Podcaster
Episoden
11.01.2026
35 Minuten
3 Werke, 3 Empfehlungen! Kann das neue Jahr besser beginnen? Wir
lobpreisen diesmal “Shibumi” von Trevanian, “So ist das nie
passiert” von Sarah Easter Collings und die 5. Folge des Thursday
Murder Clubs: “The Impossible Fortune” von Richard Osman.
Wegen eines technischen SNAFUs ist die Qualität leicht
eingeschränkt, wir machen das beim nächsten mal wieder besser.
Sorry!
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04.01.2026
9 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser,
kann unsere kleine Nischenradiosendung - die sich mit Produkten
für einen doch größeren Markt, nämlich den der Literatur
beschäftigt - eine kleine edgy Show sein, wenn sie schamlos
Bestseller anpreist?
Kann sie, aber nicht heute. Denn wir kommen gleich zu Beginn zum
Urteil eines Wohlfühlbuches: der 5. Band der Whodunit-Reihe des
Thursday Murder Clubs, im Original “The Impossible Fortune” ist
eine große Empfehlung, deren Bestsellertum nicht hoch genug
gewürdigt werden kann, schafft es doch Tausendsassa und Autor
Richard Osman, neben einer spannenden Whodunit Story komplexere
Charaktere zu erschaffen, deren Wertesystem manchmal überraschend
konträr zu den aktuellen gesellschaftlichen Annahmen existiert
und auch noch die komplexen Fragen des menschlichen Lebens nicht
nur zu stellen, sondern auch Antworten zu finden. So. Hier
sollten alle erstmal das Buch lesen, denn nun gibt es auch
Spoiler und besonders ein Krimi lebt davon, überraschend zu sein
(wenn er denn gut genug ist, ohne allzu unglaubwürdig - sprich
hanebüchen - zu sein). Also: Spoileralert!
Los geht’s: The Impossible Fortune, im Deutschen irgendwie
holprig “Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code”. Da
wollen wir aber nicht meckern, denn die ersten 4 Titel der Reihe
wurden geradezu mustergültig übersetzt:
1. The Thursday Murder Club - Der Donnerstagsmordclub2. The Man
Who Died Twice - Der Mann, der zweimal starb3. The Bullet That
Missed - Die Kugel, die daneben ging4. The Last Devil to Die -
Der letzte Teufel stirbt
Editorisch möchte ich aber kurz anmerken, dass ein Code nicht
“unlösbar” ist. Vielleicht ist er nicht bekannt, d.h. es fehlen
Informationen, aber unlösbar? Na ja.
Besonders schön bei allen Serien* ist das Wiedertreffen bekannter
Charaktere, die man sehr mag oder eben nicht, in allem lässt sich
Genuss finden, aber das Gehirn giert nach Bekanntem, und so
tauchen sie wieder auf: Die Protagonisten des Thursday Murder
Clubs: Elisabeth Best, Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, die
ehemalige Krankenschwester Joyce Meadowcroft,
Ex-Gewerkschaftsführer Ron Ritchie und der Psychiater Dr. Ibrahim
Arif. Diese leben in der gehobenen Seniorenresidenz in Coopers
Chase in einem fiktionalen Dorf und lösen Mordfälle. Ursprünglich
wollten sie alte, ungelöste, sogenannte Cold Cases aufklären,
beschäftigen sich aber dann - einer Mischung aus Neugierde,
Impertinenz und Lebenserfahrung geschuldet - mit aktuellen
Morden.
Wer bis hierhin gelesen hat, ohne “The Impossible Fortune” zu
lesen, muss ab jetzt mit Spoilern leben. Also: Der Thursday
Murder Club hatte bisher ein eher ruhiges Jahr. Das ist nicht
besonders verwunderlich, denn Autor Richard Osman begann im
letzten Jahr eine weitere Serie. Dazu kommt, dass im fiktiven
Thursday Murder Club Imperium Elisabeth, als Ex-Spionin eine der
Treiberinnen des Clubs, ihren geliebten Ehemann Stephen verlor
(Altersdemenz) und tief in ihrer Trauer lebte.
