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Beschreibung
vor 3 Tagen
Han Kang: Die Vegetarierin
Liebe Leserinnen und Leser,
in meiner letzten Rezension “Heaven” von Mieko Kawakami hatte ich
formuliert: Das heute hier vorgestellte Werk ist zwar zunächst
leicht und ruhig, dann aber grausamer als vieles, was ich in den
letzten Jahren gelesen habe.
Anstatt das in zunehmendem Alter die Ausschläge immer weiter
abnehmen, die Highs nicht mehr so hoch sind, die Tiefen nicht
mehr so verschlingend - wenn man sich ab und zu die Zeit zum
Innehalten und Nachdenken nähme, würde man doch drauf kommen,
dass die generellen Erzählungen, die uns Richtlinie, Beispiel und
Vorbild sein sollen einfach nicht stimmen: Ideologien der
Kindheit, Anforderungen der Gesellschaft, die zurichtet bis alles
passt, der verächtliche Blick aufs Alter, in dem außer
Krankheiten nichts mehr passiert: geschenkt.
Und so ist die Einführung der letzten Rezension schon wieder
angesagt, denn die heute vorgestellte Novelle ist - surprise -
grausamer als vieles, was ich in den letzten Jahren gelesen habe.
Das ist eigentlich schon mehr Spoiler, als dieses Werk verdient:
Lest es, seid überrascht, und lest dann gerne hier weiter.
Na gut, das haben vermutlich nicht alle Leser*innen geschafft. Es
ist aber wirklich anempfohlen, den schmalen Band, eher eine
Novelle denn ein Roman zu lesen, ohne vorher etwas darüber zu
wissen. Auch wenn dann wieder jemand sagt, ich würde mir einen
schmalen Fuß machen.
Also, wir sind hier bei Lob und Verriss, “Die Vegetarierin” von
Han Kang fällt eindeutig in die 1. Kategorie, auch wenn die
ausgelösten Gefühle, die Wucht der Beschreibungen, die
beschriebene psychische und physische Gewalt nicht so positiv
sind, starke negativ konnotierte Gefühle hervorrufen.
Wir gehen rein: eine Frau, Yeong-hye, entschließt sich eines
Tages, kein Fleisch mehr zu essen. Auslöser dafür sind grausame
Albträume voller Gewalt, Kadaver und Blut.
Nun hat man vielleicht vergessen, dass es vor 20 Jahren
hierzulande das Nicht-Fleisch-Essen in gewissen Landstrichen und
einigen heute noch ein gesellschaftlicher Affront war und ist.
Die Gründe sind vielfältig, aber eigentlich wissen auch alle,
unter welch grausamen Bedingungen Fleisch hergestellt wird und
lassen einen Fleischkonsum guten Gewissens eigentlich schlicht
nicht zu. Eine doch hohe Ignoranz ist dafür also unabdingbar.
Inwieweit die Novelle durch die Gesellschaft ihres
Herkunftslandes Südkorea geprägt ist, wird in der Studio
B-Diskussion besprochen werden.
“Die Vegetarierin” ist in einer Sprache erzählt, die knapp, kühl
und präzise beschreibt, welche Grausamkeiten Patriarchat, eine
rigide Gesellschaft anrichten.Im Verlauf lesen wir über
verschiedene Sichtweisen auf die Ausgangslage: Eine Frau hört
auf, Fleisch zu essen und alle drehen durch. Ihre Entscheidung
stürzt ihr konkretes Umfeld, also ihren Ehemann und ihre
Ursprungsfamilie, hier: die Eltern, Bruder und Schwester in große
Konflikte und hat so weitreichende Konsequenzen, dass man sich
den Kopf (und später das Herz) halten muss. Dabei führt die erste
Entscheidung (kein Fleisch mehr zu essen) zu weiteren - sie
entledigt sich zunächst ihres BHs, später auch ihrer anderen
Kleidungsstücke und stellt radikal das Mensch-Sein in Frage.
