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24.12.2025
4 Minuten
Der tagesaktuelle politische Informationsfluss im Netz ist längst
kombiniert mit Auskünften über das private und halbprivate Leben.
Gerade in der Zeit als Minister nutzte Özdemir seine digitale
Popularität auch politisch, unter anderem um Falschdarstellungen
entgegenzutreten, etwa zum Dauerthema Ernährung. Zunächst reiste
er mit einem überdimensionierten Kühlschrank, wollte werben für
sachgerechtes Einräumen, aber auch für seine Strategie zur
Einschränkung ungesunder Lebensmittel für Kinder. Als der
Gegenwind beim heiklen Thema immer schärfer wehte, wehrte er sich
auf X gegen die munter in und aus Bayern verbreitete Botschaft,
er regiere in die Kühl-schränke und Küchen der Leute hinein. Eine
Viertelmillion Views wurden registriert.
Fotos der heranwachsenden Kinder gab es nicht, manch Familiäres
berichtete er dann doch voll Stolz: Ende 2018 hatte Özdemir sich
auf X vorübergehend abgemeldet mit der Bot-schaft wiederzukommen.
Anfang 2019 war er zurück: „Habe auf 4.380 Metern Höhe über
Neujahr mit Tochter und auf dem Pferderücken von Argentinien nach
Chile auf den Spu-ren von San Martin die Anden überquert und
Energie für das neue Jahr getankt. Jetzt wieder
Online.“
Einmal machte der Grüne noch Privateres ganz bewusst pu-blik: ein
Bild von seinem ersten Weihnachtsfest in Urach, das in kürzester
Zeit 40.000-mal gelikt wurde. Zudem startete er eine Attacke auf
die „Pegida“, die damals in Dresden Montag für Montag Tausende
auf die Straße brachte und sich gegen die angebliche
Islamisierung des Abendlands wandte. Die Aktion brachte ihm ein
Interview mit der „Berliner Morgenpost“ ein, in dem er von der
Annäherung seiner Mutter Nihal und seines Vaters Abdullah sowie
der eigenen Familie ans Fest der Christen erzählte, verbunden mit
dem ganz praktischen Vorschlag eines Leitfadens für Gastarbeiter.
Bis heute erkläre kein Buch, das allen Menschen, die gerade nach
Deutschland kämen, „welche Bräuche und Traditionen es gibt oder
wie sich Bayern von Sachsen unterscheiden“. Das
baden-württembergische Staatsministerium präsentierte wenig
später in Stuttgart das Handbuch „Ankommen – Klarkommen“, mit
Zeichnungen zu Alltagsgepflogenheiten und Riten „als Türöffner
für inter-kulturelle Gespräche landesweit“.
Frohe Weinachten!
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23.12.2025
4 Minuten
Polens früherer Staatspräsident Aleksander
Kwasniewski hatte sich mit seiner Prognose von 2004 geirrt,
Özdemir werde demnächst Vizekanzler, weil er ein kluger Kopf sei,
ein scharfer Analytiker und ausgezeichneter Redner und ihn
„grenzenlos“ begeistere. Denn Union und FDP bildeten 2005 die
neue Bundesregierung, ohne die Grünen. Und deren
Bundesvorsitzender brachte seine Partei immer neu in Stellung als
künftigen Partner – gerade für die Union, und in ausgesprochen
selbstbewusster Tonlage. Denn es seien die anderen, die sich „in
der bedeutendsten Frage dieses Jahrhunderts, der ökologischen,
auf uns zu bewegen müssen, weil wir darauf am besten vorbereitet
sind“, bezog er Position im Gespräch mit der „Welt“.
