Podcaster
Episoden
08.03.2026
35 Minuten
Im neue Literaturrubriken erfinden sind wir stark und wie gut sie
passen, laden wir unsere Hörerinnen und Hörer gerne ein, selbst
zu überprüfen. Die Bücher sind alle ein bisschen darker als das
sein muss, aber manchmal muss das auch sein, als da wären Mieko
Kawakami: Heaven (rezensiert von Irmgard Lumpini), Tove
Ditlevsen: Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben
will (rezensiert von Anne Findeisen) und Joseph Wambaugh:
Hollywood Station (rezensiert von Herr Falschgold).
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22.02.2026
5 Minuten
Zum Zeitpunkt ihres Todes, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal
jährt, war Tove Ditlevsen eine der meistgelesenen
Schriftstellerinnen Dänemarks, zu deren Begräbnis hunderte
Menschen erschienen und ausharrten, um sich von der Dichterin
verabschieden zu können. Und das wollte sie auch immer sein: eine
Dichterin, besser gesagt eine Lyrikerin. Obwohl wir gerade in
Deutschland bisher hauptsächlich ihre Romane kennen, was vor
allem daran liegen dürfte, dass diese bereits ins Deutsche
übersetzt wurden, wurde sie in ihrem Heimatland vor allem durch
ihre Gedichte bekannt, die von Anfang an viel Aufmerksamkeit
erregten. Dies lag unter anderem daran, dass die Lyrik noch nicht
den Stellenwert besaß, den sie später erlangte und Tove Ditlevsen
mit 22 Jahren als Frau und Arbeitertochter auf dem Literaturmarkt
eine regelrechte Sensation war. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte
sie acht Gedichtbände, sowie weitere Bände mit ausgewählten
Gedichten, über die Übersetzerin Ursel Allenstein im Nachwort des
eben erschienen Gedichtbandes Folgendes schreibt: „Sie gingen ins
kulturelle Gedächtnis des Landes ein und blieben dort auch nach
ihrem Tod im Jahr 1976 lebendig, wurden von Großmüttern an
Töchter und Enkelinnen weitergegeben, in Poesiealben geschrieben,
von Musikerinnen […] vertont.“ (S.175)
Die in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will
veröffentlichten Gedichte umfassen einen Zeitraum von vier
Jahrzehnten und sind nicht chronologisch angeordnet, sondern
„[...] bilden einen thematischen Dialog zwischen jenen
Gegensätzen, in den Gedichte aus jeder Phase des Werks
miteinander treten[...]“ (S.179). Aufgrund der großen Zeitspanne
sind sie nicht nur thematisch äußerst vielfältig, auch eine
Veränderung in Ditlevsens Schreibstil – ihre Entwicklung als
Lyrikerin und Mensch – ist deutlich zu spüren. Die späteren
Gedichte muten oft mehr wie Erzählungen oder Beobachtungen an,
was zum einen am nun häufigeren Verzicht der Reimform liegt, zum
anderen am lyrischen Ich, das deutlich abgeklärter und
desillusionierter wirkt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass
sich die Jahreszahlen, die den Gedichten beigefügt sind,
lediglich auf das Jahr der Veröffentlichung des entsprechenden
Gedichtbandes beziehen. Wann einzelne Gedichte genau verfasst
wurden, ist teilweise nicht mehr rekonstruierbar oder en detail
nachzuvollziehen.
Die Auswahl der Gedichte, für den an dieser Stelle besprochenen
Gedichtband, geben einen guten Einblick über die Themen, die Tove
Ditlevsen zeitlebens beschäftigt haben mögen und auch in ihren
Romanen immer wieder zu finden sind. Es ist die Beschäftigung mit
der Frau, der Freundin, der Familie; als sie selbst, in
allgemeinen Betrachtungen des Alltags oder als ihr Gegenüber.
„Ich kannte die stumme Einsamkeit
ein Lächeln, als seist du nicht hier –
von meinem eigenen Spiegelbild
und sah mein Gesicht in dir.“ (aus: Vertraut, S. 95)
Auch das Kind oder Kind-sein ist ein zentrales Motiv, das sie in
vielfältiger Weise bearbeitet. Dabei ist sie entweder selbst das
Kind, erinnert Dinge aus der Kindheit, aber auch Kindheit im
Allgemeinen, das Erwachsenwerden, sowie Mutterschaft und Ehe
stehen thematisch in enger Verbindung.
„Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben kann,
bis ich selbst kaum noch glaub, dass uns etwas verbindet,
ihre Augen starren mich aus dem Spiegel an,
als suchte sie etwas, das man allzu schwer findet.“ (aus: Da
wohnt ein junges Mädchen in mir, S. 167)
Als thematischen Gegenspieler zum Kind-sein empfinde ich ihr
stetiges Befassen mit dem Tod. Wie eng die Themen miteinander
verwoben sind, zeigt das eben genannte Zitat besonders deutlich.
Es ist aber auch ein Thema, das erschöpfen kann. Die ständige
Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und auch einer
gewissen Todessehnsucht, die durchaus aus ihren Gedichten
hervorgeht, ebenso wie die Gedanken an den Tod anderer oder das
tatsächliche Erleben dessen strengen an. Sie machen traurig,
erschöpfen, lassen das eigene Leben in einem neuen Licht
erscheinen, werfen Zweifel auf und sind dennoch unvermeidlich.
Ich stelle mir vor, dass es für Tove Ditlevsen auslaugend gewesen
sein muss und trotzdem sind ihre Gedichte nicht frei von
Hoffnung. Sie ver- und bearbeitet ihre Ängste und Sehnsüchte,
reflektiert und porträtiert sich selbst und andere, stellt
Beobachtungen an und erschafft mit ihren Gedichten, so viel wird
an der Auswahl in Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht
sterben will klar, eine lyrische Zusammenfassung ihres Lebens.
„Wächst das Glück wie eine Perle
leise und an vielen Tagen,
dann lieb ich – seltsam, aber treu –
alle meine Niederlagen“ (aus: Abwechslung, S. 31)
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15.02.2026
9 Minuten
So hart gesellschaftliche Umbrüche für die direkt Betroffenen
sind: Kämpfer, Bürger, Mitläufer, Täter, gibt es zusätzlich
Kollateralgeschädigte, die wir nicht vergessen wollen: die
Connaisseure der im Umbruch unvermeidlich untergehenden
Kulturprodukte, der originären Kunst der überwundenen
Verhältnisse. Hechelte man als Zoni Prä-89 noch jedem Hauch
subversiven Kunstwerks hinterher: das nur im Westen erschienene
Buch, der Film, der es gerade so durch die Zensur geschafft hatte
und als kompromittiertes und meist ziemlich langweiliges Stück
Zelluloid mit den immer gleichen Schauspielern deutlich braver
war als erwartet, interessierte all das 1990 niemanden mehr.
Dreißig Jahre später bekommt mich selbst ein guter Kundera kaum
hinter dem Ofen hervor, sorry, Radim, zu viel Neues,
Interessantes ist zu lesen, zu verstehen.
Das gleiche Phänomen könnten wir nun, fünfunddreißig Jahre nach
dem Mauerfall in den USA beobachten, wo aus einer fehlerhaften
Demokratie ein waschechter Polizeistaat gemacht werden soll und
keinen Redneck, keine Bluestate-Intellektuelle oder gar
oppositionelle Politiker scheint es groß zu interessieren und
wenn sie mal den Anschein erwecken, bleiben sie ratlos im
Angesicht der Faschisten, als ob es keine Erfahrungen gäbe, wie
mit solcherlei Vandalismus umzugehen sei.
Das ist furchtbar für alle, die nicht weiß genug sind und von
frisch angeheuerten Schergen der Ausländerbehörde ICE auf offener
Straße entführt werden, furchtbar für die Angehörigen der
Engagierten, die beim Versuch, das zu verhindern, erschossen oder
schwer verletzt werden.
Wie bekomme ich jetzt bloß die Kurve zur Kunst?
