147 — Digitale Kolonie oder Souveränität? Ein Gespräch mit Wilfried Jäger und Kevin Mallinger

147 — Digitale Kolonie oder Souveränität? Ein Gespräch mit Wilfried Jäger und Kevin Mallinger

1 Stunde 2 Minuten

Beschreibung

vor 1 Tag

Der Titel der heutigen Episode ist: Digitale Kolonie oder
Souveränität? Europa steckt in einer Reihe von Herausforderungen,
eine davon ist, wie wir die immer durchdringendere
Digitalisierung zu unserem Vorteil nutzen und die damit
verbundenen Risiken minimieren können.


Ich freue mich besonders, für dieses sehr wichtige Thema zwei
Gesprächspartner zu haben: Wilfried Jäger und Kevin Mallinger.


Wilfried hat in Wien technische Physik studiert und anschließend
eine Postdoc-Stelle im Bereich „Industrial Policy” am MIT in den
USA angenommen. Danach war er als Berater mit Schwerpunkt
IT-Einsatz tätig. Seine Konzernlaufbahn konzentrierte sich auf
physische Infrastrukturen, zunächst im Bereich Eisenbahn und
später im Rechenzentrumsbetrieb. Diese Tätigkeit hatte er auch in
der Verwaltung inne, bis er vor ca. 8 Jahren den Schwerpunkt auf
KI in der Verwaltung legte.


Seine Interessensschwerpunkte sind digitale Infrastrukturen und
Open-Source-Software. Neben der beruflichen Tätigkeit, und dies
ist für diese Episode ebenfalls sehr wichtig, hat er vor mehr als
15 Jahren den Verein OSSBIG mitgegründet, der das Thema
Unabhängigkeit und Souveränität auf unterschiedlichen Ebenen
propagiert.


Kevin ist Leiter der Forschungsgruppe Complexity and Resilience
und verantwortlich für die anwendungsorientiere Forschung im
Forschungszentrum SBA Research in Wien.Er ist im Bereich der
Informatik und Komplexitätsforschung  mit einem besonderen
Schwerpunkt auf nachhaltige Technologien. Außerdem leitet er bei
der Österreichischen Computer Gesellschaft die Arbeitsgruppe
Informatik und Nachhaltigkeit.


Digitale Souveränität ist aktuell in aller Munde, besonders in
Europa, aber ist es schlicht ein Buzzword, alter Wein in neuen
Schläuchen oder relevant und wichtig? Ich nehme in diesem Podcast
von Buzzword-Themen Abstand. Daher ist es aus meiner Beobachtung
eine wesentliche Diskussion, die wohl seit mindestens 25 Jahren
schwelt, und gerade wieder gehyped wird, dennoch aber von
fundamentaler Bedeutung ist.


Aber zunächst gehen wir einen Schritt zurück: Viele Zuhörer sind
keine Techniker — warum ist Software und digitale Souveränität
überhaupt ein Thema?


Vor einigen Jahrzehnten war es noch schwer, die gesellschaftliche
Bedeutung in der Breite der Gesellschaft klar genug zu machen,
auch wenn die technisch/ökonomische schon einigen klar war. So
erklärt sich unter anderem auch die Gründung der OSSBIG, von der
Wilfried erzählt. 


Digitalisierung hat nun die gesamte Gesellschaft sehr
offensichtlich in jeder alltäglichen Dimension durchdrungen —
damit werden auch Abhängigkeiten und Gefahren in der Breite
deutlicher.


Was ist somit unter der Plattformisierung digitaler
Infrastrukturen zu verstehen? Was sind die Folgen? Die gesamte
Prozesskette ist ungleich komplexer geworden und damit natürlich
auch die Fortpflanzung von Fehlern und Abhängigkeiten
ausgeprägter. Hinzu kommt der evolutionäre Aspekt von Technik,
das heißt, Neues wird immer auch auf Altem aufgebaut, was neue
Herausforderungen mit sich bringt.


Diese Situation ist eben keine rein technische mehr, sondern ist
zu einer komplexen Gemengelage aus technischen, geopolitischen,
militärischen und wirtschaftlichen Themen geworden. Das macht die
Sache natürlich nicht einfacher.


Wie sehen wir digitale Souveränität und Autonomie? Wer ist
souverän, in welcher Hinsicht? Welche Rolle spielen andere
Schlagworte in diesem Umfeld, etwa Komplexität, Open Source und
Open Protocol, Netzwerkeffekte?


