Brücken bauen im Advent Archiv
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Mit der CDU im Südwesten hat der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir schon so seine Erfahrungen gemacht. In der Endphase des Landtagswahlkampfs 2016, bevor Winfried Kretschmanns Partei schließlich erstmals die stärkste wurde, hatte bei den Christdemokraten erhebliche Nervosität um sich gegriffen. Vor allem unter Jungunionisten, die auf viertausend Plakaten verkündeten: „Lassen Sie sich am 13. März nicht täuschen! Kretschmann wählen bedeutet Özdemir bekommen.“ Versprochen wurde, den Ministerpräsidenten „als Mogelpackung“ zu entzaubern, denn er diene den Grünen als „trojanisches Pferd für ihre ideologische Politik“. Kretschmann höchstpersönlich übersetzte die Botschaft der Plakate auf seine Weise: Da trete ein altersschwacher Politiker zur Wiederwahl an, „schafft keine fünf Jahre mehr, und dann kommt der Türke daher“. Er rüffelte dieses „Schüren von Ressentiments“ scharf. Einige Wochen später war eine grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg beschlossene Sache.
Vor dem Wahlgang 2026 soll alles anders und die Tonlage eine dezidiert moderate sein. Manuel Hagel, der CDU-Spitzenkandidat und Hoffnungsträger, versprach jedenfalls schon im Vorfeld immer wird, Özdemir nicht persönlich anzugreifen. Andere lässt er schon mal experimentieren mit Provokationen. Robust zum Beispiel Siegfried Lorek, den CDU-Staatssekretär und ambitionierte Strippenzieher. Am Aschermittwoch 2025 unterstellt der zur Begeisterung der stattlich vertretenen Anhängerschaft, Özdemir kämpfe „maximal um den nächsten Versorgungsposten“. Und er beklagt das „Vollversagen als Ampelminister“. Wieder Beifall und Jubel, erst recht für den Uppercut: Der Grüne sei ungeeignet „für unser schönes Ba den-Württemberg“. Und er wechsele nur ins Land, „um endlich wieder einen Dienstwagen zu bekommen“.
Vor dem Wahlgang 2026 soll alles anders und die Tonlage eine dezidiert moderate sein. Manuel Hagel, der CDU-Spitzenkandidat und Hoffnungsträger, versprach jedenfalls schon im Vorfeld immer wird, Özdemir nicht persönlich anzugreifen. Andere lässt er schon mal experimentieren mit Provokationen. Robust zum Beispiel Siegfried Lorek, den CDU-Staatssekretär und ambitionierte Strippenzieher. Am Aschermittwoch 2025 unterstellt der zur Begeisterung der stattlich vertretenen Anhängerschaft, Özdemir kämpfe „maximal um den nächsten Versorgungsposten“. Und er beklagt das „Vollversagen als Ampelminister“. Wieder Beifall und Jubel, erst recht für den Uppercut: Der Grüne sei ungeeignet „für unser schönes Ba den-Württemberg“. Und er wechsele nur ins Land, „um endlich wieder einen Dienstwagen zu bekommen“.
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Die Baden-Württemberger im Normalfall tüchtige und strebsame Leute. Das Land hat gut elf Millionen Einwohner, fast ein Fünftel davon besitzt keinen deutschen Pass, und spätestens seit der Imagekampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ sogar den Ruf, zur Selbstironie fähig zu sein. Es steckt mit rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Geld in Forschung und Entwicklung als alle anderen Bundesländer. Bei den Exporten ist es republikweit ebenso die Nummer eins. Und immer war es ein Geberland im kostspieligen, aber prestigeträchtigen Länderfinanzausgleich. Einziges übrigens, denn gerade die selbstbewussten bayerischen Nachbarn hatten bis in die Neunzigerjahre einen Stammplatz in der Riege der unterstützungsbedürftigen Nehmerländer inne, was sie nur zu gern vergessen machen möchten.