Die Bücher dieser Reihe werden immer aus 2 Perspektiven erzählt.
Neben der des Autors und einer sich daraus ergebenden
allwissenden Draufsicht lesen wir gelegentlich
Tagebuchaufzeichnungen von Joyce. Diese sind besonders
interessant, zeigen sie uns doch klarer, welche Informationen dem
Quartett der Rentnerdetektive eventuell noch gar nicht vorliegen,
schenken aber auch reizvolle Interpretationen von Joyce, die uns
daran erinnern, dass jede*r die Welt mit anderen Augen sieht.
Eine der wundervollsten Fähigkeiten von Richard Osman ist es, mit
liebevollen Augen auf die von ihm geschaffenen Personen zu
schauen. Dabei sind diese im ersten Moment oft kurz
holzschnittartig und prototypisch, wozu sicher ihre meist kurzen
Nachnamen beitragen (Best, Ritchie, Lloyd, Johnson, Townes), nach
und nach werden weitere Facetten sichtbar.
Beginn des Plots ist die von Joyce seit Jahrzehnten ersehnte
Hochzeit ihrer nicht mehr ganz jungen Tochter Joanna, die den im
vorliegenden Werk neu eingeführten Gatten Paul (Brett) ehelichen
wird. Die (Selbst)beschreibung von Joyces Erwartungen und sich
daraus ergebenden Konflikte auf dem Weg zur Trauung, die denen
ihrer Tochter fasst komplett diametral gegenüberstehen, sind
schreiend komisch, aber auch von viel Wärme und Liebe geprägt.
Durch Paul und seinen Freundeskreis ergeben sich für den Thursday
Murder Club neue Herausforderungen.
Zunächst einmal müssen alle nach der Hochzeitsfeier mit den
Nachwirkungen klarkommen. Das fällt einigen sehr leicht (auf
Schnaps verzichtet, Aspirin vom Schlafengehen mit einem großen
Glas Wasser), einigen schwerer und einige sterben fast. Die
Seiten, auf denen Richard Osman den Ex-Gewerkschafter Ron auf
seine körperlich harten Auseinandersetzungen mit der Polizei
während der Zeit der großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien
zurückblicken lässt und das dann im Vergleich zum aktuellen Kater
als unverhältnismäßig leicht abtut, gehören ohne Zweifel zur
Kategorie “große Literatur”.
Außerdem geht es um Autobomben, Geldanlagen, Cold Storage und
Bitcoin. Besonders die beiden letzteren Punkte nutzt Richard
Osman zu demonstrieren, wie wenig Ahnung alle altersübergreifend
eigentlich haben, welche Mittel und Tricks sie benutzen, ihre
Nicht-Ahnung zu verschleiern, und welche Möglichkeiten sich
ergeben, wenn sie sich offenbaren und dadurch ganz neue
Erkenntnisse gewinnen.
The Impossible Fortune ist in einem schnellen Tempo geschrieben,
dass immer wieder Pausen einlegt, wenn sich die Protagonisten
untereinander treffen und miteinander sprechen. Dabei findet
Richard Osman nahtlose Übergänge zu sehr lustigen Seitensträngen,
wenn Connie Johnson, eine erfolgreiche Drogendealerin (die einst
kurz im Knast saß, wohin sie der Thursday Murder Club gebracht
hatte) als Mentorin tätig wird, weil ihr Ibrahim dies empfohlen
hatte und es damit endet, dass sie einer sehr jungen Frau bei
ihrem ersten großen Raubüberfall hilft. Überhaupt mischen sich
bei Richard Osman “respektable” und kriminelle Lebensweisen
wohltuend ohne Bewertungen, denn von irgendwas muss man ja leben.
