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Episoden
20.02.2026
17 Minuten
Ich bin Robin, und in Episode 7 von OE3000 wird es
machtpolitisch.
Warum gibt es überhaupt Hierarchie? Die Antwort ist einfach und
frustrierend zugleich: weil Koordination ohne sie nahezu
unmöglich wird. Hundert Menschen, alle mit unterschiedlichen
Ideen, Prioritäten und Ressourcenwünschen. Ohne
Entscheidungsstruktur würde jede Kleinigkeit ausgehandelt. Nichts
würde je beschlossen. Die Organisation lähmt sich selbst.
Aber Hierarchie verspricht mehr als nur Entscheidungen. Sie
verspricht Überblick. Hier oben sitzt jemand, der das Ganze im
Blick hat – während alle anderen im Kleinen stecken. Das ist ein
verlockendes Versprechen. Und es ist fast immer gelogen.
In meiner Beratungsarbeit führe ich viele Interviews. Ich frage
nach Lösungen. Und ich höre fast nie: Das wäre besser für uns
alle. Ich höre: Dadurch würde sich für mich... – Das wäre gut für
meinen Bereich. Menschen, die aufrichtig glauben, holistisch zu
denken – und dabei nur ihre eigene Position offenbaren. Nicht
weil sie bösartig wären. Sondern weil jede Position in einer
Hierarchie ein begrenztes Sichtfeld erzeugt. Hierarchie verkauft
Machtpositionen als Erkenntnispositionen. Das ist ihre
fundamentale Lüge.
Dazu kommt: Hierarchie existiert immer auf zwei Ebenen. Die
formale steht im Organigramm. Die informale entsteht aus
Expertise, Netzwerken und persönlichem Einfluss. Die Assistentin,
die seit zwanzig Jahren jeden kennt, hat oft mehr Macht als ihr
Titel zeigt. Organisationen ohne formale Hierarchie haben meist
einfach nur eine unsichtbare.
Und dann die Folgeprobleme: Machtmissbrauch, weil konzentrierte
Macht dazu einlädt. Verzerrter Informationsfluss, weil schlechte
Nachrichten nach oben gefiltert werden – und nach unten oft gar
nichts ankommt. Demotivation, weil die meisten Menschen merken,
dass ihre Stimme weniger zählt.
Aber hier liegt ein entscheidender Denkfehler: Hierarchie und
Entscheidungsstruktur sind nicht dasselbe. Mehrheitsentscheid,
Konsent, Delegation an Fachleute, Betroffenenprinzip – diese
Mechanismen existieren bereits, meist ohne explizit so benannt zu
werden. Die Frage ist nicht: Hierarchie oder keine Hierarchie.
Die Frage ist: Welcher Mechanismus für welche Entscheidung?
Erwähnte Personen: David Graeber
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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13.02.2026
19 Minuten
Ich bin Robin, und in Episode 6 von OE3000 wird es persönlich.
Wer gehört eigentlich zu einer Organisation – und warum? Die
Antwort scheint klar: Man hat einen Vertrag und steht auf der
Mitgliederliste, oder eben nicht. Aber sobald wir genauer
hinschauen, wird aus dieser scheinbaren Eindeutigkeit ein
komplexes Geflecht aus Erwartungen, Motiven und Macht.
Organisationen stehen vor einem Paradox. Sie müssen Menschen
gewinnen, sie davon abhalten zu gehen – und sie gleichzeitig dazu
bringen, ihre Rolle tatsächlich zu erfüllen. Rekrutieren, binden,
motivieren. Drei Aufgaben, die nie endgültig gelöst sind. Denn
anders als Organisationen brauchen Menschen Organisationen nicht
zwingend. Es gibt immer Alternativen. Die eigentliche Frage
lautet also: Warum investieren Menschen trotzdem Zeit, Energie
und Loyalität?
Mitgliedschaft hat viele Gesichter. Da ist der Vereinsenthusiast,
der mehr Zeit im Club verbringt als zuhause. Die engagierten
Eltern, die faktisch unverzichtbar sind, ohne formale Mitglieder
zu sein. Die langjährige Angestellte, deren Identität mit der
Organisation verwoben ist – obwohl die Beziehung auf einem
kündbaren Vertrag basiert. Der Berater, technisch extern,
funktional intern. Die Freiwillige, die projektbasiert
unterstützt, aber keine Stimmrechte hat. Das Parteimitglied,
formal gleichberechtigt – praktisch oft passiv. Und schließlich
das Geistermitglied: offiziell dabei, real abwesend.
All diese Formen erzeugen unterschiedliche Beziehungen zur
Organisation. Unterschiedliche Rechte, unterschiedliche
Pflichten, unterschiedliche Grade der Bindung. Mitgliedschaft ist
kein Ja-oder-Nein-Zustand. Sie ist ein Spektrum.