Empathie, Zugewandtheit, Akzeptanz, Respekt gar: im Roman eine
große Leerstelle. Die ersten Beschreibungen der neuen Situation
liefert der Ehemann von Yeong-hye, der ihre Durchschnittlichkeit
preist, ihren Mangel an hervorstechenden Eigenschaften. Er
betrachtet sie als verfügbar und seinen Besitz. Ihre Familie
empfindet den unbedingten Fleischverzicht ebenfalls als
Kontrollverlust und versucht mit allen Mitteln (ja wirklich), sie
zum Fleischessen zu zwingen. “Die Vegetarierin” beschreibt den
weitreichenden Verfall dieser Familie als geradezu zwangsläufig,
der immer höhere Wellen schlägt und den Einflusskreis nach außen
vergrößert. Dabei scheint der größte Konflikt die riesige
Diskrepanz zwischen inneren Verwerfungen, Begierden, Sehnsucht
und der äußeren Gleichgültigkeit, Stille, Abstand, der geradezu
eskalieren muss. Der Abstand zwischen den eigenen Wünschen und
den Konventionen belastet Yeong-hye zwar mit den weitreichendsten
Folgen, zeigt sich aber auch in anderen Figuren, wie dem
Schwager. Für den sind die handelnden Frauen aber auch nur
Objekte, Verständnis hat er nur für seine eigene - zunehmend
prekäre - Situation.
Die Abwesenheit von Empathie ist eines der vorherrschenden Motive
und nur ihre Schwester zeigt sie, hier sind aber auch
Schuldgefühle stark, denn sie ist diejenige, die Yeong-hye in
eine Klinik einweisen lässt. Größerer Zwang durch Familie,
Gesellschaft und Institutionen führt aber - so das Kalkül und in
der Vergangenheit wohl auch öfter zumindest dem äußeren Schein
nach erfolgreich - nicht zur Wiedereingliederung der
Protagonistin, sondern zu einer immer größer werdenden Entfernung
von gesellschaftlichen Konventionen. Der Tod als ultimativer
Bruch mit der Gesellschaft - von Yeong-hye als Umwandlung in
einen Baum (und damit des Sterbens als Mensch) angestrebt: Ist er
erstrebenswert? Nachvollziehbar? Die Leser*in wird mit vielen
Fragen und viel Gewalt konfrontiert.
Die Protagonist*innen in “Die Vegetarierin” verweigern dabei jede
Identifikation des Lesenden mit einer der Personen.Der Abstand
ist so groß, dass immer wieder die Frage neu gestellt wird: ist
es besser zu sterben als so zu leben? Muss man Menschen zwingen
zu leben? Ist dies eine nachvollziehbare Reaktion auf die Gewalt
und Zwänge? Vieles ist schockierend, dann aber auch eigentlich
gar nicht, ein Blick in die Welt und die aktuellen Debatten
reicht.
“Die Vegetarierin” von Han Kang erschien 2007 - also vor knapp 20
Jahren - in Südkorea. 2016 gewann sie gemeinsam mit ihrer
Übersetzerin Deborah Smith den renommierten Man Booker
International Prize. Dies half natürlich mit der Verbreitung des
Werks, entfachte aber auch eine Debatte, inwieweit die englische
Übersetzung korrekt oder treffend sei, war es doch eine der
ersten Übersetzungen von Deborah Smith, die erst wenige Jahre
zuvor mit dem Studium der koreanischen Sprache begonnen hatte.
Dass ihr Han Kang beim gesamten Übersetzungsprozess zur Seite
gestanden hatte, geriet während dieser Aufregung schnell in den
Hintergrund.
Die deutsche Fassung “Die Vegetarierin” wurde aus dem
Koreanischen von Ki-Hyang Lee geschaffen, also nicht über den
Umweg des Englischen, wie öfter bei asiatischen Werken und stammt
aus dem Jahre 2016. Vor 2 Jahren wurde Han Kang dann als erster
koreanischer Schriftstellerin der Nobelpreis für Literatur
zugesprochen.
Ein hartes Werk, trotzdem eine Empfehlung, vielleicht ist jetzt
der Frühling mit seinem hellen Licht eine gute Zeit für diese
Lektüre.
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