Ohne kriminelles Leben keine Gesellschaft und schon gar kein
Thursday Murder Club. Dabei sind die Kriminellen unter den
(ehemals) Reichen, unter den Gelegenheits- und unter den
Berufskriminellen zu finden, die z.B. die Nachfrage nach Drogen
bedienen. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es
automatisch schlecht oder gut ist und schon gar nicht, dass es
keinen Markt dafür gibt. Das nimmt dann teils sehr komische Züge
an, bis die Erkenntnis (bei den Leserinnen und den Handelnden im
Buch) einsetzt, dass die zugrundeliegenden Werte nicht vergessen
werden können, wenn das Leben ein gelungenes sein soll. Diese
Erkenntnis gelingt dann den Protagonistinnen selbst, dabei stoßen
sie immer wieder an Grenzen, zerstören diese aber auch. Manchmal
wird es auch sehr traurig, wenn es um die Einsamkeit geht - teils
aus falschen Lebensentscheidungen, teils aus Altersgründen, wenn
enge Geliebte und Freunde sterben. Das zeigt aber auch, wie
wichtig die selbstgewählten Bande sind, die Freunde, mit denen
man sich austauscht, mit denen man sein Leben lebt.
Die Sichtbarkeit der Älteren und Alten, denen oft mit
Unverschämtheit, Arroganz und selbstgefälligen Annahmen begegnet
wird, spielt nie eine offensichtliche Rolle, überrascht aber
immer wieder. Jede*r blamiert sich und macht sich zur Feile, das
können alle, auch die Jungen, und nicht zu knapp. Bis auf wenige
Ausnahmen (den richtigen Arschlöchern) gesteht Richard Osman
seinen Figuren aber Würde zu, die auch durch gelegentlichen
Slapstick nicht erschüttert werden kann. Da werden vegane Kaffees
besucht, Krafttraining gemacht und zur Playlist “Sounds of the
Rainforest” meditiert.
Daneben schreckt Richard Osman nicht vor harten Themen zurück,
diesmal ist ein wichtiger Nebenstrang des Whodunit die eheliche
Gewalt. Suzie, die Tochter von Ron, setzt sich mit Waffengewalt
gegen ihren Ehemann zur Wehr und bittet zunächst nur ihren
Bruder, nicht aber ihren Vater um Hilfe. Der hat währenddessen
mit enttäuschenden Erkenntnissen über sein Leben zu tun und wird
am Ende einige seiner wichtigsten Lebensglaubenssätze über Bord
werfen, um seiner Tochter und bei der Lösung des Falls zu helfen.
Denn das kann man auch gut ohne Spoiler verraten: Der Thursday
Murder Club wird seinen Fall lösen und nebenbei seine (und damit
unsere) Welt besser machen. Die Schlüssel zur Lösung und zum
Leben sind Liebe, Freundschaft und Solidarität. Und weil es
Richard Osman erschaffen hat, passiert das Ganze in schöner
Sprache, mit intelligenten Spannungs- und Handlungsbögen,
überraschenden Wendungen und einem liebevollen Blick auf die
Menschen. Viel Spaß beim Lesen!
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29.12.2025
7 Minuten
„Ich grüble über all die kleinen Dinge nach, die uns aufbauen und
zerstören, all die Kleinigkeiten, die wir verbergen und
enthüllen, vergessen und vergeben möchten. Dass wir alle
verborgene Geschichten mit uns herumtragen, zu denen wir ständig
zurückkehren, Dinge, die uns hochfliegen oder langsam
herunterkommen lassen. Ich denke über das Leben nach, das ich
gelebt habe, und über all die Dinge, die ich weiß.[...]“ (S. 382)
So lässt Sarah Easter Collins ihre Protagonistin Robyn in ihrem
Roman So ist das nie passiert ihre Gedanken formulieren und es
ist gleichzeitig ein Rückblick auf ihr Leben, der ebenso die
Frage aufwirft, was wir wirklich wissen und wie fehlerhaft
Erinnerungen sein können; ein Thema welches sich durch den
gesamten Roman zieht und tragend für den Verlauf der Handlung
sein wird.