Und genau darin liegt die Herausforderung. Wie koordiniert man
Menschen, die sich fundamental unterschiedlich zur Organisation
verhalten? Unterschiedliche Zeitbudgets, unterschiedliche
Motivationen, unterschiedliche Macht. Organisationen antworten
klassisch: mit Hierarchie. Jemand muss entscheiden, wenn
Interessen kollidieren. Jemand muss koordinieren, wenn Vielfalt
in Chaos kippt.
Hinzu kommt eine Spannung, die selten offen benannt wird: Formale
Gleichheit trifft auf praktische Ungleichheit. Auf dem Papier
haben alle die gleichen Rechte. In der Realität ist Einfluss
ungleich verteilt. Manche tragen mehr bei. Manche werden stärker
gehört. Manche konkurrieren um Projekte, Budgets, Anerkennung.
Wettbewerb ist kein Betriebsunfall – er ist Teil des
organisationalen Alltags.
Und trotzdem bleiben Menschen. Nicht nur wegen Geld. Sondern
wegen Sinn, Zugehörigkeit, Entwicklung. Wegen investierter Zeit,
die man nicht einfach aufgeben will. Weil Identität und
Organisation sich ineinander verschränken. Organisationen
funktionieren nicht wegen perfekter Strukturen – sondern weil für
genug Menschen die Gleichung aus Anreiz, Erwartung und
persönlicher Motivation aufgeht.
Mitgliedschaft ist damit kein administrativer Akt. Sie ist eine
Beziehung. Fragil, widersprüchlich, produktiv.
In der nächsten Episode geht es um Hierarchie. Wir haben sie hier
bereits gestreift – als Koordinationsmechanismus für heterogene
Mitgliedschaft. Aber wie funktioniert Hierarchie tatsächlich? Was
leistet sie, wo scheitert sie – und gibt es realistische
Alternativen?
Erwähnte Personen: Stefan Kühl
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
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06.02.2026
18 Minuten
Ich bin Robin, und in Episode 5 von OE3000 wird es verschwommen.
Was unterscheidet einen Verein von einem Freundeskreis? Ein
Unternehmen von einer Familie? Die Frage klingt simpel, aber die
Antwort ist kompliziert. Grenzen zwischen verschiedenen sozialen
Gebilden sind keine Mauern – es sind durchlässige Membranen, an
denen verschiedene Logiken kollidieren.
Es beginnt harmlos. Eine Gruppe trifft sich zum Spielen. Pen
& Paper, Brettspiele. Anfangs zuhause, dann wird's eng.
Jemand schlägt vor, einen Raum zu mieten. Plötzlich braucht es
einen Mietvertrag, ein Bankkonto, jemanden der Beiträge
einsammelt. Und wenn man schon dabei ist – warum nicht als
Verein? Eine Satzung wird entworfen, ein Vorstand gewählt. Was
gerade passiert ist? Eine unsichtbare Linie wurde überschritten.
Was als spontanes Treffen unter Freunden begann, ist eine
Organisation geworden. Der Formalisierungsprozess – niemand plant
ihn so, er passiert einfach. Jeder kleine Schritt erscheint
vernünftig. Aber kumulativ transformieren diese Schritte die
fundamentale Natur dessen, was gemeinsam getan wird.
Dann das Familienunternehmen. Formal gibt es Geschäftsführung und
Aufsichtsrat. Aber wo werden Entscheidungen getroffen? Am
Esstisch beim Sonntagskaffee. Die Geschäftslogik sagt: Stell die
beste Person ein. Die Familienlogik sagt: Der Neffe braucht einen
Job. Du kannst deine Schwester nicht feuern – sie ist deine
Schwester. Aber das Geschäft braucht kompetente Führung. Zwei
Logiken, die sich widersprechen. Keine kann gewinnen. Beide
müssen täglich navigiert werden.
Der Unterschied liegt in der Mitgliedschaft. In einem
Unternehmen: Du hast einen Arbeitsvertrag oder nicht. Binär,
eindeutig. In einer Familie? Viel Glück beim Ziehen der Grenzen.
Organisationen schaffen künstliche Klarheit. Andere soziale
Strukturen leben mit produktiver Ambiguität.
Und dann die Exit-Option. Wenn der Job nicht gefällt, kannst du
kündigen. Aus einer Familie kannst du nicht austreten. Das
verändert alles. "Wir sind wie eine Familie" – eine gefährliche
Phrase in Organisationen. Sie übernimmt das Gefühl von Familie
ohne die tatsächlichen Verpflichtungen. Die Verwundbarkeit einer
Familienbeziehung mit ihrer Loyalität, aber nicht den Schutz. Die
Organisation kann dich jederzeit feuern. Eine Familie nicht.
Erwähnte Personen: -
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
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30.01.2026
18 Minuten
Ich bin Robin, und in Episode 4 von OE3000 wird es grundsätzlich.
Was hat ein Schützenverein mit einem DAX-Konzern gemeinsam? Diese
Frage klingt seltsam – aber die Antwort ist verblüffend. Mehr als
ihre Selbstdarstellung suggeriert! Wir zerlegen Organisationen in
ihre Grundbausteine und entdecken: Die gleichen Mechanismen
durchziehen alles, vom Handwerksbetrieb bis zur Universität.
