OE3000 - Episode 10: Der organisationale Alltag – zwischen Leitbild und Wirklichkeit
14 Minuten
Beschreibung
vor 4 Tagen
Ich bin Robin, und in Episode 10 von OE3000 wird es praktisch.
Diese Woche war ich in Augsburg bei einer Veranstaltung zum
nachhaltigen Wirtschaften. Organisiert von der Regio Augsburg
Wirtschaft GmbH – in einem Autohaus. Eine
Nachhaltigkeitsveranstaltung zwischen glänzenden Neuwagen. Ich
liebe solche Widersprüche, denn sie erzählen mehr über den
Zustand unserer Organisationen als jede Keynote.
Von BMW über Behörden bis zu regionalen Mittelständlern – die
Bandbreite war enorm. Und das Beste: Viele haben nicht die
üblichen Erfolgsgeschichten erzählt. Sie haben von Widerständen
berichtet, von gescheiterten Versuchen, von der Kluft zwischen
dem, was die Organisation nach außen kommuniziert, und dem, was
intern tatsächlich passiert.
Zwischen dem, was auf so einer Veranstaltung besprochen wird, und
dem, was am Montagmorgen passiert, liegt ein Graben. Da sitzt man
bei einem Vortrag über CO₂-Reduktion, nickt zustimmend, nimmt
sich drei Maßnahmen vor – und am Montagmorgen liegen dreißig
Mails im Postfach, der Abteilungsleiter will die Quartalszahlen,
und das Nachhaltigkeitskonzept wandert in die Schublade. Nicht
aus Boshaftigkeit. Weil der Alltag seine eigene Schwerkraft hat.
Ein IT-Leiter berichtete: Sein Projektportfolio wächst stetig.
Mehr Budget, mehr Gerätschaft, mehr Systeme. Abgekündigt wird
selten. Ein Zusammenlegen der IT-Infrastruktur mit anderen
Organisationen würde Sinn ergeben – aber die Logik des Wachstums
und der Abgrenzung ist stärker als die Logik der Nachhaltigkeit.
Rebound-Effekte überall: Ressourcen werden an einer Stelle
eingespart, an anderer wieder angeschafft. Die Einsparung ist
dahin.
Und dann die Mikropolitik. Mehrere Entscheider fragten sich
offen: Macht ein veganes Kantinenangebot die Organisation
attraktiver – oder vergrault es bestehende Mitglieder? Ist ein
Mobilitätskonzept, das Parkplätze reduziert, ein Fortschritt oder
eine Zumutung? Die Fragen klingen banal, aber sie sind es nicht.
Selbst das Mittagessen ist politisch. Jede Veränderung sendet ein
Signal – über Werte, über Richtung, über das, wofür man steht.
Greenwashing ist keine böse Absicht. Es ist eine strukturelle
Versuchung. Die Organisationen, die am lautesten über
Nachhaltigkeit reden, sind nicht unbedingt die, die am meisten
tun. Wer eine große Nachhaltigkeitsabteilung hat, hat vor allem
eine große Nachhaltigkeitsabteilung – nicht unbedingt nachhaltige
Prozesse.
Der Ausweg? Informelle Netzwerke. Die ehrlichen Pausengespräche,
der Austausch unter vier Augen. Das Gegenteil von Schauseite.
Erwähnte Personen: Anton Jäger
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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