Wenn Kinder "alles können": Narzissmus als Entwicklungsdynamik
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Beschreibung
vor 2 Wochen
In dieser Folge unserer Narzissmus-Reihe setzen wir den
Schwerpunkt auf die Entstehung narzisstischer
Entwicklungen – und greifen eine Theorie auf, die in
Forschung und klinischer Arbeit häufig verwendet wird: die Idee
einer natürlichen narzisstischen Phase zwischen
dem 3. und 6. Lebensjahr.
In diesem Alter machen Kinder enorme Entwicklungssprünge.
Sprache, Motorik, Denken, soziale Fähigkeiten – vieles wächst
rasant. Das Selbstgefühl ist dabei oft groß: „Da bin ich. Ich
kann alles.“ Freud beschrieb diesen Zustand als
„ozeanisches Gefühl“: ein expansives
Selbstbewusstsein, das sich mächtig und wirksam erlebt. Der
entscheidende Haken daran ist jedoch: Mit dem Gefühl „Ich kann
alles“ kommt schnell auch die Fantasie „Ich bin für alles
verantwortlich“. Genau hier entsteht das Spannungsfeld, in dem
sich eine spätere narzisstische Problematik verankern kann.
Die Folge betrachtet auch kulturelle Faktoren: Heute bekommen
Kinder häufig sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Bestätigung –
manchmal zu früh, zu oft und ohne die Erfahrung, dass Scheitern,
Schwäche und Frustration normal sind. Gleichzeitig wird es in
vielen Familien schwieriger, kritische
Rückmeldungen so zu geben, dass sie nicht beschämen,
sondern realistische Selbstbilder fördern. Wenn Eltern ihre
eigenen Schwächen nicht humorvoll integrieren können, wird es
auch für Kinder schwer, Unperfektheit auszuhalten.
Ein zentraler Punkt ist die wechselseitige Verschränkung
von Selbstwert: Kinder spüren, dass Eltern sich mit
ihnen „gut fühlen“, wenn sie glänzen – und sich schämen oder in
Stress geraten, wenn etwas nicht gut läuft. Dadurch kann sich
früh ein Muster entwickeln, in dem Leistung nicht einfach
Leistung ist, sondern zu etwas wird, das Beziehung und Wert
bestimmt. Das Kind erlebt: „Wenn ich gut bin, geht es allen gut –
wenn nicht, bin ich das Problem.“ So kann eine
Rollenumkehr entstehen: Kinder fühlen sich
überverantwortlich für die Stimmung und Stabilität der Eltern.
Anhand eines Beispiels wird deutlich, wie Narzissmus nicht nur
mit „Überheblichkeit“ zusammenhängt, sondern auch mit
Vermeidung: Ein hochbegabtes Kind, das vieles
mühelos kann, erlebt beim Fahrradfahren plötzlich Normalität –
hinfallen, lernen, üben. Nicht das Knie ist das Problem, sondern
die Kränkung, sichtbar etwas nicht zu können. Die Folge: Rückzug,
Abbruch, „Dann mache ich es lieber gar nicht.“ Aus dieser Dynamik
kann später Underachievement entstehen – nicht weil Fähigkeiten
fehlen, sondern weil Frustrationstoleranz und
Lernbereitschaft nicht ausreichend wachsen konnten.
Besonders eindrücklich ist die Analyse moderner Botschaften wie
„Wir wollen nur, dass du glücklich bist“. Das klingt liebevoll –
kann aber als Subtext enthalten: „Sei glücklich für uns, am
besten durch uns.“ Ein Anspruch, den kein Kind erfüllen kann.
Wenn Eltern damit schlecht umgehen können, wenn ein Kind traurig,
wütend oder unzufrieden ist, wird aus Begleiten schnell ein
Beglücken-Müssen – und das verstärkt die narzisstische
Verantwortungsfantasie.
Am Ende dieser Phase folgt fast zwangsläufig der
„grandiose Absturz“: Die frühen
Superlativ-Erlebnisse lassen sich nicht dauerhaft
aufrechterhalten. Kränkungen und Enttäuschungen sind
vorprogrammiert. Manche reagieren mit Aufbäumen und
Leistungsdruck, andere mit Rückzug, Gleichgültigkeit oder einem
„Niedergang“ im Sinne des vulnerablen/fragilen
Narzissmus, den wir in der letzten Folge beschrieben
haben.
Wenn dich das Thema betrifft – persönlich oder im Umfeld – oder
wenn du Fragen dazu hast, schreib uns gern. Denn: Vor
jedem „Erzähl mal“ kommt ein „Ich hör mal“.
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