Zielorientierung – klingt simpel, ist aber politisch. Wer
bestimmt, was die Organisation will? Ziele sind Filter, die
Komplexität reduzieren. Aber sie entstehen in Machtprozessen.
Arbeitsteilung – die löst das Komplexitätsproblem. Der Bäcker
backt, die Verkäuferin verkauft. Spezialisierung macht besser.
Aber sie schafft auch Abhängigkeit. Fällt der Bäcker aus, gibt's
keine Brötchen. Die Entwicklungsabteilung baut tolle Produkte,
die keiner verkaufen kann. Arbeitsteilung ist Problem und Lösung
zugleich.
Hierarchie – das notwendige Übel. Sie ermöglicht Entscheidungen,
sonst blockiert man sich selbst. Aber sie ist auch ein
Machtinstrument. Wer oben sitzt, verdient mehr, hat mehr
Einfluss. Die Frage ist nicht, ob Hierarchien gut oder schlecht
sind. Die Frage ist: Wie viel braucht es wirklich?
Koordination, Stabilität, Grenzen – jeder Baustein löst ein
spezifisches Problem. Und jeder schafft neue. Das ist keine
Dysfunktion, das ist die Funktionsweise von Organisationen. Sie
sind immer beides: Problemlöser und Problemerzeuger.
Stefan Kühl nennt das Kontingenzbewältigung. Organisationen
konzentrieren ihre Perspektive auf wenige wichtige Aspekte und
blenden alles andere aus. Aus unendlich vielen möglichen
Handlungen werden jene ausgewählt, die dem Zweck dienen.
Die dialektische Pointe: Ziele schränken ein. Arbeitsteilung
erzeugt Abhängigkeit. Hierarchie produziert Ungleichheit.
Stabilität führt zur Erstarrung. Aber weil Organisationen
menschliche Schöpfungen sind, können sie verstanden, analysiert
und verändert werden.
Erwähnte Personen: Stefan Kühl
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
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23.01.2026
14 Minuten
Ich bin Robin, und in Episode 3 von OE3000 wird es vielfältig.
Was hat ein Sportverein mit einem Staatsapparat gemeinsam? Mehr
als du denkst. Wir beginnen unsere Reise bei etwas Vertrautem –
dem Sportverein um die Ecke. Ein paar Leute, die zusammen kicken,
danach ein Bier. Klingt simpel, oder? Aber bereits hier jongliert
man zwischen Sport, Wirtschaft, Recht und Politik. Satzungen
müssen eingehalten werden, Mitgliedsbeiträge müssen fließen,
Hallenzeiten verhandelt werden.
Dann wird's handwerklich: Eine Schreinerei mit Meisterin,
Gesellen und Azubis. Eine Bäckerei in dritter Generation. Klein,
überschaubar? Keineswegs. Hier zeigt sich bereits die ganze
organisationale Komplexität. Die Meisterin ist morgens
Handwerkerin, mittags Managerin, nachmittags Unternehmerin.
Tradition trifft auf Innovation. Generationen prallen
aufeinander.
Schulen verschärfen das Spiel. Lehrkräfte sollen individuell
fördern UND standardisierte Tests bestehen. Pädagogischer
Anspruch trifft auf Dokumentationspflicht. Zu wenig Personal, zu
große Klassen, marode Gebäude. Widersprüchliche Anforderungen bei
knappen Ressourcen.
Und dann der Staatsapparat – kein monolithischer Block, sondern
ein Ökosystem aus lose gekoppelten Organisationen. Kommunen,
Länder, Bund, EU. Jede Ebene mit eigenen Ämtern, Ministerien,
Behörden. Alle müssen irgendwie zusammenarbeiten, keiner hat das
große Ganze im Blick. Das ist der Preis der losen Kopplung.
Die Erkenntnis: Vom Sportverein bis zum Staatsapparat – alle
teilen fundamentale Herausforderungen. Alle müssen zwischen
verschiedenen Logiken jonglieren, Stabilität und Wandel
ausbalancieren, mit knappen Ressourcen wirtschaften. Und alle
existieren nicht isoliert. Es gibt keine organisationalen Inseln.
Was einem System widerfährt, wirkt sich auf andere aus.
Erwähnte Personen: -
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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Über diesen Podcast
Für wen funktionieren Organisationen? Wie könnten sie morgen
aussehen? Ich bin Robin, Autor eines Sachbuchs über unsere
Organisationen und Organisationsentwickler mit 15 Jahren Erfahrung.
In diesem Podcast untersuche ich Organisationen als komplexe
soziale Gebilde, in denen Macht ausgeübt wird, Konflikte
ausgetragen werden und Veränderung möglich ist. Kein
Management-Blabla, sondern kritische Analyse. Meine These:
Organisationen sind veränderbar – wie wir sie gestalten,
entscheidet über unsere Zukunft. Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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