Eigentlich Podcast
Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie
Podcaster
Episoden
01.01.2026
1 Stunde 16 Minuten
Noch eine Folge aus unserem Podcast-Retreat Anfang Dezember im
Berliner Umland. Wir laufen über den Weihnachtsmarkt von Werneuchen
und sprechen über „One Battle After Another“ (OBAA) von Paul Thomas
Anderson (PTA). Anderson war schon mehrfach ein Thema in unserem
Podcast. So hat Flo in seiner Reihe „Filme aus den Neunzigern“
Andersons Episodenfilm „Magnolia“ von 1999 ausführlich besprochen.
OBAA ist Andersons teuerster, aber zugleich auch sein
wirtschaftlich erfolgreichster Film. Allein für die Hauptrolle
erhielt Leonardo DiCaprio seine „übliche“ Gage von 20 Millionen
Dollar. Mit OBAA adaptiert PTA wieder einmal ein Pynchon-Werk für
die Leinwand. „Vineland“ von 1990 ist ein Roman des Autors, der als
vergleichsweise lesbar und weniger hermetisch gilt. Thomas Pynchon
gilt als großer Vertreter der postmodernen Erzählung. In seinen
Romanen entfaltet er ein dichtes Labyrinth paralleler
Erzählstränge, die er sehr bildreich, fast enzyklopädisch
ausschmückt. Diese Fäden verweigern sich teilweise bewusst einer
Auflösung, indem sie in antiklimaktische Sackgassen münden, um die
vergebliche Suche nach einem allumfassenden Muster zu
thematisieren. Micz mag den Roman „Vineland“ sehr, war jedoch nach
seinem Kinobesuch von OBAA etwas „empört“. Wir gehen in unserem
Gespräch den kompletten Film durch und der Empörung von Micz auf
den Grund. Flo ist vor allem von der kinematografischen Kraft des
Films beeindruckt. Über 80% des Materials wurde analog im
35-mm-Format VistaVision gedreht. Der Film trägt auch viele
Merkmale eines klassischen Roadmovies – einem Genre, dem wir
ebenfalls eine Filmreihe in unserem Podcast gewidmet haben. Der
klimaktische Höhepunkt wird topografisch auf den Hügelstraßen in
der Wüste ausgetragen und bekommt die erzählerische Wucht eines
Films von Hitchcock. Doch so recht möchte sich Micz nicht von der
Brillanz des Films überzeugen lassen. Ihm sind die Figuren zu flach
und schon nach dem ersten Auftauchen auserzählt. Wir kommen mit
dieser Episode etwas unentschlossen am dunklen Ufer des Seefelder
Haussees zum Ende und versuchen wenigstens noch, ein
atmosphärisches Foto zu hinzubekommen.
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18.12.2025
1 Stunde 6 Minuten
Micz und Flo haben sich zur Vorweihnachtszeit übers Wochenende zu
einem Podcast-Retreat ins Brandenburger Land nördlich von Berlin
zurückgezogen. Passend zur Weihnachtszeit schauen wir uns den Anime
„Tokyo Godfathers“ von Satoshi Kon an und besprechen ihn am
nächsten Tag auf einer Wanderung in Krummensee. „Tokyo Godfathers“
hat Flo schon vor über 20 Jahren berührt, als der Film 2003
herauskam, und ist ein perfekter Weihnachtsfilm mit allen prägenden
Merkmalen des Genres: Er spielt am Weihnachtsabend im verschneiten
Tokio, es geht um Wunder, ein verlorenes Kind und den Zusammenhalt
von Familie. Held:innen der Geschichte sind die drei Obdachlosen:
Hana, eine Transfrau, Gin, ein Alkoholiker und Miyuki, einem
Teenager-Mädchen, das von zu Hause abgehauen ist. Sie sind auf der
Suche nach der Mutter eines Babys, das sie im Müll gefunden haben,
und wachsen dabei weit über ihre Grenzen hinaus. Der Film zeigt Mut
und Barmherzigkeit im Randmilieu der Gesellschaft und benennt dabei
Themen, die nicht nur in Japan tabuisiert sind: Alkoholismus und
Spielsucht, Wochenbettdepression und Todgeburt, Gewalt an
Obdachlosen und mangelnde Akzeptanz von Transsexuellen. Er schafft
eine hohe emotionale Verbundenheit mit den Figuren, die Satoshi Kon
wie echte Darsteller:innen inszeniert. Mit wenigen Strichen und
zugleich karikaturesken Zeichnungen gelingt ihm eine starke
