Podcaster
Episoden
08.03.2026
1 Stunde 10 Minuten
Der Titel der heutigen Episode ist: »Künstliche Vernunft?«, und
ich freue mich besonders, dass sich Jan Juhani Steinmann wieder
zu einem Gespräch bereit erklärt hat. Wir spannen in dieser
Episode einen weiten Bogen von der Frage, was Intelligenz,
Bewusstsein und Selbstbewusstsein sind, welche Rolle Biologie,
Leib und Körper sowie Theologie spielen können, um dann auf die
Frage der künstlichen Intelligenz und Vernunft zu kommen.
Was hat es mit der sogenannten Singularität und dem
Transhumanismus auf sich, und warum könnte die
Bevölkerungsentwicklung des Menschen eine wesentliche Rolle
spielen? Am Ende legt Jan seine Vorstellung eines positiven
Bildes des Zusammenspiels von Mensch und Technik dar.
Dr. Juhani Steinmann ist in Bern geboren, mütterlicherseits
Finne, ist Philosoph, Dichter und Theologe. Er hat Philosophie,
Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften,
Politikwissenschaften sowie Theologie in Zürich, Berlin, St.
Andrews, Heidelberg, Rom und Cambridge studiert.
Forschungsaufenthalte wurden in Kopenhagen, Helsinki und Oxford
durchgeführt. Unter der Betreuung von Prof. Konrad Paul Liessmann
hat er 2021 an der Universität Wien in Philosophie promoviert.
Zurzeit forscht er am Institut Catholique de Paris, an der
Università di Roma LUMSA sowie an der Faculty of Divinity der
University of Cambridge zur poetischen Phänomenologie im Kontext
des Denkens von Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger. Er ist
ferner Begründer des Kollektivs Omnibus Omnia. Nebst
wissenschaftlichen Publikationen in Philosophie und Theologie
publiziert er auch Dichtung.
Besonders möchte ich auch seine Bücher erwähnen, vorzugsweise:
»Kritik der künstlichen Vernunft. Vorspiel eines Anathemas« und
»Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley«. Diese beiden
Werke gehören zusammen, sind wie Geschwister zu betrachten. Das
erste ist eine Techniktheologie/-philosophie, das zweite eine
Technik- und Naturpoesie, da die Gedichte dazu im Silicon Valley
und in den Alpen geschrieben wurden. Vorzugsweise deshalb, weil
sie zum Thema des heutigen Gesprächs passen.
Wir beginnen das Gespräch mit der Frage nach dem Begriff der
Intelligenz. Wie kann man sich diesem Begriff nähern, der ja
schon beim Menschen mit vielfältiger Bedeutung überladen ist —
und dann wird er auch noch für künstliche Intelligenz verwendet?
»Intelligenz ist eine Form der Vermittlung innerhalb von
Relationen — also, es werden Dinge in ein Verhältnis zueinander
gestellt.«
Wie leitet sich daraus (beim Menschen) Selbstbewusstsein und
Bewusstsein allgemein ab?
»Der Mensch ist ja sicherlich das erste Wesen, das überhaupt eine
Definition dieser Eigenschaften, die es an sich selbst bemerkt,
geleistet hat. […] Intelligenz erkennt sich selbst durch den
Menschen als jenem Wesen, das intelligent ist, oder zu sein
scheint.«
Was folgt daraus in theologisch/philosophischer Reflexion? Was
bedeutet der Begriff Logos und wie steht er in Zusammenhang
mit Intelligenz und Bewusstsein? Gibt es einen metaphysisch
ur-ontologischen Garanten von Bedeutung? Ist Gott der Garant für
die Vernünftigkeit der Vernunft? Oder sind diese Eigenschaften
des Menschen schlicht emergente Phänomene, die aus der
biologischen Komplexität seiner selbst entspringen?
Ist die »künstliche Intelligenz« äquivalent zur
menschlichen/biologischen Vernunft? Oder ist dies grundsätzlich
zu anthropomorph gedacht?
Wie ist der Zusammenhang zwischen diesen
philosophisch/theologischen und operationalen Ansätzen der
Intelligenz — etwa ausgedrückt durch Intelligenztests und
dergleichen?
Was bedeutet der Begriff des Geistes? Was sind die verschiedenen
Modi der Rationalität, in denen Menschen operieren? Was ist
dianoetisches und noetisches Denken? Gibt es eine göttliche —
hypernoetische Dimension?
Welche Rolle spielen Instinkt und Intuition? Wie nehmen wir
Stimmungen wahr? Was hat es mit der Leiblichkeit auf sich?
Zu welcher Leistung sind nun Algorithmen und Maschinen fähig?
»Maschinen imitieren im Grunde Dianoia — zugleich aber simulieren
sie noetische Vernunft«
Was ist Behaviorismus, und wie hilft er, die aktuellen
Entwicklungen zu verstehen? Ist der Mensch frei? Was bedeutet der
Begriff der Freiheit überhaupt, besonders wenn man sich auf die
sogenannte Willensfreiheit bezieht?
Ziehen wir die Grenze zwischen Maschine und Mensch vielleicht nur
darum, weil wir gekränkt sind, weil Maschinen nun etwas können,
was wir für rein menschlich gehalten haben? Ist das vielleicht
nur eine weitere Ergänzung zu den drei Kränkungen des Menschen
nach Sigmund Freud?
»Warum sollten wir uns selbst abschaffen, hinfällig machen?«
Aber haben wir ab einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt noch die
Wahl? Was ist die Rolle des Leibes für Vernunft und Intelligenz
und vor allem für die noetische Dimension?