Ein Indikator für die Explosion an IT-Services und Diensten und
daraus folgender Komplexität:


»Wir haben IPV6 eingeführt, weil wir mussten — das hat mehr
IP-Adressen als es Atome im Weltall gibt.«


Welche Rolle spielen Marktmechanismen in diesem Kontext? Wie
werden neue Technologien eingeführt? Was können wir aus der
Vergangenheit lernen?


»Aus Spaß wird Ernst und aus Ernst wird Infrastruktur.«


Technik ist meist ein zweischneidiges Schwert:


»Auf der einen Seite gewinnen wir Freiheiten, auf der anderen
Seite schaffen wir Abhängigkeiten auf einer anderen, meist
systemischen Ebene.«


Diese Abhängkeiten, diese Infrastruktur muss heute sogar global
betrachtet werden. Single Points of Failure sind nicht mehr
theoretisch, sondern immer wieder zu beobachten.


»Durch die Komplexität verlieren wir den Überblick.«


Abhängigkeiten gehen weit über die IT hinaus und sind teiweise
zirkulär. Was bedeutet dies konkret? Software ist zwar ein
virtuelles Gut, aber wird dadurch noch schneller weltumspannend
wirksam.


Wie wirkt Evolution in der Software?




innerhalb einer Organisation




marktwirtschaftlicher Wettbewerb zwischen Unternehmen




Open Source — wir funktioniert Evolution hier?




Welche Auswirkungen hat das auf Eigentumsrechte,
Verantwortlichkeit, Motivation, Zentralität vs. Dezentralität?
Wer hat noch Kontrolle über die Systeme, die entwickelt werden
und die sich evolutionär weiterentwickeln?


Es kommen wieder die häufig genannten Fragen auf: Wo findet
Steuerung und Kontrolle statt und wo soll sie vernünftigerweise
stattfinden? Kann man Komplexität überhaupt sinnvoll
zentralisieren?


»Der Steuerungsmechanismus kann nicht weniger komplex sein als
das System selber.«


Kehren wir also wieder zu den frühen kybernetischen Erkenntnissen
und Problemen zurück? Das wurde von W. Ross Ashby (und Stafford
Beer) als Law of Requisite Variety bezeichnet.


Was ist Edge Computing? Wie können verteilte Ansätze hier
weiterhelfen?


Aber wie schafft man die Abwägung zwischen größeren strategischen
Überlegungen und operativen taktischen Entscheidungen? Wie lösen
wir das Koordinationsproblem?


Warum ist es weiter problematisch, Open Source und kommerzielle
Software klar trennen zu wollen? Was ist nun die Überlappung
zwischen Open Source/Protocol und Souveränität?


»Souveränität bedeutet, dass ich genügend Handlungsoptionen in
einem komplexen Umfeld habe. Jeder Mechanismus, der mir das
ermöglicht, erhöht meine Souveränität.«


Was sind Software-agnostische Daten? Was sind Protokolle und
warum sind solche, die sich als Standard etabliert haben, kaum
mehr wegzubekommen? Was bedeutet dies im Kontext der digitalen
Souveränität?


Software — alles schnell, Programme von gestern spielen keine
Rolle mehr, jeden Tag eine neue App? Oder läuft wesentliche
Software über Jahrzehnte, oder noch länger? Und die Daten, mit
denen operiert wird, haben noch wesentlich längere Lebenszyklen.
Wie gehen wir im Zeitalter der Digitalisierung damit um? Es gibt
auch in der Privatindustrie Beispiele, wo Geschäftsfälle Daten
und Code über ein Jahrhundert gewartet und betrieben werden
müssen. Was bedeutet dies vor allem auch für die
gesellschaftliche Kontrolle dieser Infrastrukturen.


Ich provoziere: Wenn wir aber der Realität der letzten Jahrzehnte
ins Auge blicken so sind wir (in Europa) nicht längst eine
digitale Kolonie und versuchen jetzt den Zwergenaufstand? Kein
einziges der weltweit größten 25 Unternehmen (die ersten zehn
fast ausschließlich IT-Unternehmen) ist europäisch und auch in
einer Bewertung kritischer Technologien und deren Führerschaft
spielt Europa keine Rolle. Haben wir also in Europa in allen
wesentlichen Aspekten den Anschluss verloren? Was gibt es
überhaupt noch zu tun?


