EGL102 Jeff Noons "Pollen" und die prophetische Kraft der Science-Fiction

EGL102 Jeff Noons "Pollen" und die prophetische Kraft der Science-Fiction

vor 1 Tag
"Die *Vurtuellen* strebten nach Unabhängigkeit. Ein neuralgischer Punkt an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit war die Atmosphäre um Manchester. In dieser Stadt trug sich jener Zwischenfall zu, die als Pollinisierung in die Geschichte einging.
1 Stunde 30 Minuten
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Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie

Beschreibung

vor 1 Tag
Es ist Frühling in Berlin, alles blüht, und das passt gut, denn wir
reden über Pollen! Allerdings nicht über gewöhnlichen Blütenstaub,
sondern über den visionären Roman von Jeff Noon, der uns seit den
90ern nicht mehr loslässt. Diesmal laufen wir auf unserer Tour an
der Mauer des Krankenhauses Friedrichshain entlang zum Volkspark
Friedrichshain und steigen auf einen der ehemaligen Flakturm-Hügel,
unter dem noch Stahl und Beton aus der Nazi-Zeit verschüttet liegen
und der heute längst zugewachsen ist. Die invasive Natur ist auch
ein starkes Bild, das der Roman Pollen aktiviert. Ausgangspunkt für
diese Episode ist unsere 100. Folge, in der wir die Idee entwickelt
haben, dass die Stadt mit ihren Straßen und Gebäuden als ein
Palimpsest aufgefasst werden kann: wie ein mehrfach beschriebenes
Pergament, auf dem sich Schichten von Geschichte, Erinnerung und
Erfahrung überlagern. Flo hat diese Feder weitergesponnen und ist
dabei auf den Science-Fiction-Autor Jeff Noon gestoßen, der 1957 in
Manchester geboren wurde. Noon hat mit seinem Vurt-Zyklus – Vurt
(1993), Pollen (1995), Automated Alice (1996) und Nymphomation
(1997) – den transluzenten SciFi-Spirit der 90er Jahre eingefangen
und ein literarisches Universum geschaffen, das unsere heutige
Realität in der Virtualität teilweise vorweggenommen hat. Zum
Vurt-Worldbuilding liest Flo die ersten Seiten der deutschen
Übersetzung vor: eine Welt, in der Träume auf biomechanischen
Federn gespeichert und konsumiert werden, in der das Virtuelle, das
„Vurt", ein Eigenleben entwickelt und schließlich einen
Spiegelkrieg zwischen Traum und Wirklichkeit auslöst. Wir
diskutieren, wie Noons Ideen sich in unserer Gegenwart
materialisiert haben: Die X-Cab-Taxis des Romans, die durch ihre
Fahrten den Stadtplan von Manchester erst erzeugen, sind im Grunde
Uber inklusive algorithmischer Preisgestaltung und dem Ausnutzen
prekärer Arbeitsverhältnisse. Macht und Meinung, die den Raum des
Virtuellen dominiert und über die Sozialen Medien so
Diskursbestimmend wird, dass wir an der Schwelle zu einem 3.
Weltkrieg stehen. Zombies, die im Vurt hängenbleiben, körperlich
anwesend, aber geistig abwesend, sehen wir täglich in der S-Bahn
beim TikTok-Swipen. Und der Pollen selbst, der Manchester
überschwemmt und die Menschen sich zu Tode niesen lässt? Vor Kurzem
ist durch Corona die weltweite Mortalität saisonal gestiegen, und
Millionen Klimaflüchtlinge sind auf der Welt unterwegs. Manchester
spielt in Noons Werken eine zentrale Rolle. Madchester,
Mazechester, Divchester: Jeff Noon zeichnet in Pollen ein Bild der
Stadt als Labyrinth aus Vurtern, undurchdringlich und doch
zugänglich. Wir schlagen auch Brücken zu Deleuze und Guattaris
glatten Räumen, zu Chaosmagie und Reality Tunnels und entfalten ein
ganzes Cluster an Filmen und Serien, die Noons Ideen weitertragen:
Inception, Matrix, Annihilation, District 9, Stranger Things, The
Last of Us, eXistenZ, Parasite, Nomadland, Midsommar. Uns
beschäftigt auch die Frage, warum Jeff Noon trotz seiner
prophetischen Kraft so viel unbekannter geblieben ist als Philip K.
Dick oder William Gibson. Zu wenig Output? Zu wenig
Genre-Schublade? Zu viel Manchester und zu wenig London? Wir
spekulieren, und Micz schlägt vor, den Autor einfach mal zu
kontaktieren. Wir nehmen unsere Federn in den Mund und halten die
Luft an...
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