Ausgangspunkt des Romans, der 2024 im Heyne Verlag erschien und
im Original den Titel Things don`t break on their own trägt, ist
ein Abendessen. Zugegen sind die Protagonistin Robyn und deren
Frau Cat, die auch gleichzeitig die Gastgeberinnen sind. Außerdem
Robyns Bruder Michael und dessen Freundin Liv, Robyns gute
Freundin Willa und deren Freund Jamie sowie Cats Bruder Nate und
dessen Freundin Claudette. Dabei spielen vor allem Robyn und
Willa eine zentrale Rolle und aus ihren Blickwinkeln wird auch
der Roman kapitelweise erzählt. Besonders dramatisch ist dabei
vor allem Willas Geschichte, denn ihre Schwester Laika
verschwand, als sie noch ein Teenager war und wird zum Zeitpunkt
des Dinners, an dem die Geschichte einsetzt, bereits seit über 20
Jahren vermisst. Neben der Tatsache, dass Willa die Hoffnung,
ihre Schwester zu finden, nie aufgegeben hat, was ihr Leben in
erheblichem Maß bestimmt hat, kommt an diesem Abend noch hinzu,
dass sie in Claudette, der Freundin von Cats Bruder, plötzlich
ihre lange verschollene Schwester zu erkennen glaubt. An diesem
Punkt setzen die Erinnerungen und Rückblicke auf die
Geschehnisse, die bis zu diesem Punkt reichen bzw. geführt haben
ein und werden kapitelweise abwechselnd von den Protagonistinnen
erinnert, wodurch sich für die Leserin nach und nach ein sehr
differenziertes und unerwartetes Bild ergibt.
Robyns und Willas gemeinsame Geschichte beginnt im Internat, auf
welches Willa kurz nach dem Verschwinden ihrer Schwester von den
Eltern geschickt wird. Die Elternhäuser der beiden Mädchen
könnten kaum unterschiedlicher sein. Während Robyn in einem
liebevollen Haushalt aufwächst, in dem viel miteinander
gesprochen, agiert und diskutiert wird, in dem es gegenseitige
Wertschätzung und Respekt gibt und den man landläufig wohl als
liebevoll bezeichnen würde, erfährt Willa in ihrem zu Hause vor
allem Unterdrückung, Aggressionen und Gewalt durch den Vater,
wobei sich dessen physische Gewalt nicht an Willa selbst, sondern
deren Mutter und Schwester entlädt. Es ist ein zu Hause der
Abhängigkeiten und des Machtmissbrauchs, in der die Mutter
Bianka, versucht ihre Töchter zu schützen und in dem der Verlust
der Tochter und Schwester kaum zu verarbeiten ist. Das
unterschiedliche Aufwachsen der Mädchen ist auch ein wichtiger
Grund, warum sie letztlich zueinander finden und nicht nur eine
tiefe Zuneigung und Freundschaft, sondern auch Liebe füreinander
empfinden, denn die ausgeglichene Robyn kann Willa die
Geborgenheit und Ruhe schenken, die sie in ihrem eigenen zu Hause
kaum erhält und findet gleichfalls in Robyns Familie eine Art
Ersatzfamilie, die sie liebevoll aufnimmt. Umso tragischer ist
es, dass es zwischen Willa und Robyn kurz vor Ende ihres
Abschlusses am Internat zu einem Bruch kommt, der vor allem
Willas Verhalten zuzuschreiben ist und zwar später wieder
aufgelöst werden kann, anhand dessen Sarah Easter Collins aber
ebenfalls aufzeigt, wie sehr ihr Handeln von ihrem großen Verlust
beeinträchtigt wird. Ein weiteres Beispiel für die zentralen
Dynamiken inklusive Machtverhältnisse und Beziehungen im Roman
beschreibt Collins anhand der Partnerschaft, die Willa mit ihrem
Freund Nate führt. Zunächst liebevoll und zugewandt, wandelt sich
dies unter dem Einfluss von Willas Vater, der Nate regelrecht für
sich beansprucht, ins komplette Gegenteil, wobei es Willa lange
Zeit nicht gelingt, angemessen auf dieses Verhalten zu reagieren
bzw. sich daraus zu lösen.