Was ist Informationismus? Sind Maschinen gar die nächste
evolutionäre Stufe auf unserem Planeten? Kehren wir zur Frage der
Freiheit und Willensfreiheit zurück. Ist das vielleicht eine
Frage, die viel weniger philosophische Tiefe hat, als häufig
dargestellt wird? Um Wittgenstein zu bemühen:
»Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge
geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.«
Wie zeigt sich das, was wir Autonomie nennen, wie kann es sein,
dass wir uns selbst als frei empfinden?
»Das ist ja ein schönes Paradox der Freiheit, dass man sich
freiwilliger Notwendigkeit hingibt. […] Freiheit ist eine
Stimmung — man fühlt sich frei. […] Du willst ja nur, was du
willst.«
Was folgt daraus?
»Wir sind schon immer gefangen in den Bedingungen unseres
Hier-Seins. Und von innen — aus diesem System heraus — kann die
Freiheit nicht bewiesen werden. So zumindest erscheint es uns.«
Schopenhauer sagt:
»Ich kann zwar tun, was ich will, aber nicht wollen, was ich
will.«
Ist dies eine Widerlegung der Freiheit — wie Schopenhauer es
annimmt — oder kann man andere Schlüsse ziehen?
Gibt es einen Grund anzunehmen, dass es Intelligenz nur beim
Menschen, respektive in biologischen Systemen, gibt?
Beziehungsweise, dass es überhaupt andere intelligente Wesen
außerhalb von mir selbst gibt (die solipsistische Idee)? Was
passiert aber mit verkörperter künstlicher Intelligenz, etwa in
der Robotik? Sind Roboter nur Körper und kein Leib?
Ist es ein Kategorienfehler, die biologische mit der kulturellen
und technischen Evolution zu vergleichen?
»Die Kultur hat den Menschen schon von der Evolution entfremdet.«
Kommt die biologische Evolution zu einem Ende, und wird sie von
neuen Gesetzmäßigkeiten abgelöst? Was ist das Zusammenspiel von
Technik, Maschinen und Macht? Ist Technik co-evolutionär mit dem
Menschen? Gibt es einen Sprung von der Humanität zur
Transhumanität? Was versteht man unter (technologischem)
Transhumanismus, und was sind die Ursprünge?
Allgemeiner gefragt: Ist der Mensch eine Aporie, die man
überwinden muss? Wie sieht es mit biologisch/technischen
Mischformen, kybernetischen Organismen aus? Steuern wir auf eine
Singularität zu, die in etwa so gelesen werden könnte:
»Es gibt keinen Gott — programmieren wir doch die
Superintelligenz als neuen Gott«
So beantwortet Ray Kurzweil die Frage: Is there a god: »Not yet«.
»Wir haben keinen Begriff, was auf uns zukommt. Das könnte die
Abschaffung des Menschen bedeuten — oder vielleicht eine relativ
gemäßigte Koexistenz. Aber wir dürfen es nicht unterschätzen.«
Wie groß ist diese Gefahr? Ist es überhaupt eine Gefahr? Können
wir diese Technologien kontrollieren und regulieren?
»Ich sehe keinen Grund anzunehmen, warum wir obsolet sein
möchten.«
Wie wahrscheinlich ist das Entstehen einer Superintelligenz, die
möglicherweise sogar global wirksam wird? Was wäre die
Voraussetzung dafür? Aber selbst, wenn es zu keiner Singularität
oder Superintelligenz kommt, ist die Menschlichkeit nicht schon
durch die Integration in permanent verfügbare dianoetische
Systeme gefährdet?
Werden wir unsere Urteilskraft an die Maschine delegieren? Mit
welchen Folgen? Außerdem dürfen fundamentale Prinzipien komplexer
Systeme nicht vergessen werden: Führen mehr Daten etwa zu mehr
Sicherheit oder zu mehr Unsicherheit? Und wie können wir das
entscheiden?
Woher kommt das Neue in die Welt?
»Die Welt ist nicht nur ihre Messbarkeit. Sie ist nicht die Summe
ihrer Daten. […] Die Welt ist immer mehr und anders, als sich in
einem Ordnungssystem sagen lässt.«
Zum Ende des Gesprächs folgt eine vielleicht unerwartete
Abzweigung: Bevölkerungen kollabieren weltweit. Im Gegensatz zu
den langjährigen Warnungen tritt also das Gegenteil einer
Bevölkerungsexplosion mittel- und langfristig ein. Dies gilt
praktisch weltweit und besonders in den Industrienationen. Eine
dramatisch alternde und gleichzeitig schrumpfende Bevölkerung
wird aber erhebliche Probleme haben, ihre ökonomische und
militärische und damit geopolitische Position aufrechtzuerhalten.
Wird daraus ein enormer Druck entstehen, Robotik und künstliche
Intelligenz als Ersatz für fehlende Arbeitskraft zu entwickeln
und einzusetzen? Übernehmen — mit Marx gesprochen — die Maschinen
also irgendwann die proletarische Arbeit? Gibt es doch noch ein
alternatives und hoffnungsfroheres Paradigma? Also zu den
Paradigmen der:
Humanität Transhumanität Theo-Humanität
Was ist darunter zu verstehen?
»Lasst uns doch gemeinsam uns vergöttlichen — ob es Gott gibt,
oder nicht. Das macht uns zu würdevollen und schönen Wesen.«
Wollen wir Technologien, die den Menschen als Idioten betrachten,
oder die uns als Menschen erhöhen?
Referenzen
Andere Episoden
Episode 147: Digitale Kolonie oder Souveränität? Ein Gespräch
mit Wilfried Jäger und Kevin Mallinger
Episode 143: Auf Sand gebaut?
Episode 139: Komfortable Disruption
Episode 137: Alles Leben ist Problemlösen
Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt?
