Beschreibung
vor 3 Monaten
Als Jugendlicher habe ich in der Gastronomie gearbeitet.
Aushilfsjobs, um mir die Ausbildung zu finanzieren. Die Gäste
betreten einen gepflegten Gastraum. Dekoration, angenehme
Beleuchtung, adrett gekleidete Kellner. Das ist die Schauseite.
Was hinter der Schwingtür passiert? In der Küche wird geschrien,
geflucht, manchmal handgreiflich gestritten. Ich erinnere mich an
eine rohe Kartoffel, die durch die Küche flog. Lebensmittel, die
auf den Boden fallen und trotzdem auf dem Teller landen.
Zigaretten und Kokain in der Speisekammer. Ich habe Dinge
gesehen, über die ich heute kopfschüttelnd nachdenke.
Und dann die Kontrollen. Die Kontrolleure kamen an ruhigen
Nachmittagen, trafen saubere Küchen an, nette Leute bei den
Vorbereitungen. Was am Vorabend los war, konnten sie nicht sehen.
Die Schauseite lässt sich für solche Momente herrichten. Die
Hinterbühne zeigt sich nur denen, die dauerhaft dort sind.
Das Muster ist universell. Im Krankenhaus, in der Behörde,
überall gibt's eine Vorderseite für die Kundschaft und eine
Rückseite für die Beschäftigten. Schauseiten sind kein
Betriebsunfall. Sie sind funktional. Ohne sie könnten
Organisationen gar nicht existieren. Das Problem entsteht
woanders.
Januar 2026: Der Bundesrat beschließt das neue
Greenwashing-Verbot. Ab September sind Werbeaussagen wie
"klimaneutral" oder "nachhaltig" nur noch erlaubt, wenn sie mit
überprüfbaren Nachweisen unterlegt sind. Selbsterfundene Siegel
verboten. Klimaneutralität durch bloßen Zukauf von
CO2-Zertifikaten darf nicht mehr beworben werden. Bußgelder bis
zu vier Prozent des Jahresumsatzes.
Was hier passiert, ist bemerkenswert. Der Gesetzgeber reguliert
die Distanz zwischen Schauseite und Realität. Er sagt: Ihr müsst
belegen, was ihr behauptet. Ein Automobilkonzern, der mit
niedrigen Abgaswerten wirbt, sagt zunächst nur etwas über seine
Werbestrategie aus. Nicht über seine Fahrzeuge.
Schauseiten werden problematisch, wenn sie sich von der Realität
entkoppeln. Wenn mehr Energie in die Fassade fließt als in die
Substanz. Wenn das Marketingbudget das Budget für
Produktentwicklung übersteigt. Dann wird die Schauseite zum
Kollaps-Beschleuniger.
Das Endstadium: die zynische Organisation. Alle wissen, dass die
offiziellen Aussagen nicht stimmen. Und genau dieses Wissen wird
zur Kultur. Veränderung wird unmöglich.
Erwähnte Personen: Judith Muster, Kai
Matthiesen, Peter Laudenbach
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
Weitere Episoden
11 Minuten
vor 2 Tagen
1 Stunde 1 Minute
vor 5 Tagen
13 Minuten
vor 1 Woche
15 Minuten
vor 2 Wochen
1 Stunde 10 Minuten
vor 2 Wochen
Kommentare (0)
Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.