Schon 1983 war die neue Partei mit dem Slogan „Wir haben die Erde
von unseren Kindern nur geborgt“ in ihren zweiten
Bundestagswahlkampf gezogen. Das dazu passende Plakat, eine
Kinderzeichnung mit lachender Sonne und Obstbäumen voller
Früchte, hängt immer noch, sorgfältig gehütet wie ein Schatz, in
vielen Grünen-Fraktionen und -Büros. Auch die Formel von den
grünen Ideen, mit denen schwarze Zahlen zu schreiben sind, hatte
mittlerweile einige Patina angesetzt. Doch Umwelt- und
Klimaschutz nahmen einen immer breiteren Raum in der deutschen
Öffentlichkeit ein. Die Grünen waren Meinungsführer, vor allem,
nachdem die Kopenhagener Klimakonferenz ohne verbindliche Ziele
im Kampf gegen die Erderwärmung geblieben war, nahmen Umwelt- und
Klimaschutz einen immer breiteren Raum in der deutschen
Öffentlichkeit ein. Extreme Wetterereignisse wurden häufiger.
Starke Regenfälle und ein Staudammbruch führten rund ums
sächsische Görlitz zur schwersten Hochwasserkatastrophe seit
Beginn der Aufzeichnungen.
„Vieles, wofür wir früher ausgelacht und verspottet oder scharf
kritisiert worden sind, ist in der Mitte der Gesellschaft
angekommen“, sagte der Bundesvorsitzende 2010 bei einem
Landesparteitag. Seine Partei hatte sich einen – im Vergleich zu
allen anderen – stolzen Glaubwürdigkeitsbonus erarbeitet. Nicht
weniger als 48 Prozent aller Wahlberechtigten bescheinigten den
Grünen, nach der Wahl zu tun, was sie vor der Wahl angekündigt
hatten. „Sie erscheinen vielen wie ein zuverlässiger Fels in der
Brandung“, würdigte das der Politikprofessor Jürgen Falter.
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22.12.2025
3 Minuten
Für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS)
unterstützte Cem Özdemir Waffenlieferungen in den Nordirak. Das
war speziell, weil er nicht nur einmal mehr den linken Flügel der
Partei gegen sich aufbrachte, deren Vorsitzender er war und zu
bleiben gedachte. Auch weite Teile der Bundestagsfraktion wollten
davon nichts wissen. Krieg und Frieden, analysierte der
„Spiegel“, solche Fragen gingen bei den Grünen immer ans
Eingemachte. Dabei seien die Linien seit den Regierungsjahren mit
Gerhard Schröders SPD und der Unterstützung der
Bundeswehreinsätze auf dem Balkan und in Afghanistan ohnehin
immer weiter verschoben worden. Aber: „Deutsche Waffen direkt an
eine Kriegspartei zu liefern, das ist ein Novum.“
Am 1. September 2014 debattierte der Bundestag über das heikle
Thema des Umgangs mit den kurdischen Peschmerga im Kampf gegen
den IS. Die Bundesregierung mit Kanzlerin Angela Merkel und
Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte zwar schon
entschieden, doch da die Bundeswehr eine sogenannte
Parlamentsarmee ist, benötigt sie für Entscheidungen in
Grundsatzfragen die Zustimmung des Bundestags. Der aber musste
noch beraten. Özdemir verkündete per Zeitungsinterview, er werde
in dieser Lage Waffenlieferungen keinesfalls pauschal ablehnen.
Mit dem Satz „Wenn das Haus brennt, nützt es wenig, wenn die
Feuerwehr aus der Brandschutzordnung vorliest“ griff er zu einer
dieser typischen Spötteleien, die er selbst bei ernsten Themen
schätzt. Vor vornherein kategorisch Nein zu sagen, halte er
jedenfalls nicht für hilfreich. Und setzte dann noch eins drauf:
„Wer sich in dieser Lage neutral verhält, ergreift Partei für den
Islamischen Staat.“
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21.12.2025
3 Minuten
Es ist einfacher und zugleich schwieriger als ehedem, in Zeiten
von Genderbewusstsein, ChatGPT, KI, Wikipedia und Google ein Buch
zu schreiben. Die schlechte Nachricht zuerst: Wie ersichtlich
haben wir uns in Abwägung der bekannten Argumente und um der
Kulturkämpfer:innen Segel nicht zusätzlich zu straffen, gegen
Binnen-I, gegen Asterix oder Gender-Gap entschieden und gegen die
Doppelung „Bürgerinnen und Bürger“: aus Gründen des Leseflusses
und der Verständlichkeit. Das ist unbefriedigend und dem
hierzulande ausgeprägt traditionellen Umgang mit der deutschen
Sprache geschuldet.