Fangen wir noch mal an: War es das mit der liberalen Demokratie
in den USA? Kommt jetzt der Polizeistaat von New Hampshire über
Minnesota bis San Francisco? Und: war der nicht schon immer? Fing
es nicht mit dem Sheriff an, damals, vor zweihundert Jahren, der
den Bandenführer eigenhändig aufknüpfte, statt auf den
Friedensrichter zu warten, der den Schänder am Ende freispricht?
Und ließ zur selben Zeit nicht sein Kollege in den Südstaaten die
Rollos runter, weil vor seinem Fenster der Plantagenbesitzer
einen Sklaven teeren und federn ließ, weil sich seine Tochter in
ihn verknallt hatte und die beiden abhaun wollten? “Was ist neu
an Polizeiwillkür?”, kann man fragen.
Neu ist die Haltung, vertreten von der amtierenden Regierung,
dass das alles genau so in Ordnung war und gerne wieder so sein
soll. Selbst im grimmigsten Western der die Geschehnisse
verarbeitet, kommt am Ende der Friedensrichter und tadelt den
Sheriff, damit der Zuschauer weiß, wo law her- und order
hinkommt. Und 1861 wurde vom Norden ein ganzer Bürgerkrieg
losgetreten, damit die Lynchjustiz im Süden ein Ende habe. Heute
korrumpiert die Regierung die Justiz und erklärt zur Legende,
dass es im Amerikanischen Bürgerkrieg um die Abschaffung der
Sklaverei ging, erklärt stattdessen in Republikanischen
Bundesstaaten eine Mindeheitenmeinung zum Curriculum, die
versucht den Bürgerkrieg zum Kampf um die Rechte von
Bundesstaaten zu machen.
“Ok,” so die Frage, “wir sehen den Umbruch, aber was hat das mit
der amerikanischen Kultur zu tun?”
Die Antwort: “Rambo I - First Blood.”
Der Vietnamrückkehrer Sylvester Stallone wird dort von einer
Horde selbstgerechter Dorfbullen mit viel Munition und wenig
Skill in Grund und Boden geschossen und es ist von Anfang an
klar, auf wessen Seite man steht, wer der Gute ist, wer die Bösen
sind. Und das wäre heute anders! Denn da bezeichnen Trump &
Co. den auf offener Straße hingerichteten Krankenpfleger im
Veteranenkrankenhaus, Alex Pretti, als Aufständigen, als
Unruhestifter, als “would-be assassin“ gar. Nichts davon ist
wahr. Die dummen Bullen aus Rambo I sind an der Macht. Das
versaut den Filmgenuss, zu krass ist das Umkippen der Realität
und kein Happy End in Sicht.
Nun ist der Spin des ersten Rambo-Films - Hero: gut, Bullen: böse
- ja eher ungewöhnlich. Normalerweise sind die FBI-Beamten
clever, der Sheriff gutmütig mit Schmerbauch und großem Herz, und
der Anwalt gewieft, wie er das Justizopfer raushaut. Aber,
leider, auch so herum funktioniert die Kulturverlusttheorie: der
ganze s**t ist vor dem Hintergrund von ICE-Konzentrationslagern
und dem sinnlosen Erschießen von Bürgern einfach nicht mehr
konsumierbar. Zumindest geht mir das so. Denn selbst wenn sich
Kunstschaffende nicht dem Diktat der gesellschaftlichen Stimmung
beugen (wie sie es im Allgemeinen wenigstens versuchen) und
weiterhin die Heldenepen von Law und Order singen, die nötige
kognitive Dissonanz, um das vergnügt zu konsumieren, kann ich
nicht aufbringen.
Ein paar Beispiele:
Der letzte Reacher war nicht nur schlecht geschrieben, auch
inhaltlich ist er nicht mehr haltbar. Wie kann man dem Buch die
Story abnehmen, dass die Korruption im militärisch-industriellen
Komplex durch den heldenhaften Einsatz moralisch aufrecht
gehender Muskelpakete gestoppt werden kann, im Angesicht von
Oracle, einem Privatunternehmen, das über die Jahre fast eine
halbe Milliarde Dollar an die aktuelle Regierung spendete und im
Gegenzug der US Air Force ihre Cloud verkauft? (Wer denkt, das
sei ein Verlustgeschäft, hat das mit dem Technofeudalismus noch
nicht verstanden.)
