kanton oder die Gemeinde, die die Bewilligung
wollte, gesetzeswidrig gehandelt hätte. Das heisst, dass es
wirklich auch nötig war, dass man diese Beschwerden gemacht hat.
Aber die Energiewende wird nicht ausgebremst durch die
Umweltorganisationen, sondern natürlich tatsächlich durch auch sehr
viele private Beschwerden, die gemacht werden, die dann vor allem
die Projekte sehr stark verzögern. Das kann manchmal zu einem
Projektabbruch führen, sehr oft aber einfach zu einer unerwünschten
Verzögerung. Das sehen wir vor allem bei den grösseren Projekten,
Wind-, Wasserkraftprojekten. Wir sehen es praktisch nicht bei
Solarprojekten. 00:07:19 Lukas Und in dieser
Diskussion und neuen Verschiebungen der Akteure kommt jetzt der
Bundesrat, vertreten v.a. durch den Energieminister, und fordert
die Diskussion über neue Kernkraft in der Schweiz. Also quasi eine
Gesetzesänderung, die die Energiestrategie neu angehen soll. Und
dort spricht er von Small Modular Reactors, also quasi wie
bausteinartige kleine sichere Reaktoren, die sozusagen von einer
neuen Generation kommen sollen, die quasi den verzögerten Umbau
Richtung Erneuerbare jetzt beschleunigen soll. Aber so wie ich dich
verstehe, das ist genau das orange Licht, das du siehst. Diese
Diskussion passt euch nicht. 00:08:01 Patrick Genau,
sie bringt Verunsicherung. Sie absorbiert ganz viele Fachkräfte
davon, sich für die Energiewende einzusetzen und stattdessen über
irgendwelche Fragen nachzudenken, die so nicht real sind. Es ist
für mich persönlich auch eine sehr unangenehme Diskussion. Ich habe
ein Déjà-vu, ein «Und täglich grüsst das Murmeltier». Ich habe Ende
80er-Jahre an der ETH Maschinenbau studiert, wo wir natürlich auch
Nukleartechnik hatten. Und genau das gleiche Konzept, das man
damals schon präsentiert hat, als die Zukunft, die man auch heute
als «die Zukunft» präsentiert. Und gerade wenn jetzt die «Small
Modular Reactors», die «Klein-AKWs-Diskussion» angeschaut wird,
löst das praktisch kein Problem. Sie sind auch nicht wirklich
klein, sie haben so die Grösse von Mühleberg, damit man das richtig
einordnen kann, sie produzieren auch viel Abfall und sie sind
wahnsinnig teuer im Moment noch, falls dann diese kommen sollten.
Das heisst, es ist nicht etwas, auf das die Schweiz setzen könnte.
Es ist nicht etwas, das man auf den Tag X bestellen kann. Das
heisst, es ist ein Phantom, dem wir hinterherjagen.
00:09:23 Jenny Du hast ja schon angesprochen, Lukas, es ist eine
relativ neue Diskussion, die jetzt wieder hochkommt mit dieser
sogenannten neuen Kernkraft in der Stimmbevölkerung selbst. Ist es
aktuell so, dass... Eine knappe Mehrheit ist doch dafür, dass man
zumindest über das nachdenkt, über die neue Generation von
Reaktoren. Ein Grund, der da sicher mit hineinspielt, ist, dass
viele Leute oder die Stimmbevölkerung gespalten darüber sind, ob
man im Winter zu wenig Strom hat. Das hast du vorhin auch kurz
angesprochen. Wie ist das einzuschätzen? Braucht es keine
Kernkraft, um die Winterlücke zu decken oder wie könnte man das
alternativ machen? 00:10:06 Patrick Seit Fukushima
werden laufend Studien gemacht, wo man sich genau dieser Frage
stellt. In dem Sinne, wie soll das gehen? Gibt es da Möglichkeiten,
ein 100% erneuerbares Energiesystem zu bauen? Das macht man nicht
nur in der Schweiz, sondern auch im Ausland. Im Ausland sind die
Untersuchungen besonders spannend, weil praktisch jedes andere Land
viel anspruchsvollere Bedingungen hat, weil sie nicht das Rückgrat
haben, das wir haben, nämlich die Wasserkraft. Mit der Wasserkraft
haben wir Speicherkraftwerke, die, wenn alle anderen Kraftwerke
nicht laufen würden, uns rund sechs Wochen lang versorgen können.
