Eigentlich Podcast
Reden beim Laufen und laufend Reden - über Film, Technik und Psychotherapie
Podcaster
Episoden
26.02.2026
1 Stunde 42 Minuten
Es ist wieder Berlinale-Zeit! Es ist immer noch tief unter null
Grad und wir haben unsere langen Unterhosen angezogen, um unseren
Podcast bei einem Spaziergang entlang des Spreebogens aufzunehmen.
Wir starten mit der Aufnahme direkt vor dem Haus der Kulturen der
Welt, wo im Rahmen der Berlinale-Retrospektive Georg Wilhelm Pabsts
Stummfilm Geheimnisse einer Seele aus dem Jahr 1926 in einer
aufwendig neurestaurierten 4K-Fassung aufgeführt wird. Der Film,
der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, gilt als der
erste bedeutende Spielfilm, der die Freudsche Psychoanalyse
ernsthaft zum Gegenstand macht. Freuds Schüler Karl Abraham und
Hanns Sachs trugen zur Umsetzung beratend bei. Die
Berlinale-Aufführung ist eine dreifache Premiere: Die Restaurierung
speist sich aus drei verschiedenen Filmkopien, begleitet wird sie
von einer Neukomposition des Südkoreaners Yongbom Lee, live
gespielt vom Ensemble Broken Frames Syndicate, wobei die
Gehirnströme der Bratschistin in Echtzeit erfasst werden, um
Synthieklänge und eine Lichtinstallation zu steuern. Micz ordnet
als ausgebildeter Psychotherapeut die im Film dargestellten
Konzepte ein – Traumdeutung, Verdrängung, Kastrationsangst, ödipale
Konstellation. Gemeinsam diskutieren wir den Male Gaze, den
männlichen Blick im Film, der die Rolle der Frau weitestgehend als
reines Projektionsobjekt darstellt. Der rätselhafte Epilog des
Films löst bei uns Verwirrung und Ambivalenz aus, was aber
wunderbar durch die experimentelle Musik untermalt wird. Ein
produktiver Versprecher von Micz, der Karl Abraham mit Alfred Adler
verwechselt, führt zu einem Exkurs über die Rivalitäten innerhalb
der psychoanalytischen Bewegung und die Frage, ob der Film
unbewusst auch davon erzählt. Auf unserer Route passieren wir das
Hansaviertel, die Akademie der Künste und die Schwangere Auster und
streifen dabei die Geschichte der Bauausstellung Interbau 1957 als
architektonische Antwort des Westens auf die Stalinallee. Teil zwei
des Podcasts folgt in vierzehn Tagen mit mehr über G.W. Pabst,
seine filmtechnischen Innovationen und die Fortsetzung der Route
durch Charlottenburg.
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12.02.2026
1 Minute
Flo schenkt Micz zu Weihnachten einen Besuch des Stücks
„Männerphantasien", aufgeführt am 10.01.2026 in der Box des
Deutschen Theaters, der kleinsten Bühne des Hauses. Wir sind etwas
aufgeregt, weil wir eigentlich noch nie zusammen ins Theater
gegangen sind. Um 20 Uhr bringen wir uns vor der Box zur freien
Platzwahl in Stellung und finden in der zweiten Reihe des klein
bestuhlten Saals Platz. Das Stück fängt auch inmitten der Reihen
an: Ein Schauspieler, als Zuschauer getarnt, rezitiert gleich zu
Beginn Originaltexte aus dem Buch „Männerphantasien" von Klaus
Theweleit. Wir als brave Kulturbürger versuchen, den Sätzen mit
konzentriert gerunzelter Stirn zu folgen, bis der Schauspieler jäh
mit den Worten unterbricht (sinngemäß): „Ich sag's nochmal
einfacher. Also nicht verstehen, was da passiert ist, sondern
fühlen." Es geht um die Freikorps, es geht um die Gewalt der
faschistischen Prototypen, es geht um die neofaschistischen
Auswüchse unserer heutigen Zeit. Große Teile des Stücks werden über
Monologe getragen – Monologe, in denen eine*r des fünfköpfigen
Ensembles in die Rolle einer zeitgenössischen Figur schlüpft: eine
Person „aus der Pizzabox", die Andrew-Tate-Zitate spricht; eine
Mutter, die zu den Vergewaltigungen ihres Sohnes emotional Stellung
zu beziehen versucht; eine Frau, die vom Feminismus ins rechte
Lager kippt und zuletzt ein Mann, der grillend schlechte Wortwitze
reißt und sich mit seinem Nachbarn über Carports austauscht, dann
aber fast im selben Atemzug die Farbgebung der Reichsflagge –
Schwarz, Weiß, Rot – messerscharf analysiert. Als wir aus dem
Theater kommen, werfen wir gleich unsere Aufnahmegeräte an, um uns
frisch über die ersten Eindrücke auf den eisüberzogenen Straßen von
Mitte auszutauschen. Micz rezitiert noch die Witze aus dem Stück:
Steht ein Pilz im Wald, kommt der Hase vorbei und trinkt es aus.