Und selbst der letzte Michael Connelly, ein Lincoln Lawyer
Thriller, der sich um die Verantwortlichkeit von AI Firmen für
ihre Produkte und deren Konsequenzen kümmert und bei dem
natürlich der gute Anwalt gewinnt, wirkt unglaubhaft, wenn sich
die vorbildgebenden Firmen mit Millionenspenden an ihren Tanzbär
passende Gesetze kaufen, die genau das im richtigen Leben
verhindern. (Immerhin ist das Buch gut geschrieben und für ein
solches Thema exzellent recherchiert).
Gefühlt rutschen hier zwei Drittel der amerikanischen Popkultur
in die Spalte “unlesbar”. Was bleibt da noch zu konsumieren?
Vielleicht sowas:
Oberflächlich nicht ganz so Fun wie ein brainless thriller von
Lee Child wäre da zum Beispiel dieser Klassiker von Joseph
Wambaugh: “Hollywood Station“. Erschienen in 2006, erzählt er als
Episodenroman aus dem Alltag im titelgebenden Revier
stationierter Streifenpolizisten. Das Ganze spielt Anfang der
2000er und die LAPD steht immer noch unter Beobachtung, nach den
Misshandlungen Rodney Kings und den anschließenden Unruhen im
Jahr 1992. Wir sagen zunächst “richtig so” und lernen sofort,
dass nichts im Leben so eindeutig ist, wie man es auf dem Plenum,
respektive am Tresen, postuliert, selbst hier in Germany. Die
Lebensrealität so manchen Fußballfans jeglicher Vereinsaffilität
ist das zustimmende Hochhalten der A.C.A.B.-Tapete samt
obligatorischem Unvergessensgesang, um auf dem Weg vom
Auswärtsspiel zum Bahnhof dann doch ganz froh zu sein, dass
zwischen ihr und den Hansa-Idioten eine Hundertschaft steht. In
dieser Hundertschaft steht dann so mancher gewaltbereite Neonazi,
ein einzelnes schwarzes Schaf, keine Frage, absolut, das sagt ja
auch die Polizeigewerkschaft, und neben dem faulen Apfel so
mancher Idealist, der einfach der Fußballoma den unversehrten
Nachhauseweg garantieren will. Dieses Spektrum, in letaler,
erlebt die Los Angeleser Streifenpolizistin mit ihrem Partner in
den seedy Hinterhöfen des Hollywood Boulevard und wir
aufgeklärten Linksversifften müssen ein bisschen hart im Nehmen
sein, wenn wir die Meinung der “boots on the ground” so ganz
ungefilter zu lesen bekommen: Meinungen, nein: Urteile, man
könnte fast sagen: Vorurteile, zu Minderheiten, zu Politikern, zu
politischen Aktivistinnen, die wir glattweg als “rassistisch”
abtun können, aber wenn die Meinungshabende dann vom schwarzen
Pimp ein Auge ausgeschlagen bekommt und wir das alle haben kommen
sehen, hinterfragen wir uns dann doch ein bisschen
ergebnisoffener und exakt das ist es doch, was Literatur leisten
soll. Ich als erklärter Todfeind der Kurzgeschichte bin natürlich
gehandicapt ob der Struktur des Buches, aber da sich die
Ministories am Ende zusammenfinden, ist das annehmbar. Es war die
Zeit von “Smoke” und “Coffee and Cigarettes”, da konnte Joseph
Wambaugh gar nicht anders.
Deutlich neuer ist das (fast) Erstlingswerk des in den USA
lebenden Tschechoslowaken Alexander Boldizar: “The man who saw
seconds...”. Es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt (er
schreibt auf Englisch), aber das wird kommen, das Ding hat Preise
gewonnen, es ist prädestiniert dafür, in einen erstklassigen
Hollywoodthriller portiert zu werden und es ist frappierend
aktuell, beginnt es doch mit einer klassischen Episode von
Polizeiwillkür und endet in… man darf nicht spoilern, man darf
nie spoilern, aber hier bei diesem Buch ist es noch verbotener
als sonst. Nie wurde ein Buch geschrieben, welches von einem
unrechtmäßigen Polizeistop in der New Yorker U-Bahn so
exponentiell eskaliert. Man fragt sich alle Absätze, wie weit der
S**t noch gehen soll, was denkt sich Boldizar als nächste
Eskalationsstufe aus und man liegt immer daneben. Es ist ein
“blast” in allen Wortsinnen und es ist, wie gesagt, hochaktuell.
