Wer darf mobil sein - und wem wird Mobilität politisch gewollt wieder entrissen? Raul Krauthausen und das Ende von Muva.

Wer darf mobil sein - und wem wird Mobilität politisch gewollt wieder entrissen? Raul Krauthausen und das Ende von Muva.

vor 1 Woche
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit Raul, das ich vor einigen Jahren aufgezeichnet habe. Er sagte etwas, das mich seitdem nicht losgelassen hat: Die Leute denken, wir Behinderten haben kein Privatleben. Wir fahren nur zur Physio.
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Podcast
Podcaster
On the way to new mobility: Katja Diehl spricht alle 14 Tage mit Gästen über Mobilität statt Verkehr, Diversität, New Work, Inklusion, kindergerechte Stadt und das Mobilisieren auf dem Land.

Beschreibung

vor 1 Woche
Raul lebt in Berlin, hat keinen Führerschein, seine Frau auch
nicht. Barrierefreiheit im ÖPNV ist für ihn, wie er selbst sagt,
das A und O. Er kann sich noch daran erinnern, wie es in den 80ern
war: kein Bus mit Rampe. Das änderte sich in den 90ern – aber
nicht, weil die Politik es so wollte, sondern weil die alten Busse
wegen Umweltschutzauflagen nicht mehr zugelassen wurden. Die neuen
hatten dann plötzlich alle Rampen. Raul lernte mit 16 Jahren,
alleine Bus zu fahren. Was andere mit 5 lernen. Den
Sonderfahrdienst gibt es in Berlin seit Jahrzehnten. Eine
Revolution, als er eingeführt wurde. Aber die Buchung lief lange
per Telefon, Fax oder E-Mail. Manchmal 23 Stunden Warteschleife.
Drei Wochen Vorlaufzeit. Keine App. Keine Echtzeitverfügbarkeit.
Die Welt der Ride-Hailing-Apps hatte sich längst weitergedreht –
der Sonderfahrdienst nicht. Dann las Raul, dass der
Sonderfahrdienst neu ausgeschrieben wird. Und er hatte eine Idee:
Warum nicht VIA, die schon mit dem Berlkönig gezeigt hatten, was
digitale On-Demand-Mobilität kann, in die Ausschreibung bringen?
Der Berlkönig hatte von Anfang an zwei barrierefreie Fahrzeuge –
weil die damalige Projektleiterin Raul einfach gefragt hatte, was
es braucht. VIA bekam den Zuschlag. Der Sonderfahrdienst wurde
digital. 50 Prozent der Fahrten werden per App gebucht. Raul kann
jetzt spätabends auf einer Party schauen, wann der nächste WIRmobil
für ihn verfügbar ist – und eine halbe Stunde später zuhause sein.
Was ihn sonst eine Stunde gekostet hätte, weil Aufzüge nicht
funktionierten. Und dann kam der MUVA, ein Angebot der BVG,
entwickelt mit VIA. Barrierefrei, digital buchbar. Seitlicher
Einstieg mit Rampe, wie beim klassischen Bus – schnell, würdevoll,
ohne den umständlichen Hublift-Prozess. Das Fahrzeug kam in
BVG-Design. Es fühlte sich wie ein Verkehrsmittel an – nicht wie
Sondertransport. Zu Hochzeiten: bis zu 1.000 Fahrgäste am Tag.
Menschen im Rollstuhl, ja – aber auch Eltern mit Kinderwagen,
ältere Menschen, Menschen mit Angststörungen, die nicht U-Bahn
fahren können. Der MUVA schloss Lücken, die entstehen, wenn ein
Aufzug kaputt ist und der nächste einfach... auch kaputt ist. Hier
wurden sogar 98 Prozent mobil gebucht. Arne-Steffen Möller ist
Partner Success Manager bei VIA, Anbieter von On-Demand-Software
und in Deutschland maßgeblich daran beteiligt, barrierefreie
Mobilität nicht nur zu denken, sondern auch umzusetzen. VIA war als
Technologiepartner der BVG hinter dem Berlkönig, dem WirMobil und
zuletzt dem MUVA. Im Gespräch erklärt er, welche Überzeugungsarbeit
es brauchte, Digitalisierung überhaupt erst in eine klassische
Betriebsausschreibung hineinzubekommen, wie eine App individuelle
Assistenzbedarfe abbilden kann – von der Treppenhilfe bis zur
Begleitung am Start – und warum gute Software allein nichts
ausrichten kann, wenn der politische Wille fehlt, Angebote
langfristig zu finanzieren. Sein Appell: verbindliche Standards für
barrierefreie Fahrzeuge in Ausschreibungen und Planungssicherheit
für die Menschen, die darauf angewiesen sind. Denn: Der Muva wurde
eingestellt. Was bleibt, ist ein Nachfolgeservice des VBB, der das
Gegenteil von Fortschritt ist: keine App, nur Telefon, klassische
Taxizentrale, keine Garantie auf ein barrierefreies Fahrzeug. Wer
an einem defekten Aufzug steht und anruft, hört manchmal: kein
barrierefreies Taxi verfügbar. Oder: kommt in einer Stunde. Raul
bringt es auf den Punkt: Das Kostenargument ist das
Totschlagargument unserer Zeit. Es wird gegen Klimaschutz benutzt,
gegen Gleichberechtigung, gegen Inklusion. Aber niemand rechnet,
was es kostet, Dinge ständig neu zu erfinden. Den Berlkönig
aufgebaut, abgebaut. Den MUVA aufgebaut, abgebaut. Fahrer*innen
eingestellt, entlassen, eingestellt, entlassen. Konzepte über
Konzepte – und am Ende: Rückschritt. Dabei wäre die Vision so klar:
Sonderfahrdienst, ÖPNV und Taxiverkehr aus einer Hand gedacht, aus
einem Topf finanziert, mit verbindlichen Standards für
Barrierefreiheit in jeder Ausschreibung.
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