Das heisst, wir haben einen riesigen Speicher, der uns über den
Winter helfen kann, der dann, wenn die Sonne nicht scheint, den
Wind nicht bläst, unterstützen kann. Das heisst, die Schweiz ist
eines der letzten Länder, die sich Sorgen machen müssen darüber,
wie man ein hundertprozentig erneuerbares System betreibt. Das sind
einfach die anderen Länder. Und das führt auch dazu, dass die
Innovation viel stärker in den anderen Ländern auch läuft. Man ist
schon viel weiter. Zum Beispiel in Dänemark hat man riesige
Wärmespeicher, die man im Sommer füllt und im Winter dann braucht
für die Fernwärmenetzwerke, die sie haben. Das ist eine Diskussion,
die jetzt in der Schweiz auch anfängt. Und man merkt, aha, so
könnte man tatsächlich den Sommerstromüberschuss in den Winter
übernehmen, gespeichert in warmem Wasser, das man im Untergrund
lagert. Das sind alles Konzepte, die die anderen Länder, die
wirklich ein Problem haben mit entsprechenden Überschusssituationen
und Mangelsituationen, die dort entwickelt werden. Darum kann die
Schweiz in diesem Sinne sehr optimistisch in die Zukunft schauen,
was diese Herausforderungen angehen. Dass das im Moment nicht oder
noch nicht ankommt in der Bevölkerung, ist klar. Über das spricht
man wenig medial. Es ist auch für die Energiethemen so stark, wie
wir uns dafür interessieren, interessieren sich nur relativ wenige
Leute. Das heisst, für viele ist es sehr angenehm, wenn man das
eigentlich nicht sieht. Eben am liebsten irgendwo in Gösgen oder in
Leibstadt stattfindet, am liebsten künftig ohne noch die
Dampfschwaden, damit man gar nichts sieht. Das ist klar, das ist
die Idealsituation für jemanden, der nicht ganz so interessiert ist
an Energiethemen, dass das dort läuft. Und das Versprechen im
Moment des Bundesrates Rösti und anderen ist, dass vielleicht so
eine Situation wieder entstehen könnte. Nur dieses Versprechen ist
unehrlich aus meiner Sicht. 00:13:10 Lukas Die
Kernkraft wird traditionell recht ambivalent diskutiert und auch
beurteilt. Man hat z.B. ein Moratorium in den 1990er-Jahren mit
einer Mehrheit beschlossen. Es gab immer diese beiden Seiten in der
Bevölkerung. Die Ambivalenz ist aber, glaube ich, auch aus eurer
Sicht gegeben, mit der Nachhaltigkeit, die so ein bisschen halbwegs
ist. Mit der Klimasituation kann man sagen, ist es jetzt nicht der
schlimmste Energieträger, aber sonst gibt es schon viele
Kritikpunkte von eurer Seite. 00:13:43 Patrick Ja,
also der Abbau des Urans ist meistens in Ländern, wo weniger
Rücksicht genommen wird auf die Leute, die dort wohnen. Dann die
Unfallrisiken, die Entsorgungsproblematik, die bleiben nach wie
vor. Und dann natürlich ganz klar, jetzt sehr aktuell wieder, die
ganzen Proliferationsrisiken. Man muss auch ein bisschen schauen,
welche Länder sehr stark auf Nuklear setzen. Das sind eben auch
die, die entweder schon einen entsprechenden Atomwaffenpark haben
oder auch solche Waffen liefern, verkaufen wollen. Das heisst, da
muss man ein wenig sehen, da wird sehr oft auch eine Mischrechnung
gemacht, dass man die unwirtschaftlichen Kernkraftwerke mit
nationalen Sicherheitsinteressen und auch kriegerischen Interessen
kombiniert. Und so geht dann die Rechnung für solche Länder am
Schluss auf. Weil die Schweiz, glaube ich, nach wie vor nicht
vorhat, Atomwaffen zu bauen, haben wir eigentlich den Zusatznutzen
nicht, den andere Länder haben. Und darum ist es einfach rein
wirtschaftlich ein Wahnsinn, in der Schweiz über neue
Atomkraftwerke nachzudenken. 00:14:58 Lukas Das klingt
am Anfang schon an, wegen der Abfallproblematik. Dort ist der
Eindruck, dass man die Diskussion bei der Abfallentsorgung von
nuklearen Abfällen in der Schweiz wirklich weitergebracht hat? Oder
wie ist der Stand aus deiner Sicht jetzt rein auf die Schweiz
bezogen? 00:15:14 Patrick Es ist so, dass es im Moment
einen einzigen Standort gibt, wo es halbwegs weitergeht: Nördlich
Lägern bei Stadel im Kanton Zürich, wo einige Schritte gemacht
werden konnten in den vergangenen Jahren. Da ist man noch sehr weit
weg von den Lagern. Man weiss auch noch nicht recht, wie gross das
sein müsste. Das ist von der Dimensionierung her immer eigentlich
für die bestehenden AKWs gedacht gewesen, die man dann schon bald
abschaltet. Das heisst, ein entsprechender Abfall von neuen
Atomkraftwerken wäre dann nicht eingeplant. Da müsste man wieder
eine Neuplanung machen, müsste allenfalls einen zweiten Standort
suchen und finden und Akzeptanz kriegen. Das heisst, die ganze
Entsorgungsfrage ist nach wie vor nicht gelöst. Auch weltweit
gesehen gibt es da ganz wenige Beispiele, wo man anfängt, in diese
Richtung zu gehen. Ich glaube, Finnland ist diesbezüglich führend.