Hoffen wir, dass diese beiden Beispiele nicht die letzten einer
untergegangenen Kultur sein werden. Ja, die, nennen wir sie:
“Polizeikultur” in beiden Wortsinnen, als gelebte Handlung und
als geschriebene Verarbeitung derselben, war nie frei von Dingen,
die man kritisieren konnte, musste und vielleicht haben wir, und,
wichtiger, die Amerikaner das nicht getan, was zweifellos zum
heutigen Klima in den USA führt. Aber, sie war fun, sie war
spannend, sie war interessant und man hatte als Europäer immer
den bequemen Platz im Ohrensessel, von dem man aus sagen konnte
“Ne... diese Amis, das könnte hier nie passieren!” und vielleicht
nehmen wir die Ereignisse im beschriebenen und realen “Dort” zum
Anlass, dass das “hier” auch so bleibt.
Wenn der Preis dafür ist, dass man mal wieder ein anderes Genre
lesen muss, bezahle ich den traurig grummelnd.
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11.01.2026
35 Minuten
3 Werke, 3 Empfehlungen! Kann das neue Jahr besser beginnen? Wir
lobpreisen diesmal “Shibumi” von Trevanian, “So ist das nie
passiert” von Sarah Easter Collings und die 5. Folge des Thursday
Murder Clubs: “The Impossible Fortune” von Richard Osman.
Wegen eines technischen SNAFUs ist die Qualität leicht
eingeschränkt, wir machen das beim nächsten mal wieder besser.
Sorry!
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04.01.2026
9 Minuten
Liebe Leserinnen und Leser,
kann unsere kleine Nischenradiosendung - die sich mit Produkten
für einen doch größeren Markt, nämlich den der Literatur
beschäftigt - eine kleine edgy Show sein, wenn sie schamlos
Bestseller anpreist?
Kann sie, aber nicht heute. Denn wir kommen gleich zu Beginn zum
Urteil eines Wohlfühlbuches: der 5. Band der Whodunit-Reihe des
Thursday Murder Clubs, im Original “The Impossible Fortune” ist
eine große Empfehlung, deren Bestsellertum nicht hoch genug
gewürdigt werden kann, schafft es doch Tausendsassa und Autor
Richard Osman, neben einer spannenden Whodunit Story komplexere
Charaktere zu erschaffen, deren Wertesystem manchmal überraschend
konträr zu den aktuellen gesellschaftlichen Annahmen existiert
und auch noch die komplexen Fragen des menschlichen Lebens nicht
nur zu stellen, sondern auch Antworten zu finden. So. Hier
sollten alle erstmal das Buch lesen, denn nun gibt es auch
Spoiler und besonders ein Krimi lebt davon, überraschend zu sein
(wenn er denn gut genug ist, ohne allzu unglaubwürdig - sprich
hanebüchen - zu sein). Also: Spoileralert!
Los geht’s: The Impossible Fortune, im Deutschen irgendwie
holprig “Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code”. Da
wollen wir aber nicht meckern, denn die ersten 4 Titel der Reihe
wurden geradezu mustergültig übersetzt:
1. The Thursday Murder Club - Der Donnerstagsmordclub2. The Man
Who Died Twice - Der Mann, der zweimal starb3. The Bullet That
Missed - Die Kugel, die daneben ging4. The Last Devil to Die -
Der letzte Teufel stirbt
Editorisch möchte ich aber kurz anmerken, dass ein Code nicht
“unlösbar” ist. Vielleicht ist er nicht bekannt, d.h. es fehlen
Informationen, aber unlösbar? Na ja.
