148 — Künstliche Vernunft? Ein Gespräch mit Jan Juhani Steinmann
1 Stunde 10 Minuten
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vor 2 Tagen
Der Titel der heutigen Episode ist: »Künstliche Vernunft?«, und
ich freue mich besonders, dass sich Jan Juhani Steinmann wieder
zu einem Gespräch bereit erklärt hat. Wir spannen in dieser
Episode einen weiten Bogen von der Frage, was Intelligenz,
Bewusstsein und Selbstbewusstsein sind, welche Rolle Biologie,
Leib und Körper sowie Theologie spielen können, um dann auf die
Frage der künstlichen Intelligenz und Vernunft zu kommen.
Was hat es mit der sogenannten Singularität und dem
Transhumanismus auf sich, und warum könnte die
Bevölkerungsentwicklung des Menschen eine wesentliche Rolle
spielen? Am Ende legt Jan seine Vorstellung eines positiven
Bildes des Zusammenspiels von Mensch und Technik dar.
Dr. Juhani Steinmann ist in Bern geboren, mütterlicherseits
Finne, ist Philosoph, Dichter und Theologe. Er hat Philosophie,
Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften,
Politikwissenschaften sowie Theologie in Zürich, Berlin, St.
Andrews, Heidelberg, Rom und Cambridge studiert.
Forschungsaufenthalte wurden in Kopenhagen, Helsinki und Oxford
durchgeführt. Unter der Betreuung von Prof. Konrad Paul Liessmann
hat er 2021 an der Universität Wien in Philosophie promoviert.
Zurzeit forscht er am Institut Catholique de Paris, an der
Università di Roma LUMSA sowie an der Faculty of Divinity der
University of Cambridge zur poetischen Phänomenologie im Kontext
des Denkens von Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger. Er ist
ferner Begründer des Kollektivs Omnibus Omnia. Nebst
wissenschaftlichen Publikationen in Philosophie und Theologie
publiziert er auch Dichtung.
Besonders möchte ich auch seine Bücher erwähnen, vorzugsweise:
»Kritik der künstlichen Vernunft. Vorspiel eines Anathemas« und
»Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das Valley«. Diese beiden
Werke gehören zusammen, sind wie Geschwister zu betrachten. Das
erste ist eine Techniktheologie/-philosophie, das zweite eine
Technik- und Naturpoesie, da die Gedichte dazu im Silicon Valley
und in den Alpen geschrieben wurden. Vorzugsweise deshalb, weil
sie zum Thema des heutigen Gesprächs passen.
Wir beginnen das Gespräch mit der Frage nach dem Begriff der
Intelligenz. Wie kann man sich diesem Begriff nähern, der ja
schon beim Menschen mit vielfältiger Bedeutung überladen ist —
und dann wird er auch noch für künstliche Intelligenz verwendet?
»Intelligenz ist eine Form der Vermittlung innerhalb von
Relationen — also, es werden Dinge in ein Verhältnis zueinander
gestellt.«
Wie leitet sich daraus (beim Menschen) Selbstbewusstsein und
Bewusstsein allgemein ab?
»Der Mensch ist ja sicherlich das erste Wesen, das überhaupt eine
Definition dieser Eigenschaften, die es an sich selbst bemerkt,
geleistet hat. […] Intelligenz erkennt sich selbst durch den
Menschen als jenem Wesen, das intelligent ist, oder zu sein
scheint.«
Was folgt daraus in theologisch/philosophischer Reflexion? Was
bedeutet der Begriff Logos und wie steht er in Zusammenhang
mit Intelligenz und Bewusstsein? Gibt es einen metaphysisch
ur-ontologischen Garanten von Bedeutung? Ist Gott der Garant für
die Vernünftigkeit der Vernunft? Oder sind diese Eigenschaften
des Menschen schlicht emergente Phänomene, die aus der
biologischen Komplexität seiner selbst entspringen?
Ist die »künstliche Intelligenz« äquivalent zur
menschlichen/biologischen Vernunft? Oder ist dies grundsätzlich
zu anthropomorph gedacht?
Wie ist der Zusammenhang zwischen diesen
philosophisch/theologischen und operationalen Ansätzen der
Intelligenz — etwa ausgedrückt durch Intelligenztests und
dergleichen?
