Wirtschaftlichkeit und Abrechnung in der Hausarztpraxis | Dr. Andrea Morawe erklärt

Wirtschaftlichkeit und Abrechnung in der Hausarztpraxis | Dr. Andrea Morawe erklärt

vor 1 Tag
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Beschreibung

vor 1 Tag

Wie funktioniert die Abrechnung und die Wirtschaftlichkeit einer
Hausarztpraxis? Darüber spricht Dr. Andrea Morawe in ihrer neuen
Folge von „LandMEDchen“.


In einer Hausarztpraxis bekommt die Ärztin oder der Arzt für
jeden Patienten pro Quartal – also für drei Monate – einen festen
Betrag. Sobald die Patient:innen ihre Karte einlesen lassen,
entsteht ein Schein, der den Wert von 60-70 Euro hat.


Dabei spielt es keine Rolle, ob der Patient einmal kommt oder
zehnmal und wie viel Zeit die Behandlung tatsächlich kostet, d.h.
der Schweinwert sagt nichts über den einzelnen Patienten aus.


Zusätzlich gibt es ein recht komplexes System aus Zeit- und
Geldberechnung. Grundlage dafür ist der sogenannte Punktwert.
Jede ärztliche Leistung hat im EBM eine bestimmte Anzahl an
Punkten. Diese Punkte werden mit dem Punktwert multipliziert und
ergeben so den Geldbetrag, den die Praxis dafür bekommt.
Gleichzeitig ist jeder Leistung auch eine Kalkulationszeit
zugeordnet. Diese legt fest, wie viel Zeit theoretisch für eine
Leistung vorgesehen ist und bestimmt mit, wie hoch ihre Vergütung
ist. In der Realität reicht diese Zeit jedoch oft nicht aus, weil
Gespräche und Behandlungen deutlich länger dauern.





Daneben gibt es die sogenannte Prüfzeit. Sie dient der Kontrolle
und legt fest, wie viele Stunden Ärztinnen und Ärzte pro Quartal
maximal abrechnen dürfen. Überschreiten sie diese Grenze (bei
einem vollen Kassensitz pro Quartal 780 Stunden), geht die
Kassenärztliche Vereinigung davon aus, dass die Leistungen nicht
vollständig oder nicht korrekt erbracht worden sein könnten – und
es kann zu einer Prüfung kommen.


Das soll davor schützen, dass das System ausgenutzt wird.





Das führt zu einem Problem: Wenn eine Praxis sehr viele
Patientinnen und Patienten versorgt, was vor allem auf dem Land
oft nötig ist, kommt sie schnell an diese Zeitgrenzen. Im
Extremfall können Leistungen dann nicht mehr abgerechnet werden,
obwohl sie erbracht wurden und vielleicht zum Teil von MFAs und
VERAHs vorbereitet wurden. Zudem: Sich viel Zeit für eine
Leistung zu nehmen wird nicht besser vergütet. In der privaten
Krankenversicherung, also bei Abrechnung nach GoÄ sieht das
anders aus.





Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bezahlung der Leistungen.
Technische Untersuchungen, zum Beispiel Lungenfunktionstest, EKG,
Blutdruck, Ultraschall, etc. sind vergleichsweise gut vergütet,
zudem sind sie gut planbar. Gespräche mit Patientinnen und
Patienten dagegen, obwohl sie zentral für die Behandlung sind,
bringen deutlich weniger Geld und sind oft zusätzlich begrenzt.
Für Präventionsgespräche kann man selbst nichts abrechnen.





Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in der Hausarztpraxis sind
Gespräche. Dafür gibt es sogenannte Gesprächsziffern. Das sind
Abrechnungspositionen für Beratungen, also zum Beispiel, wenn
Diagnosen erklärt werden oder Therapien besprochen werden. Diese
Gespräche sind medizinisch sehr wichtig, werden aber im System
vergleichsweise schlecht vergütet und sind zusätzlich oft
budgetiert. Das heißt: Wenn eine Praxis viele ausführliche
Gespräche führt, wird jedes einzelne Gespräch am Ende schlechter
bezahlt.





Besonders relevant wird das bei sogenannten F-Diagnosen. Das sind
Diagnosen aus dem Bereich der psychischen Erkrankungen, zum
Beispiel Depressionen oder Angststörungen. Hier braucht es oft
mehr Zeit, mehr Gespräche und eine engere Begleitung der
Patient:innen.





Dazu kommt das Problem der Budgetierung. Das bedeutet: Eine
Praxis bekommt nur bis zu einer bestimmten Menge die volle
Bezahlung für ihre Leistungen, z.B. bei den Gesprächsziffern.
Wenn diese Grenze überschritten wird, sinkt die Vergütung oder
fällt ganz weg. Die Ärzt:innen behandeln ihre Patient:innen meist
trotzdem weiter, aber ein Teil dieser Arbeit wird dann nicht mehr
richtig bezahlt.





Am Ende stehen Ärztinnen und Ärzte ständig vor einem Konflikt.
Sie wollen sich ausreichend Zeit für ihre Patientinnen und
Patienten nehmen, müssen aber gleichzeitig darauf achten, dass
die Praxis finanziell überlebt und alle Regeln eingehalten
werden.





Das Grundproblem ist also: Gute Medizin braucht Zeit, das System
bezahlt aber vor allem Menge und nicht den tatsächlichen Aufwand.








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