Eigentlich Podcast

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Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie
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EGL108 Empfindungsfähigkeit oder die Entwicklung des Bewusstseins (Bewusstsein 3)
16.07.2026
1 Stunde 27 Minuten
In dieser Folge spazieren wir während der Aufnahme durch das periphere Lichtenberg und erkunden dabei die Tiefen des evolutionären Bewusstseins. Flo stellt Micz das Buch „Sentience – The Invention of Consciousness" von Nicholas Humphrey vor, einem britischen Neurophysiologen, Psychologen und Philosophen, der auf 50 Jahre Forschung zurückblickt und dabei eine ziemlich umfassende These aufstellt: Bewusstsein, so Humphrey, ist eine biologische Erfindung der Evolution, und echtes, gefühltes „phänomenales Bewusstsein" haben nur Säugetiere und Vögel. Fische, Reptilien, Insekten und auch Oktopusse fallen da raus. Das zeigt auch das Arche-Noah-Gemälde von Bruegel dem Älteren: Darauf abgebildet sind lauter Tiere aus dem Zoo, wie Micz bemerkt, also Tiere, die nach Humphrey eine echte Empfindungsfähigkeit entwickelt haben. Bevor Flo die Kernthesen von Nicholas Humphrey ausführlicher vorstellt, machen wir einen Ausflug in die Verhaltensforschung, in dem es sehr anekdotisch zugeht: der blinde Affe Helen, der trotz herausoperiertem visuellen Kortex „wie ein Frosch" sehen kann (Blindsight); die tragische Geschichte der iranischen Frau HD, die nach einer Augen-OP zwar sehen könnte, sich aber als Blinde wohler fühlt; Affen, die bei Rot schneller reagieren als bei Blau - und das nicht, wie ursprünglich angenommen, aus einem Ästhetik-Empfinden, sondern aus dem puren Überlebenswillen; sowie die Sinnessuche bei Säugetieren und Vögeln, die sich auch in Masturbation ausdrücken kann. Warum können wir empfinden? Was ist der evolutionäre Vorteil? Kommen wir zum theoretischen Kern: Humphrey baut die Entwicklung von Bewusstsein wie ein Ingenieur auf dem Reißbrett in drei Stufen. Stufe 1 beschreibt die „Sentition" – eine der Wortschöpfungen von Humphrey, die sich aus Sensation und Action zusammensetzt: Reiz trifft auf Zelle, sichtbare Reaktion folgt, noch ganz ohne Gefühl. In der 2. Stufe ist schon ein Proto-Selbst entstanden, durch abgespeicherte Reiz-Reaktions-Kopien – d. h. das Tier verfügt über eine mentale Map, auf der Reiz und Reaktion im Inneren ablaufen können, ohne dass es zu einer äußeren Reaktion kommt. Und in Stufe 3 macht es schlagartig „Whoosh" (auch eine gern rezitierte Wortschöpfung): Durch Rückkopplungsschleifen im Gehirn entsteht das phänomenale Selbst. Voraussetzung dafür ist die Warmblütigkeit. Damit erhöhen sich die Reaktionsgeschwindigkeiten in den Leiterbahnen der Nervenzellen, und es entstehen bestimmte Zelltypen für die Rückkopplungseffekte, die die Grundlage für das phänomenale Bewusstsein sind. Deshalb fühlt der Hund mit seinem wertenden Selbst aber nicht der Oktopus. Micz ist recht angetan vom „Roh-Material" von Flos Erzählung, aber so recht „Whoosh" hat es bei ihm nicht gemacht: Dieser Sprung von mehreren Hundert Millionen Jahren aus dem Nichts zum phänomenalen Bewusstsein will nicht so recht zünden. Wir diskutieren zum Abschluss über Gradienten, Panpsychismus und die Frage, ob ein Tyrannosaurus Rex vielleicht doch masturbieren konnte. Am Ende bleibt die zentrale, starke Idee: Es gibt keine Stelle im Gehirn, die Rot sieht – es gibt nur das Erleben von „Redness". Qualia als Erlebnisfähigkeit. Und die Erkenntnis, dass jedes Tier auf der Arche sein eigenes kleines Fotoalbum der Empfindungen mit sich trägt...
