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Brücken bauen im Advent Archiv

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Der tagesaktuelle politische Informationsfluss im Netz ist längst kombiniert mit Auskünften über das private und halbprivate Leben. Gerade in der Zeit als Minister nutzte Özdemir seine digitale Popularität auch politisch, unter anderem um Falschdarstellungen entgegenzutreten, etwa zum Dauerthema Ernährung. Zunächst reiste er mit einem überdimensionierten Kühlschrank, wollte werben für sachgerechtes Einräumen, aber auch für seine Strategie zur Einschränkung ungesunder Lebensmittel für Kinder. Als der Gegenwind beim heiklen Thema immer schärfer wehte, wehrte er sich auf X gegen die munter in und aus Bayern verbreitete Botschaft, er regiere in die Kühl-schränke und Küchen der Leute hinein. Eine Viertelmillion Views wurden registriert.

Fotos der heranwachsenden Kinder gab es nicht, manch Familiäres berichtete er dann doch voll Stolz: Ende 2018 hatte Özdemir sich auf X vorübergehend abgemeldet mit der Bot-schaft wiederzukommen. Anfang 2019 war er zurück: „Habe auf 4.380 Metern Höhe über Neujahr mit Tochter und auf dem Pferderücken von Argentinien nach Chile auf den Spu-ren von San Martin die Anden überquert und Energie für das neue Jahr getankt. Jetzt wieder Online.“ 

Einmal machte der Grüne noch Privateres ganz bewusst pu-blik: ein Bild von seinem ersten Weihnachtsfest in Urach, das in kürzester Zeit 40.000-mal gelikt wurde. Zudem startete er eine Attacke auf die „Pegida“, die damals in Dresden Montag für Montag Tausende auf die Straße brachte und sich gegen die angebliche Islamisierung des Abendlands wandte. Die Aktion brachte ihm ein Interview mit der „Berliner Morgenpost“ ein, in dem er von der Annäherung seiner Mutter Nihal und seines Vaters Abdullah sowie der eigenen Familie ans Fest der Christen erzählte, verbunden mit dem ganz praktischen Vorschlag eines Leitfadens für Gastarbeiter. Bis heute erkläre kein Buch, das allen Menschen, die gerade nach Deutschland kämen, „welche Bräuche und Traditionen es gibt oder wie sich Bayern von Sachsen unterscheiden“. Das baden-württembergische Staatsministerium präsentierte wenig später in Stuttgart das Handbuch „Ankommen – Klarkommen“, mit Zeichnungen zu Alltagsgepflogenheiten und Riten „als Türöffner für inter-kulturelle Gespräche landesweit“. 

 Frohe Weinachten!
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Polens früherer Staatspräsident Aleksander Kwasniewski hatte sich mit seiner Prognose von 2004 geirrt, Özdemir werde demnächst Vizekanzler, weil er ein kluger Kopf sei, ein scharfer Analytiker und ausgezeichneter Redner und ihn „grenzenlos“ begeistere. Denn Union und FDP bildeten 2005 die neue Bundesregierung, ohne die Grünen. Und deren Bundesvorsitzender brachte seine Partei immer neu in Stellung als künftigen Partner – gerade für die Union, und in ausgesprochen selbstbewusster Tonlage. Denn es seien die anderen, die sich „in der bedeutendsten Frage dieses Jahrhunderts, der ökologischen, auf uns zu bewegen müssen, weil wir darauf am besten vorbereitet sind“, bezog er Position im Gespräch mit der „Welt“. 

Schon 1983 war die neue Partei mit dem Slogan „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“ in ihren zweiten Bundestagswahlkampf gezogen. Das dazu passende Plakat, eine Kinderzeichnung mit lachender Sonne und Obstbäumen voller Früchte, hängt immer noch, sorgfältig gehütet wie ein Schatz, in vielen Grünen-Fraktionen und -Büros. Auch die Formel von den grünen Ideen, mit denen schwarze Zahlen zu schreiben sind, hatte mittlerweile einige Patina angesetzt. Doch Umwelt- und Klimaschutz nahmen einen immer breiteren Raum in der deutschen Öffentlichkeit ein. Die Grünen waren Meinungsführer, vor allem, nachdem die Kopenhagener Klimakonferenz ohne verbindliche Ziele im Kampf gegen die Erderwärmung geblieben war, nahmen Umwelt- und Klimaschutz einen immer breiteren Raum in der deutschen Öffentlichkeit ein. Extreme Wetterereignisse wurden häufiger. Starke Regenfälle und ein Staudammbruch führten rund ums sächsische Görlitz zur schwersten Hochwasserkatastrophe seit Beginn der Aufzeichnungen.

