Die Berlinale: Skandale, Gewinner und Vampire | Von Paul Clemente

Die Berlinale: Skandale, Gewinner und Vampire | Von Paul Clemente

7 Minuten

Beschreibung

vor 1 Woche

Ein Kommentar von Paul Clemente.


Die Berlinale teilt das Schicksal aller Kulturfestivals im 21.
Jahrhundert: Die Präsentation der Werke ist zweitrangig. Das
eigentliche Interesse, die großen Schlagzeilen gehören dem
politischen Skandal. Kein Leinwand-Spektakel wird sehnsuchtsvoll
erwartet, sondern der Tritt in den Fettnapf. Man wartet darauf:
Irgendeinem armen Wicht, ob Regisseur, Darsteller oder
Jury-Mitglied, rutscht der „falsche“ Satz raus. Und los geht’s:
Die Aussage wird skandalisiert und der Journalist zum Raubtieren,
das seine Beute genüsslich zerfetzt.


Dieses Jahr bot sich Wim Wenders als Opfer an. Gleich zu Beginn
des Festivals. Dabei ist der achtzigjährige Regisseur null auf
Krawall gebürstet. Aber auf der Pressekonferenz der Jury fragte
ein Aktivist: ob der Anwesende den Kurs der Bundesrepublik zum
Gaza-Krieg unterstütze. Wenders ungeschickte Antwort: „Wir müssen
uns aus der Politik raushalten. ... Wir sind das Gegengewicht zur
Politik, wir sind das Gegenteil der Politik.“ Damit war der
Skandal perfekt. Die publizistische Schlacht konnte beginnen.


So erklärte die indische Autorin Arundhati Roy Wenders Replik für
„unfassbar“. Konsequenz: Sie sagte ihre Teilnahme an der
Berlinale ab. Es folgte ein offener Brief, von 80 Künstlern
unterschrieben: Darunter Regisseur Mike Leigh, Fotografin Nan
Goldin und Schauspielerin Tilda Swinton. Die empörten sich über
das „institutionelle Schweigen“ des Festivals. Mehr noch, sie
beschuldigten die Jury der „Beteiligung an der Zensur von
Künstlern, die Israels andauernden Völkermord an den
Palästinensern im Gazastreifen ablehnen“. Hier ist eine
Zwischenfrage fällig: Weshalb die sofortige Eskalation? Wieso ist
Frau Roy nicht zur Berlinale geflogen, um ihren Standpunkt vor
Ort zu diskutieren? Wozu ein sofortiger Boykott? Das Erzwingen
einer bestimmten Positionierung wird die Debattenkultur kaum
verbessern.


Während des Wenders-Bashings trat Kulturstaatsminister Wolfram
Weimer auf den Plan: Der Regisseur werde „von Pali-Aktivisten",
also anti-israelischen, pro-palästinensischen Aktivisten
bedrängt. O-Ton: „Ich würde ihn da gerne in Schutz nehmen, weil
ich finde, er hat genau die richtigen Worte gefunden." Die
Berlinale sei immer eine politische Veranstaltung gewesen: „Es
werden die heiklen Themen alle angesprochen." Tatsächlich haben
die Autoren des Offenen Briefes das Berlinale-Programm nicht
gelesen. Darin hätten sie die Ankündigung des Films „Chronicles
From the Siege“ gefunden. 


Das Kinodebut des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah
Alkhatib zeigt den Alltag, die Überlebensstrategien der Menschen
in Gaza. Eine Szene spielt in einer Videothek, wo Filmfans
überlegen, ob sie ihre Kultfilme als Brennmaterial verwenden
sollen, um nicht zu erfrieren. Alkhatib erhielt den GWFF-Preis
für das Beste Spielfilmdebüt. Bei seiner Dankesrede brachte er
eine Palästinenser-Flagge auf die Bühne und beschuldigte die
Bundesregierung, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein".
Umweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal.
Berlins regierender Bürgermeister Wegner kommentierte: Den
Pro-Palästina-Aktivisten gehe es nicht um Menschenrechte, sondern
um Hasserzeugung gegen Israel. 


Politische Inhalte dürften auch die Wahl des Gewinners, die
Verleihung des Goldenen Bären mitbestimmt haben. Den erhielt der
deutsche Film „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak. Das letzte Mal,
dass ein Film aus hiesigem Lande diese Auszeichnung erhielt, war
2004:  „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Mancher wird sich
fragen: Ist es Zufall, dass beide Bären-Filme von
türkischstämmigen Regisseuren gedreht wurden? Wohl kaum. Denn
beide, Akin und Çatak, haben Mut zum Ungeschönten, zum Aufzeigen
von Missständen. Ohne Rücksicht auf modische Diskurse. Ein Mut,
der vielen ihrer deutschen Kollegen fehlt. Nehmen wir „Gelbe
Briefe“: Präsentiert wird ein Ankara, wo Opposition zum sozialen
Tod – zu Jobverlust und Isolierung führt.


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