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EGL107 Fender kills Strat: Wie eine Marke sich kaputt klagt (Stromgitarre 9)
02.07.2026
42 Minuten
Diese Folge ist anders als alles, was Flo erwartet hat. Micz trägt Liedtexte des Singer-Songwriters und Proto-Punkers Jonathan Richman vor, speziell "Fender, Fender, Fender" und "The Fender Stratocaster". Die wahrscheinlich bekannteste und beliebteste E-Gitarre ever, inzwischen über 70 Jahre alt (1954), beschreibt Richman passend: "Everythin’ your parents hated about rock ’n’ roll (...) Wangin’ and a twangin’, sounding so tough (...) And the kids in my corner, they can’t get enough. Fender Fender Fender". In dieser Episode reden wir darüber, wie Fender unter neuem Leadership ihre Community verstört, und über das vielleicht wichtigste "Gitarrenurteil" des Jahres. Das Landgericht Düsseldorf hat entschieden, dass die Korpusform der Fender Stratocaster als urheberrechtlich geschütztes Werk der angewandten Kunst gelten kann. Konkret ging es um einen chinesischen Hersteller, der Strat-Kopien über AliExpress in die EU verkauft hatte – der jedoch gar nicht vor Gericht erschienen ist. Das Urteil ist also ein "Versäumnisurteil", zu einer Verhandlung kam es nicht. Dabei kommen wir nicht umhin, einen Blick auf die Geschichte von Fender zu werfen. Legende Leo Fender verkaufte das Unternehmen bereits 1965. Heute gehört es mehrheitlich zur Servco-Gruppe, die während des Corona-Lockdowns massiv vom weltweiten Gitarrenboom profitierte. Wir diskutieren die Frage, ob die Branche die außergewöhnliche Nachfrage der Pandemie möglicherweise überschätzt hat und ob die aktuelle juristische Offensive auch vor dem Hintergrund eines schwächeren Marktes nach dem Boom betrachtet werden sollte (ausdrücklich eine Hypothese, keine belegte Tatsache). Fragt man die Kund:innen und die Gitarren-Community, dann gibt es zwar Verständnis dafür, gegen eindeutige Plagiate vorzugehen, aber auch viel Unmut über das rabiate Vorgehen mit Abmahnungen gegen kleine Hersteller:innen, Drohungen im sechsstelligen Euro-Bereich und Aufforderungen, Gitarren zu zerstören. Gehört die Stratocaster wirklich Fender allein – oder ist diese Gitarre nach 70 Jahren längst Gemeingut?
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EGL106 Bewusstsein auf den Kopf gestellt: Mark Solms über Gefühle, Gehirn und das Unbewusste (Bewusstsein 2)
18.06.2026
1 Stunde 4 Minuten
Endlich mal eine Episode, die alles auf den Kopf stellt, "turned on its head"! In der zweiten Episode unserer kleinen Reihe über Neuropsychologie, Psychoanalyse und die Frage, welche Rolle Emotionen spielen, folgen wir dem südafrikanischen Neurpsychologen Mark Solms, der sich mit heutigem Fachwissen Sigmund Freuds Theorien von vor hundert Jahren angenommen hat. (Vgl. Folge 103, Freud: "Das Unbewußte" von 1915.) Aus Solms’ Artikel "The Unconscious" von 2017 lässt sich ein Zitat nehmen (im Original auch im Blogpost weiter unten), in dem Solms betont, wie gegenwärtige neurophysiologische Erkenntnisse alte Annahmen auf den Kopf stellen, "The classical conception is turned on its head": Bewusstsein wird nicht im Kortex erzeugt, sondern im Hirnstamm. Es ist nicht primär perzeptiv, sondern affektiv organisiert. Grundlegendes Bewusstsein besteht nicht aus Bildern, sondern aus Zuständen. Die relevanten Hirnstammstrukturen kartieren nicht die äußeren Sinne, sondern den inneren Körperzustand. Diese Kartierung erzeugt keine Wahrnehmungsobjekte, sondern das Subjekt der Wahrnehmung selbst, den Hintergrundzustand des bewussten Seins. Wahrnehmung setzt damit immer schon ein empfindungsfähiges Subjekt voraus. Diese Strukturen sind evolutionär sehr alt und lassen vermuten, dass alle Säugetiere und eventuell sogar Fische eine basale Form von Bewusstsein aufweisen. Das wird uns aber in der kommenden Folge der Mini-Serie, in der Zusammenarbeit von Mark Solms und Karl Friston, mehr interessieren. Insbesondere auch das Free Energy Principle, die Rolle von Emotionen und von Sterblichkeit für das Bewusstsein. Jetzt also auf den Kopf stellen, dann den Kopf verdrehen. Viel Spaß dabei.
