Schwarz hören: Petra Schwarz im Gespräch mit Wolfgang Thierse über Leben und Tod

Schwarz hören: Petra Schwarz im Gespräch mit Wolfgang Thierse über Leben und Tod

vor 2 Wochen
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Beschreibung

vor 2 Wochen
Von der „Alterserscheinung“, sich immerfort „klugscheißernd
einzumischen“ hält er nichts. Aber irgendwie mischt sich Wolfgang
Thierse fast sein ganzes Leben lang ein: bis hin zum höchsten Amt
des 1943 in Breslau geborenen und in Thüringen aufgewachsenen
SPD-Politikers als Präsident des Deutschen Bundestages von 1998 bis
2005. Bis heute gilt Thierse als eine der – wenn nicht d i e –
prägende(n) Stimme(n) Ostdeutschlands in der Bundespolitik. „Mir
fiel die Rolle des ostdeutschen Mundwerks zu, als ich mich ins
Parlament habe wählen lassen.“; er war so etwas, wie ein
„gesamtdeutscher Ossi, dem man im Westen zuhörte.“ Von Hause aus
ist er – wie die „Schwarz hören“-Gastgeberin – studierter
Kulturwissenschaftler, woran er „… durchaus zwiespältige
Erinnerungen“ hat. Denn: Obwohl das Individuum im Fokus stand, „…
war es trotzdem ein Studium in der Enge der DDR und der
marxistischen Ideologie.“ betont er. Und ergänzt: „Das System ist
gescheitert. Aber: Die Biografien, die dort gelebt wurden, sind
nicht alle gescheitert.“ Das Ganze will er als Umkehr der Sentenz
von Theodor W. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen
(System).“ verstanden wissen. „Ich bestehe darauf, dass es in
diesem System viel Anstand, viel Intelligenz, viel Witz gegeben
hat.“ Gut, wenn es Ostdeutsche geschafft haben, den
„Minderwertigkeitsrucksack“ – auch immer erzeugt durch den Blick
nach Westen – abzustreifen. Gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein
wird durch Autoren wie Dirk Oschmann bestärkt, sagt er. Was die
„Schwarz hören“-Gastgeberin anders sieht, wie im „Schwarz hören“
mit Dirk Oschmann zu hören ist … Ich habe mich mit Wolfgang Thierse
Mitte März 2026 – kurz nach der für seine Partei desaströsen (5,5%)
Landtagswahl in Baden-Württemberg (und der wenig später folgenden
Landtagswahl in Rheinland-Pfalz mit dem Verlust nach 35 Jahren
sozialdemokratischer Ministerpräsidentschaft) – in seinem
Bundestagsbüro getroffen. Natürlich haben wir im Zusammenhang mit
seinem Leben über die Situation in unserem Land gesprochen. „Wir
leben in Zeiten eines dramatischen Wandels mit einer
Gleichzeitigkeit globaler Krisen und Kriege. Solche Zeiten von
Verängstigungen sind Zeiten der Populisten.“ Die Menschen sind
„veränderungserschöpft.“, womit sich Thierse auf den Soziologen
Steffen Mau bezieht. Berlin ist einer der Diskussionspunkte in
dieser Episode: „Ich bin nun seit 62 Jahren Berliner.“ betont
Wolfgang Thierse und: „Berliner wird man schnell, ohne sich die
Stadt wirklich anzueignen.“ Das sei auch das Problem, denn: „Berlin
ist ein Ort des Kommens und Gehens – also: eine Stadt kollektiver
Verantwortungslosigkeit.“ Dort, wo er seit Jahrzehnten wohnt, hat
fast ein vollständiger Bevölkerungsaustausch stattgefunden. „Zu
meiner Frau habe ich in den letzten Jahren immer gesagt: Wir
verderben den Altersdurchschnitt. Wir müssen allmählich unter
Arten- oder Denkmalschutz gestellt werden – als die letzten
Indigenen vom Prenzlauer Berg Süd.“ Was das weitere große Thema von
„Schwarz hören“ betrifft, so hat Wolfgang Thierse aktuell – nach 53
Jahren Ehe – den Tod seiner Frau Ende 2025 zu verarbeiten. Er
zitiert Mascha Kaléko mit dem wichtigen Satz: „Bedenkt: den eigenen
Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muss man
leben.“ Auch insofern kontert er vor dem Hintergrund
selbstbestimmten Sterbens heftig den Terminus „Selbstbestimmung“,
v.a. wenn er in Richtung einer „… falschen
Selbstbestimmungsideologie“ geht. „Regisseur des eigenen Lebens zu
sein ist ein sehr plastisches Bild. Und: ein verräterisches
zugleich.“ Inwiefern? Das erklärt er in dieser „Schwarz
hören“-Episode. Viele Erkenntnisse also mit diesem durchaus
philosophischen Gespräch in der Episode 156 von „Schwarz hören“ mit
Wolfgang Thierse.
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