Woher stammt der Begriff Narzissmus?
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vor 1 Monat
Mit dieser Episode starten wir in ein neues Themenfeld:
Narzissmus. In der Öffentlichkeit wird der
Begriff oft vor allem über Beziehungserfahrungen erzählt – „Opfer
von Narzissten“, Manipulation, Missbrauch, toxische Dynamiken.
Das kann reale Erlebnisse abbilden, greift klinisch aber zu kurz.
Denn Narzissmus ist mehr als ein „böses“ Verhalten nach außen: Er
ist auch eine innere Struktur, eine spezifische
Art, mit Selbstwert, Ohnmacht und unerfüllbaren Ansprüchen
umzugehen.
Als Einstieg wählen wir deshalb einen ungewohnten, aber sehr
aufschlussreichen Zugang: die Herkunft des Namens aus der
griechischen Mythologie. Wir begegnen Narziss nicht als
Meme-Figur der Selbstverliebtheit, sondern als tragischer
Charakter mit einer komplexen Ausgangslage: halb göttlich, hoch
begabt, begehrt – und gleichzeitig geprägt von einem frühen,
verletzenden Start ins Leben. Eine nicht einvernehmliche Zeugung,
ein verschwundener Vater, eine verwundete Mutter: Narziss wächst
in einer Konstellation auf, in der er vieles „könnte“, aber das
Entscheidende nicht kann – seine Mutter retten, schützen,
ungeschehen machen, was geschehen ist. Genau hier
entstehen Ohnmacht und ein innerer Auftrag, der niemals erfüllbar
ist.
Im Zentrum steht die berühmte Szene am Wasser: Narziss beugt sich
zum See, sieht ein Bild – und kann nicht mehr weg. Üblicherweise
heißt es: „Er verliebt sich in sich selbst.“ Diese Folge stellt
die zentrale Korrektur heraus: Narziss erkennt nicht,
dass er sich selbst sieht. Er hält das Spiegelbild für
jemand anderen. Und noch tiefer: Er verliebt sich nicht in
„sich“, sondern in eine Vorstellung, in ein Idealbild – in das,
was er glaubt, sein zu müssen, um wirklich geliebt zu werden.
Damit wird die Mythologie plötzlich psychologisch: Narziss hängt
an einem Bild, weil er innerlich nicht spüren kann, dass er
bereits hinreichend gut ist – dass er das Kind
ist, das ohne Bedingungen geliebt werden dürfte. Stattdessen
entsteht ein überhöhter Anspruch: mehr sein, mehr leisten, etwas
reparieren, etwas retten, rückwirkend beweisen, dass man wertvoll
ist. Das führt nicht zu echter Selbstliebe, sondern zu einem
Leben, das hinter den eigenen Möglichkeiten bleibt – ein
„Underachiever“ im tragischen Sinn: viel Potenzial, wenig innerer
Halt, hoher Druck und ein permanentes Scheitern an einem
unmöglichen Maßstab.
Diese Episode ist der Auftakt zu einer Reihe, in der wir
Narzissmus als Entwicklungsweg und als klinisches Thema weiter
entfalten: Welche Kernelemente sehen wir bei narzisstischen
Entwicklungen? Welche inneren Konflikte stecken dahinter – und
was bedeutet das für Beziehungen, Therapie und Selbstverständnis?
Wenn dich das interessiert, lass gerne einen Kommentar da oder
schick uns deine Fragen – denn: Vor jedem „Erzähl mal“
kommt ein „Ich hör mal“.
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