Zentrales Motiv des Romans ist, neben dem traumatischen Verlust
und den Auswirkungen innerhalb der Familie, aber auch die Frage
danach, wie wir Dinge erinnern und wie trügerisch Erinnerungen
sein können. Es ist bekannt, dass Erinnerungen vom Gehirn jedes
Mal neu rekonstruiert werden und nicht wie eine Art Video
ablaufen, dabei werden aber auch Lücken einfach mit Informationen
aufgefüllt, die plausibel erscheinen und nicht real sind bzw.
erlebt worden sein müssen. Vor allem starke Emotionen können dazu
führen, dass Erinnerungslücken falsch aufgefüllt werden und sich
durch häufiges Erzählen verfestigen. Die eingangs erwähnte
Dinnerparty zu welcher sich Freunde und Familie treffen und bei
der Willa glaubt, ihre verschollene Schwester wiederentdeckt zu
haben, stellt im Roman den Ausgangspunkt dafür dar, dass vor
allem Willa beginnt sich, beginnend bei ihrer Kindheit, zu
erinnern. Durch die Perspektiven anderer Protagonistinnen wird
dann allmählich deutlich, dass Dinge teilweise falsch erinnert
wurden bzw., und ich denke, so ist es häufig der Fall, einfach
Teil ihrer Wahrheit und ihres Erlebens sind, die auch darauf
beruhen, dass ihr Informationen schlichtweg fehlen. Wodurch sich
für die Leserin – und auch die Akteurinnen – schließlich nach und
nach aus einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild ergibt und damit
generell aufzeigt wird, dass Wahrheit und Perspektiven
miteinander verwoben sind.
Dadurch gelingt Sarah Easter Collins mit So ist das nie passiert
ein komplexer Roman, der thematisch sehr breit aufgestellt ist,
trotz der Schwere der Themen einfach und flüssig zu lesen ist und
dessen Verlauf man einfach immer weiter folgen möchte, um zu
sehen, welches Bild die einzelnen Teile ergeben. Er hat mich aber
auch einmal mehr dankbar und demütig gegenüber meiner eigenen
Familie und Freunde zurückgelassen und ist, nun wenig
überraschend, eine klare Empfehlung von mir.
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21.12.2025
11 Minuten
Buchempfehlungen sind eine Unmöglichkeit und zu unterlassen! Es
gibt 170 Millionen Buchtitel, aktuell, und jedes Jahr kommen 2,2
Millionen hinzu. Es gibt 8,3 Milliarden Menschen auf der Welt und
jeder ist dem anderen fremd. Wie kann man da auf die Idee kommen,
jemand könne jemandem anderen halbwegs kompetent sagen, was er
als nächstes lesen solle? Jeder weiß das und alle ignorieren es.
Spätkapitalistischen Wirtschaftsunternehmen verzeiht man das
Generve noch, ihr einziger Existenzgrund ist, Dir S**t zu
verkaufen. Literaturnewsletter und -podcasts sind da schon
grenzwertiger, wie viel Sendungsbewusstsein ist zu viel
Sendungsbewusstsein? Jedes. Immerhin ist das Abonnement
freiwillig. Aber Freunde sollten es besser wissen. Und dennoch
empfiehlt unser ehemaliger Rezensent für das Studio B, Heiko
Schramm, mir unerschrocken immer wieder Bücher, die sicher
hervorragend, nützlich und vergnüglich sind, wenn man, sagen wir,
vorhat, einen mittelgroßen Karibikstaat geheimdienstlich zu
unterwandern oder, sicher auch nützlich zu wissen, als
Außenminister der Vereinigten Staaten 3-Letter-Word-Agencies
gegeneinander ausspielen möchte. Kurz, ich bin begeistert, es
wärmt mir das Herz, dass mir zugetraut wird, den
Nahostfriedensprozess entscheidend voranzubringen, aber mir fehlt
einfach die Zeit, mich in die oft kiloschweren Werke
einzuarbeiten; der Mord an JFK bleibt vorerst ungeklärt.