Transzendent oder Transient
Episode 132: Fragen an die künstliche Intelligenz — eine
konstruktive Irritation
Episode 129: Rules, A Conversation with Prof. Lorraine Daston
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger
über Generationen
Episode 123: Die Natur kennt feine Grade, Ein Gespräch mit
Prof. Frank Zachos
Episode 121: Künstliche Unintelligenz
Episode 119: Spy vs Spy: Über künstlicher Intelligenz und
anderen Agenten
Episode 104: Aus Quantität wird Qualität
Episode 98: Ist Gott tot? Ein philosophisches Gespräch mit
Jan Juhani Steinmann
Episode 85: Naturalismus — was weiß Wissenschaft?
Episode 68: Modelle und Realität, ein Gespräch mit Dr.
Andreas Windisch
Fachliche Referenzen
Webseite und Lebenslauf von Jan Juhani Steinmann
YouTube Kanal von Jan Juhani Steinmann
Jan Juhani Steinmann, Kritik der künstlichen Vernunft,
Lepanto (2025)
Jan Juhani Steinmann, Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das
Valley, Wieser Verlag (2025)
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781)
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp
(1983)
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus (1922)
Kränkungen der Menschheit, Sigmund Freud und folgende
Andy Clark, Being There, MIT Press (1998)
Steve Taylor, How a Flawed Experiment “Proved” That Free Will
Doesn’t Exist, Scientific American (2019)
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23.02.2026
1 Stunde 2 Minuten
Der Titel der heutigen Episode ist: Digitale Kolonie oder
Souveränität? Europa steckt in einer Reihe von Herausforderungen,
eine davon ist, wie wir die immer durchdringendere
Digitalisierung zu unserem Vorteil nutzen und die damit
verbundenen Risiken minimieren können.
Ich freue mich besonders, für dieses sehr wichtige Thema zwei
Gesprächspartner zu haben: Wilfried Jäger und Kevin Mallinger.
Wilfried hat in Wien technische Physik studiert und anschließend
eine Postdoc-Stelle im Bereich „Industrial Policy” am MIT in den
USA angenommen. Danach war er als Berater mit Schwerpunkt
IT-Einsatz tätig. Seine Konzernlaufbahn konzentrierte sich auf
physische Infrastrukturen, zunächst im Bereich Eisenbahn und
später im Rechenzentrumsbetrieb. Diese Tätigkeit hatte er auch in
der Verwaltung inne, bis er vor ca. 8 Jahren den Schwerpunkt auf
KI in der Verwaltung legte.
Seine Interessensschwerpunkte sind digitale Infrastrukturen und
Open-Source-Software. Neben der beruflichen Tätigkeit, und dies
ist für diese Episode ebenfalls sehr wichtig, hat er vor mehr als
15 Jahren den Verein OSSBIG mitgegründet, der das Thema
Unabhängigkeit und Souveränität auf unterschiedlichen Ebenen
propagiert.
Kevin ist Leiter der Forschungsgruppe Complexity and Resilience
und verantwortlich für die anwendungsorientiere Forschung im
Forschungszentrum SBA Research in Wien.Er ist im Bereich der
Informatik und Komplexitätsforschung mit einem besonderen
Schwerpunkt auf nachhaltige Technologien. Außerdem leitet er bei
der Österreichischen Computer Gesellschaft die Arbeitsgruppe
Informatik und Nachhaltigkeit.
Digitale Souveränität ist aktuell in aller Munde, besonders in
Europa, aber ist es schlicht ein Buzzword, alter Wein in neuen
Schläuchen oder relevant und wichtig? Ich nehme in diesem Podcast
von Buzzword-Themen Abstand. Daher ist es aus meiner Beobachtung
eine wesentliche Diskussion, die wohl seit mindestens 25 Jahren
schwelt, und gerade wieder gehyped wird, dennoch aber von
fundamentaler Bedeutung ist.
Aber zunächst gehen wir einen Schritt zurück: Viele Zuhörer sind
keine Techniker — warum ist Software und digitale Souveränität
überhaupt ein Thema?
Vor einigen Jahrzehnten war es noch schwer, die gesellschaftliche
Bedeutung in der Breite der Gesellschaft klar genug zu machen,
auch wenn die technisch/ökonomische schon einigen klar war. So
erklärt sich unter anderem auch die Gründung der OSSBIG, von der
Wilfried erzählt.
Digitalisierung hat nun die gesamte Gesellschaft sehr
offensichtlich in jeder alltäglichen Dimension durchdrungen —
damit werden auch Abhängigkeiten und Gefahren in der Breite
deutlicher.
Was ist somit unter der Plattformisierung digitaler
Infrastrukturen zu verstehen? Was sind die Folgen? Die gesamte
Prozesskette ist ungleich komplexer geworden und damit natürlich
auch die Fortpflanzung von Fehlern und Abhängigkeiten
ausgeprägter. Hinzu kommt der evolutionäre Aspekt von Technik,
das heißt, Neues wird immer auch auf Altem aufgebaut, was neue
Herausforderungen mit sich bringt.
Diese Situation ist eben keine rein technische mehr, sondern ist
zu einer komplexen Gemengelage aus technischen, geopolitischen,
militärischen und wirtschaftlichen Themen geworden. Das macht die
Sache natürlich nicht einfacher.
Wie sehen wir digitale Souveränität und Autonomie? Wer ist
souverän, in welcher Hinsicht? Welche Rolle spielen andere
Schlagworte in diesem Umfeld, etwa Komplexität, Open Source und
Open Protocol, Netzwerkeffekte?