Aber auch in den USA lagert das Zeug, das mehr oder weniger
operiert ist, in desolaten Zuständen. Eine ganz grosse Baustelle,
die die Atomindustrie noch zu lösen hat. 00:16:32
Lukas In der Vergangenheit ist es wirklich so gewesen, dass sobald
man quasi die Katze aus dem Sack gelassen hat und gesagt hat, da
ist der Widerstand extrem stark geworden. Also quasi sobald es sehr
konkret in der Nähe kam, ist dann auch die Bevölkerung aufgewacht
sozusagen und hat gesagt, sicher nicht bei uns. Und dieses Phänomen
kennen wir, das heisst «not in my backyard», nicht in meinem
Garten, «Nimby-Phänomen». Und das beobachtet ihr in den Kantonen
bei der Umsetzung der Energiestrategie sehr stark. Die Gegnerschaft
sagt zum Beispiel, es gibt eine Art Zwang zum Heizungsersatz. Du
hast gesagt, da stockt ja der Umbau auch ein bisschen. Das Phänomen
ist auch bei der ganzen Geschichte der Umsetzung der Strategie ein
riesiges Problem. Oder siehst du es anders? 00:17:18
Patrick Wenn wir beim Nuklearlager sind, bei den Atomabfällen,
spielt es eine grosse Rolle, mit welchem Versprechen man auch an
die Bevölkerung geht. Ob es darum geht, eine Altlast zu erledigen,
wo man sich mit dem damaligen Entscheid, die fünf AKW-Blöcke zu
bauen, einfach hat. Und wenn man die dann ordentlich ab- und
rückbauen und die radioaktiven Materialien langfristig einlagern,
braucht es einen Ort und dann muss sich irgendjemand opfern. Oder
ob das weitergeht, ob neue AKWs gebaut werden sollen, wo dann
sofort das nächste Problem wieder entsteht. Ich glaube, das ist ein
schlechtes Verkaufsargument für ein Tiefenlager, wenn man weiss,
aha, dann kommt noch mehr. Das ist ein Fass ohne Boden. Das ist die
Situation beim Installieren von Wärmepumpen, weil man die alte Öl-
und Gasheizung nicht mehr 1 zu 1 mit Öl und Gas ersetzen kann. Dort
sind wir natürlich in einer Lernkurve. Das heisst, jeder muss die
Erfahrung haben, wie angenehm eine Wärmepumpe sein kann. Selbst
wenn man die Möglichkeit nicht hat, die Wärme aus dem Boden zu
nehmen mit einer Erdsonde, mit Aussenluft, sind die heutigen
Modelle so ruhig, dass das nicht eine grosse Lärmbelastung ist,
weder für einen selber noch für die Nachbarn. Das heisst, da bin
ich in dem Sinne zuversichtlich, dass wir das schon hinkriegen,
weil eigentlich der Eigennutz enorm ist. Es ist das günstigste
Heizsystem. Man muss nicht jedes Jahr abmachen, dass das Heizöl
geliefert wird. Das stinkt nicht. Man hat keinen Tank, den man
warten muss. Alle zehn Jahre und, und, und. Man hat keinen
Kaminfeger, der ein- bis zweimal pro Jahr vorbeikommen muss. Das
heisst, es gibt ganz viele Vorteile dieser neuen Technologie und
das sind normalerweise gute Gründe, warum man sich so eine
Technologie dann eben doch durchsetzt, auch wenn man noch ein
bisschen am Alten hängt. 00:19:31 Jenny Die
Nimby-Problematik betrifft ja auch verschiedene Ausbaupläne, die
man hat, jetzt bei der Solarenergie oder Windkraft, also das ist
auch ein grosses Thema. Und dort kommt noch ein Aspekt dazu vom