„Vieles, wofür wir früher ausgelacht und verspottet oder scharf kritisiert worden sind, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagte der Bundesvorsitzende 2010 bei einem Landesparteitag. Seine Partei hatte sich einen – im Vergleich zu allen anderen – stolzen Glaubwürdigkeitsbonus erarbeitet. Nicht weniger als 48 Prozent aller Wahlberechtigten bescheinigten den Grünen, nach der Wahl zu tun, was sie vor der Wahl angekündigt hatten. „Sie erscheinen vielen wie ein zuverlässiger Fels in der Brandung“, würdigte das der Politikprofessor Jürgen Falter.
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Für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unterstützte Cem Özdemir Waffenlieferungen in den Nordirak. Das war speziell, weil er nicht nur einmal mehr den linken Flügel der Partei gegen sich aufbrachte, deren Vorsitzender er war und zu bleiben gedachte. Auch weite Teile der Bundestagsfraktion wollten davon nichts wissen. Krieg und Frieden, analysierte der „Spiegel“, solche Fragen gingen bei den Grünen immer ans Eingemachte. Dabei seien die Linien seit den Regierungsjahren mit Gerhard Schröders SPD und der Unterstützung der Bundeswehreinsätze auf dem Balkan und in Afghanistan ohnehin immer weiter verschoben worden. Aber: „Deutsche Waffen direkt an eine Kriegspartei zu liefern, das ist ein Novum.“ 

Am 1. September 2014 debattierte der Bundestag über das heikle Thema des Umgangs mit den kurdischen Peschmerga im Kampf gegen den IS. Die Bundesregierung mit Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte zwar schon entschieden, doch da die Bundeswehr eine sogenannte Parlamentsarmee ist, benötigt sie für Entscheidungen in Grundsatzfragen die Zustimmung des Bundestags. Der aber musste noch beraten. Özdemir verkündete per Zeitungsinterview, er werde in dieser Lage Waffenlieferungen keinesfalls pauschal ablehnen. Mit dem Satz „Wenn das Haus brennt, nützt es wenig, wenn die Feuerwehr aus der Brandschutzordnung vorliest“ griff er zu einer dieser typischen Spötteleien, die er selbst bei ernsten Themen schätzt. Vor vornherein kategorisch Nein zu sagen, halte er jedenfalls nicht für hilfreich. Und setzte dann noch eins drauf: „Wer sich in dieser Lage neutral verhält, ergreift Partei für den Islamischen Staat.“
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Es ist einfacher und zugleich schwieriger als ehedem, in Zeiten von Genderbewusstsein, ChatGPT, KI, Wikipedia und Google ein Buch zu schreiben. Die schlechte Nachricht zuerst: Wie ersichtlich haben wir uns in Abwägung der bekannten Argumente und um der Kulturkämpfer:innen Segel nicht zusätzlich zu straffen, gegen Binnen-I, gegen Asterix oder Gender-Gap entschieden und gegen die Doppelung „Bürgerinnen und Bürger“: aus Gründen des Leseflusses und der Verständlichkeit. Das ist unbefriedigend und dem hierzulande ausgeprägt traditionellen Umgang mit der deutschen Sprache geschuldet.