Besonders schön bei allen Serien* ist das Wiedertreffen bekannter
Charaktere, die man sehr mag oder eben nicht, in allem lässt sich
Genuss finden, aber das Gehirn giert nach Bekanntem, und so
tauchen sie wieder auf: Die Protagonisten des Thursday Murder
Clubs: Elisabeth Best, Ex-Geheimdienstmitarbeiterin, die
ehemalige Krankenschwester Joyce Meadowcroft,
Ex-Gewerkschaftsführer Ron Ritchie und der Psychiater Dr. Ibrahim
Arif. Diese leben in der gehobenen Seniorenresidenz in Coopers
Chase in einem fiktionalen Dorf und lösen Mordfälle. Ursprünglich
wollten sie alte, ungelöste, sogenannte Cold Cases aufklären,
beschäftigen sich aber dann - einer Mischung aus Neugierde,
Impertinenz und Lebenserfahrung geschuldet - mit aktuellen
Morden.
Wer bis hierhin gelesen hat, ohne “The Impossible Fortune” zu
lesen, muss ab jetzt mit Spoilern leben. Also: Der Thursday
Murder Club hatte bisher ein eher ruhiges Jahr. Das ist nicht
besonders verwunderlich, denn Autor Richard Osman begann im
letzten Jahr eine weitere Serie. Dazu kommt, dass im fiktiven
Thursday Murder Club Imperium Elisabeth, als Ex-Spionin eine der
Treiberinnen des Clubs, ihren geliebten Ehemann Stephen verlor
(Altersdemenz) und tief in ihrer Trauer lebte.
Die Bücher dieser Reihe werden immer aus 2 Perspektiven erzählt.
Neben der des Autors und einer sich daraus ergebenden
allwissenden Draufsicht lesen wir gelegentlich
Tagebuchaufzeichnungen von Joyce. Diese sind besonders
interessant, zeigen sie uns doch klarer, welche Informationen dem
Quartett der Rentnerdetektive eventuell noch gar nicht vorliegen,
schenken aber auch reizvolle Interpretationen von Joyce, die uns
daran erinnern, dass jede*r die Welt mit anderen Augen sieht.
Eine der wundervollsten Fähigkeiten von Richard Osman ist es, mit
liebevollen Augen auf die von ihm geschaffenen Personen zu
schauen. Dabei sind diese im ersten Moment oft kurz
holzschnittartig und prototypisch, wozu sicher ihre meist kurzen
Nachnamen beitragen (Best, Ritchie, Lloyd, Johnson, Townes), nach
und nach werden weitere Facetten sichtbar.
Beginn des Plots ist die von Joyce seit Jahrzehnten ersehnte
Hochzeit ihrer nicht mehr ganz jungen Tochter Joanna, die den im
vorliegenden Werk neu eingeführten Gatten Paul (Brett) ehelichen
wird. Die (Selbst)beschreibung von Joyces Erwartungen und sich
daraus ergebenden Konflikte auf dem Weg zur Trauung, die denen
ihrer Tochter fasst komplett diametral gegenüberstehen, sind
schreiend komisch, aber auch von viel Wärme und Liebe geprägt.
Durch Paul und seinen Freundeskreis ergeben sich für den Thursday
Murder Club neue Herausforderungen.
Zunächst einmal müssen alle nach der Hochzeitsfeier mit den
Nachwirkungen klarkommen. Das fällt einigen sehr leicht (auf
Schnaps verzichtet, Aspirin vom Schlafengehen mit einem großen
Glas Wasser), einigen schwerer und einige sterben fast. Die
Seiten, auf denen Richard Osman den Ex-Gewerkschafter Ron auf
seine körperlich harten Auseinandersetzungen mit der Polizei
während der Zeit der großen Bergarbeiterstreiks in Großbritannien
zurückblicken lässt und das dann im Vergleich zum aktuellen Kater
als unverhältnismäßig leicht abtut, gehören ohne Zweifel zur
Kategorie “große Literatur”.
Außerdem geht es um Autobomben, Geldanlagen, Cold Storage und
Bitcoin. Besonders die beiden letzteren Punkte nutzt Richard
Osman zu demonstrieren, wie wenig Ahnung alle altersübergreifend
eigentlich haben, welche Mittel und Tricks sie benutzen, ihre
Nicht-Ahnung zu verschleiern, und welche Möglichkeiten sich
ergeben, wenn sie sich offenbaren und dadurch ganz neue
Erkenntnisse gewinnen.