Seit Lothar Späth wissen die Hausherren im Staatsministerium mit solchen Pfunden international zu wuchern. Sie sind, sagtÖz demir, „immer mit die größten Wirtschaftsförderer“. Und seit Winfried Kretschmann sind sie Global Player im Klimaschutz. Denn dem ersten grünen Regierungschef war es gelungen, gemeinsam mit Kalifornien eine Initiative zur Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad zu etablieren. Angeschlossen haben sich inzwischen weltweit Regionen mit fast zwei Milliarden Menschen und mehr als 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Gavin Newsom, Kaliforniens demokratischer Gouverneur und kämpferischer Gegenspieler von US-Präsident Donald Trump, betont immer wieder, dass die Bedeutung dieser Allianz gerade angesichts der Attacken auf die werte- und regelbasierte Ordnung der Welt nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Seit Lothar Späth wissen die Hausherren im Staatsministerium mit solchen Pfunden international zu wuchern. Sie sind, sagtÖz demir, „immer mit die größten Wirtschaftsförderer“. Und seit Winfried Kretschmann sind sie Global Player im Klimaschutz. Denn dem ersten grünen Regierungschef war es gelungen, gemeinsam mit Kalifornien eine Initiative zur Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad zu etablieren. Angeschlossen haben sich inzwischen weltweit Regionen mit fast zwei Milliarden Menschen und mehr als 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Gavin Newsom, Kaliforniens demokratischer Gouverneur und kämpferischer Gegenspieler von US-Präsident Donald Trump, betont immer wieder, dass die Bedeutung dieser Allianz gerade angesichts der Attacken auf die werte- und regelbasierte Ordnung der Welt nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
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In Cem Özdemirs Leben gab es viele glückliche Fügungen. Manche stellten die Weichen für ein paar Jahre neu, andere ermöglichten den einen oder anderen Karrieresprung. Eine jedoch veränderte sein ganzes Leben. Anfang der Siebzigerjahre betrat Frau Naumann die Änderungsschneiderei von Nihal Özdemir in Urach, um eine Hose für ihren Vierjährigen ändern zu lassen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später zitiert sie den Dialog: Cems Mutter erklärte, zu wissen, dass Frau Naumann eine gute Lehrerin sei, und genau das brauche jetzt ihr Sohn. „Das war keine Bitte, sondern ein Befehl“, erinnert sich die Nachhilfelehrerin. Sie traf auf einen hochintelligenten Jungen mit katastrophaler Rechtschreibschwäche, und das in einer Zeit, in der für dumm gehalten wurde, wer nicht korrekt schreiben konnte. Dem Umstand, dass sie das nicht tat, hat er seinen Bildungsaufstieg zu verdanken – bis hinauf in die Chefetage des Bundeswissenschaftsministeriums.
Wiederum ein halbes Jahrhundert nach dieser Begegnung mit Mutter Nihal griff die resolute Rektorin i. R. erneut in die Vita ihres einstigen Nachhilfeschülers ein. Als Bad Uracher Gemeinderätin mit FDP-Parteibuch warb sie erfolgreich dafür, ihrem Schützling mit der so langen und erfolgreichen Karriere als Grünen-Politiker die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt zu verleihen. Bei der Festveranstaltung ereilte ihn eine Bitte von Frau Naumann, die ihre Laudatio mit dieser Botschaft krönte: „Cem, komm hoim ins Ländle.“ Sie sagt viel Gutes über den frischgebackenen Ehrenbürger. Sie ist politisch, herzlich und pfiffig, „knitz“ eben, wie Schwaben sagen. Und sie endete mit den klassisch gewordenen drei Worten: „Wir schaffen das.“
Wiederum ein halbes Jahrhundert nach dieser Begegnung mit Mutter Nihal griff die resolute Rektorin i. R. erneut in die Vita ihres einstigen Nachhilfeschülers ein. Als Bad Uracher Gemeinderätin mit FDP-Parteibuch warb sie erfolgreich dafür, ihrem Schützling mit der so langen und erfolgreichen Karriere als Grünen-Politiker die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt zu verleihen. Bei der Festveranstaltung ereilte ihn eine Bitte von Frau Naumann, die ihre Laudatio mit dieser Botschaft krönte: „Cem, komm hoim ins Ländle.“ Sie sagt viel Gutes über den frischgebackenen Ehrenbürger. Sie ist politisch, herzlich und pfiffig, „knitz“ eben, wie Schwaben sagen. Und sie endete mit den klassisch gewordenen drei Worten: „Wir schaffen das.“
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Ein exemplarisches Ereignis aus der Geschichte seiner Familie hörte Cem früh von seiner Mutter Nihal. Es ging um Verständigung zwischen unterschiedlichen Menschen unterschiedlicher religiöser Sozialisation, die eben nicht zustande kam, weil rohe Gewalt und das angemaßte Recht des Stärkeren sich durchsetzten. Als Junge war Cems Vater Abdullah eines Tages zu Erntehelfern geschickt worden, um ihnen Essen zu bringen. Auf dem Weg wurde er von anderen Heranwachsenden aufgehalten, beleidigt und verprügelt. Mitten im Fastenmonat Ramadan sei so etwas sogar verboten, belehrten ihn die orthodox-muslimischen Angreifer. Am Ende schütteten sie die Speisen und Getränke für die Erntehelfer auf die Erde aus.