Was bedeutet der Begriff des Geistes? Was sind die verschiedenen
Modi der Rationalität, in denen Menschen operieren? Was ist
dianoetisches und noetisches Denken? Gibt es eine göttliche —
hypernoetische Dimension?
Welche Rolle spielen Instinkt und Intuition? Wie nehmen wir
Stimmungen wahr? Was hat es mit der Leiblichkeit auf sich?
Zu welcher Leistung sind nun Algorithmen und Maschinen fähig?
»Maschinen imitieren im Grunde Dianoia — zugleich aber simulieren
sie noetische Vernunft«
Was ist Behaviorismus, und wie hilft er, die aktuellen
Entwicklungen zu verstehen? Ist der Mensch frei? Was bedeutet der
Begriff der Freiheit überhaupt, besonders wenn man sich auf die
sogenannte Willensfreiheit bezieht?
Ziehen wir die Grenze zwischen Maschine und Mensch vielleicht nur
darum, weil wir gekränkt sind, weil Maschinen nun etwas können,
was wir für rein menschlich gehalten haben? Ist das vielleicht
nur eine weitere Ergänzung zu den drei Kränkungen des Menschen
nach Sigmund Freud?
»Warum sollten wir uns selbst abschaffen, hinfällig machen?«
Aber haben wir ab einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt noch die
Wahl? Was ist die Rolle des Leibes für Vernunft und Intelligenz
und vor allem für die noetische Dimension?
Was ist Informationismus? Sind Maschinen gar die nächste
evolutionäre Stufe auf unserem Planeten? Kehren wir zur Frage der
Freiheit und Willensfreiheit zurück. Ist das vielleicht eine
Frage, die viel weniger philosophische Tiefe hat, als häufig
dargestellt wird? Um Wittgenstein zu bemühen:
»Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge
geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.«
Wie zeigt sich das, was wir Autonomie nennen, wie kann es sein,
dass wir uns selbst als frei empfinden?
»Das ist ja ein schönes Paradox der Freiheit, dass man sich
freiwilliger Notwendigkeit hingibt. […] Freiheit ist eine
Stimmung — man fühlt sich frei. […] Du willst ja nur, was du
willst.«
Was folgt daraus?
»Wir sind schon immer gefangen in den Bedingungen unseres
Hier-Seins. Und von innen — aus diesem System heraus — kann die
Freiheit nicht bewiesen werden. So zumindest erscheint es uns.«
Schopenhauer sagt:
»Ich kann zwar tun, was ich will, aber nicht wollen, was ich
will.«
Ist dies eine Widerlegung der Freiheit — wie Schopenhauer es
annimmt — oder kann man andere Schlüsse ziehen?
Gibt es einen Grund anzunehmen, dass es Intelligenz nur beim
Menschen, respektive in biologischen Systemen, gibt?
Beziehungsweise, dass es überhaupt andere intelligente Wesen
außerhalb von mir selbst gibt (die solipsistische Idee)? Was
passiert aber mit verkörperter künstlicher Intelligenz, etwa in
der Robotik? Sind Roboter nur Körper und kein Leib?
Ist es ein Kategorienfehler, die biologische mit der kulturellen
und technischen Evolution zu vergleichen?
»Die Kultur hat den Menschen schon von der Evolution entfremdet.«
Kommt die biologische Evolution zu einem Ende, und wird sie von
neuen Gesetzmäßigkeiten abgelöst? Was ist das Zusammenspiel von
Technik, Maschinen und Macht? Ist Technik co-evolutionär mit dem
Menschen? Gibt es einen Sprung von der Humanität zur
Transhumanität? Was versteht man unter (technologischem)
Transhumanismus, und was sind die Ursprünge?
Allgemeiner gefragt: Ist der Mensch eine Aporie, die man
überwinden muss? Wie sieht es mit biologisch/technischen
Mischformen, kybernetischen Organismen aus? Steuern wir auf eine
Singularität zu, die in etwa so gelesen werden könnte:
»Es gibt keinen Gott — programmieren wir doch die
Superintelligenz als neuen Gott«
So beantwortet Ray Kurzweil die Frage: Is there a god: »Not yet«.
»Wir haben keinen Begriff, was auf uns zukommt. Das könnte die
Abschaffung des Menschen bedeuten — oder vielleicht eine relativ
gemäßigte Koexistenz. Aber wir dürfen es nicht unterschätzen.«
Wie groß ist diese Gefahr? Ist es überhaupt eine Gefahr? Können
wir diese Technologien kontrollieren und regulieren?