Warum steht da ein Pils? Weil die Tannen zapfen. Flo freut sich,
dass sein Geschenk gut angekommen ist und Micz sich während des
Stücks auch amüsiert hat. Wir können mit Theweleits
„Männerphantasien" auch an eine unserer früheren Folgen anknüpfen:
In Episode 60 zu dem Film „The Zone of Interest" referiert Micz
über das Buch von Theweleit und stellt die Objektbeziehungstheorie
der Psychoanalytikerin Melanie Klein vor, die eine theoretische
Grundlage von „Männerphantasien" bildet. Während wir durch die
Auguststraße vorbei an den Kunstwerken schlittern, gehen wir der
Kernfrage nach, die sich auch in dem Stück stellt: Kann sich
Geschichte wiederholen, oder sind die Freikorps der 1920er-Jahre
aus einer singulären historischen Konstellation entstanden?
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29.01.2026
46 Minuten
An einem schneereichen Abend nach Silvester trifft Micz die
Gestalt- und NARM-Therapeutin Anne Piotrowski, um mehr über die
therapeutische Arbeit mit dem NeuroAffective Relational Model
(NARM) zu erfahren. Dieser traumatherapeutische Ansatz, begründet
durch Laurence Heller, zverbindet unter anderem auch
gestalttherapeutische und psychodynamische Ansätze mit modernen
neurobiologischen und relationalen Perspektiven. Ausgangspunkt ist
die Erkenntnis, dass komplexe und Entwicklungstraumata nicht allein
als gespeichertes Ereignis verstanden werden kann, sondern sich als
fortlaufendes Muster in Affektregulation, Selbstwahrnehmung und
Beziehungsgestaltung ausdrückt. In der Tradition der
Gestalttherapie übernimmt NARM den Fokus auf Gegenwärtigkeit,
Kontakt und phänomenologische Wahrnehmung, während aus der
tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie insbesondere das
Verständnis unbewusster Beziehungsmuster, innerer Konflikte und
struktureller Anpassungen einfließt. Diese Stränge werden ergänzt
durch Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und Neurobiologie.
Im Zentrum des Ansatzes steht die Unterscheidung zwischen frühen
Überlebensstrategien und den darunterliegenden
Entwicklungsbedürfnissen nach Verbindung, Autonomie und
Selbstwirksamkeit. Statt retraumatisierender Konfrontation liegt
der Schwerpunkt auf der bewussten Erforschung jener Strategien, die
einst Schutz boten und heute Entwicklung begrenzen. Die
therapeutische Arbeit zielt darauf, im Hier und Jetzt neue
Wahlmöglichkeiten zu eröffnen und so die Wiederherstellung von
innerer Kohärenz, lebendigem Kontakt und relationaler Flexibilität
zu unterstützen.