Die zornige Reaktion von Cems Großmutter bestand darin, die Erwachsenen in der Nachbarschaft verbal massiv zu attackieren, wegen ihrer Einmischung in die religiösen Angelegenheiten anderer. „Eher würden diese ehrlichen Menschen ins Paradies kommen als ihr ganzes Dorf mit seinen heuchlerischen Frömmlern“, so zitiert Özdemir Jahre später den Wutausbruch seiner wackeren Großmutter, der sunnitischen Muslimin, in Bewunderung für ihre Toleranz und ihren Einsatz.
Die Erntehelfer zählten zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die im Vergleich zur muslimischen Mehrheitsgesellschaft einem liberaleren Pragmatismus anhängen und etliche wichtige Verhaltensvorschriften im Koran ablehnen. Deshalb nehmen sie unter anderem nicht am Ramadan mit seinem dreißigtägigen Fasten teil.
Die zornige Reaktion von Cems Großmutter bestand darin, die Erwachsenen in der Nachbarschaft verbal massiv zu attackieren, wegen ihrer Einmischung in die religiösen Angelegenheiten anderer. „Eher würden diese ehrlichen Menschen ins Paradies kommen als ihr ganzes Dorf mit seinen heuchlerischen Frömmlern“, so zitiert Özdemir Jahre später den Wutausbruch seiner wackeren Großmutter, der sunnitischen Muslimin, in Bewunderung für ihre Toleranz und ihren Einsatz.
Die Erntehelfer zählten zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die im Vergleich zur muslimischen Mehrheitsgesellschaft einem liberaleren Pragmatismus anhängen und etliche wichtige Verhaltensvorschriften im Koran ablehnen. Deshalb nehmen sie unter anderem nicht am Ramadan mit seinem dreißigtägigen Fasten teil.
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Lärm war selbstverständlich in Stuttgart im Sommer und im Herbst 2010: Fenster auf, raus auf die Balkone oder vor die Häuser, Töpfe mit Kochlöffeln schlagen, Deckel zu Tschinellen umfunktionieren, überhaupt jedwedes Instrument verwenden, Trillerpfeifen oder die eigenen Stimmbänder. Tagtäglich um 19 Uhr ging es so eine Minute lang akustisch rund - für den Kopfbahnhof und gegen Stuttgart 21.
An dem Donnerstag, der als der „schwarze Donnerstag“ in die Landesgeschichte einging, hatten die Verantwortlichen eine der vielen Demos, ausgerechnet eine Schülerdemo, nicht auf dem Schirm. Im Schlossgarten brach zuerst Chaos und dann, als Wasserwerfer eingesetzt wurden, Panik aus. Am Ende der vielen Stunden und eines völlig misslungenen Polizeieinsatzes gab es Hunderte Verletzte, ein älterer Demonstrant büßte fast sein Augenlicht ein. Cem Özdemir wurde bitterböse und warf Mappus vor, er habe „Blut sehen“ wollen, friedliche Demonstranten als Chaoten beschimpft und auf Eskalation gesetzt. Tatsächlich kam es spät, aber doch zu einem Baustopp.
