OE3000 - Episode 7 - Hierarchie: Eine Kritik an der Standardlösung für Koordinationsprobleme
17 Minuten
Beschreibung
vor 4 Tagen
Ich bin Robin, und in Episode 7 von OE3000 wird es
machtpolitisch.
Warum gibt es überhaupt Hierarchie? Die Antwort ist einfach und
frustrierend zugleich: weil Koordination ohne sie nahezu
unmöglich wird. Hundert Menschen, alle mit unterschiedlichen
Ideen, Prioritäten und Ressourcenwünschen. Ohne
Entscheidungsstruktur würde jede Kleinigkeit ausgehandelt. Nichts
würde je beschlossen. Die Organisation lähmt sich selbst.
Aber Hierarchie verspricht mehr als nur Entscheidungen. Sie
verspricht Überblick. Hier oben sitzt jemand, der das Ganze im
Blick hat – während alle anderen im Kleinen stecken. Das ist ein
verlockendes Versprechen. Und es ist fast immer gelogen.
In meiner Beratungsarbeit führe ich viele Interviews. Ich frage
nach Lösungen. Und ich höre fast nie: Das wäre besser für uns
alle. Ich höre: Dadurch würde sich für mich... – Das wäre gut für
meinen Bereich. Menschen, die aufrichtig glauben, holistisch zu
denken – und dabei nur ihre eigene Position offenbaren. Nicht
weil sie bösartig wären. Sondern weil jede Position in einer
Hierarchie ein begrenztes Sichtfeld erzeugt. Hierarchie verkauft
Machtpositionen als Erkenntnispositionen. Das ist ihre
fundamentale Lüge.
Dazu kommt: Hierarchie existiert immer auf zwei Ebenen. Die
formale steht im Organigramm. Die informale entsteht aus
Expertise, Netzwerken und persönlichem Einfluss. Die Assistentin,
die seit zwanzig Jahren jeden kennt, hat oft mehr Macht als ihr
Titel zeigt. Organisationen ohne formale Hierarchie haben meist
einfach nur eine unsichtbare.
Und dann die Folgeprobleme: Machtmissbrauch, weil konzentrierte
Macht dazu einlädt. Verzerrter Informationsfluss, weil schlechte
Nachrichten nach oben gefiltert werden – und nach unten oft gar
nichts ankommt. Demotivation, weil die meisten Menschen merken,
dass ihre Stimme weniger zählt.
Aber hier liegt ein entscheidender Denkfehler: Hierarchie und
Entscheidungsstruktur sind nicht dasselbe. Mehrheitsentscheid,
Konsent, Delegation an Fachleute, Betroffenenprinzip – diese
Mechanismen existieren bereits, meist ohne explizit so benannt zu
werden. Die Frage ist nicht: Hierarchie oder keine Hierarchie.
Die Frage ist: Welcher Mechanismus für welche Entscheidung?
Erwähnte Personen: David Graeber
Schreib mir: mail@robin-taylor.de
Mehr Infos: www.robin-taylor.de
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