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EGL105 Buddhismus Teil 2 – Erleuchtung und das Unbewusste
04.06.2026
1 Stunde 50 Minuten
Im zweiten Teil unserer Buddhismus-Folge wagen wir den Brückenschlag. Was hat die jahrtausendealte buddhistische Lehre mit der Neuropsychoanalyse eines Sigmund Freuds oder Mark Solms zu tun? Und was sagt beides über die große Frage aus, was eigentlich Bewusstsein ist? Flo nimmt Micz zunächst mit in die Welt des tibetischen Buddhismus (Vajrayana). Wir sprechen über Erleuchtung als Erfahrung des Unveränderlichen, über Übertragungslinien von Lehrer zu Schüler, über Marpa und Milarepa, über Mantras, Visualisierungen und die geheimnisvolle Phowa-Praxis. Wir streifen die Geschichte der Verbreitung der buddhistischen Lehre nach Tibet, die vier großen Schulen und die Frage, wie eine Lehre über 2500 Jahre hinweg bewahrt werden kann, von der Mnemotechnik bis zum Pali-Kanon. Dann kommen wir zur eigentlichen Leitfrage: Lässt sich der Buddhismus mit der (Neuro)Psychoanalyse zusammendenken? Wir vergleichen Freud und Buddha, ihre überraschenden Gemeinsamkeiten (der Mensch als Getriebener unbewusster Kräfte, das Begehren als Quelle des Leidens, die Methode der inneren Beobachtung) und ihre entscheidenden Unterschiede: Während Freud das Ich stärken will, will der Buddhismus es auflösen. Im Zentrum der Folge steht ein gemeinsames „Mapping": Wir legen die fünf buddhistischen Daseinsfaktoren, die Skandhas - Körperlichkeit, Empfindung, Wahrnehmung, geistige Prägung und Bewusstsein – neben die moderne Neuropsychoanalyse von Mark Solms. Dabei kommen wir zu erstaunlichen Berührungspunkten: Bewusstsein wurzelt vielleicht nicht im Denken, sondern im Fühlen. Das buddhistische Karma findet eine Entsprechung im prozeduralen Gedächtnis und im Wiederholungszwang. Und wir gehen unter anderem den Fragen nach, warum die Psychoanalyse als Beziehungserfahrung wirkt und warum Leid sich transgenerational fortpflanzt. Am Ende bleibt es aber offen: Hat ein erleuchteter Mensch eigentlich noch ein Unbewusstes? Eine Frage, die dort ansetzt, wo sich naturalistisches und spirituelles Denken scheiden. Diese Folge ist der perfekte Appetizer für die nächste Episode, die Micz vorbereiten wird, in der wir tiefer in die Neuropsychoanalyse von Mark Solms eintauchen.
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EGL104 Buddhismus Teil 1: Ursprung, Lehre und Praxis
21.05.2026
1 Stunde 9 Minuten
In dieser Folge sprechen wir über Buddhismus und steigen gleich praktisch mit einer kleinen Meditation in das Thema ein. Die kurzen Sätze zur Einstimmung umfassen bereits sehr zentrale Aspekte der buddhistischen Lehre. Flo ist auf das Thema gekommen, weil er zum einen selbst lange Zeit praktizierender Buddhist war und zum anderen Micz ihn mit seiner vorherigen Episode dazu angespornt hat, eine Verbindung zwischen dem Bewusstseinsbegriff nach Freud und dem Buddhismus herzustellen. Die Frage, wie sich Buddhismus zur Psychoanalyse verhält, klären wir dann in der nächsten Folge. In dieser sprechen wir zunächst über die Grundlagen des Buddhismus. Flo erzählt die Lebensgeschichte des historischen Buddha mit dem bürgerlichen Namen Siddhartha Gautama: wie er die Erfahrung von Leid mit Alter, Krankheit und Tod machte, wie er bei den Asketen nach Antworten suchte, aber keine fand, und sich schließlich unter den Bodhi-Baum setzte und gelobte, nicht eher aufzustehen, bis er die Antwort gefunden habe. Und so wurde Siddhartha zum Buddha, dem Erleuchteten, und gab in den restlichen 45 Jahren seines Lebens seine Lehren weiter. Dabei erklären wir zentrale Begriffe wie die vier edlen Wahrheiten, den achtfachen Pfad, Karma, Ich-Illusion und Mitgefühl. Die drei Fahrzeuge bezeichnen die heute noch bestehenden Schulen des Buddhismus. Der Vajrayana, der Diamantweg, ist die Schule des tibetischen Buddhismus, die verspricht, mit dem richtigen Lehrer (Lama) und der richtigen Verbindung innerhalb eines Lebens die Erleuchtung erlangen zu können. Hier spielen Methoden wie Visualisierungen, Mantren und Einweihungen eine zentrale Rolle, wie Flo aus eigener Erfahrung berichten kann, da er lange Zeit nach der tibetischen Karma-Kagyü-Schule praktizierte. Auch dieses Thema nehmen wir mit in die nächste Episode, da der tibetische Buddhismus ein umfassendes System zur Transformation von „Geistesgiften" entwickelt hat, das aus einem psychoanalytischen Blickwinkel interessant zu betrachten ist. In dieser Episode sitzen wir mehr, als dass wir wie sonst laufen. Wir starten sitzend im Körnerpark in Rixdorf und enden nicht weit entfernt auf der Thomashöhe in den Neuköllner Rollbergen.
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