Beschreibung
vor 6 Tagen
Anfang April 2026: In Berlin findet der Corporate Influencer Day
statt. Eine ganztägige Konferenz mit Vorträgen, Workshops und
Networking. Ein einziges Thema: wie Unternehmen ihre eigenen
Beschäftigten zu Markenbotschaftern auf Social Media machen.
Wenige Wochen zuvor wurde in Köln der Corporate Influencer Award
verliehen. Es gibt mittlerweile Ausbildungsprogramme, eigene KPIs
und Abteilungen.
Eine ganze Industrie spezialisiert sich darauf, die private
Online-Präsenz von Beschäftigten in ein strategisches Instrument
der Unternehmenskommunikation zu verwandeln. Posts von
Mitarbeitenden generieren laut Branchenangaben bis zu achtmal
mehr Engagement als offizielle Unternehmensbeiträge. Die Logik
ist klar: Menschen vertrauen Menschen mehr als Marken. Also
sollen die Beschäftigten die Marke verkörpern.
Das Konzept dahinter heißt Profilizität. Die Philosophen
Hans-Georg Möller und Paul D'Ambrosio beschreiben damit eine
Verschiebung: In einer Welt, in der unsere Profile auf LinkedIn
oder Instagram oft sichtbarer sind als wir selbst, wird die
bewusste Gestaltung dieser Profile zu einer eigenen Form der
Identitätsarbeit.
Was als freiwilliges Engagement der Beschäftigten dargestellt
wird, ist in Wahrheit ein durchstrukturiertes Programm.
Leitfäden, Schulungen, Hashtag-Vorgaben, definierte KPIs. Die
Organisation nutzt die persönliche Glaubwürdigkeit ihrer
Beschäftigten als Kommunikationsressource. Die Posts wirken
authentisch, weil sie von echten Menschen kommen. Aber genau
diese Authentizität wird strategisch geplant. Eine professionell
hergestellte Echtheit.
Das Dilemma: Mitarbeitende werden zu unbezahlten
Content-Produzenten. Die Grenzen zwischen beruflicher und
privater Sphäre verschwimmen. Wem gehört der LinkedIn-Post einer
Beschäftigten, die über ihren Arbeitsalltag schreibt? Dem
Unternehmen, das das Thema vorgegeben hat? Oder der
Beschäftigten, die ihre persönliche Reichweite einbringt?
Und dann der merkwürdige Effekt: Je strategischer Organisationen
ihre Authentizität planen, desto weniger authentisch wirken sie.
Die Spontaneität ist inszeniert. Die Nahbarkeit ist kalkuliert.
Bei der Profilizität zählt nicht mehr die Wahrheit hinter der
Darstellung, sondern die Qualität der Oberfläche.
Erwähnte Personen: Hans-Georg Möller, Paul
D'Ambrosio
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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