Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Zwei Gesichter, ein Kernkonflikt

Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Zwei Gesichter, ein Kernkonflikt

13 Minuten

Beschreibung

vor 1 Monat

In dieser Folge unserer Narzissmus-Reihe geht es um die klinische
Einordnung: Was ist eine narzisstische
Persönlichkeitsstörung – und wie entsteht sie? Wir lösen
den Begriff bewusst aus der reinen Popkultur-Debatte („Narzisst =
Täter, andere = Opfer“) und schauen auf das, worum es im Kern
geht: eine schwerwiegende, lebensgeschichtlich geprägte
Störung, die grundlegende Fähigkeiten beeinflussen kann
– Selbstwertregulation, Beziehungsgestaltung, Identität und
Umgang mit Kritik.


Zu Beginn klären wir, was eine
Persönlichkeitsstörung überhaupt bedeutet:
rigide, wiederkehrende Erlebens- und Verhaltensmuster, die in
unterschiedlichen Kontexten ähnlich auftreten und über die Zeit
sehr stabil bleiben. Wichtig dabei: Persönlichkeitsstörungen
beginnen nicht erst im Erwachsenenalter. Heute gilt fachlich als
Konsens, dass man ab etwa dem 12. Lebensjahr
Diagnosen in diesem Spektrum verantwortungsvoll stellen kann –
weil sich die Muster dann oft bereits deutlich zeigen, auch wenn
sie im Kindes- und Jugendalter noch „undifferenziert“ wirken
können.


Ein zentrales Thema dieser Episode ist der scheinbare
Widerspruch: Viele Betroffene sind begabt, talentiert,
leistungsfähig – und doch können sie ihre Fähigkeiten
nicht nutzen, weil sie ihnen innerlich nicht „glauben“. Noch
entscheidender: Selbst wenn etwas gelingt, fühlt es sich
nicht ausreichend an. Anerkennung wird mit Liebe
verwechselt: Wertschätzung wird nicht als Geschenk erlebt,
sondern als etwas, das man sich durch Perfektion
verdienen muss. Der Anspruch steigt auf 100% – und alles, was
„nur“ 80% ist, wird entwertet. Das Ergebnis kann ein paradoxes
Muster sein: hohe Möglichkeiten, aber
Underachievement – nicht aus Faulheit, sondern
aus Angst vor Entdeckung, Scheitern und Kränkung.


Wir unterscheiden außerdem zwei Hauptformen, die im Alltag oft
durcheinandergeraten:




Grandioser/„offensiver“ Narzissmus: nach
außen sichtbar, mit Überlegenheitsgefühl, Anspruchshaltung,
Abwertung anderer – manchmal charmant und verführerisch,
besonders zu Beginn von Beziehungen. Diese Form fällt
schneller auf; der Leidensdruck scheint zunächst eher bei der
Umgebung zu liegen.




Vulnerabler/fragiler Narzissmus: wirkt
häufig depressiv, ängstlich, rückzügig, mit massiver
Selbstabwertung, Bewertungsangst, teils Selbstverletzung oder
Substanzkonsum. Auf den ersten Blick „nicht narzisstisch“ –
im Kern aber ebenfalls geprägt von Größenansprüchen und dem
Alles-oder-Nichts-Prinzip: „Wenn ich nicht perfekt bin, bin
ich nichts.“




Beiden gemeinsam ist die extreme
Kritikempfindlichkeit – nur zeigt sie sich
unterschiedlich: Die einen reagieren mit Rückzug, Selbstabwertung
und Depression, die anderen mit Ärger, Angriff, Abwertung oder
Manipulation. Auch das verbreitete „Empathielos“-Etikett wird
differenziert betrachtet: Viele narzisstisch geprägte Menschen
können andere sehr gut lesen und sich einfühlen – aber dieses
soziale Wissen dient oft primär der
Selbstwertstabilisierung, der Kontrolle, dem
eigenen Zweck, nicht der echten Ausrichtung am Gegenüber.


Am Ende wird klar: Narzissmus ist nicht „ein Charakterfehler“,
sondern eine ernste innere Konfliktproblematik
mit relevantem Behandlungsbedarf. In der nächsten Folge sprechen
wir darüber, wie narzisstische Entwicklungen in der
frühen Kindheit entstehen – und warum sich hinter
Perfektion, Abwertung oder Rückzug oft derselbe Versuch verbirgt,
ein fragiles Selbst zusammenzuhalten.


Schreibt uns eure Fragen und Rückmeldungen in die Kommentare –
denn: Vor jedem „Erzähl mal“ steht ein „Ich hör
mal“.

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