Landschaftsschutz. Also da wissen wir auch aus unserer
Versorgungssicherheitsbefragung beispielsweise, dass es eine
Mehrheit gibt in der Stimmbevölkerung, die halt nicht möchte, auch
wenn die Erneuerbaren wichtig sind, dass man die Naturflächen in
der Schweiz und die Landschaft, dass man das, ja vielleicht ein
bisschen polemisch ausgedrückt, verschandelt für die
Energieversorgung. Da würde es mich sehr wundern aus deiner
Erfahrung, was hast du das Gefühl, wie muss man am besten mit
dieser guten Abwägung umgehen zwischen Landschaftsschutz einerseits
und natürlich auch die Versorgungssicherheit und die Energiewende
andererseits. 00:20:17 Patrick Ich bin froh, dass du
das beim Namen nennst. Die grossen Kämpfe gegen die Windenergie,
das ist primär wegen des Landschaftsbildes. Die Verbände, die sich
sehr stark gegen Windkraft engagieren, listen zwar noch 100'000
andere Gründe auf, wieso Windkraft des Teufels ist, aber die sind
alle eigentlich nicht wirklich stichhaltig oder relevant, sondern
denen geht es um ein aus ihrer Sicht intaktes Landschaftsbild. Was
kann da helfen? Es ist selbstverständlich einerseits, dass es ein
paar dieser Pärke gibt und die Leute sich selbst ein Bild davon
machen können. Das ist immer wichtig, das kann die Akzeptanz
steigern. Und das andere ist ganz klar, ich meine, das ist eine
lokale Energieproduktion, da wird neue Produktion ins Dorf geholt
und da muss man das Dorf oder je nachdem auch die Bürgerinnen und
Bürger beteiligen. Das heisst, das muss etwas werden, wo man
miteinander auch Votum macht und wo man auch ein bisschen Geld
damit verteilen darf. Das heisst, es ist nicht sinnvoll, dass
irgendeine Windenergiefirma aus XY kommt und sagt, übrigens stellen
wir unseren Windpark hin, seid ihr auch einverstanden, sondern da
muss man tatsächlich mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten,
wenn man das mehrheitsfähig machen will. 00:21:46
Lukas Lokal produzieren, das haben viele auch eine neue Rolle
gefunden, indem sie selber auf dem eigenen Dach mit Solarpanels
arbeiten. Das passiert, der Umgang ist im Gange, aber er ist im
Moment ein bisschen am Stocken. Der Preis ist ein bisschen
zusammengefallen. Dort siehst du auch neue Probleme kommen oder die
Investitionen gehen, glaube ich, auch zurück im Moment. Oder ist
dort auf lange Frist aus eurer Sicht keine Problematik im
Spiel? 00:22:16 Patrick Es ist eine mehrfache
Problematik im Spiel. Einerseits natürlich, dass jetzt diese 10%
der Besitzerinnen und Besitzer, die schon immer eine Solaranlage
gerne hätten wollen, die haben sie mittlerweile auf dem Dach. Das
heisst, jetzt kommen langsam die Gebäude zum Zug, wo vielleicht der
Besitzer nicht ein wahnsinniges Eigeninteresse an der
Energieerzeugung hat. Das heisst, man muss überzeugt werden. Und
bei diesem Überzeugtwerden ist es natürlich ganz schädlich, wenn
man in der Zeitung ständig liest, dass sich Solar nicht mehr lohnt,
weil eben der Strommarktpreis natürlich wieder tiefer geworden ist.