Es folgte eine Schlichtung unter Leitung von Heiner Geißler, deren neun live im Fernsehen übertragene Sitzungen Millionen Zuschauer fanden. Am Ende, nach einer fragwürdigen Volksabstimmung, vielen Verzögerungen und immer neuen Kostensteigerungen, wurde doch gebaut. Aber: Selbst der vorerst letzte bekanntgemachte Eröffnungstermin, Ende 2026, ist schon wieder überholt.
An dem Donnerstag, der als der „schwarze Donnerstag“ in die Landesgeschichte einging, hatten die Verantwortlichen eine der vielen Demos, ausgerechnet eine Schülerdemo, nicht auf dem Schirm. Im Schlossgarten brach zuerst Chaos und dann, als Wasserwerfer eingesetzt wurden, Panik aus. Am Ende der vielen Stunden und eines völlig misslungenen Polizeieinsatzes gab es Hunderte Verletzte, ein älterer Demonstrant büßte fast sein Augenlicht ein. Cem Özdemir wurde bitterböse und warf Mappus vor, er habe „Blut sehen“ wollen, friedliche Demonstranten als Chaoten beschimpft und auf Eskalation gesetzt. Tatsächlich kam es spät, aber doch zu einem Baustopp.
Es folgte eine Schlichtung unter Leitung von Heiner Geißler, deren neun live im Fernsehen übertragene Sitzungen Millionen Zuschauer fanden. Am Ende, nach einer fragwürdigen Volksabstimmung, vielen Verzögerungen und immer neuen Kostensteigerungen, wurde doch gebaut. Aber: Selbst der vorerst letzte bekanntgemachte Eröffnungstermin, Ende 2026, ist schon wieder überholt.
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So ein politischer Aufstieg will gründlich geplant sein. Die Zeit vor seinem ersten Einzug in den Bundestag nennt Özdemir im Rückblick ein Leben wie im Zeitraffer. Seine Unterstützer im Wahlkreis Ludwigsburg fragten sich, ob er das Mandat überhaupt stemmen könne. Oder ob er vielleicht abheben würde. Er weckte Interesse mit seiner Herkunft, seiner Jugend und dieser erstaunlichen Beredsamkeit. Nicht nur politisch, auch organisatorisch gut vorbereitet wollte er in Bonn einziehen. Dazu gehörte, dass der Novize sich sachkundig machte, welche grünen Kollegen nicht mehr antraten. Konrad Weiß war ihm aufgefallen, Regisseur und Bürgerrechtler aus Sachsen-Anhalt. Der hatte 1992 eine stark beachtete Rede im Bundestag gehalten, die später sogar in Schulbüchern abgedruckt wurde. Der hatte 1992 eine stark beachtete Rede im Bundestag gehalten, die später sogar in Schulbüchern abgedruckt wurde, 1994 trat er nicht mehr an. Als das publik wurde, nahm Özdemir sofort Kontakt auf mit der profanen Frage, ob er Nachmieter der beiden Büros in Bonn werden und Weiß‘ Mitarbeiterin übernehmen könne.
Die Übergabe funktionierte. In der neuen Fraktion war er der Einzige mit solchem Weitblick – und stolz die Arbeitsfähigkeit sofort beim EInzug und auf sein Organisationstalent. Was ihm schlussendlich nichts nutzte. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Und sie hatte einen Namen: Joschka Fischer.
Der frühere hessische Staatsminister für Energie und Umwelt war in die Bundespolitik gewechselt, aber ohne Büro in Bonn angekommen. Er quartierte sich selbst ein und den Novizen zügig aus, dann überredete er dessen Mitarbeiterin, für ihn zu arbeiten: für ihn, den neuen Fraktionschef. Der 29-jährige Neuling aus Bad Urach fügte sich, im sicheren Wissen, dass eine Auseinandersetzung ihm schwer geschadet hätte und er sie ohnehin nie hätte gewinnen können.
Immerhin durfte er sicher sein, dass ihm die „Bürogemeinschaft“, wie er das Umsiedlungsresultat beschönigend nannte, in Zukunft keinen Nachteil bescheren würde.