Entsprechend erfreut und reserviert war ich, als Mr. Schramm mir
vor meiner Exkursion nach Japan zwei Bücher auf die Leseliste
setzte, die ich bitte in Asien beginnen möge. Kein “vielleicht”,
kein “wenn es passt”, es war eine Anweisung, der ich besser Folge
leiste. Immerhin waren die Titel japanisch, die Autoren bekannt:
“Shibumi” von Trevanian (Das Pseudonym von Rodney William
Whitaker, einem Mid-Century Bestsellerautor)
und
“Satori” von Don Winslow, genau dem, der Untertitel lautet “A
Novel based on Trevanian’s Shibumi” - interessant.
“Shibumi” fängt spektakulär an. Heftig überzeichnetes
CIA-Personal - der Veteran, Zigarre im Mundwinkel; der
intrigierende Chef mit seinem an seinen Rockzipfeln hängenden
Assistent, jedes Wort mitschreibend - werten eine “Aktion” aus.
Auf einem Flughafen in Rom gab es eine Schießerei und wir
verstehen die Worte, aber nicht wirklich den Zusammenhang -
Geheimdienste halt. Zunächst werden zwei Israelis erschossen,
dann die Schützen, die Japaner sind (?) aber irgendwie für die
PLO arbeiten und dann doch für die CIA und wiederum von derselben
erledigt werden, inklusive zwei, drei italienischen Kindern und
Opas. Krass. Was geht ab?!
Unklar. Was nicht an der Beschreibung liegt. Die ist brillant,
vorstellbar, actionorientiert und trotz des vielen Blutes
irgendwie fast “leicht”. Wir sehen das ganze aus den Augen der
beteiligten Agenten, die das wiederum auf einem richtigen
Zelluloidfilm sehen, aufgenommen von CIA-Agenten speziell für das
Debriefing. Das gibt uns einen ersten Hinweis auf die Ära, in der
wir uns befinden. Da ich wie immer komplett ahnungslos ins Buch
gegangen bin, ist für mich noch unklar, wann es geschrieben
wurde. Der erste Hinweis sind die sehr “Achtziger”-Meinungen des
Veteranen-Agenten hinsichtlich des ihm zugeteilten Wingman.
Dieser ist der Sohn eines Palästinenserführers, er wird im
gesamten Buch als “Ziegenhüter” beschrieben werden. Das geht
heute natürlich nicht mehr. Nicht weil heutzutage Rassismus
gecancelt ist, sondern weil ein solch offensichtlicher Sarkasmus
heute nicht mehr funktioniert. Entgegen der allgemeinen Annahme
ist die Ursache aber nicht, dass wir jetzt alle supersensibel
sind oder gar woke, sondern weil spätestens seit 9/11
antimuslimischer Rassismus hoffähig geworden ist und als Reaktion
darauf ein solcher Sarkasmus gekennzeichnet werden muss, in rot,
plus Warnung auf dem Cover und Herausgabe des Buches an Deutsche
Linke nur gegen Ausweis. Trevanian, als Meister der Ironie, ist
dankbarerweise in 2005 gestorben und musste den ganzen Quatsch
nicht mehr miterleben, wir, als Leserinnen eines Buches aus 1981,
müssen uns erst wieder einarbeiten. Die Ironie ist nicht nur an
der offensichtlich übertriebenen Wortwahl zu erkennen, Trevanian
legt seinem weltgewandten und weit rumgekommenen Haupthelden
starke Thesen zu allen möglichen internationalen Akteuren in den
Mund, jeder bekommt sein Fett weg.
Bis der Japanschwerpunkt, wegen dessem mir das Buch ins
Handgepäck beordert wurde, ins Spiel kommt, vergehen ein paar
Seiten und zwar bis unser Protagonist, Mr. Hel (ein L) eingeführt
wird. Das traf sich, kam doch auch ich erst recht spät in Japan
zum Lesen und so koinzidierte die Jugend von Mr. Hel, als Sohn
einer Russin und eines Deutschen, aufwachsend im Japan der späten
2. Weltkriegsjahre (mit den bekannten verheerenden Auswirkungen)
mit meiner Reise durch die Stätten ebendieser Geschichte,
kulminierend mit einem Besuch des Friedensmuseums in Hiroshima
just zu dem Zeitpunkt, als im Buch die erste Liebe von Mr. Hel
dahin zu ihren Eltern zurückkehrt, Anfang August 1945. Das wirkt.