Deutlich müheloser als in Zeiten von Handarchiven und
mechanischen oder elektrischen Schreibmaschinen ist es,
Informationen zusammenzutragen und Texte zu formulieren. Computer
in ihren verschiedensten Erscheinungsformen haben die
journalistische Herangehensweise gerade an komplexe Zusammenhänge
grundlegend verändert. Auf Papier galt ohne Abstriche dieses
Prinzip: erst denken, dann schreiben. Mittlerweile bietet die
heute übliche Hard- und Software die Möglichkeit, zumindest nicht
zu Ende zu denken, schließlich kann jeglicher Text im
Handumdrehen und ohne bleibende Schäden gestrichen, korrigiert
oder ergänzt werden. Das vorliegende Buch übrigens ist
selbstredend durch Menschliche Intelligenz entstanden – ganz ohne
aktive KI-Nutzung – nicht jedoch ohne die massenhaft im Netz
verfügbaren Informationen als Recherchebasis. Und vor allem
zwecks Auffrischung eigener Erinnerungen an Gespräche, Termine,
Parlamentsdebatten oder Parteitage der vergangenen 45 Jahre.
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20.12.2025
3 Minuten
Cem Özdemir hat viele Erfahrungen in frühen Jahren gesammelt.
Denn es lebte sich mühsam in mehreren Welten. Der aufgeweckte
Junge, auf Schwäbisch „Bua“, wollte dazugehören. Aber er wollte
auch schon erstaunlich früh herausfinden, wie weit er dafür gehen
musste. Cem akzeptierte regelmäßige Ohrfeigen von José, in der
Hoffnung auf eine stabile Freundschaft unter Sechsjährigen. Der
kleine Portugiese, ebenfalls Gastarbeiterkind, schlug ihn jedes
Mal ins Gesicht, nachdem er ihn aus der Wohnung auf die Straße
gelockt hatte, und versprach, beim nächsten Mal ganz bestimmt auf
den Schlag zu verzichten. Cem fügte sich einerseits in die Rolle
des Watschenmanns, entwickelte andererseits aber diese Neugier
auf Zumutungen und ihre Wirkung. Und darauf, wo Übergriffe ihre
Grenzen haben. Irgendwann hatte sich das Ritual verbraucht,
unvergessen ist es bis heute. Und nützlich für jemanden, der
schon so früh mehr über die eigenen und die Grenzen anderer
erfahren wollte.
Lehrreich war auch die Sache mit der Steinschleuder. Nach einem
Umzug der Familie Özdemir innerhalb von Urach wollte Cem Kontakt
aufnehmen und andere Kindern in der neuen Nachbarschaft auf sich
aufmerksam machen. Er spielte mit der Schleuder am offenen
Fenster und traf die Scheibe eines Ladengeschäfts gegenüber, die
jedoch heil blieb. Trotzdem fürchtete er ernsthaft, ins Gefängnis
zu kommen. Die neue Clique ließ ihn zunächst schmoren, nahm ihn
schließlich aber doch auf, mit einer geradezu dialektischen
Begründung: Wer weiß, was er sonst noch Gefährliches anstellen
würde, um dazuzugehören.
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Über diesen Podcast
24 Tage, 24 Texte. Ausgewählte Passagen aus dem Buch „Cem Özdemir –
Brücken bauen“ von Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel,
gelesen vom Landtagsabgeordneten Ralf Nentwich. Cem Özdemir gehört
zu den profiliertesten Stimmen der deutschen Politik. Und wenn er
sagt: „Mein Spezialgebiet ist Brückenbauen“, dann weiß er, wovon er
spricht – denn er stand selbst oft zwischen den Welten. Ein
herzlicher Dank geht an den Bonifatius Verlag für die Möglichkeit,
die Buchtexte verwenden zu dürfen.
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