Zum Glück ist er ja tiefer geworden, nachdem sich die
Strommangellage in Europa normalisiert hat. Aber wichtig zu wissen
ist im Gesetz, im Energiegesetz, wo wir letztes Jahr alle Ja gesagt
haben. Dort steht klipp und klar, dass der Bund dafür sorgt, dass
gut geplante Solaranlagen an einem geeigneten Ort sich amortisieren
lassen. Das heisst, man hat die Absicherung, es gibt
Minimalvergütungen auch für das, was man bekommt. Das heisst, Solar
lohnt sich und das ist die wichtige Nachricht, die gesendet werden
muss. Das ist matchentscheidend und im Moment sind sehr viele
verunsichert, weil sie denken, das ist gar nicht so. Da redet man
in den Medien von Negativpreisen. Das heisst, man muss sich am
Schluss noch etwas wenn ich eine Solaranlage habe, dass ich sie
überhaupt ans Netz anschliessen darf. Und, und, und. Da gibt es
grosse Verunsicherung und die müssen wir überwinden, damit dann
eben die, die vielleicht weniger intrinsisch motiviert sind, eine
Solaranlage auf dem Dach, dass die sagen, okay, das ist
wirtschaftlich im Case, das machen wir. Es gibt ganz viele tolle
neue Instrumente auch im neuen Gesetz, indem man den Strom im
Quartier oder sogar im Dorf direkt weiterverkaufen kann, dass man
keine oder verminderte Netztarife zahlt für das. Also der
Gesetzgeber hat eigentlich vorgesorgt, er hat ein sehr gutes
Umfeld. Und darum meine Nachricht an alle Hausbesitzerinnen und
Hausbesitzer. Go for it! Machen Sie Ihre Solaranlage, planen Sie
sie. Dank dieser schwierigen Situation sind auch die Preise wieder
stark runtergekommen. Das heisst, es ist wieder viel attraktiver
geworden, die jetzt zu bauen. 00:24:50 Jenny Ein
anderer Punkt, vielleicht noch zu den Kosten, jetzt mehr aus der
Sicht der Konsumentinnen und Konsumenten. Drei Viertel der
Stimmberechtigten betonen, dass es ihnen sehr wichtig ist, dass die
Preise des Stroms sich aufgrund des Ausbaus der Erneuerbaren nicht
stark verteuern dürfen. Kannst du dazu eine Einschätzung geben?
Kannst du der Bevölkerung in diesem Punkt die Angst nehmen? Oder
müsste man wirklich damit rechnen, dass es auch teurer werden
könnte? 00:25:16 Patrick Das ist auch ein grosses
Anliegen von uns, weil, wie ich gesagt habe, die Energiewende ist
nicht ein Selbstzweck, sondern es geht darum, Öl, Gas, Benzin und
Diesel wegzubringen. Und damit man die wegbringt, muss Strom
günstig sein. Er muss nicht nur sauber, sondern auch günstig sein,
weil dann wird es ökonomisch interessant, die Substitution durch
Elektroautos, Wärmepumpen fürs Heizen, aber auch in der Industrie
tatsächlich umzusetzen. Mit teurem Strom rechnet jeder und wird
dann vielleicht die Investition rauszögern, wenn es sich nicht
rechnet. Das heisst, es ist wichtig, dass der Strom günstig ist.
Und darum ist jetzt zum Beispiel der WWF sehr aktiv daran zu
verhindern, dass der Bundesrat Rösti seine überteuerten und
unnötigen neuen Reservekraftwerke baut. Die allein würde den
Strompreis wieder fast um den Rappen verteuern. Das sind
Reservekraftwerke, die wir so eigentlich nicht brauchen. Die
Stromüberwachungsbehörde ElCom sagt jeweils, wie viel
Reserveleistung wir im Hintergrund haben müssen, um eine sichere
Stromversorgung zu garantieren. Da haben wir bereits ganz viele
Kapazitäten. Wir haben eine Wasserreserve, die gehalten wird. Wir
haben unglaublich viele Notstromaggregate in der Schweiz, die jedes
Jahr noch stark zunehmen, weil wir viele Rechenzentren neu gebaut
haben. Und bei jedem Rechenzentrum gibt es auch wieder viele grosse
Notstromaggregate. Und gerade auch im Jahr 2025 hat das Parlament
auch noch entschieden, dass es eine sogenannte Verbrauchsreserve
geben soll. Das heisst, dass Firmen, die den Strom knapp und eher
teuer haben, den nicht verwenden wollen, dass sie den Strom in die
Reserve geben können. Und auch das stärkt natürlich die
Versorgungssicherheit massiv. Das heisst, wir müssen gescheit
umgehen mit dem Geld, damit der Strom günstig bleibt und darum
können wir uns unnötige Kapriolen, die der Bundesrat da leisten
will. 00:27:26 Lukas Ein anderer Grund, neben der