Ein Indikator für die Explosion an IT-Services und Diensten und
daraus folgender Komplexität:
»Wir haben IPV6 eingeführt, weil wir mussten — das hat mehr
IP-Adressen als es Atome im Weltall gibt.«
Welche Rolle spielen Marktmechanismen in diesem Kontext? Wie
werden neue Technologien eingeführt? Was können wir aus der
Vergangenheit lernen?
»Aus Spaß wird Ernst und aus Ernst wird Infrastruktur.«
Technik ist meist ein zweischneidiges Schwert:
»Auf der einen Seite gewinnen wir Freiheiten, auf der anderen
Seite schaffen wir Abhängigkeiten auf einer anderen, meist
systemischen Ebene.«
Diese Abhängkeiten, diese Infrastruktur muss heute sogar global
betrachtet werden. Single Points of Failure sind nicht mehr
theoretisch, sondern immer wieder zu beobachten.
»Durch die Komplexität verlieren wir den Überblick.«
Abhängigkeiten gehen weit über die IT hinaus und sind teiweise
zirkulär. Was bedeutet dies konkret? Software ist zwar ein
virtuelles Gut, aber wird dadurch noch schneller weltumspannend
wirksam.
Wie wirkt Evolution in der Software?
innerhalb einer Organisation
marktwirtschaftlicher Wettbewerb zwischen Unternehmen
Open Source — wir funktioniert Evolution hier?
Welche Auswirkungen hat das auf Eigentumsrechte,
Verantwortlichkeit, Motivation, Zentralität vs. Dezentralität?
Wer hat noch Kontrolle über die Systeme, die entwickelt werden
und die sich evolutionär weiterentwickeln?
Es kommen wieder die häufig genannten Fragen auf: Wo findet
Steuerung und Kontrolle statt und wo soll sie vernünftigerweise
stattfinden? Kann man Komplexität überhaupt sinnvoll
zentralisieren?
»Der Steuerungsmechanismus kann nicht weniger komplex sein als
das System selber.«
Kehren wir also wieder zu den frühen kybernetischen Erkenntnissen
und Problemen zurück? Das wurde von W. Ross Ashby (und Stafford
Beer) als Law of Requisite Variety bezeichnet.
Was ist Edge Computing? Wie können verteilte Ansätze hier
weiterhelfen?
Aber wie schafft man die Abwägung zwischen größeren strategischen
Überlegungen und operativen taktischen Entscheidungen? Wie lösen
wir das Koordinationsproblem?
Warum ist es weiter problematisch, Open Source und kommerzielle
Software klar trennen zu wollen? Was ist nun die Überlappung
zwischen Open Source/Protocol und Souveränität?
»Souveränität bedeutet, dass ich genügend Handlungsoptionen in
einem komplexen Umfeld habe. Jeder Mechanismus, der mir das
ermöglicht, erhöht meine Souveränität.«
Was sind Software-agnostische Daten? Was sind Protokolle und
warum sind solche, die sich als Standard etabliert haben, kaum
mehr wegzubekommen? Was bedeutet dies im Kontext der digitalen
Souveränität?
Software — alles schnell, Programme von gestern spielen keine
Rolle mehr, jeden Tag eine neue App? Oder läuft wesentliche
Software über Jahrzehnte, oder noch länger? Und die Daten, mit
denen operiert wird, haben noch wesentlich längere Lebenszyklen.
Wie gehen wir im Zeitalter der Digitalisierung damit um? Es gibt
auch in der Privatindustrie Beispiele, wo Geschäftsfälle Daten
und Code über ein Jahrhundert gewartet und betrieben werden
müssen. Was bedeutet dies vor allem auch für die
gesellschaftliche Kontrolle dieser Infrastrukturen.
Ich provoziere: Wenn wir aber der Realität der letzten Jahrzehnte
ins Auge blicken so sind wir (in Europa) nicht längst eine
digitale Kolonie und versuchen jetzt den Zwergenaufstand? Kein
einziges der weltweit größten 25 Unternehmen (die ersten zehn
fast ausschließlich IT-Unternehmen) ist europäisch und auch in
einer Bewertung kritischer Technologien und deren Führerschaft
spielt Europa keine Rolle. Haben wir also in Europa in allen
wesentlichen Aspekten den Anschluss verloren? Was gibt es
überhaupt noch zu tun?
Wilfried bringt die »Gegenprovokation«:
»Jedes System erlebt, bevor es zusammenkracht, seine große
Blüte.«
Wer wird gewinnen? Der Tyrannosaurus Rex oder die Säugetiere? Ist
diese Metapher zutreffend? Welche unserer Provokationen gewinnt?
Ist Europa vielleicht sogar im Vorteil, weil wir traditionell mit
Dezentralität kulturell gut umgehen?
Was können wir von der EU erwarten? Oder zynisch formuliert:
Sollen wir uns eher vor der EU-Politik fürchten? Denken wir an
die zentralen Ziele der Lissabon-Strategie von 2000, die EU zum
wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten
Wirtschaftsraum der Welt zu machen — mit Fokus auf Innovation —
geplant bis 2010. 2026 ist das genaue Gegenteil zu beobachten.
Wie kann es gelingen, Rahmenbedingungen zu geben, die Innovation
nicht behindern und Bottom-Up-Prozesse verstärken — gemeinsam
steuern, aber auch die Möglichkeit bieten, auszustiegen, wenn
einem der Pfad nicht gefällt?
Was versteht man unter »Software Gardening« und warum könnte das
eine breitere Wirkung entfalten?
»Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht«
Aber man kann das junge Gras auch zertreten. Haben wir zu viel
Regulierung in der EU, oder sind wir im Prinzip auf einem
richtigen Weg?
Was können Individuen oder einzelne Unternehmen tun, um durch ein
höheres Maß an Souveränität Wettbewerbsvorteile zu lukrieren?