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15.01.2026
59 Minuten
In dieser Folge zeichnet Micz die Wandlung der "psychischen
Energie" von einem intrapsychischen Phänomen zu interpersonellen
und gruppenbezogenen Prozessen nach. Was treibt Menschen innerlich
und gesellschaftlich an? Die Antwort darauf hat sich im Laufe von
mehr als hundert Jahren verändert. Ausgangspunkt ist Sigmund Freuds
Libidotheorie: zunächst als sexuelle Triebenergie gedacht, später
erweitert zu einer allgemeinen psychischen Energie und schließlich
im zweiten topischen Modell mit Ich, Es und Über-Ich neu verortet,
auch im Dialog mit der Ich-Psychologie um Heinz Hartmann. Doch es
bleiben Fragen offen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Günter
Ammon zieht daraus eine radikale Konsequenz und ersetzt die
Triebtheorie als Motor der Psyche durch das Konzept der
Sozialenergie: psychische Energie entsteht nicht primär aus inneren
Trieben, sondern aus Beziehungen, Gruppen und sozialer
Auseinandersetzung. Hartmut Rosa schließlich denkt Soziale Energie
von der Gesellschaft her und beschreibt sie als kollektive,
zirkulierende Kraft, die in Resonanz, Engagement und gemeinsamem
Tun entsteht. Die Episode verbindet diese drei Denkbewegungen
historisch und inhaltlich und versucht zu zeigen, wie sich der
Blick vom inneren Trieb über die soziale Beziehung bis zur
gesellschaftlichen Resonanz verschoben hat.
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01.01.2026
1 Stunde 16 Minuten
Noch eine Folge aus unserem Podcast-Retreat Anfang Dezember im
Berliner Umland. Wir laufen über den Weihnachtsmarkt von Werneuchen
und sprechen über „One Battle After Another“ (OBAA) von Paul Thomas
Anderson (PTA). Anderson war schon mehrfach ein Thema in unserem
Podcast. So hat Flo in seiner Reihe „Filme aus den Neunzigern“
Andersons Episodenfilm „Magnolia“ von 1999 ausführlich besprochen.
OBAA ist Andersons teuerster, aber zugleich auch sein
wirtschaftlich erfolgreichster Film. Allein für die Hauptrolle
erhielt Leonardo DiCaprio seine „übliche“ Gage von 20 Millionen
Dollar. Mit OBAA adaptiert PTA wieder einmal ein Pynchon-Werk für
die Leinwand. „Vineland“ von 1990 ist ein Roman des Autors, der als
vergleichsweise lesbar und weniger hermetisch gilt. Thomas Pynchon
gilt als großer Vertreter der postmodernen Erzählung. In seinen
Romanen entfaltet er ein dichtes Labyrinth paralleler
Erzählstränge, die er sehr bildreich, fast enzyklopädisch
ausschmückt. Diese Fäden verweigern sich teilweise bewusst einer
Auflösung, indem sie in antiklimaktische Sackgassen münden, um die
vergebliche Suche nach einem allumfassenden Muster zu
thematisieren. Micz mag den Roman „Vineland“ sehr, war jedoch nach
seinem Kinobesuch von OBAA etwas „empört“. Wir gehen in unserem
Gespräch den kompletten Film durch und der Empörung von Micz auf
den Grund. Flo ist vor allem von der kinematografischen Kraft des
Films beeindruckt. Über 80% des Materials wurde analog im
35-mm-Format VistaVision gedreht. Der Film trägt auch viele
Merkmale eines klassischen Roadmovies – einem Genre, dem wir
ebenfalls eine Filmreihe in unserem Podcast gewidmet haben. Der
klimaktische Höhepunkt wird topografisch auf den Hügelstraßen in
der Wüste ausgetragen und bekommt die erzählerische Wucht eines
Films von Hitchcock. Doch so recht möchte sich Micz nicht von der
Brillanz des Films überzeugen lassen. Ihm sind die Figuren zu flach
und schon nach dem ersten Auftauchen auserzählt. Wir kommen mit
dieser Episode etwas unentschlossen am dunklen Ufer des Seefelder
Haussees zum Ende und versuchen wenigstens noch, ein
atmosphärisches Foto zu hinzubekommen.
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