Identifikation mit den Hauptfiguren. Satoshi Kon ist 2010 im Alter
von 46 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben. Sein Œuvre ist
weit über Japan hinaus bekannt. Er inspirierte Regisseure wie
Christopher Nolan und Darren Aronofsky mit seinen Filmen. Wie auch
Akira Kurosawa greift Satoshi Kon westliche Ideen in seinen Werken
auf. Insbesondere die Psychoanalyse und Traumdeutung Sigmund Freuds
finden bei Kon künstlerischen Ausdruck. „Tokyo Godfathers“ kann
wohl von der Dramaturgie und Erzählung als der "normalste" von
Satoshi Kon gelten. Wunder spielen zwar eine Rolle, aber immer so,
dass sie auch ein Zufall sein könnte, ein ganz kleiner Zufall, der
aber in der Realität passieren kann. Auf unserer Wanderung durch
Krummensee Richtung Haussee können wir auch einen Weg nicht
passieren, eine Absperrung mit dem Hinweis "Jagd auf diesen Wegen"
veranlasst uns zum Umdrehen. Wir laufen stattdessen zum Krummer
See. Dort treffen wir zwar auf keine weiteren Absperrungen, aber
Micz bleibt für den Rest der Wanderung beunruhigt – auch wegen
eines Pick-ups, der uns entgegenkommt. Der Fahrer mit Schirmkappe
und breiten Nacken grüßt uns zwar freundlich, doch als wir dem Auto
nachschauen, sehen wir auf der Ladefläche mehrere Rehe. Am Ende der
Episode stehen wir an einem Hochsitz und scherzen darüber, ob die
Folge überhaupt noch veröffentlicht wird – und ob man im Abspann
vielleicht schon einen Schuss hört...
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04.12.2025
1 Stunde 25 Minuten
Bei einem vorweihnachtlichen Spaziergang durch Charlottenburg
spreche ich mit der Psychotherapeutin Anja Ulrich über
„Sozialenergie“ (Günter Ammon), über „Soziale Energie“ (Hartmut
Rosa) und darüber, wie sich diese Form psychischer Energie in der
Gruppentherapie zeigt. Es geht also um Energie, weshalb es uns
passend erscheint, dass wir die Tour vor dem ehemaligen
Bewag-Abspannwerk in der Leibnizstraße, Ecke Niebuhrstraße,
beginnen. Heute unter dem Namen „MetaHaus“ bekannt, versorgte das
Gebäude mit Stahlskelett und roter Klinkerfassade seit den späten
1920er-Jahren Charlottenburg mit Strom. Der Begriff „Soziale
Energie“ zieht, vor allem wegen der Forschung des Soziologen
Hartmut Rosa, immer größere Kreise. Anja Ulrich und ich finden
viele vertraute Ideen in seinen Gedanken, da unser
Ausbildungsinstitut seit den 1970er-Jahren mit dem Konzept der
„Sozialenergie“ der Psychoanalyse eine Weiterentwicklung bescherte.
Der Psychiater, Psychoanalytiker und Mitbegründer unseres
Ausbildungsinstituts, Günter Ammon, hat in seinem Theoriegebäude
die Triebenergie Freuds (Libido) durch die Sozialenergie ersetzt.
In den Shownotes verlinkt: ein längerer Artikel von 1982. Trotz
vieler Gemeinsamkeiten gibt es auch deutliche Unterschiede. Hartmut
Rosa, aufbauend auf seinem Konzept der Resonanz, beschreibt Soziale
Energie als relationales Phänomen, das in Resonanzbeziehungen
entsteht. Energie ist hier keine individuelle Ressource, sondern
eine dynamische, zirkuläre, nicht speicherbare Qualität gelingender
Interaktion, die Menschen im Kontakt belebt und transformiert.
Günter Ammon versteht Sozialenergie als gruppendynamisch erzeugte
psychische Kraft, die die Ich-Struktur aufbaut und
Identitätsentwicklung ermöglicht. Während Rosa einen
phänomenologisch-soziologischen Fokus auf Resonanz legt, betont
Ammon die strukturbildende Funktion sozialer Felder im Rahmen der
Dynamischen Psychiatrie. Die heutige Tour führt uns vorbei an den
Läden der Wilmersdorfer Straße, zur Deutschen Oper, über den
Richard-Wagner-Platz, die UdK, die Paris Bar und schließlich zum
Berliner Institut der Deutschen Akademie für Psychoanalyse in der
Kantstraße. Dann ist der Ofen aus.