Deutlich müheloser als in Zeiten von Handarchiven und mechanischen oder elektrischen Schreibmaschinen ist es, Informationen zusammenzutragen und Texte zu formulieren. Computer in ihren verschiedensten Erscheinungsformen haben die journalistische Herangehensweise gerade an komplexe Zusammenhänge grundlegend verändert. Auf Papier galt ohne Abstriche dieses Prinzip: erst denken, dann schreiben. Mittlerweile bietet die heute übliche Hard- und Software die Möglichkeit, zumindest nicht zu Ende zu denken, schließlich kann jeglicher Text im Handumdrehen und ohne bleibende Schäden gestrichen, korrigiert oder ergänzt werden. Das vorliegende Buch übrigens ist selbstredend durch Menschliche Intelligenz entstanden – ganz ohne aktive KI-Nutzung – nicht jedoch ohne die massenhaft im Netz verfügbaren Informationen als Recherchebasis. Und vor allem zwecks Auffrischung eigener Erinnerungen an Gespräche, Termine, Parlamentsdebatten oder Parteitage der vergangenen 45 Jahre.
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Cem Özdemir hat viele Erfahrungen in frühen Jahren gesammelt. Denn es lebte sich mühsam in mehreren Welten. Der aufgeweckte Junge, auf Schwäbisch „Bua“, wollte dazugehören. Aber er wollte auch schon erstaunlich früh herausfinden, wie weit er dafür gehen musste. Cem akzeptierte regelmäßige Ohrfeigen von José, in der Hoffnung auf eine stabile Freundschaft unter Sechsjährigen. Der kleine Portugiese, ebenfalls Gastarbeiterkind, schlug ihn jedes Mal ins Gesicht, nachdem er ihn aus der Wohnung auf die Straße gelockt hatte, und versprach, beim nächsten Mal ganz bestimmt auf den Schlag zu verzichten. Cem fügte sich einerseits in die Rolle des Watschenmanns, entwickelte andererseits aber diese Neugier auf Zumutungen und ihre Wirkung. Und darauf, wo Übergriffe ihre Grenzen haben. Irgendwann hatte sich das Ritual verbraucht, unvergessen ist es bis heute. Und nützlich für jemanden, der schon so früh mehr über die eigenen und die Grenzen anderer erfahren wollte.

Lehrreich war auch die Sache mit der Steinschleuder. Nach einem Umzug der Familie Özdemir innerhalb von Urach wollte Cem Kontakt aufnehmen und andere Kindern in der neuen Nachbarschaft auf sich aufmerksam machen. Er spielte mit der Schleuder am offenen Fenster und traf die Scheibe eines Ladengeschäfts gegenüber, die jedoch heil blieb. Trotzdem fürchtete er ernsthaft, ins Gefängnis zu kommen. Die neue Clique ließ ihn zunächst schmoren, nahm ihn schließlich aber doch auf, mit einer geradezu dialektischen Begründung: Wer weiß, was er sonst noch Gefährliches anstellen würde, um dazuzugehören.

 
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Preisverleihungen bieten die Gelegenheit zum Rückblick, nicht zuletzt für den Geehrten selbst. Als Cem Özdemir den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung der Stadt Frankfurt erhielt, erinnerte er an den früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden als prägende Gestalt für ihn ganz persönlich. In Solingen sei Bubis zur Trauerrede gebeten worden, weil Türken, Kurden, Aleviten, Sunniten, Kemalisten und Religiöse sich nicht auf einen aus den eigenen Reihen einigen konnten. Und dann habe er, der Jude, allen aus dem Herzen gesprochen. Später gründeten die beiden gemeinsam mit Smudo das Netzwerk „Schule ohne Rassismus“.

Allein Bubis‘ Frage, ob er dabei mitmachen wolle, sei ein Ritterschlag gewesen, erzählt Özdemir und davon, wie eine nicht korrekt gebundene Krawatte die beiden Männer einander näherbrachte. Vor der ersten gemeinsamen Veranstaltung saßen sie in der Maske, und der Ältere erklärte dem deutlich Jüngeren, dass er so nicht auf die Bühne gehen könne. Es folgte eine Schnellbleiche in Sachen Knotenbinden. Immer wieder traten sie danach im Duo auf. „Ich als Vorgruppe, er als Hauptprogramm“, sagt er. Immer ging es um die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenhalts und darum, wie Rassismus erfolgreich bekämpft werden kann. Die beiden Männer haben sich bis zu Bubis‘ Tod nicht aus den Augen verloren. Die Auszeichnung 2019 ging auf seine Witwe zurück, deren Worte ihm am Abend der Verleihung die Tränen in die Augen trieben: Cem Özdemir setze sich ein für Werte, „die allgemein sind“, sagte Ida Bubis, „wie mein Mann es getan hat, denn der hat nicht nur die jüdischen Belange verteidigt.“ Und genau das sei die Zukunft.
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Reüssieren bei der Wahl kurz vor Weihnachten 1990 mit einem Ergebnis von 5,7 Prozent konnten zwar die Südwest-Grünen, jene auf Bundesebene aber nicht: Die Partei riss die Fünf-Prozent-Hürde knapp und flog aus dem Parlament. Den damaligen Wahlslogan nennt Özdemir heute noch einen Rohrkrepierer. „Alles spricht von Deutschland, wir sprechen vom Wetter“ sollte erinnern an das einst vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ausgedachte Plakat mit den Konterfeis von Marx, Engels und Lenin und dem Spruch „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“. Jedoch ging er völlig daneben.