Beschrieben wird im Roman, seltsam schwebend zwischen Action und
Betrachtung, die Suche eines weißen, kulturellen Japaners nach
Shibumi. Shibumi ist eines dieser klassischen unübersetzbaren
japanischen Worte, die darauf hinauslaufen, dass Du am Ende vor
deinem Steingarten im Regen sitzt und meditierst.
Bis er diesen Zustand findet, muss Nicolai Hel irgendwie Geld
verdienen und, ausgebildet in exotischen Kampfkünsten, dem
Brettspiel Go und gesegnet mit einer (minderen) Superpower,
beschließt er, Terroristen zu jagen. Das macht er gegen Geld,
aber, wenn es ihm in die Moral passt, auch Pro Bono. Dass er
dabei einer erklecklichen Zahl von Akteuren auf die Füße tritt,
kommt mit dem Terrain und, wie er selbst bemerkt, hat er eine
Menge negatives Karma angehäuft. Zum Killen braucht es neben
Geschick auch Glück und das hält nicht ewig, weshalb Nico mit
fünfzig im Ruhestand ist und ein altes Schloss im Baskenland
renovierend um einen japanischen Garten erweitert, was man so
macht, als Auftragsmörder a.D. Aber natürlich ist das nicht das
Ende des Romans, womit die Spoiler enden.
Das alles ist genauso leicht geschrieben wie hier rezensiert,
hier wird nicht viel ernst genommen und die Story eher zum
Anlass, das ganze Geheimdienstgewerbe samt ihrer staatlichen
Auftraggeber zu kommentieren, auszulachen, zu kritisieren und
dass da niemand lebend rauskommt, dafür ist Rodney William
Whitaker aka Trevanian bekannt. Man amüsiert sich köstlich, es
erinnert, nicht nur wegen der epikuräischen Einschübe, an Simmels
“Es muss nicht immer Kaviar sein” und im Stil ein bisschen an die
“Neal Carey”-Serie von Don Winslow, die, na was für ein Zufall,
zur selben Zeit rauskam. Deren Markenzeichen waren eingeschobene
dutzendseitenlange Essays zu eher obskuren Themen (Chinesische
Geschichte, Punks in London). Das macht Trevanian auch gern, hier
in “Shibumi” ist es das Höhlenklettern, im Englischen so schön
“Spelunking” genannt, dass bis zum letzten Seilknoten beschrieben
wird. Trevanian schafft es dann gerade noch, den Essay zum Thema
mit einem späten Plotpoint sinnvoll zu machen, aber selbst ohne
dieses Kunststück ist dieser Stil ein sehr angenehmer Throwback
in eine Zeit vor den formalistischen Serientrillern des
industriellen Whodunnitzeitalters: alle Bücher 360 Seiten lang
und genau bei 180 Seiten muss der Midpoint, die entscheidende
Wendung, passiert sein. In “Shibumi” philosophiert der Autor zu
dem Zeitpunkt noch gelassen über die Herkunft der Baskischen
Sprache und wir freuen uns über die Unberechenbarkeit der Be- und
Entschleunigung. Es ist alles ein bisschen japanisch. Ach né.
Gleichzeitig ist es ein interessanter Blick in das Mindset der
Achtzigerjahre und abgesehen von der nicht vorhandenen Scheu,
Araber, Briten, Amis und alle anderen Drumrum ein bisschen aufs
Klischéeis zu führen, ist es durchaus frappierend, wie viele der
Aussagen zum Zustand der Politik hellseherisch wirken, bis man
merkt, dass man das verkehrtherum sieht - ja, die Politik war
schon immer korrupt, lange bevor Techbros dem Präsidenten einen
Goldenen Ballsaal bauten, weil der so gut nach ihrer Pfeife
tanzen kann.
Ich sag: “Danke, Heiko, Top Treffer, Spitzenbuch!” und somit auch
Nichtjapanreisenden empfohlen.