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20.11.2025
1 Stunde 21 Minuten
Flo trifft in dieser Episode zum zweiten Mal auf Rolf Behringer vom
Verein Solare Zukunft – diesmal in Freiburg. Gemeinsam spazieren
wir durch den Stadtteil Vauban, wo Rolf frühe nachhaltige
Bauprojekte mit Photovoltaik und Niedrigenergiehäusern vorstellt.
Dabei sprechen wir über aktuelle Entwicklungen wie Balkonkraftwerke
und neue Speichermöglichkeiten. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren
Energien hat sich bereits gut entwickelt, und mit Freiburger
Leuchtturmprojekten wie dem Heliotrop oder dem Sonnenschiff hat die
Energiewende Anlauf genommen. Doch die großen Sektoren wie Wärme
und Verkehr müssen noch deutlich nachhaltiger werden. Auf unserer
Wanderung setzen wir uns mit den unterschiedlichen
Herausforderungen auseinander, vor denen unsere Gesellschaft steht
und versuchen den Blick in die Zukunft nicht zu dystopisch werden
zu lassen. Wir finden etwas Erleichterung in den Utopien des
Solarpunks. Am Ende unserer Tour stehen wir vor dem Solarhaus –
aber über den Zaun klettern wollen wir dann doch lieber nicht.
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06.11.2025
2 Stunden 2 Minuten
Weiter geht's mit dem Halloween-Special zu Body Horror. Reinhard
ist wieder dabei, Chris jedoch nicht. Der hat sich mit Zelt und
Isomatte in die Wildnis verabschiedet. In dieser Episode widmen wir
uns zwei weiteren Filmen des Genres: "The Substance" und
"Together". Laufen beim Reden und laufend reden. Unterwegs im
Treptower Park, wo uns zum Schluss ein ganz anderer Horror einholt:
das dritte Aufnahmegerät hat nicht aufgenommen (Micz vergaß den
Hold-Schieber auf eben jenes "Hold" zu schieben). Wir mussten
Reinhards Tonspur akribisch aus den anderen beiden Spuren
herausschneiden. In "The Substance" von Coralie Fargeat steht der
weibliche Körper im Zentrum einer von Außen auf den Körper
projizierten Selbstoptimierungsspirale. Elizabeth Sparkle, einst
gefeierte Schauspielerin, wird älter – und damit für die Kamera
untauglich. Ein mysteriöses Serum namens „The Substance“ verspricht
Verjüngung. Ein zweites Ich, jung, schön, makellos, bricht durch
den Rücken in die Welt. Die Gebrauchsanweisung sagt deutlich: alle
sieben Tage müssen sich jung und alt abwechseln. Doch dieses zweite
Selbst beginnt, das erste zu verdrängen – bis Identität, Fleisch
und Selbstbild in einem grausamen Machtkampf verschmelzen. Fargeat
inszeniert diese Verwandlung als blutiges Schauspiel über
Körperbesitz, Leistungsdruck und das Begehren, gesehen zu werden.
Im Anschluss reibt Flo Lacans Konzept des "Realen" am Schleim und
Formlosen des Films. Wo "The Substance" Körpergrenzen auflöst, wird
das Reale zum Ort des Unbegreiflichen – jener Überschuss, der sich
der Symbolisierung entzieht. Der Film lässt uns körperlich spüren,
was Lacan nur andeuten konnte: dass das Reale keine äußere
Bedrohung ist, sondern etwas, das unaufhörlich in uns arbeitet. Der
zweite Film, "Together" von Michael Shanks, erweitert das Thema
Körperhorror um eine groteske Komödiennote. Alison Brie und Dave
Franco spielen ein Paar, dessen Beziehung nach dem Umzug auf's Land
zerbröselt, als ein bizarrer Selbstfindungstrip zur physischen
Eskalation führt. Durch ein unerklärliches Phänomen werden die
beiden aneinandergebunden, besser noch ineinanderverwickelt und
-verstrickt. Die Geschichte ist in eine Farce über Abhängigkeit,
Selbstauflösung und die möglicherweise Unmöglichkeit, wirklich
„eins“ zu werden. Shanks inszeniert diesen Körper- und
Beziehungsknoten als Mischung aus Beziehungsdrama und Splatter.
Hier spricht Micz über Julia Kristevas Konzept des "Abjekts" –
jenes Moments, in dem das Ich sich selbst nicht mehr von dem
unterscheiden kann, was es abstößt. "Together" zeigt das Abjekt als
Auflösung der Trennung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ich
und Du. Das eklig Verschmelzende wird zum Beweis dafür, dass unser
Selbstbild auf einer dünnen Haut beruht.
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