Beschreibung
vor 1 Tag
20. April 2026: Telepolis veröffentlicht einen Artikel.
Überschrift: "Patriot statt Porsche". Die deutsche verarbeitende
Industrie steckt in der längsten Krise seit dem Zweiten
Weltkrieg. Jeden Monat gehen 15.000 Arbeitsplätze verloren.
Mercedes-Benz meldete für 2025 einen Gewinnrückgang von 49
Prozent, Volkswagen von 44 Prozent, Porsche sogar von 98 Prozent.
VW hat den Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 angekündigt.
Die Antwort der Bundesregierung? Rüstung.
Quer durch den deutschen Industriegürtel wandeln sich
Fertigungslinien zu Produktionsstätten für Rüstungsgüter. Das
Bundesverteidigungsministerium finanziert eine
Matchmaking-Plattform, die Rüstungslieferketten mit Unternehmen
aus anderen Sektoren vernetzt.
Beispiel Deutz. Gegründet 1864, 162 Jahre alt. Bislang Motoren
für Landwirtschaft, Baumaschinen, Industrieanlagen. Seit 2026:
eigene Defense-Sparte. Bauteile für Patriot-Luftabwehrsysteme,
Antriebe für unbemannte Systeme, gepanzerte Fahrzeuge. Die
Defense-Sparte soll bis 2030 einen Umsatz von 300 Millionen Euro
erreichen, eine Verzehnfachung. Deutz verzeichnete im vergangenen
Jahr 13 Prozent Umsatzwachstum, keine Massenentlassungen, weil
die Beschäftigten auf Rüstungsproduktion umgestellt wurden.
Organisationssoziologisch faszinierend. Ein Unternehmen, das 162
Jahre lang Motoren für Traktoren und Bagger gebaut hat, baut
jetzt Antriebe für Kampfdrohnen. Die Maschinen sind ähnlich, die
Kompetenzen übertragbar. Aber die Identität verändert sich
fundamental.
Hier bündeln sich alle Themen der letzten sechs Episoden. Ethik:
Beschäftigte, die jahrzehntelang Motoren für die Landwirtschaft
gebaut haben, produzieren jetzt Komponenten für Waffensysteme.
Sie sind nicht dort eingetreten, um Waffen zu bauen. Die
moralische Landkarte hat sich unter ihren Füßen verschoben.
Kollaboration und Protest: Der Übergang lief geräuschlos. Aber
Geräuschlosigkeit bedeutet nicht Einverständnis. 46 Prozent der
Beschäftigten scheuen sich, Probleme anzusprechen.
Pfadabhängigkeiten: Der alte Automobil-Pfad bricht weg. Was hier
passiert, ist ein Pfadwechsel ganzer Sektoren. Resilienz: Ist es
Anpassungsfähigkeit oder opportunistische Flucht in den nächsten
Boom? Schauseiten: Deutz-Vorstandschef Klaus Rosenfeld sagt, man
trage bei, "die Fähigkeit zur Selbstverteidigung
zurückzugewinnen". Die Rüstungsproduktion wird als patriotischer
Beitrag gerahmt, nicht als ökonomische Notwendigkeit.
Profilizität: Deutz hat seit Anfang 2026 fünf eigenständige
Divisionen, darunter "Deutz Defense" mit eigenem CEO. Die Börse
honoriert den Wandel.
Eine Fertigungslinie lässt sich umstellen. Die Identität der
Menschen, die daran arbeiten, nicht per Vorstandsbeschluss. Ein
Motorenexperte, der seit dreißig Jahren Antriebe für Traktoren
entwickelt, hat verkörpertes Wissen, gewachsen über Jahre,
gebunden an den konkreten Kontext. Die technischen Kompetenzen
mögen übertragbar sein. Die tiefere Verbundenheit mit dem Zweck
der Arbeit ist es nicht unbedingt.
Organisationen haben nicht eine Identität und nicht eine
Realität. Sie haben mehrere, und die stehen oft in Spannung
zueinander. Was eine Organisation offiziell ist, was sie
tatsächlich tut, was sie nach außen zeigt und was sie digital
kuratiert – das sind unterschiedliche Schichten, die sich
manchmal decken und häufig nicht.
Erwähnte Personen: Klaus Rosenfeld
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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