Die Wiedervereinigung, die Asyldebatte, die Mordanschläge von Stuttgart-Kemnat, Solingen, Mölln, Hoyerswerda oder Rostock, die Lichterketten, mit denen Hunderttausende sich an die Seite von Flüchtlingen und Menschen ohne deutsche Wurzeln stellten, die Balkankriege, die Pazifismus-Debatte: Die Themenvielfalt hatte es in sich für eine Partei, die um ihre Existenz rang und im Bundestag allein durch die acht Abgeordneten aus dem Osten vertreten wurde, weil nur das zum entscheidenden Zeitpunkt noch nicht mit den Grünen vereinigte Bündnis 90 die Fünf-Prozent-Hürde packte.

Als Cem Özdemir später längst Bundesparteivorsitzender war und in Umfragen sogar der zweitbeliebteste Politiker der Republik, schlug er einmal den Bogen zu seinen Erfahrungen als Handballtorwart beim TSV Bad Urach. Dort bekam er „viel in die Fresse“ und musste einiges aushalten. Und: 1990 seien die Grünen am verschobenen politischen Diskurs in den gerade für sie selbst zentralen Fragen „fast zerschellt“. Erst nach einer Kunstpause vervollständigte er: „Sie sind es aber nicht.“
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Die Eltern hatten sich mit vielem abgefunden zu dieser Zeit. Der Sohn aß kein Fleisch, hatte sich einen Ohrring stechen lassen – beides eher schwer vorstellbar in ihrer ersten Heimat in den Siebzigerjahren – die Haare waren lang, die Jeans zerrissen. Cem pries Letztere realsatirisch als „nichtmaterialistische Variante der Rebellion“. Die Idee mit dem Lokführer hatte er längst fallen gelassen.

Es sollte aber schon irgendwie etwas Besonderes sein, das zugleich zu ihm passte. Gerade wegen seiner oft frustrierenden Erlebnisse in Kita und Schule liebäugelte er damit, Erzieher zu werden, nicht Automechaniker, Gärtner, Schlosser, Taxifahrer oder wenigstens Chefarzt, sondern Erzieher. Wie das den Freunden in Deutschland und der Verwandtschaft in der Türkei klarzumachen sein solle, fragten sich Nihal und Abdullah „Er spielt mit Kindern“, soll der Vater einmal mit aufgerissenen Augen gesagt haben. Im Anerkennungspraktikum, das für den Abschluss der Ausbildung notwendig war, begegnete Cem ähnlicher Skepsis.

Sogar in Gestalt von Nevin, einer Kollegin, ebenfalls mit türkischen Wurzeln. Sie musste erst sich selbst und dann auch noch ihren Mann beruhigen, der wenig davon hielt, dass seine Frau beruflich den ganzen Tag mit diesem Jüngling verbrachte. Selbst Kinder reagierten irritiert. Am krassen Ungleichgewicht der Geschlechter sollte sich übrigens sehr lange nichts ändern. Noch heute sind nur rund zwei Prozent der Kita-Fachkräfte in Baden-Württemberg Männer, Tendenz immerhin steigend.

 
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Sich mit Worten zur Wehr zu setzen oder seine Gefühle auszudrücken, empfand er seit seiner Realschulzeit als großartige Erfahrung. Der pointierte Spruch „Ich bin gut zu Fuß, aber nicht eingewandert“, der in Talkshows immer gut ankam, ist zwar mittlerweile hochbetagt, wird aber stets noch oft verwendet. Seit dem Einzug in den Bundestag 1994 war er gerne gesehener Gast in Polit-Runden, aber auch in Alfred Bioleks Kultsendung „Boulevard Bio“ gemeinsam mit seinem Vater.