Das sah um 2011 herum auch der große Don Winslow so. Irgendwann
zwischen den brillanten beiden “Savages” Büchern (damals
besprochen von Irmgard Lumpini) meinte old Don noch ein Buch
einschieben zu müssen, das man heute gemeinhin als Fanfic
definiert. Er schreibt in “Satori” die Geschichte von Nicholai
Hel weiter, oder genauer, er füllt die Lücken in der Biografie,
wie wir sie in “Shibumi” lasen. Und das macht zunächst durchaus
Sinn, der Autor des Originals ist lange tot und die erfundene
Figur damit verdammt zu einem einzigen Auftritt, was liegt näher
als ihm einen weiteren zu geben, und warum nicht von Don Winslow,
der, siehe oben, seine schriftstellerische Karriere in ähnlichem
Stil begann.
Leider/zum Glück, je nach Perspektive, hat sich Don Winslow
stilistisch weiterentwickelt. Dramaturgisch sind seine Romane
deutlich komplexer aber auch zielstrebiger geworden - etwas, was
man von “Shibumi” nicht wirklich behaupten kann. Entsprechend
groß ist der Bruch, wenn man “Satori” direkt im Anschluss liest.
Wo Trevanian sich Zeit nimmt für einen Ausflug in Kommentare zur
Weltpolitik oder die gefährliche Welt des Spelunking, füllt Don
Winslow die Lücken im Lebenslauf des Nicolai Hel auf und es ist,
sorry, “Malen nach Zahlen”. Wo Trevanian uns in Hel’s
Lebensgeschichte mit albernem Nonsens unterhält, zum Beispiel der
Story, wie Hel zum “Lover der Stufe IV” wurde, inklusive der
Beschreibung, was Stufe I bis III sind und wie man diese Skills
als Waffe einsetzen kann - und ich muss nicht erklären, dass das
alles lustiger Blödsinn ist - langweilt uns Don Winslow mit einer
peinlichen Sexszene, die wohl in die Vita von Nico Hel passt,
aber leider komplett das Sujet des Originalromans “intelligente
Spionagekomödie” verfehlt. Das liegt natürlich daran, dass Don
Winslow seit der Neal Carey Reihe ein brillanter Schriftsteller
und Storyteller geworden ist, dabei aber an Humor eingebüßt hat.
In seinen Spätwerken fallen mir ein paar Szenen mit Sean Callan
und Stevie O’Leary, den Teenager-Gangstern aus Hell’s Kitchen in
“Tage der Toten” ein, die ein bisschen Slapstick machten, bis
alles in ernsthaft blutigen Massakern versank und damit war
Schluss mit Lustig.
Genauso geht Don Winslow auch an “Shibumi” heran und das ist dann
halt ziemlich langweilig, Fanfic halt, und ich bin nach einem
Viertel im Buch ernsthaft gelangweilt und kann das alles nicht
empfehlen.
Dafür, wie gesagt, umso mehr Trevanians Original “Shibumi”, denn
was wäre die Welt ohne Buchempfehlungen?!
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14.12.2025
34 Minuten
Wie jedes Weihnachten geben wir Buchempfehlungen für den
Gabentisch, meist Bücher, die es nicht bis zur Rezension
geschafft haben, aber dennoch absolut empfehlenswert sind. Hier
die Liste zum Bestellklicken:
Irmagrd Lumpini
* Wildhonig - Jody Picault und Jennifer Finney Boylan
* Lady in The Lake/Wenn niemand nach dir sucht - Laura Lippman
* The City We Became/Die Wächterinnen von New York - N. K.
Jemisin
* Der Stich der Biene/The Bee Sting - Paul Murray
Herr Falschgold
* Murder on the Marlow Belle/Mrs Potts’ Mordclub - Robert
Thorogood
* Roter Mars: Die Mars-Trilogie - Kim Stanley Robinson (1993)
* Shadow Ticket/Schattennummer - Thomas Pynchon
Anne Findeisen
* In ihrem Haus - Yael van der Wouden
* Wild wuchern - Katharina Köller
* No Hard Feelings - Genevieve Novak
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