The Impossible Fortune ist in einem schnellen Tempo geschrieben,
dass immer wieder Pausen einlegt, wenn sich die Protagonisten
untereinander treffen und miteinander sprechen. Dabei findet
Richard Osman nahtlose Übergänge zu sehr lustigen Seitensträngen,
wenn Connie Johnson, eine erfolgreiche Drogendealerin (die einst
kurz im Knast saß, wohin sie der Thursday Murder Club gebracht
hatte) als Mentorin tätig wird, weil ihr Ibrahim dies empfohlen
hatte und es damit endet, dass sie einer sehr jungen Frau bei
ihrem ersten großen Raubüberfall hilft. Überhaupt mischen sich
bei Richard Osman “respektable” und kriminelle Lebensweisen
wohltuend ohne Bewertungen, denn von irgendwas muss man ja leben.
Ohne kriminelles Leben keine Gesellschaft und schon gar kein
Thursday Murder Club. Dabei sind die Kriminellen unter den
(ehemals) Reichen, unter den Gelegenheits- und unter den
Berufskriminellen zu finden, die z.B. die Nachfrage nach Drogen
bedienen. Nur weil etwas verboten ist, heißt es nicht, dass es
automatisch schlecht oder gut ist und schon gar nicht, dass es
keinen Markt dafür gibt. Das nimmt dann teils sehr komische Züge
an, bis die Erkenntnis (bei den Leserinnen und den Handelnden im
Buch) einsetzt, dass die zugrundeliegenden Werte nicht vergessen
werden können, wenn das Leben ein gelungenes sein soll. Diese
Erkenntnis gelingt dann den Protagonistinnen selbst, dabei stoßen
sie immer wieder an Grenzen, zerstören diese aber auch. Manchmal
wird es auch sehr traurig, wenn es um die Einsamkeit geht - teils
aus falschen Lebensentscheidungen, teils aus Altersgründen, wenn
enge Geliebte und Freunde sterben. Das zeigt aber auch, wie
wichtig die selbstgewählten Bande sind, die Freunde, mit denen
man sich austauscht, mit denen man sein Leben lebt.
Die Sichtbarkeit der Älteren und Alten, denen oft mit
Unverschämtheit, Arroganz und selbstgefälligen Annahmen begegnet
wird, spielt nie eine offensichtliche Rolle, überrascht aber
immer wieder. Jede*r blamiert sich und macht sich zur Feile, das
können alle, auch die Jungen, und nicht zu knapp. Bis auf wenige
Ausnahmen (den richtigen Arschlöchern) gesteht Richard Osman
seinen Figuren aber Würde zu, die auch durch gelegentlichen
Slapstick nicht erschüttert werden kann. Da werden vegane Kaffees
besucht, Krafttraining gemacht und zur Playlist “Sounds of the
Rainforest” meditiert.
Daneben schreckt Richard Osman nicht vor harten Themen zurück,
diesmal ist ein wichtiger Nebenstrang des Whodunit die eheliche
Gewalt. Suzie, die Tochter von Ron, setzt sich mit Waffengewalt
gegen ihren Ehemann zur Wehr und bittet zunächst nur ihren
Bruder, nicht aber ihren Vater um Hilfe. Der hat währenddessen
mit enttäuschenden Erkenntnissen über sein Leben zu tun und wird
am Ende einige seiner wichtigsten Lebensglaubenssätze über Bord
werfen, um seiner Tochter und bei der Lösung des Falls zu helfen.
Denn das kann man auch gut ohne Spoiler verraten: Der Thursday
Murder Club wird seinen Fall lösen und nebenbei seine (und damit
unsere) Welt besser machen. Die Schlüssel zur Lösung und zum
Leben sind Liebe, Freundschaft und Solidarität. Und weil es
Richard Osman erschaffen hat, passiert das Ganze in schöner
Sprache, mit intelligenten Spannungs- und Handlungsbögen,
überraschenden Wendungen und einem liebevollen Blick auf die
Menschen. Viel Spaß beim Lesen!
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