Zuerst die Bahnfahrt in der ersten Klasse nach Köln, dann das Mehr-Sterne-Hotel gegenüber dem Dom, in dem der Westdeutsche Rundfunk seine Gäste traditionell unterbringt, die in Blau und Gold gehaltene Suite, der Chauffeur, der die beiden zum Sender brachte: „Alles zusammen war ein bisschen viel auf einmal“, erinnerte sich der Sohn später noch oft. Und daran, wie einst sein Abdullah  mit Habseligkeiten in zwei Koffern nach Deutschland gekommen war.

In der beliebten Show des Johannes B. Kerner ging es um den Familiennamen, den der Gastgeber mit hartem Konsonanten aussprach: Ötzdemir statt des sanften Ösdemir. Nach seiner Reaktion – und der in „Öz de mir, öz ich dir“ verpackten weichen Variante – gab es zwar Gelächter im Publikum. Der erhoffte Erfolg blieb aus: Bis heute wird Özdemir von deutschen Landsleuten aber noch immer viel öfter falsch ausgesprochen als richtig.  
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Nicht oder jedenfalls nicht nur der Zeitgeist beförderte das ökologische Bewusstsein in den Achtziger Jahren, auch jenes des neuaufgenommenen Grünen Cem Özdemir. Denn in der SPD warb Erhard Eppler, keineswegs mit durchschlagendem Erfolg, aber über Jahre hartnäckig dafür, den Schutz der Umwelt ernst zu nehmen. Und sogar in Lothar Späths CDU formierte sich zehn Jahre nach dem erfolgreichen Kampf gegen das Atomkraftwerk in Wyhl in Südbaden eine Gruppe von Politikern, um eine „Grüne Charta“ zu erarbeiten. 1984 wurde sie vorgelegt mit dem – nie erreichten – Ziel, die Programmatik der Union bundesweit grundsätzlich zu verändern. Unter anderem mit einem längst vergessenen Bekenntnis zum Tempo 100 und zur regenerativen Energieerzeugung als „besonders förderungswürdig“.

Späth, der Ministerpräsident mit dem treffsicheren Spitznamen „Cleverle“, wettete und verwettete schließlich sogar ein ganzes Monatsgehalt, weil er mit seiner Absicht scheiterte, durch eine ökologisch angehauchte Politik die parlamentarische Ära der Grünen nach acht Jahren wieder zu beenden. Seine Beschreibung des Landesverbands zu dessen zehntem Geburtstag klang prophetisch und könnte heute von einem wohlwollenden Unionspolitiker ganz ähnlich zu Papier gebracht werden, um Erfolge zu erklären: „Die Grünen im Südwesten sind, vom Habitus bis zum politischen Gebaren, um vieles ‚bürgerlicher‘ als ihre Parteifreunde in anderen Bundesländern.“
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Bis heute ist in Deutschland der Austausch zwischen Zugewanderten und Ureinwohnern oft karg. Ein Gruß an der Wohnungstür, ein paar Worte über den Gartenzaum hinweg. Vor 50 Jahren fanden erst recht nur sehr wenige schnell und ohne Probleme Anschluss. Die Familie von Muhterem Aras, der Alevitin mit kurdischen Wurzeln, war eine davon. Mit Mutter und Geschwistern folgte die heutige Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg in den Siebzigern dem schon in Deutschland arbeitenden Vater nach Filderstadt bei Stuttgart. Bei Landwirten im Dorf wollte die Mutter, selbst aus einer bäuerlichen Familie stammend, einkaufen.

Die Frauen verständigten sich auch ohne gemeinsame Sprachkenntnisse. Die schwäbische Bäuerin suchte Hilfe und fand sie – stabile Kontakte waren schnell geknüpft. Nur wenige Wochen später wurde das zwölfjährige Mädchen, ebenfalls ohne ein Wort Deutsch zu können, in der neuen Klasse aufgenommen. „Wir hatten das Glück, Menschen um uns zu haben, die uns mit Respekt statt mit Vorurteilen begegneten, die Neugierde zeigten statt Angst vor dem Fremden“, entsinnt sich Aras.