Die Übergabe funktionierte. In der neuen Fraktion war er der Einzige mit solchem Weitblick – und stolz die Arbeitsfähigkeit sofort beim EInzug und auf sein Organisationstalent. Was ihm schlussendlich nichts nutzte. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Und sie hatte einen Namen: Joschka Fischer.
Der frühere hessische Staatsminister für Energie und Umwelt war in die Bundespolitik gewechselt, aber ohne Büro in Bonn angekommen. Er quartierte sich selbst ein und den Novizen zügig aus, dann überredete er dessen Mitarbeiterin, für ihn zu arbeiten: für ihn, den neuen Fraktionschef. Der 29-jährige Neuling aus Bad Urach fügte sich, im sicheren Wissen, dass eine Auseinandersetzung ihm schwer geschadet hätte und er sie ohnehin nie hätte gewinnen können.
Immerhin durfte er sicher sein, dass ihm die „Bürogemeinschaft“, wie er das Umsiedlungsresultat beschönigend nannte, in Zukunft keinen Nachteil bescheren würde.
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Es ist eine Geschichte, wie erfunden von hyperaktiven PR-Beratern, allerdings mit dem Vorzug, wahr zu sein. Cem Özdemir suchte eine Unterkunft in Stuttgart, weil er immer öfter aus Berlin in seinen Wahlkreis pendelte. Fündig wurde er in der WG eines Freundes in einem Quartier von moderner schwäbischer Urbanität in der Hauptstadt jenes drittgrößten der sechzehn Bundesländer, in dem er noch so einiges vorhat. Es gibt Cafés, Kneipen, einen türkischen Lebensmittelmarkt mit Metzgerei und die ehrwürdige Zahnradbahn. Sie fährt aus dem Talkessel über die berühmte Halbhöhenlage hinauf nach Degerloch, fast bis zum ersten Fernsehturm der Welt.
Im Treppenhaus seiner Bleibe waren die Spinnweben nicht zu übersehen. Ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn er aus der Bundeshauptstadt wiederkam, war die Staubschicht dicker. Über die strengen Putzregeln in den Mehrfamilienhäusern der angeblichen schwäbischen Provinz haben sich Generationen von Kabarettisten lustig gemacht. An der Universität Tübingen wurde ihre Bedeutung für den Nationalcharakter sogar wissenschaftlich herausgearbeitet. Die Kehrpflicht der deutschen Fürsten besungenen Eberhard im Barte. Gut fünfhundert Jahre später wurde in Stuttgart aus dem allwöchentlichen Brauch eine locker gehandhabte Bei-Bedarf-Vorschrift.
Özdemir wollte wissen, wie es denn so steht ums wöchentliche Großreinemachen. Die Zusammensetzung im Haus hatte sich im Laufe der Zeit geändert. Die Jüngeren konnten mit der Tradition nichts anfangen. Mit jedem neuen Bewohner aber, der ihr den Rücken kehrte, stellten sich die Älteren die Frage, warum sie als einzige noch kehren sollten. Es kam, wie es kommen musste: Bald putzte niemand mehr. Und das Kehrwochenschild war auch verschwunden.
Im Treppenhaus seiner Bleibe waren die Spinnweben nicht zu übersehen. Ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn er aus der Bundeshauptstadt wiederkam, war die Staubschicht dicker. Über die strengen Putzregeln in den Mehrfamilienhäusern der angeblichen schwäbischen Provinz haben sich Generationen von Kabarettisten lustig gemacht. An der Universität Tübingen wurde ihre Bedeutung für den Nationalcharakter sogar wissenschaftlich herausgearbeitet. Die Kehrpflicht der deutschen Fürsten besungenen Eberhard im Barte. Gut fünfhundert Jahre später wurde in Stuttgart aus dem allwöchentlichen Brauch eine locker gehandhabte Bei-Bedarf-Vorschrift.
Özdemir wollte wissen, wie es denn so steht ums wöchentliche Großreinemachen. Die Zusammensetzung im Haus hatte sich im Laufe der Zeit geändert. Die Jüngeren konnten mit der Tradition nichts anfangen. Mit jedem neuen Bewohner aber, der ihr den Rücken kehrte, stellten sich die Älteren die Frage, warum sie als einzige noch kehren sollten. Es kam, wie es kommen musste: Bald putzte niemand mehr. Und das Kehrwochenschild war auch verschwunden.