Wilfried bringt die »Gegenprovokation«:


»Jedes System erlebt, bevor es zusammenkracht, seine große
Blüte.«


Wer wird gewinnen? Der Tyrannosaurus Rex oder die Säugetiere? Ist
diese Metapher zutreffend? Welche unserer Provokationen gewinnt?
Ist Europa vielleicht sogar im Vorteil, weil wir traditionell mit
Dezentralität kulturell gut umgehen?


Was können wir von der EU erwarten? Oder zynisch formuliert:
Sollen wir uns eher vor der EU-Politik fürchten? Denken wir an
die zentralen Ziele der Lissabon-Strategie von 2000, die EU zum
wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten
Wirtschaftsraum der Welt zu machen — mit Fokus auf Innovation —
geplant bis 2010. 2026 ist das genaue Gegenteil zu beobachten.


Wie kann es gelingen, Rahmenbedingungen zu geben, die Innovation
nicht behindern und Bottom-Up-Prozesse verstärken — gemeinsam
steuern, aber auch die Möglichkeit bieten, auszustiegen, wenn
einem der Pfad nicht gefällt?


Was versteht man unter »Software Gardening« und warum könnte das
eine breitere Wirkung entfalten?


»Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht«


Aber man kann das junge Gras auch zertreten. Haben wir zu viel
Regulierung in der EU, oder sind wir im Prinzip auf einem
richtigen Weg?


Was können Individuen oder einzelne Unternehmen tun, um durch ein
höheres Maß an Souveränität Wettbewerbsvorteile zu lukrieren?


»Beziehung, Netzwerk ist Trumpf — über den einzelnen Baustein.«


Strategische Vernetzung könnte sich als Erfolgsmodell
herauskristallisieren. Das erfordert neues Denken und neue
strategische Prozesse.


»Ich muss von einer Konsumenten-transaktionalen Geld-gebe-Haltung
in eine Beteiligungs-Haltung wechseln.«


Andererseits ist das Erfolgsmodell westlicher Industrienationen
die arbeitsteilige Wirtschaft. Wie passt das zusammen?


Es stellt sich für Unternehmen immer mehr die Frage: Was ist
strategisch, was ist eine Commodity? Beide Dinge erfordern sehr
unterschiedliche Zugänge.


Referenzen


Andere Episoden


Episode 144: Was ist Fortschritt? Ein Gespräch mit Dr. Daniel
Stelter aus ökonomischer Perspektive

Episode 141: Passagier oder Steuermann? Ein Gespräch mit
Markus Raunig

Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt?
Transzendent oder Transient

Episode 132: Fragen an die künstliche Intelligenz — eine
konstruktive Irritation

Episode 122: Komplexitätsillusion oder Heuristik, ein
Gespräch mit Gerd Gigerenzer

Episode 121: Künstliche Unintelligenz

Episode 109: Was ist Komplexität? Ein Gespräch mit Dr. Marco
Wehr

Episode 107: How to Organise Complex Societies? A
Conversation with Johan Norberg

Episode 94: Systemisches Denken und gesellschaftliche
Verwundbarkeit, ein Gespräch mit Herbert Saurugg

Episode 61: Digitaler Humanismus, ein Gespräch mit Erich Prem

Episode 40: Software Nachhaltigkeit, ein Gespräch mit Philipp
Reisinger

Episode 20: Offene Systeme – Teil 2: Gespräch mit Lukas Lang
und Christoph Derndorfer

Episode 19: Offene Systeme – Teil 1: Gespräch mit Lukas Lang
und Christoph Derndorfer



Wilfried, Kevin, SBA


Wilfried Jäger bei OSSBIG

Kevin Mallinger bei SBA Research

Softwarequalität verstehen, messen und steuern — SBA Kurs und
Beratung



Fachliche Referenzen


Linux in München? Heise (2024)

General Stanley McChrystal, Teams of Teams: New Rules of
Engagement for a Complex World, Penguin (2015)

Dan Davies, The Unaccountability Machine, Why Big Systems
Make Terrible Decisions - and How The World Lost its Mind,
Profile Books (2024)

ODT Textformat

ASPIs Critical Technology Tracker

EU: European Digital Infrastructure Consortium

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