45 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen mit der Türkei befasste sich die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth mit Multikulturalität. Diese sei eben gerade kein Konzept, sondern ein Tatbestand: „Dann kann man doch nicht sagen, das sei alles gescheitert.“ Integration, sagt sie, müsse als stetiger Prozess wechselseitigen Voneinander-Lernens begriffen werden. Cem Özdemir hadert bis heute damit, dass es oft nicht wirklich dazu kam.
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So manches ist Cem Özdemir nicht geworden, was er angestrebt hat in seinem schon ziemlich langen politischen Leben. Begonnen hatte es damit, dass ihm der Tübinger Kreisverband Ende der Achtzigerjahre die Bundestagskandidatur verweigerte. Auch mit anderen Ambitionen stieß er bei der grünen Basis auf mehr Widerstand als Unterstützung. Er verzichtete aufs Amt des Ausländerbeauftragten in der Regierung Schröder, vorrangig aus Quoten-Gründen.

Er wurde weder Wirtschafts- noch Außenminister. Und 2019 wurde er nicht Chef der Bundestagsfraktion. Solche Niederlagen lösten aber auch diese ihm irgendwann vertrauten und seinen Fans angemessen erscheinenden Reaktionen aus: Bei Auftritten, bei Diskussionen, im Wahlkreis selbst auf der Straße von Passanten, in bürgerlichen Medien und in wohlgesetzten Worten wurde ihm gern und oft bescheinigt, wie falsch es sei, dass ihm der nächste Karriereschritt verweigert worden war. 2019 wurden ihm die bis dahin größten Kränze geflochten, als er in für Oppositionspolitiker normalerweise unerreichbare lichte demoskopische Höhen aufstieg und zum zweitbeliebtesten deutschen Politiker nach dem Bundespräsidenten avancierte. Aber eben doch nicht Fraktionschef. „Dass die Grünen ihn ignorieren, ist fahrlässig“, tadelte damals sogar der dezidiert konservative Ulf Poschardt in der „Welt“. Denn: „Unser Land braucht so jemanden wie ihn ganz besonders.“
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Diese Bande wuchsen zart und stetig: Eine Gruppe von Männern, alle erst seit wenigen Monaten MdBs, noch nicht 35 und entweder CDUler oder Grüne, hatte sich zusammengetan. Darunter auch Cem Özdemir. In den Augen der jungen Schwarzen war der ungewöhnliche Schwabe gefällig, ohne lange Mähne, Latzjeans und Birkenstock. Selbst der Ohrring, den er sich irgendwann auf einem Schulausflug nach Berlin hatte stechen lassen, sehr zum Verdruss des Vaters, war abgelegt.

Er passte also zu der Truppe, die damals im Weinkeller einer Bonner Pizzeria zu tagen pflegte. Möglichst geheim bleiben sollte der Auftakt, was gründlich fehlschlug: Just an diesem Abend saß Kohls Sekretärin Juliane Weber auf einem Platz, an dem sie alle vorbeimussten, darunter Armin Laschet, Norbert Röttgen, Peter Altmaier, Roland Pofalla oder Hermann Gröhe. Die Antwort auf die Frage, ob ihr Gaststättenbesuch zufällig war oder nicht doch vorsätzlich, hat Kohls Vertraute mit ins Grab genommen.

Später bedauerten die Protagonisten, dass nur wenig umzusetzen war von dem, was da auf zahlreichen Politikfeldern von den auf diesen schönen Beinamen getauften Jungen Wilden erdacht und erträumt wurde. So erwog der CDU-Nachwuchs, ohnehin von CSU-Kollegen missbilligend beäugt, einen deutschen Alleingang bei der Einführung einer Energiesteuer zum Wohle des Umweltschutzes. Als die Wirtschaft und ihre Lobby massiven Einspruch einlegten, wurde das Projekt sogleich wieder eingesammelt. „Ploff und kusch“, höhnte das bekannte Hamburger Nachrichtenmagazin.