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Der Zirkel der in Marbach Geehrten war ein illustrer, angeführt vom früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der seine Einladung zur alljährlichen Schiller-Rede an den Neckar als Ehre empfand, „von der ich niemals geträumt habe“. Cem Özdemir, das Arbeiterkind aus Bad Urach ging noch weiter: „Ich stehe hier nicht als Einzelperson vor Ihnen, sondern als einer von vielen Menschen in diesem Land, bei deren Geburt eine Einladung als Schiller-Redner ungefähr genauso denkbar war wie ein Flug zum Mond. Wobei die bemannte Raumfahrt durchaus Thema bei uns zu Hause war, Friedrich Schiller dagegen war es nicht.“ Er sprach über den in Marbach geborenen Dichter als „großen politischen Denker“, über den Schwaben „so wie ich“ und schlug den Bogen zu den Schillers von heute. In vielen Ländern erfordere es nicht nur große Kreativität, sondern großen Mut, Dichter und Denker zu werden und seine Ge-danken in die Öffentlichkeit zu tragen. Laut Reporter ohne Grenzen seien allein in den ersten Monaten des Jahres 2019 schon 47 Medienschaffende weltweit getötet worden.Der andere Schwabe mit den türkischen Eltern berichtete von einem Zusammentreffen mit Recep Tayyip Erdoğan einige Monate zuvor. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte zum abendlichen Bankett auf Schloss Bellevue geladen und Özdemir lange darüber gegrübelt, wie er dem Gast begegnen sollte. Schließlich griff er zu Schillers Tragödie „Don Karlos“ mit dem berühmten „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“. Heute seien damit der türkische Staatspräsident sowie Orban und Donald Trump gemeint, sagt er, „und ihr oberster Boss nennt sich Putin.“ „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ stand in türkisch auf einem Button geworden, den er trug. Leider sei es ihm nicht vergönnt gewesen, nach dem Dinner mit Erdoğan über Schiller zu sprechen, erzählte er später in der Gewissheit, dass dieser Satz seiner Rede dem Adressaten nicht entgangen war. Die Fernsehbilder vom Defilee zeigen jedenfalls, wie zögerlich der Präsident sein Gegenüber ansieht, ehe er doch die zum Gruß ausgestreckte Hand ergreift.
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Nach dem Aus der Ampel trug Wolfgang Ischinger, der renommierte internationale Spitzendiplomat und langjährige frühere Chef der Münchener Sicherheitskonferenz, beim Bundesparteitag im November 2024 dieses Lob in die Gegenwart. Vor ziemlich erstaunten und am Ende begeisterten Delegierten rügte er im RheinMain CongressCenter in Wiesbaden „die Liebesaffäre mit dem Status quo“, die Deutschland seit dem Fall der Mauer eingegangen sei, und dass „viele Dinge, die heute nicht mehr so gut funktionieren, auf diese Liebesaffäre zurückzuführen sind“. Nur eine Partei nahm er aus: die Grünen, „die über diese Zeit hinweg nicht nur auf eigene Veränderung gesetzt haben, sondern auch auf die Veränderung des Landes“. Zum Beispiel in Schönau im Schwarzwald. Dieser Termin im Sommer 2025 ist ein Wohlfühltermin für Özdemir. Vor drei Jahrzehnten wurde die „Energie EW Schönau“ als kleine Bürgerinitiative in dem Schwarzwalddorf gegründet. Das Ziel: die Trampelpfade der fossilen Energieerzeugung zu verlassen mithilfe der Erneuerbaren, des Engagements der Bürgerschaft und einer couragierten Strategie, die vor Firmengründungen oder Unternehmensbeteiligungen so wenig zurückschreckt wie 1997 vor dem Kauf des bis dahin gemeindeeigenen Stromnetzes. Heute ist sie eine Genossenschaft mit bundesweit über 200.00 Strom-, Gas- und Wärmekunden. Einer davon ist Özdemir, der die Rede zum dreißigsten Geburtstag hält.