»Ich sehe keinen Grund anzunehmen, warum wir obsolet sein
möchten.«
Wie wahrscheinlich ist das Entstehen einer Superintelligenz, die
möglicherweise sogar global wirksam wird? Was wäre die
Voraussetzung dafür? Aber selbst, wenn es zu keiner Singularität
oder Superintelligenz kommt, ist die Menschlichkeit nicht schon
durch die Integration in permanent verfügbare dianoetische
Systeme gefährdet?
Werden wir unsere Urteilskraft an die Maschine delegieren? Mit
welchen Folgen? Außerdem dürfen fundamentale Prinzipien komplexer
Systeme nicht vergessen werden: Führen mehr Daten etwa zu mehr
Sicherheit oder zu mehr Unsicherheit? Und wie können wir das
entscheiden?
Woher kommt das Neue in die Welt?
»Die Welt ist nicht nur ihre Messbarkeit. Sie ist nicht die Summe
ihrer Daten. […] Die Welt ist immer mehr und anders, als sich in
einem Ordnungssystem sagen lässt.«
Zum Ende des Gesprächs folgt eine vielleicht unerwartete
Abzweigung: Bevölkerungen kollabieren weltweit. Im Gegensatz zu
den langjährigen Warnungen tritt also das Gegenteil einer
Bevölkerungsexplosion mittel- und langfristig ein. Dies gilt
praktisch weltweit und besonders in den Industrienationen. Eine
dramatisch alternde und gleichzeitig schrumpfende Bevölkerung
wird aber erhebliche Probleme haben, ihre ökonomische und
militärische und damit geopolitische Position aufrechtzuerhalten.
Wird daraus ein enormer Druck entstehen, Robotik und künstliche
Intelligenz als Ersatz für fehlende Arbeitskraft zu entwickeln
und einzusetzen? Übernehmen — mit Marx gesprochen — die Maschinen
also irgendwann die proletarische Arbeit? Gibt es doch noch ein
alternatives und hoffnungsfroheres Paradigma? Also zu den
Paradigmen der:
Humanität Transhumanität Theo-Humanität
Was ist darunter zu verstehen?
»Lasst uns doch gemeinsam uns vergöttlichen — ob es Gott gibt,
oder nicht. Das macht uns zu würdevollen und schönen Wesen.«
Wollen wir Technologien, die den Menschen als Idioten betrachten,
oder die uns als Menschen erhöhen?
Referenzen
Andere Episoden
Episode 147: Digitale Kolonie oder Souveränität? Ein Gespräch
mit Wilfried Jäger und Kevin Mallinger
Episode 143: Auf Sand gebaut?
Episode 139: Komfortable Disruption
Episode 137: Alles Leben ist Problemlösen
Episode 134: Das Werdende, das ewig wirkt und lebt?
Transzendent oder Transient
Episode 132: Fragen an die künstliche Intelligenz — eine
konstruktive Irritation
Episode 129: Rules, A Conversation with Prof. Lorraine Daston
Episode 125: Ist Fortschritt möglich? Ideen als Widergänger
über Generationen
Episode 123: Die Natur kennt feine Grade, Ein Gespräch mit
Prof. Frank Zachos
Episode 121: Künstliche Unintelligenz
Episode 119: Spy vs Spy: Über künstlicher Intelligenz und
anderen Agenten
Episode 104: Aus Quantität wird Qualität
Episode 98: Ist Gott tot? Ein philosophisches Gespräch mit
Jan Juhani Steinmann
Episode 85: Naturalismus — was weiß Wissenschaft?
Episode 68: Modelle und Realität, ein Gespräch mit Dr.
Andreas Windisch
Fachliche Referenzen
Webseite und Lebenslauf von Jan Juhani Steinmann
YouTube Kanal von Jan Juhani Steinmann
Jan Juhani Steinmann, Kritik der künstlichen Vernunft,
Lepanto (2025)
Jan Juhani Steinmann, Das Vorfaltenlicht. Die Alpen und das
Valley, Wieser Verlag (2025)
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781)
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Suhrkamp
(1983)
Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus (1922)
Kränkungen der Menschheit, Sigmund Freud und folgende
Andy Clark, Being There, MIT Press (1998)
Steve Taylor, How a Flawed Experiment “Proved” That Free Will
Doesn’t Exist, Scientific American (2019)
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