Überliefert und nicht nur unter direkt Beteiligten bis heute gern erzählt sind aber auch Geschichten vom Enthusiasmus. Hermann Gröhe schwärmte von der Lebensfreude als verbindendem Element: „Wir genießen gern, mögen gutes Essen und Wein, wir lesen die gleichen Bücher, schauen uns die gleichen Filme im Kino an und denken in vielen politischen Fragen in dieselbe Richtung.“ Und Özdemir fand gut, dass da weder im Übermaß theoretisiert noch gekungelt worden sei: „Wir wollten einfach gemeinsam über den Tellerrand in die Zukunft schauen.“
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In Deutschland ist „Multikulti“ bis heute, zumindest auch, ein Kampfbegriff. Gerade den Grünen wurde und wird unterstellt, es Einwanderern zu leicht machen zu wollen bei deren Integrationsleistungen, allzu naiv zu sein gegenüber den Herausforderungen und nicht zuletzt auch Überforderungen, die sich zwangsläufig aus der Sozialisierung in unterschied-ichen Kulturen ergeben. Multikulti ist aber noch etwas ganz anderes: einfach ein Faktum. Bei manchen weniger, bei anderen mehr, bei Cem Özdemir ziemlich viel. 

Seine Mutter stammte aus Istanbul, der größten Stadt der Türkei, hatte aber ihrerseits eine griechische Großmutter. Beide Länder waren in ihrer wechselvollen Geschichte fast immer verfeindet. Die Frauen sprachen Griechisch miteinander, wenn sie niemand verstehen sollte. Weil der Großvater mütterlicher-seits einer türkischen Offiziersfamilie entstammte, muss-te Cems Großmutter aber zum Islam konvertieren und ihren Namen ändern, damit die beiden überhaupt heiraten konnten. Teile beider Familien akzeptierten die Verbindung nicht, doch das Paar trotzte allen Widerständen. 

Viele Jahre später freuten sich Nihals erste Kundinnen in ihrem neuen Laden in Urach für sie, weil sie der Türkei entronnen war und jetzt kein Kopftuch mehr tragen musste. Auf Erläuterungen in ihrem gebrochenen Deutsch verzichtete die Schneiderin. Sie wusste sich anders zu helfen und platzierte gut sichtbar ein Bild ihrer eigenen Großmutter an die Wand: unverhüllt mit kurzen Haaren. Eine derartige nonverbale Aufklärung Einheimischer blieb die Ausnahme. Für gewöhnlich war der Informationsfluss umgekehrt. Von den Gastarbeitern wurde schlicht erwartet, sich für die neue Umgebung zu interessieren, um sie zumindest einigermaßen begreifen zu können.
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Eine Reform koalition wollte die Ampel werden – vom ersten Tag an. Als Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag war Özdemir häufig mit dem Fahrrad unterwegs. Also fuhr er damit auch zu seiner Ernennung ins Schloss Bellevue. Unter dem Beifall zufälliger Passanten, vorbei an all den Limousinen der anderen Kabinettsmitgelder. DIe schönen Bilder waren garantiert. Andere Schlagzeilen folgten in Bälde. Der neue Landwirtschaftsminister, dessen Ressort im Kürzel BMEL die Ernährung  vor die Landwirtschaft reihte, hatte in den Schubladen viel  Interessantes gefunden, viele Zahlen und Daten sowie viele Ideen, die da schlummerten, weil unverwirklicht von den Vorgängern aus CDU und CSU. Der Grüne machte sich an die Sache.

Er hatte die große Schneiderschere im Gedenken an seine verstorbene Mutter behalten. „Sie hatte sie immer in der Hand, wenn meine beiden Kinder und ich in Bad Urach klingelten“, erinnert er sich. Mit Schere, Garn, Maßband und Nähmaschine habe sie alles passend gemacht, „denn zu weit, zu eng, zu kurz, zu lang, das gab es für sie nicht“. Löcher wurden gestopft, Verlorenes angenäht, Altes überarbeitet, „und für Neues brauchte sie einfach das richtige Schnittmuster“. 

Das brauchte er jetzt im neuen Amt, als er an seiner neuen Rolle zu schneidern begann. Reformer und Mahner wollte er sein, im Wissen, dass er den einen, Tierschützern, Bio-Bauern und Vegetariern, zu wenig weit und den anderen viel zu weit würde gehen müssen. Ein Spagat ohne große Aussicht auf Erfolg. Landwirte und deren Funktionäre, Vertreter der Lebensmittelindustrie und die Lobbyisten hatten ihn rasch zum idealen Feindbild erkoren, um bei Bedarf den Vorwurf der Besserwisserei erheben zu können. Auch das Schlagwort vom „Verbotsminister“ kursierte. Zu schnell und vor allem zu unrecht.