bundesrätlichen Orientierung, die im Moment Kritik auslöst bei
euch, ist letztlich auch das Rückgrat, nämlich das Netz. Dort ist
noch viel nötig, du hattest auch angetönt, die kleinen Betreiber,
Energieanbieter, sind dort noch vielleicht zum Teil traditionell
orientiert. In ein paar Worten. Wo liegt dort der Hase
begraben? 00:27:57 Patrick Bei der Netzdiskussion ist
es wichtig, weil wir auf der Höchstspannungsebene eher ein Altsnetz
haben, das erneuert werden muss. Darum wird im Parlament ein
Beschleunigungserlass diskutiert, wie man eine schnellere Planung
machen kann, um die bestehenden Leitungen zu ersetzen durch neue
Leitungen. Wir haben aber auch eine Netzsituation auf Ebene
Gemeinden und Quartier, weil wenn tatsächlich auf jedem Dach eine
Solaranlage künftig ist, dann wird da sehr viel eingespeist in das
Netz und nicht alle Netze sind heutzutage bereits fähig, den Strom
aufzunehmen. Aber da machen wir uns vielleicht auch zum Teil etwas
falsche Vorstellungen. In diesem Moment, an einem tollen Juni-Tag,
über den Mittag, vielleicht sogar noch am Wochenende, wo wir sehr
viel Solarstromproduktion haben, relativ wenig Abnehmer haben. Das
ist vermutlich nicht der Moment, in dem es sich lohnt, den
Solarstrom über alle Netzebenen auf die Hochspannungsebene zu
bringen, um festzustellen, aha, alle anderen haben diese Situation
auch. Auch die Nachbarländer haben diese Situation. Das heisst, wir
können sie auch nicht exportieren. Das heisst, wir müssen das Netz
nicht auf den Maximalproduktionsfall ausbauen, sondern viel tiefer.
Wie schafft man das? Indem man natürlich neue Verbraucher schafft.
Zum Beispiel, dass man entsprechend Wasserstoff produziert in
solchen Zeiten im Sommer. Aber auch sehr stark, indem man den
Mittagspeak mit Batterien verhindert. Batterien haben wir sowieso
in allen Elektroautos. Heutzutage werden aber auch über 90% der
Solaranlagen bereits mit Batterie bestellt und eingebaut. Das
heisst, eine Solaranlage bedeutet heutzutage nicht mehr so ein
typisches Solarprofil, sondern liefert täglich 24 Stunden am Tag
Solarstrom für den Verbraucher. Und all das hilft massiv, dass sich
diese Netzsituation nicht ganz so zuspitzen wird, wie eben gewisse
Netzbetreiber heutzutage beklagen, weil sie schlichtweg tatsächlich
überfordert sind mit dieser neuen Situation. 00:30:23
Lukas Es gibt eine riesige Veränderung auf den Einzelnen. Jeder
Einzelne von uns kann neuer Produzent, neue Produzentin werden. Und
du hast gesagt, jetzt ist im Moment die Regulierungssituation ein
bisschen orange, aber wir haben auch viel gesehen, wo dieser Umbau
eben doch am Laufen ist und viele Argumente gehört, was man
beschleunigen könnte bei diesem Umbau, der ja auch von der
Umweltallianz her unterstützt wird. Herzlichen Dank für den Besuch.
Wir sind gespannt, wie es weitergeht. Patrick Hofstetter. Bei dir,
Jenny, hat sich die Ungewissheit etwas gelöst. Du konntest
vielleicht sogar etwas Zuversicht gewinnen. 00:30:57
Jenny Durchaus, was dieses Beschleunigungsverfahren etc. anbelangt.
Wir haben verschiedene Argumente gehört, warum es funktionieren
sollte mit den Erneuerbaren, wenn man da genügend schnell
Fortschritte macht. Und vielleicht auch bei der
Kernkraftdiskussion. Das ist natürlich noch ein spannender Punkt,
wie es dort ausgehen wird. Wo ich mir mehr Sorgen mache, ist
tatsächlich weiterhin die NIMBY-Problematik. Ich denke, das wird
auch in Zukunft noch sicher ein Thema bleiben.
00:31:26 Lukas Für mich habe ich mitgenommen, dass Kernkraft bei
den öffentlichen Meinungen Reibung erzeugt. Schon immer eigentlich,
seit ich mich um Politik interessiere. Aber diese Reibung kann
natürlich auch andere Nebeneffekte haben. Nicht nur bei den
öffentlichen Meinungen, sondern auch bei den Investitionen. Das
habe ich heute auch ein bisschen verstanden. Da muss man auch ein
bisschen vorsichtig sein, wenn man das begrüsst.
00:31:46 Jenny Ich bin sehr gespannt, wie die Diskussion ausgehen
wird. Wer es genauer wissen möchte, alle Details zu der genannten
Studie findet ihr unten in der Beschreibung.
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