»Beziehung, Netzwerk ist Trumpf — über den einzelnen Baustein.«
Strategische Vernetzung könnte sich als Erfolgsmodell
herauskristallisieren. Das erfordert neues Denken und neue
strategische Prozesse.
»Ich muss von einer Konsumenten-transaktionalen Geld-gebe-Haltung
in eine Beteiligungs-Haltung wechseln.«
Andererseits ist das Erfolgsmodell westlicher Industrienationen
die arbeitsteilige Wirtschaft. Wie passt das zusammen?
Es stellt sich für Unternehmen immer mehr die Frage: Was ist
strategisch, was ist eine Commodity? Beide Dinge erfordern sehr
unterschiedliche Zugänge.
Referenzen
Andere Episoden
Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel
Stelter aus ökonomischer Perspektive
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit
Markus Raunig
Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt?
Transzendent oder Transient
Episode 132: Fragen an die künstliche Intelligenz — eine
konstruktive Irritation
Episode 122: Komplexitätsillusion oder Heuristik, ein
Gespräch mit Gerd Gigerenzer
Episode 121: Künstliche Unintelligenz
Episode 109: Was ist Komplexität? Ein Gespräch mit Dr. Marco
Wehr
Episode 107: How to Organise Complex Societies? A
Conversation with Johan Norberg
Episode 94: Systemisches Denken und gesellschaftliche
Verwundbarkeit, ein Gespräch mit Herbert Saurugg
Episode 61: Digitaler Humanismus, ein Gespräch mit Erich Prem
Episode 40: Software Nachhaltigkeit, ein Gespräch mit Philipp
Reisinger
Episode 20: Offene Systeme – Teil 2: Gespräch mit Lukas Lang
und Christoph Derndorfer
Episode 19: Offene Systeme – Teil 1: Gespräch mit Lukas Lang
und Christoph Derndorfer
Wilfried, Kevin, SBA
Wilfried Jäger bei OSSBIG
Kevin Mallinger bei SBA Research
Softwarequalität verstehen, messen und steuern — SBA Kurs und
Beratung
Fachliche Referenzen
Linux in München? Heise (2024)
General Stanley McChrystal, Teams of Teams: New Rules of
Engagement for a Complex World, Penguin (2015)
Dan Davies, The Unaccountability Machine, Why Big Systems
Make Terrible Decisions - and How The World Lost its Mind,
Profile Books (2024)
ODT Textformat
ASPIs Critical Technology Tracker
EU: European Digital Infrastructure Consortium
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08.02.2026
14 Minuten
Das ist heute ein Quickie, aber das Thema scheint mir so
relevant, dass ich es kurz teilen möchte.
Außerdem möchte ich wieder mit ein paar Fragen zum Ende der
Episode zum Nachdenken provozieren. Schicken Sie mir gerne Ihre
Ideen dazu, auch gerne via X.
Die Kernfrage, die ich mir in der letzten Zeit in Diskussionen
mit guten Journalisten immer wieder stelle ist: sind wir heute
besser informiert als früher, also nehmen wir etwa als
Vergleichszeitraum die 1960er Jahre an. Oder man sollte
vielleicht noch etwas genauer formulieren: wer ist heute besser
informiert als früher und wer vielleicht schlechter?
Auslöser war unter anderem ein Artikel von Ted Gioia, auf den ich
kürzlich gestoßen bin, der sich im Kern auf einen Artikel einer
Gruppe britischer Journalisten bezieht. Und was diese
Journalisten herausgefunden haben, ist schon — selbst nach
heutigen Maßstäben — abenteuerlich. Gioia schreibt
“There’s disturbing evidence that a growing number of experts
cited in the media simply don’t exist. And they are showcased in
some of the most prestigious newspapers and online platforms.A
group of journalists recently tried to verify the existence of 50
experts featured more than a thousand times in prominent
articles. But these people can’t be found in the real world. In
many instances, the articles include a photo that appears to be
AI-generated.”
und weiter:
It’s a lot easier to create these fake experts than to prove
their non-existence.
Sind wir also besser oder schlechter informiert, und wer ist
überhaupt »Wir«?
Weitere Zitate der Episode:
»Nullius in Verba!«, Motto der Royal Society
zurückgehend auf Horaz:
»Nullius addictus iurare in verba magistri.«
Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die Wissensgesellschaft in der
Krise ist verfügbar! Zum Vertiefen in derartige Themen, sowie um
dieses Projekt zu unterstützen!
Andere Episoden
Episode 143: Auf Sand gebaut?
Episode 138: Im Windschatten der Narrative, ein Gespräch mit
Ralf M. Ruthardt
Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt?
Transzendent oder Transient
Episode 133: Desinformiere Dich! Ein Gespräch mit Jakob
Schirrmacher
Episode 130: Populismus und (Ordo)liberalismus, ein Gespräch
mit Nils Hesse
Episode 121: Künstliche Unintelligenz
Episode 116: Science and Politics, A Conversation with Prof.
Jessica Weinkle
Episode 112: Nullius in Verba — oder: Der Müll der
Wissenschaft
Episode 106: Wissenschaft als Ersatzreligion? Ein Gespräch
mit Manfred Glauninger
Episode 102: Live im MQ, Verantwortung. Ein Gespräch mit
Daphne Hruby
Episode 93: Covid. Die unerklärliche Stille nach dem Sturm.
