Das System kippt! Wie Hausarzt-Praxen gerade funktionieren | Dr. Andrea Morawe
vor 3 Tagen
Podcast
Podcaster
Beschreibung
vor 3 Tagen
Was passiert eigentlich hinter den Kulissen einer Hausarztpraxis?
Wie läuft die Abrechnung ab, womit verdienen Ärzt:innen ihr Geld
– und wie viel Zeit bleibt wirklich für die einzelnen
Patient:innen?
Diesen Fragen geht Dr. Andrea Morawe in einer neuen Folge von
„LandMEDchen“ nach. Ihre Einschätzung ist dabei klar: Das
derzeitige System gerät zunehmend ins Wanken. Die Diskussionen
darüber sind oft emotional aufgeladen – umso wichtiger ist es
ihr, sowohl Ärzt:innen eine Stimme zu geben als auch
Patient:innen transparent zu erklären, wie der Praxisalltag
tatsächlich funktioniert.
Ein zentrales Thema dabei sind die steigenden Beiträge der
gesetzlichen Krankenversicherung. Um dem entgegenzuwirken, wurde
die Finanzkommission Gesundheit ins Leben gerufen. Zu den
vorgeschlagenen Maßnahmen zählen unter anderem eine Steuer auf
Tabak und Alkohol sowie eine Zuckersteuer. Für Andrea ist das
einer der wenigen Ansätze, die sie als sinnvoll bewertet.
Um das Ganze besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf
das GKV-System – denn darüber generieren Ärzt:innen den Großteil
ihrer Einnahmen, etwa 80 bis 95 Prozent. Sobald Patient:innen
einmal pro Quartal ihre Gesundheitskarte einlesen lassen,
entsteht ein sogenannter Abrechnungsschein. Hinter jeder Leistung
steht ein Punktwert, der in einen Geldbetrag umgerechnet wird.
Gleichzeitig ist jede Leistung mit einer festen Prüfzeit
verknüpft.
Die Kassenärztliche Vereinigung gibt vor, wie viele Stunden
Ärzt:innen pro Tag und pro Quartal abrechnen dürfen. Wird diese
Zeit überschritten, entsteht schnell der Eindruck, dass
Leistungen nicht ordnungsgemäß erbracht wurden. Medizin wird also
nicht nur nach Inhalt, sondern auch nach Zeit bewertet.
Ein Beispiel: Bei chronisch kranken Patient:innen kann eine
Chronikerziffer angesetzt werden. Diese erhöht die kalkulierte
Behandlungszeit um 18 Minuten und bringt eine zusätzliche
Vergütung von 16,56 Euro. In der Realität reicht diese Zeit
jedoch oft nicht aus.
Gerade ältere Patient:innen benötigen häufig deutlich mehr
Aufmerksamkeit. Sie kommen mehrfach im Quartal, ihre
Krankheitsbilder sind komplexer, und selbst einfache Abläufe wie
das An- und Auskleiden können viel Zeit in Anspruch nehmen. Hinzu
kommt die Abstimmung mit Angehörigen.
Umso wichtiger ist ein gut eingespieltes Team. Andrea betont, wie
sehr sie davon profitiert, Aufgaben delegieren zu können, um sich
auf die medizinischen Entscheidungen zu konzentrieren.
Viele Menschen gehen davon aus, dass Ärzt:innen jede erbrachte
Leistung direkt bezahlt bekommen. Dieses Prinzip gilt im System
der privaten Krankenversicherung, im GKV-System jedoch nur
eingeschränkt. Die tatsächlich investierte Zeit übersteigt häufig
die abrechenbare Zeit – diese Differenz bleibt unvergütet.
Dabei passt Verantwortung nicht in starre Zeitfenster. Gute
Medizin entsteht häufig trotz der bestehenden Rahmenbedingungen –
nicht aufgrund dieser.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Budgetierung. In vielen
Fachbereichen sind Leistungen gedeckelt. Werden mehr
Patient:innen behandelt, als das Budget vorsieht, erfolgt keine
zusätzliche Bezahlung. In der hausärztlichen Versorgung gab es
zwar ab Oktober 2025 eine teilweise Entbudgetierung, doch deren
Auswirkungen werden sich erst verzögert zeigen, da Abrechnungen
zeitlich nachgelagert erfolgen.
Auch wirtschaftlich spitzt sich die Lage zu. Aktuelle Zahlen des
Zentralinstituts zeigen ein Defizit von minus 13,3 Prozent.
Gleichzeitig steigen die Kosten weiter – insbesondere für
Personal und Mieten. Andrea betont ausdrücklich, dass höhere
Gehälter für Mitarbeitende absolut gerechtfertigt sind. Ihr Ziel
bleibt es, qualitativ hochwertige Medizin anzubieten und die
Versorgung im ländlichen Raum zu sichern.
Ein zusätzliches Problem zeigt sich im Vergleich zur Klinik: Dort
sind die Gehälter oft attraktiver. Das erschwert es, junge
Ärzt:innen für die Niederlassung zu gewinnen. Die Frage stellt
sich also: Wie kann Selbstständigkeit im ambulanten Bereich
attraktiv bleiben?
Ärzt:innen treten an, um Menschen zu helfen. Oft wird dabei auch
auf den ärztlichen Eid verwiesen. Doch dieser ersetzt keine
wirtschaftliche Grundlage. Die Herausforderung liegt nicht im
fehlenden Engagement – sondern in einem System, das aus dem
Gleichgewicht geraten ist.
Folg Andrea auf Instagram:
https://www.instagram.com/andrea.morawe/
Zum
Podcast auf YouTube: https://www.youtube.com/@landmedchen
Zum
Podcast auf Spotify:
https://open.spotify.com/show/6fSmt4EgJeAPGGR1Il4BDu
Zum
Podcast bei Apple Podcast:
https://podcasts.apple.com/de/podcast/landmedchen/id1835667319s
Weitere Episoden
15 Minuten
vor 1 Woche
22 Minuten
vor 2 Wochen
20 Minuten
vor 3 Wochen
14 Minuten
vor 1 Monat
Kommentare (0)
Melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.