057 – Cäcilia Möstl: Mit Herz und Verstand

057 – Cäcilia Möstl: Mit Herz und Verstand

Cilli Möstl war die erste Traktorfahrerin im Dorf und ist leidenschaftliche Dirndlpionierin: Ihr Leben ist voller Tatendrang, Kreativität und ländlicher Weisheit
53 Minuten

Beschreibung

vor 8 Monaten
Cilli Möstl wurde bei Kumberg als lediges Kind geboren, wuchs
jedoch in Willersdorf auf, wo ihre Mutter hinzog, nachdem sie drei
Jahre später einen anderen Mann heiratete. Ihre Kindheit war
geprägt vom bäuerlichen Alltag und einer gewissen Strenge, doch
auch von einer schützenden Mutter und einem unerschütterlichen
Willen. Früh lernte sie Verantwortung zu übernehmen – insbesondere
für ihren jüngeren Bruder, den sie stets beschützen musste.
Schulisch brillierte Cilli mit hervorragenden Noten und dem Wunsch,
Handarbeitslehrerin zu werden. Doch dieser Traum blieb ihr versagt
– ihr Stiefvater erlaubte keinen weiteren Schulbesuch, nicht einmal
die Hauptschule. So begann ihr Arbeitsleben am elterlichen Hof,
später dann in der Kuranstalt in Radegund, wo sie „Mädchen für
alles“ war: vom Stubenmädchen über die Magazinverwaltung bis hin
zur Rezeption. Dort arbeitete sie bis zur Pension – stets
engagiert, lernfreudig und mit einem besonderen Draht zu Menschen.
Cilli war die erste Frau im Dorf mit einem Führerschein – aus der
Not heraus, weil ihr Stiefvater mit nur einem funktionierenden Auge
nicht selbst fahren konnte. Mit dem LKW-Führerschein in der Tasche
wurde sie bald zur „Taxifahrerin“ für das ganze Dorf – eines der
vielen Beispiele für ihren pragmatischen Zugang zu
Herausforderungen. Doch es sind die Dinge „nebenbei“, die Cillis
Leben so besonders machen. Schon früh faszinierte sie das Weben,
eine Kunst, die sie von ihrer Mutter und Großmutter erlernte.
Jahrzehnte später baute sie gemeinsam mit ihrer Schwägerin und
Cousine den alten Webstuhl wieder auf. Was als nostalgisches
Projekt begann, wurde zur handwerklichen Leidenschaft: Sie webt bis
heute – inzwischen auch edle Alpakawoll-Decken – und gibt ihr
Wissen gerne weiter. Ein zentrales Kapitel in Cillis Lebenswerk ist
das Radegunder Dirndl. Ausgehend von ihren Nähkursen – über 25
Winter lang mit je bis zu 20 Teilnehmerinnen – entwickelte sie ein
eigenes Dirndlmodell: schlicht im Schnitt, praktisch zu ändern,
individuell im Stoff. Das Sonntagsdirndl wurde mit handgewebtem
Stoff gefertigt, das Alltagsdirndl aus Baumwolle. Jede Schürze
folgt den traditionellen Farbrichtlinien steirischer Tracht, von
Cilli akribisch eingehalten. Sie setzte sich beim Steirischen
Heimatwerk durch, ließ das Dirndl offiziell anerkennen und stattete
schließlich die örtliche Musikkapelle damit aus. Neben der Weberei
widmete sich Cilli auch der Puppenkunst: Sie stellte über 100
Porzellanpuppen her – jede ein liebevoll gestaltetes Unikat. Auch
das Seifenmachen wurde zu einer weiteren Passion, inspiriert durch
die Seifenkunst ihrer Großmutter. Mit pflanzlichen Ölen kreiert sie
heute ihre eigenen Seifenrezepte – oft auch mit Alpaka-Wollanteil.
Denn seit 2017 gehören auch Alpakas zu ihrem Alltag. Nachdem andere
Tiere wie Ziegen zu abenteuerlustig waren, fand sie in den ruhigen,
freundlichen Alpakas ideale Gefährten. Heute leben 13 Tiere bei ihr
und Cilli bietet mit ihnen sogar Wanderungen an. Die Alpakas
liefern nicht nur Wolle für Decken und Seife, sondern bereichern
auch ihr Leben als kuschelige Begleiter. Cilli Möstl ist eine Frau,
die sich nie mit dem Gegebenen zufriedengab, sondern stets ihren
eigenen Weg suchte – lernfreudig, entschlossen, kreativ. Sie steht
für eine Generation von Frauen, die Wandel nicht nur erlebt,
sondern mitgestaltet hat: vom Traktor bis zum Tesla, von
handgeschriebenen Postkarten bis zu WhatsApp. Ihr Lebensmotto?
„Über alles nachdenken und versuchen zu verstehen.“ – Eine Haltung,
die inspiriert und uns allen guten Beispiel sein kann.

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