Ein Gespräch mit Jan David Zimmermann
Episode 84: (Epistemische) Krisen? Ein Gespräch mit Jan David
Zimmermann
Referenzen
Are These 50 Experts Real People? - by Ted Gioia
Noam Chomsky and Edward S. Herman, Manufacturing Consent: The
Political Economy of the Mass Media (1988)
Manufacturing Consent
S.J. Taylor, Stalin's Apologist: Walter Duranty, The New York
Times's Man in Moscow, Oxford University Press (1990)
Doomberg, Fit to Print. One news event, many spins: A global
propaganda tour. (2026)
Nullius in Verba — Royal Society
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27.01.2026
19 Minuten
Wieder eine kurze Folge der Reflexion des vergangenen Jahres, die
auch für mich selbst dient: Was habe ich gebracht, warum und wie
soll ich in diesem Jahr weitermachen? Auch wenn dies bereits die
zweite Folge im Jahr ist, aber das spielt ja wohl keine große
Rolle. Der Titel der Folge ist »Reflexion und Rekonstruktion« —
der zweite Teil des Titels wird sich am Ende der Episode klären.
Mein neues Buch: Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die
Wissensgesellschaft in der Krise ist verfügbar! Perfekt um die
Reflexion des vergangenen Jahres zu vertiefen und zu verbreitern!
Interessant für mich ist im Rückblick aber immer: Was waren die
Schwerpunkte? Warum diese Themen, was nehme ich weiter mit? Die
Themen sind oft getrieben von meinen aktuellen Interessen und
Recherchen, Vorträgen, kommerziellen Beratungen und Projekten.
Sie sind weniger getrieben — wie es sein sollte — von
zeitgeistigen Themen, wenngleich das im vergangenen Jahr etwas
anders ausgesehen haben mag, aber ich komme gleich darauf.
Begleiten Sie mich auf einer kurzen Reflexion, aber auch bei
einem vielleicht etwas launigen Kommentar.
Die Zitate dieser Episode:
»Die Omnipräsenz der Krise, die zu einem Merkmal unseres Lebens
geworden ist, stellt uns jedoch vor ein großes Problem: Die Krise
ist die Unterbrechung des Alltags, nicht dessen Fortsetzung mit
anderen Mitteln.«, Konrad Paul Liessmann
Liessman weiter in diesem Buch:
»Und in aller Krisenrhetorik wird meist der Fokus auf die
vermeintliche Krise gelenkt, von der einige profitieren, während
die wirklichen Krisen übersehen oder dadurch herbeigeführt
werden.«
Nullius in Verba ist das Motto der ältesten wissenschaftlich
Gesellschadt der Welt, der Royal Society, die 1660 gegründet
wurde und übersetzt sich in etwa so ins Deutsche: »Verlass dich
auf das Wort von niemandem«.
»unaccountability to the external world is not simply a
happenstance but a principle«, Thomas Sowell
Dr. Daniel Stelter in Episode 144:
»Es ist einfach traurig. Wir sind einfach in jeder Hinsicht so
viel schlechter geworden.«
Douglas Murray über das Zeitalter der Rekonstruktion:
»We should be the reconstructionists. The deconstructionists knew
something about how to take things apart but like children
with bicycles had no idea how to put them back together.«
und zum Abschluss:
»We have the choice either to live in the wastelands or to
rebuild them.«
Referenzen
Konrad Paul Liessmann, Was nun? Eine Philosophie der Krise,
Paul Zsolnay Verlag (2025)
Thomas Sowell, intellectuals and Society, Basic Books (2010)
Douglas Murray at ARC 2025: The Age of Reconstruction
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14.01.2026
54 Minuten
Ich habe mich mit dem Thema »Fortschritt« — also was konstituiert
Fortschritt in unserer Gesellschaft, wie können wir ihn
beschreiben, wie wird Fortschritt kritisiert, wie unterscheidet
sich Fortschritt von Innovation usw. — schon des Öfteren in
diesem Podcast auseinandergesetzt. Dies ist im Kern eines der
wichtigsten Themen, vielleicht sogar ein roter Faden, der durch
die sechs Jahre des Podcasts läuft.
Mein neues Buch: Hexenmeister oder Zauberlehrling? Die
Wissensgesellschaft in der Krise ist verfügbar! Schon gelesen?
In dieser Episode freue ich mich besonders, Ihnen meinen heutigen
Gast vorstellen zu dürfen: Dr. Daniel Stelter. Er ist Ökonom und
daher betrachten wir das Thema Fortschritt aus der Brille der
Ökonomie.
Dr. Stelter ist nicht nur einer der führenden deutschen Ökonomen,
er ist außerdem häufiger Gast in politischen Talkshows, schreibt
regelmäßig für verschiedene Medien wie etwa die Wirtschaftswoche,
Cicero, Handelsblatt und andere. Er ist Autor mehrerer Bücher und
hat außerdem eigene Podcasts wie Beyond the Obvious und Make
Economy Great Again, letzterer gemeinsam mit dem Herausgeber der
Welt, Ulf Poschardt. Links dazu wie immer in den Shownotes.
Da er sich über seine Artikel sowie die eigenen Podcasts sehr
ausführlich mit dem aktuellen Geschehen beschäftigt, werden wir
in dieser Episode einen anderen Blickwinkel wählen.
Aber steigen wir gleich direkt in das Thema ein, sozusagen: keine
Details — was ist Fortschritt?
»Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.«, Soren
Kierkegaard
Wie aber gestalten wir unser Leben vorwärts? Dazu ergänzt Milan
Kundera einen wichtigen Aspekt:
»Der Mensch schreitet im Nebel voran. Aber wenn er zurückblickt,
um die Menschen der Vergangenheit zu beurteilen, sieht er keinen
Nebel auf ihrem Weg. Von seiner Gegenwart aus, die ihre ferne
Zukunft war, sieht ihr Weg für ihn völlig klar aus, gute Sicht
auf dem ganzen Weg. Wenn er zurückblickt, sieht er den Weg, er
sieht die Menschen, die voranschreiten, er sieht ihre Fehler,
aber nicht den Nebel.«
In der Rückschau wirken die Dinge oftmals klar und einfach oder
werden so dargestellt. Der richtige Pfad und die Irrtümer sind
doch so offensichtlich! Was bedeutet das für die Ökonomie? Dr.
Stelter erläutert dies am Beispiel von Geldmenge, Inflation und
Zinsen.
Wie würden Ökonomen Fortschritt beschreiben, oder an welchen
Indikatoren würden Sie Fortschritt festmachen?
»Es gibt eine ganz eindeutige Korrelation zwischen wachsendem
Einkommen und zunehmendem Glück.«
Und wie ist es uns hier (global) in den vergangenen Jahren
ergangen?
»Eigentlich, wenn man mal guckt: die letzten 20, 30 Jahre haben
wir einen unglaublichen Zuwachs an Wohlstand gesehen — weltweit —
wir haben einen Rekord-Rückgang der Armut. Das ist ein ganz
großer Erfolg. Wir haben einen Rückgang der Kindersterblichkeit
usw.«
Auch wenn es immer wieder Rückschritte gibt:
»Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte des Fortschritts.«
Wie ist Fortschritt zu beschreiben, vor allem auch gegen den
Begriff der Innovation? Wer trifft die gesellschaftlich wichtige
Bewertung? Außerdem: Was wird eigentlich von den Menschen als
»Neu« wahrgenommen?
»Es gibt keinen Fall in der Weltgeschichte, wo geringerer
Wohlstand zu mehr Glücksgefühl geführt hat.«
Was aber ist schlicht »Hintergrund«, Normalität?
»Wir sind zum Fortschritt verdammt.«
Kann das aber gelingen? Stetiger Fortschritt, wenn auch mit
kleinen Tälern, die zu durchschreiten sind?
»Der Kreativität und der Intelligenz der Menschen ist keine
Grenze gesetzt.«
Warum haben aber unter diesen Voraussetzungen Vertreter von
Kriegswirtschaft, De-Growth und anderen autoritären und
destruktiven Ideen heute in der Gesellschaft dennoch eine
Deutungshoheit? Oder jedenfalls scheint es so zu sein, dass diese
Deutungshoheit gegeben ist?
Kann der Konflikt Freiheit vs. Kollektivismus überhaupt aufgelöst
werden?
»Show me the incentives and I show you the outcome«, Charlie
Munger
Wir diskutieren dann weiter grundsätzlichere Fragen der Ökonomie,
vor allem auch die Rolle, die Energie in ökonomischen
Betrachtungen spielt.
»Die klassische Definition der Ökonomie ist, dass sie die Lehre
von der Allokation knapper Ressourcen ist, die alternative
Verwendungen haben.«, Thomas Sowell
und
»the economic system is essentially a system for extracting,
processing and transforming energy as resources into energy
embodied in products and services. Simply put, energy is the only
truly universal currency«, Robert Ayres, zitiert in Vaclav Smil,
How the World Really Works
Warum sind Preissignale ein wesentlicher Mechanismus freier
Märkte und warum ist es so problematisch, wenn diese verzerrt
werden?
Welche Rolle spielt die Energie also für Fortschritt und
Wohlstand?
Die vormaligen Entwicklungsländer holen auf — was hat dies für
Folgen? Bleiben wir stehen? Gehen wir voran oder fallen wir gar
zurück? Im Augenblick trifft eindeutig Letzteres zu, aber wie
kommen wir aus dieser Krise heraus?
»Die Zukunft der Welt wird immer energiehaltiger sein.«
Dr. Stelter erwähnt die UN-Entwicklungsziele: Es gibt 17
UN-Nachhaltigkeitsziele, aber nur eines davon betrifft den
Klimawandel. Auch in weltweiten Umfragen rangiert der Klimawandel
meist eher auf den hinteren Plätzen in der Beurteilung der
Menschen. So ergibt etwa die globale IPSOS Umfrage vom Dezember
2025, das nur rund 13% der Menschen den Klimawandel als größtes
Problem sehen. Er kommt damit auf den 10. Platz, der niedrigste
Wert seit 2021.
Manche für die Menschen lebensbedrohliche Probleme bleiben im
Westen sogar völlig unbekannt, obwohl sie ähnlich viele Opfer wie
die Covid-Pandemie verursacht haben und weiter verursachen —
Luftverschmutzung in Innenräumen durch mangelnde Verfügbarkeit
sauberer Energie wie Gas etwa.
Wie sollen wir also mit dem Klimawandel umgehen, vor allem unter
der Betrachtung, dass es sich dabei nur um eine von vielen
Herausforderungen handelt?
Fortschritt ist auch die Abwesenheit von Krieg — wie spielt diese
Einschätzung mit den anderen genannten Faktoren und der
Demographie zusammen?
»Sie sehen mich — was Leute, die mich sonst hören, überraschen
wird — prinzipiell optimistisch.«
Was aber für die Welt gilt, muss auf absehbare Zeit nicht für
Deutschland oder Europa gelten. Warum ist das so?
»... weil wir freiwillig gesagt haben, dass wir uns von diesem
Fortschritt verabschieden.«
Das lässt ein gemischtes Bild für uns zurück:
»Ich persönlich bin extrem optimistisch, was die Menschheit
betrifft, ich bin leider nicht so optimistisch, was Deutschland
und Europa betrifft.«
Warum brauchen wir viel mehr dezentrale Entscheidungen und viel
weniger Top-Down-»Management« und vermeintliche politische
Lösungen von oben herab?
»Dezentrale Entscheidungen sind einfach immer zentralen
überlegen.«
Innovation und Fortschritt sind nur mit Risiko zu haben — wir
sind aber eine geradezu panische und von vermeintlicher (!)
Sicherheit faszinierte Gesellschaft geworden. Dies ist eine
Situation, die aber tatsächlich wesentliche Risiken nicht
reduziert, sondern vielmehr dramatisch erhöht. Wie können wir das
in Europa verändern? Kann ein Blick in die Geschichte dabei
helfen?
»Darwin was a landmark, not only in the history of biology, but
in the history of intellectual development in general. He showed
how-with sufficient time-nonpurposeful activity could lead to
nonrandom results: he divorced order from "design." Yet the
animistic fallacy would say that the absence of "planning" must
lead to chaos-and the economic and political consequences of that
belief are still powerful today.«, Tom Sowell
Es gibt wohl die großen drei Wellen der Evolution, von denen wir
aber bisher nur die erste verinnerlicht haben?
Biologie (19. Jahrhundert)
Ökonomie (theoretisch im 20. Jahrhundert mehrfach
ausgedrückt, bis heute dennoch nicht verinnerlicht)
Wissenschaft (bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts teilweise
verstanden, dann wieder vergessen)
»Ich bin immer fasziniert, wenn in der öffentlichen Diskussion
von Neoliberalismus, der bei uns herrschen würde, gesprochen wird
— und ich frage mich: bei Staatsanteilen von über 50 % wo ist da
dieser Neoliberalismus.«
Deckt sich die Meinung in der Bevölkerung eigentlich mit der
veröffentlichten Meinung der Legacy-Medien?
»Es wird immer gerne vom Marktversagen gesprochen, bei Dingen, wo
man aber sagen muss, eigentlich ist es kein Marktversagen,
sondern die Folgen von vorherigen Eingriffen der Politik.«
Wie können wir von hier in die Zukunft blicken?
Wie gehen wir mit Anreizsystemen in der Politik um? Das nicht
ganz ernst gemeinte Parkinson’s Law sagt: Arbeit füllt immer die
verfügbare Zeit aus. Meine provokante Frage: Gilt dasselbe für
Budget und Schulden? Was folgt daraus? Wie lange überlebt eine
Nation, ein System, das immer weniger produktive und innovative
Menschen und immer mehr Menschen hervorbringt, die im Kern von
diesen produktiven Menschen leben?
Das knüpft an ein früheres Buch von Dr. Stelter an und an ein
neues Projekt: Acht Jahre nach dem »Märchen vom reichen Land« —
wo stehen wir eigentlich?
»Es ist einfach traurig. Wir sind einfach in jeder Hinsicht so
viel schlechter geworden.«
Warum ist die Hoffnung, dass eine Reform wie vor rund zwanzig
Jahren unter Schröder wieder stattfinden und auch erfolgreich
sein könnte, trügerisch? Auch die Hoffnung, die man durch einen
Blick Richtung Argentinien haben könnte, ist für uns nur bedingt
vergleichbar.
»Argentinien ist energiereich, hat Rohstoffe und großes Potenzial
in der Landwirtschaft. Die haben etwas, auf das sie aufsetzen
können. Wir hingegen haben eigentlich nur das Bildungsniveau, das
wir haben, und den Fleiß der Bevölkerung... […] Es kann sein,
dass es irgendwann den Milei gibt, nur dieser Milei wird es dann
ungleich schwerer haben, Deutschland und Europa voranzubringen,
weil er eben nicht über ein paar gute Assets verfügt wie
Argentinien.«
Was sollen wir jungen Menschen raten, die jetzt vor der Wahl
stehen, wie sie ihr Leben ausrichten?
»Wir alle haben zwei Möglichkeiten, wir haben die Möglichkeit zu
kämpfen oder zu gehen.«
Referenzen
Andere Episoden
Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit
Markus Raunig
Episode 139: Komfortable Disruption
Episode 138: Im Windschatten der Narrative, ein Gespräch mit
Ralf M. Ruthardt
Episode 135: Friedrich Hayek und die Beschränktheit der
menschlichen Vernunft. Ein Gespräch mit Nickolas Emrich
Episode 131: Wot Se Fack, Deutschland? Ein Gespräch mit Vince
Ebert
Episode 130: Populismus und (Ordo)liberalismus, ein Gespräch
mit Nils Hesse
Episode 128: Aufbruch in die Moderne — Der Mann, der die Welt
erfindet!
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger
über Generationen
Episode 120: All In: Energie, Wohlstand und die Zukunft der
Welt: Ein Gespräch mit Prof. Franz Josef Radermacher
Episode 117: Der humpelnde Staat, ein Gespräch mit Prof.
Christoph Kletzer
Episode 107: How to Organise Complex Societies? A
Conversation with Johan Norberg
Episode 44: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Philipp
Blom
Dr. Daniel Stelter (eine Auswahl):
Leading Minds
Handelsblatt Artikel
Cicero Artikel
Think Beyond the Obvious Podcast
Make Economy Great Again Podcast (mit Ulf Poschardt)
Ausgewählte Bücher:
Das Märchen vom reichen Land: Wie die Politik uns
ruiniert, Finanzbuch Verlag (2018)
Ein Traum von einem Land: Deutschland 2040, Campus Verlag
(2021)
Fachliche Referenzen
Milan Kundera, Testament Betrayed, Harper (2023)
Charlie Munger on Incentives: Video 1, Video 2
Thomas Sowell, Knowledge and Decision, Basic Books (1996)
Vaclav Smil, How the World Really Works, Penguin (2022)
UN-Nachhaltigkeits-Ziele (SDGs)
https://www.ipsos.com/en/what-worries-world
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Über diesen Podcast
Woher kommen wir, wo stehen wir und wie finden wir unsere Zukunft
wieder?
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